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Manuskripte 2025

Kirchentag in Hannover

In dieser Datenbank haben Sie die Möglichkeit, Redebeiträge vom Kirchentag einzusehen.

Diese Sammlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wir veröffentlichen alles, was uns die Referierenden zur Verfügung stellen. Die Dokumentationsrechte für ganze Texte liegen bei den Urheber:innen. Bitte beachten Sie die jeweiligen Sperrfristen.

 

Sperrfrist
Sa, 03. Mai 2025, 09.30 Uhr

Sa
09.30–10.30
Bibelarbeiten am Samstag | Bibelarbeit
Bibelarbeit auf dem Weg
Mut zum Aufbruch | Matthäus 28,1-10
Dr. Petra Bahr, Regionalbischöfin, Hannover

Wir haben uns an ihre Fersen gehängt und an ihren wehenden Säumen festgehalten. Sind mit den ersten Zeuginnen losgelaufen, das Grab im Rücken, die Angst, die Verzweiflung am Endpunkt der Geschichte, die zu einem Anfang werden sollte. Das Grab war leer. Gott liebt das Leben mehr als den Tod.

Ich stelle mir vor, wie die Frauen losgespurtet sind - mit dieser Botschaft schreiten sie nicht. Sie rennen. Im Überschwang der Freude mit einem Osterlachen im Gesicht, einem Halleluja auf den Lippen und einem Hoffnung in den Sprunggelenken. Hoffnung kommt von hüpfen.

Doch plötzlich bleibt eine stehen, atemlos. „Wartet doch“, ruft sie den anderen zu, noch aus der Puste. „Was ist los?“, fragen die anderen. „Was, wenn uns niemand glaubt? Unser Zeugnis ist nicht viel wert. Wir haben die Wirklichkeit gegen uns“, sagt sie und seufzt und atmet die halbe Osterfreude aus. „Wie bekommen wir unsere Freunde aus ihren Angstecken, wo sie sich in ihrem Fatalismus eingerichtet haben? „Männer“, stöhnt Maria und verdreht die Augen. „Diese Großmäuler brauchen uns. Wir sind ja nicht alleine. Wir sind schon drei. Das ist der Übergang zu vielen.”

Wir haben uns an die Fersen unserer Urahninnen im Glauben gehängt. Haben uns an ihrer Hoffnung festgehalten, an der unmöglichen Möglichkeit, die diese Welt, die wir so nötig brauchen. Jetzt stehen wir mit ihnen hier, schon aus der Puste. Haben die Hälfte der Hoffnung ausgeatmet und schnappen nach Luft, nach der Kraft des Geistes. Bei mancher kriecht die alte Furcht wieder unter die Haut. Wie will uns das jemand glauben?

Wir sehen den Kirchturm der Marktkirche, das stattliche Bekenntnis als Architektur, rissig und einsturzgefährdet. Nur mühsam verdeckt eine bunte Plane die Gefährdung unserer Kirche. Ein Bild. Noch steht sie stolz in der Mitte der Stadt. Aber Martin Luther steht nur als Denkmal in ihrem Schatten.

Vielleicht stehen wir hier genau richtig. An der frischen Luft. Unter freiem Himmel. An einem öffentlichen Ort. Zwischen Rathaus und Einkaufsstraße. Hier können wir uns nicht verstecken. Hier halten wir mit den Frauen an. Hier seufzen wir mit Maria. Hier geben wir dem Zweifel Raum. Wer mag dieser Botschaft schon glauben? Und was sollen wir tun, wir Nachkommen auf dem Weg des Weltaufgangs an Ostern? Wer ist schon mutig, stark und beherzt.

„Was sollen wir tun?”, fragt auch Dietrich Bonhoeffer. An seine Exekution vor 80 Jahren gedenken wir dieser Tage. Bonhoeffers Rat ist schlicht: „Was ihr tun sollt? Zu tun bleibt das Gebet und das Tun des Gerechten.” Das klingt einfach. Es hat sich aber eine Arbeitsteilung eingeschlichen. Die Frommen sollen beten, die Anderen wissen, was zu tun ist. Wenn das so einfach wäre. „Euer Handeln kommt aus dem Gebet”, rufen die Frauen und nehmen Dietrich Bonhoeffer in den Arm, diesen angefochtenen, mutigen Bruder im Glauben. Denn was das Gerechte ist, das heute zu tun sei, erklärt sich nicht von selbst. Moralischer Hochmut wächst, wenn die Verbindung zu dem Auferstandenen im Gebet sich löst, wenn Fragen und Ratlosigkeit, Lobgesang und überschäumende Freude über Gottes Gegenwart sich am Ende in Aktivismus erschöpfen. Das Gerechte tun - das ist mehr und anderes als der Appell an andere, dieses und jenes endlich richtig zu machen. Das Gerechte tun - das kann zu einer Lebenshaltung werden, die sich und alle befragt, getrieben von der Hoffnung, dass Gott das Leben mehr liebt als die Zerstörung, den Tod, das Ende. Das Gerechte tun, dort hingehen, wo es weh tut, wo Scham und Ekel unvermeidlich sind, in die dunklen Ecken der Welt.

Fromme Überheblichkeit wächst, wenn des Gerechten Tun nicht mehr als Zeugnis der Liebe Gottes im Leben verstanden wird, sondern als das Privileg einer kleinen auserwählten Schar, die lieber im Stuhlkreis sitzt, mit dem Rücken zur Welt.

„Ich bin nicht wie die Frauen am Grab”, denke ich: „Erst recht bin ich nicht wie Bonhoeffer, ich eigne mich nicht fürs Märtyreramt. Zu klein, zu feige, zu unbedeutend.” Ach, rufen uns die Frauen zu. Wir drei waren doch auch voller Furcht, wie ihr. Bleibt zusammen. Haltet Euch aneinander fest und macht euch wechselseitig Beine. Ein kleiner Mut und ein wenig Stärke, ein Funken Beherztheit mal zwei, mal zehn, mal tausend. Das ist eine riesige Kraft. Die Kraft des Auferstandenen vermehrt sich in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Sie können loslaufen, losschlurfen oder sogar loshüpfen. Mit Osterlachen im Gesicht.


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