Zum Hauptinhalt springen

Manuskripte 2025

Kirchentag in Hannover

In dieser Datenbank haben Sie die Möglichkeit, Redebeiträge vom Kirchentag einzusehen.

Diese Sammlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wir veröffentlichen alles, was uns die Referierenden zur Verfügung stellen. Die Dokumentationsrechte für ganze Texte liegen bei den Urheber:innen. Bitte beachten Sie die jeweiligen Sperrfristen.

 

Sperrfrist
Sa, 03. Mai 2025, 09.30 Uhr

Sa
09.30–10.30
Bibelarbeiten am Samstag | Bibelarbeit
Dialogbibelarbeit | Martin Franke-Coulbeaut, Burkhard Hose
Mut zum Aufbruch | Matthäus 28,1-10
Martin Franke-Coulbeaut, Referat Chancengleichheit Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
Burkhard Hose, Hochschulpfarrer und Vorstand #OutInChurch, Würzburg

Martin Franke-Coulbeaut:   
Das erste, was ich sehe, ist ein Stein – wie eine dieser großen Betonsperren, die  unsere Volksfeste inzwischen in allen europäischen Staaten begleiten und absichern sollen: Dass nur ja niemand hineinfährt und Schaden anrichtet. Die Sperre verweist auf unsere Angst, unsere Schutzbedürftigkeit, nicht nur vor Anschlägen und Terror. In der Welt haben wir Angst, große Angst. Um uns  

selbst, unser Leben, unsere Lieben – und manchmal auch um andere, wenn sie auch in unserem Namen, jedenfalls im Auftrag unserer Regierung an Grenzen zurückgeschoben werden, nicht selten in Bedrohungssituationen oder gar in den Mittelmeertod. Manchmal haben wir sogar Angst um die Schöpfung, die Welt selbst, wenn sich die Atmosphäre sich gerade mehr und mehr aufheizt – so sehr, dass Inseln untergehen, Pflanzen und Tiere bedroht sind, Überschwemmungen und Stürme zunehmen.   

Aber der Stein dieser Angst, diese steinharte Angst, nimmt uns auch die Sicht, verdeckt das Rettende. Wir sehen das Rettende nicht. Wir sehen Jesus nicht. 

Wir sehen vermutlich noch nicht einmal das leere Grab.   

 

Burkhard Hose:    
Ziemliches Gefühls- und Ereignischaos jedenfalls in unserem Text. Ich höre und  sehe vorher noch einen Paukenschlag, ein Erdbeben. Übrigens erzählt Matthäus schon bei der Kreuzigung Jesu von einem Erdbeben – als einziger der  Evangelisten. Und mehr noch: Bei Matthäus heißt es, als Jesus am Kreuz stirbt, im gleichen Augenblick seien viele Tote auferstanden und den Menschen in Jerusalem erschienen. Ein bisschen eine gruselige Vorstellung – für uns heute jedenfalls. Für die Menschen damals war das eine eindeutige Markierung:

Wenn die Erde bebt und die Toten auferstehen, bricht das Ende der Tage an. Dann wird endlich Gottes Reich, diese Welt voller Gerechtigkeit und Lebensmöglichkeiten für alle anbrechen. Chaos, Katastrophen und die Möglichkeit für eine ganz neue, bessere Welt. Alles in einem.

Chaos, apokalyptische Ereignisse, der Zusammenbruch einer alten Weltordnung, das Wegbrechen alter Sicherheiten. Darin kann ich mich gut wiederfinden. Klingt fast wie eine Beschreibung unserer Zeit und des Lebensgefühls vieler Menschen heute. Ich bin 1967 geboren, habe als Jugendlicher die Zeit des Kalten Krieges bewusst miterlebt, die Ängste damals vor einem möglichen Atomkrieg. Die Anfänge von HIV und AIDS. Und dann, ab den 90er Jahren schien alles besser zu werden. Fall der Mauer, Öffnung der Grenzen. Frieden schien möglich, eine zunehmende Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung queerer Menschen in vielen Ländern und nur noch irgendwelche einzelne skurrile Religionsvertreter sprachen von HIV, auch medizinisch keine unweigerlich den Tod bringende Krankheit mehr, als vermeintliche Strafe Gottes.   

Und jetzt? In den letzten paar Jahren auf einmal wieder diese Angst: Wir stürzen ins Chaos. Was unglaublich erschien: Krieg in Europa, das Zusteuern auf  eine Klimakatastrophe, die für nachkommende Generationen diese Erde unbewohnbar machen könnte. Der Blick in die USA und auf die Politik hierzulande. Lüge wird als Wahrheit deklariert und Wahrheit zur Meinung gemacht, die man nicht unbedingt teilen muss. Für Migrant*innen, aber auch für queere Menschen wird es zunehmend gefährlich. Was kommt als Nächstes? Das frage ich mich nicht nur, wenn ich morgens die neuesten Nachrichten aus den USA höre.

Martin Franke-Coulbeaut:   
Manchmal entspringt das apokalyptische Erdbeben unserem eigenen Handeln. Nicht nur, weil Kriege und Klimakatastrophe ja kollektiv menschengemacht sind. Sondern auch, weil wir recht häufig den Impuls spüren, einen gordischen Knoten zu zerhauen, machtvoll einzugreifen und alles zu ändern. Von Putin bis Trump ersehnen wir uns nicht so selten rettende Helden (nur sehr selten Heldinnen), die kraftvoll eingreifen zugunsten des Guten. Apokalyptische Vorstellungen, die am Ende für das Gute streiten, der Gerechtigkeit wieder zu ihrem Recht verhelfen, sind nicht frei von diesen Hauruck-Hoffnungen. Ach, ginge doch nur ein Ruck durch die Welt. Aber Frieden kommt nicht durch einen Ruck und nicht durch Waffen. Frieden wird täglich erarbeitet, überall, auch hier bei uns. Vielleicht sehen wir das Rettende nur noch nicht – hinter dem Stein unserer Angst. So wie Maria und Maria auch nichts sahen in ihrer Trauer und ihrer Angst. In der Osternacht, um 5.17 Uhr, nachdem wir uns in der dunklen Kirche eine Bank ertastet hatten, sagte meine Mutter: „Die Kirche ist gar nicht voll.“  

Bei Sonnenaufgang und Abendmahl gegen 6.30 Uhr war sie erstaunt, wie viele  Menschen die Kirche füllten: eine große Gemeinschaft. Warum sind wir nur so  ungeduldig in unserer Nacht? Haben wir noch nie einen Morgen erlebt?   

Murmelphase: Wo ist unsere Hoffnung? Was macht uns so mutlos und ungeduldig?   

 

Burkhard Hose:
Doch auf dem Stein hat sich ein Bote niedergelassen. Ein Engel, der keinen Schatten wirft. Mitten in der tiefen Verunsicherung höre ich die Aufforderung: Habt keine Angst! Apokalyptisches Erdbeben und die Aufforderung des Boten: Vielleicht lässt sich so erklären, warum die Frauen gleichzeitig voller Furcht und Freude sind, als sie vom Grab weglaufen. Für Matthäus, für die Frauen in seiner Geschichte, war klar: Was  um Jesus herum passiert, ist Teil der Endereignisse. Jetzt geht’s erst richtig los!  Mitten in der tiefen Verunsicherung hören die Frauen die Aufforderung: Habt keine Angst!

 

Martin Franke-Coulbeaut:
Jetzt geht’s erst richtig los!?! Aber eben nicht so, wie wir uns das denken, und es sich die Anhängerinnen und Anhänger Jesu dachten. Niemand haut einfach darein und niemand beendet einen Krieg per Telefonanruf und Machtwort in 24 Stunden – noch nicht einmal Gott. Die Unfreiheit, die drückende römische Besetzung der jüdischen Provinzen, die Steuerlast und die Versklavungen haben nicht mit dem offenen Grab geendet – und auch Aufstände und Kriege nicht. Der Zuspruch weist seltsam in die Ferne: „Jesus geht euch schon voran nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen.“

Dort – nicht hier in Jerusalem, dem politischen Zentrum, nicht hier in den Wirrnissen unseres Lebens, nicht in Berlin und nicht in Washington, auch nicht in Moskau oder Bejing: Hier sehen wir Jesus nicht. Jesus ist nicht MAGA (Make  America Great Again) und auch nicht likes-süchtig in Social media. Schaut auf die kleinen Gemeinschaften: die Friedensgruppe hier und den interreligiösen Dialog dort, die Umweltgruppen, welche am Fall der Mauer einen Anteil hatten. Am Ende stiften sie den Frieden. Am Ende fallen sie den Rüstenden und Hetzenden in den Arm. Traut den kleinen Aufbrüchen – vor Ort und überall. Wir müssen uns schon aufmachen, raus aus den Diskussionen über Kirchentransformation und Friedensethik, raus aus den Metropolen mit ihren Stadtgesprächen. Aber wohin? Vielleicht raus an den Anfang, zu den Ursprüngen der Wanderbewegung um Jesus – und auch zu den Ursprüngen unserer Herkunft, wo noch Nahrung angebaut und nicht nur verarbeitet wird.

Jedenfalls schickt der Bote Gottes wie auch der plötzlich den Frauen doch nahende Jesus alle nach Galiläa: Land zwischen Bergen und See; dort wo Fischfang und Viehzucht den Ton angegeben, nicht die Aufstände, Demonstrationen (gegen oder für) und nicht die Pilgerzüge. Eine Flucht wohin? Aufs Land?

 

Burkhard Hose:  
Auffällig ist zumindest, dass es für die Frauen nur eine Chance auf die Begegnung mit Jesus gibt: Wenn sie losrennen. Weg vom Grab. In eine ungewisse Zukunft. Am Grab stehenbleiben, hilft nicht. Den vermeintlich guten  alten Zeiten in der Kirche nachtrauern, ist ein bisschen, wie am Grab stehenbleiben. Es bleibt nicht anderes übrig, als loszulaufen in eine ungewisse Zukunft. Ich merke auch, dass es zwar verständlich ist, aber auch ziemlich lähmend, über Kriege, den Klimawandel oder die Bedrohung der Demokratie zu  klagen, vor einer AfD wie vor einem unaufhaltsamen Erdbeben zu erstarren. Ich  will an eine gute Zukunft glauben. Ist das Flucht in die Utopie?

 

Martin Franke-Coulbeaut:  
Die Frauen sind hilflos. Der Text lässt sie stumm. Und zugleich bleiben Maria und Maria seltsam unberührt: Das Erdbeben geschieht den Wächtern, nicht ihnen. Als sie wegrennen spüren sie Furcht und große Freude – gleichzeitig! Nur nicht stehen bleiben! Wie die Angstlust vor dem großen Sprung. Ein wenig  wie Bungeejumping, wie endlich loslassen können – und im Fallen einem*einer anderen vertrauen. Sie stürzen davon. Und dann, in dieser Bewegung weg vom Grab begegnet ihnen jemand: alles Böse hinter sich lassend und Fersengeld gebend. Zum ersten Mal in dieser Erzählung wird Jesus sichtbar. Die Frauen sehen den, den sonst noch kein Mensch gesehen hat: den Auferstandenen. Maria und Maria erkennen ihn – und Jesus begrüßt sie herzlich: „Freut Euch!“ Nicht mehr nur tröstend wie der Bote „Habt keine Angst!“ – nein, „freut Euch!“

Könnte es eine Freude geben, in der die Rettung liegt? Die das Lähmende  loslässt, und doch nicht vor Schmerz und Schrecken flieht? Die im Angesicht des Todes noch Mut entwickelt und unbändige Lebensfreude? Ich glaube, ja.   

 

Burkhard Hose:  
Ich denke gerade an ein Wort, das ich mal gelesen habe. Es stammt von einem  Menschen, der mit einer Einschränkung lebt. Es hat sich mir eingeprägt: „Mut gibt’s nur mit weichen Knien und zitternden Händen“. Es ist diese Mischung aus  Angst und Entschlossenheit. Die habe ich zum Beispiel auch gespürt, als ich mich gemeinsam mit 125 queeren Menschen in der katholischen Kirche vor gut drei Jahren entschlossen habe, öffentlich sichtbar zu werden. Aus dem Sich-Verstecken herauszutreten. „OutInChurch – Für eine Kirche ohne Angst“ – so klang der mutige Titel unserer Kampagne. Und gleichzeitig hatten viele von uns in diesem Augenblick eine unglaubliche Angst, weiche Knie und zitternde Hände.

Es ist völlig OK, manchmal nicht mutig zu sein. Es ist OK, dass sich manchmal Traurigkeit, Mut und Angst gleichzeitig in mir melden und es oft gar nicht so einfach ist, diese Mischung auszuhalten. Mir geht es zum Beispiel im Blick auf  meine Kirche oft so. Da zerbricht gerade ziemlich viel, was mich in meiner Kindheit und Jugend selbstverständlich geprägt hat. Und gleichzeitig komme ich  mir manchmal vor wie die Frauen am Grab, ich trauere, schaue auf eine Kirche in Trümmern, habe irgendwie Angst vor dem, was kommt und spüre gleichzeitig in mir Lebendigkeit, neue Lebensenergie. Genau in dieses Gemisch  hinein sind für mich die Frauen am Grab eine Ermutigung. Ihrer Spur will ich folgen. Loslaufen mit zittrigen Knien, mehr Leben wagen. Mutig zu sein, an eine gute Zukunft zu glauben, an die Auferstehung, an das Aufgerichtet-Werden, das ist manchmal eine ganz schön flüchtige Angelegenheit. Lässt sich nicht festhalten, so wie sich der Auferweckte nicht festhalten lässt, erst recht nicht konservieren. Oft gibt es Angst und Auferweckung nur gleichzeitig. Ostern gibt’s nicht ohne Zittern und Tränen, erst recht nicht auf Befehl oder unter Freudenzwang. Ich mag loslaufen, verbunden mit vielen anderen, die in dieser Welt gerade auch weiche Knie haben, Angst.

Ich mag loslaufen, weg vom Grab. Nach Galiläa, dorthin, wo Menschen sind, denen ich mich verbunden fühle, so etwas wie Schutzräume für alle, die sich gerade besonders bedroht fühlen und die sich gegenseitig ermutigen: Hab keine Angst Mehr Leben ist möglich.  

 

Martin Franke-Coulbeaut: 
Mehr Leben ist möglich. Aber ich finde es nicht allein. Nicht durch Meditation und nicht durch den Blick ins offene Grab.   

Mit den Christinnen und Christen teilen wir, dass wir Jesus nicht sehen, dass uns inmitten der damaligen jüdischen und heutigen russischen Kriege, inmitten von Ungerechtigkeit, Abholzung (im römischen Imperium) und Klimawandel mit  ansteigendem Meeresspiegel, eine Perspektive fehlt. Dass wir irgendwo einen blinden Fleck haben, der uns die Auferstehung und letztlich jede Hoffnung so unwahrscheinlich macht.   

Auch Maria und Maria müssen erst Jesus erkennen, um die Perspektive zu wechseln und das Leben zu sehen, das allen geschenkte Leben: in Fülle, in Überfülle. Wir finden diese Perspektive nicht in den Zahlen von Finanzministern oder Koalitionsverhandlungen. Wir finden sie auch nicht in Sondervermögen und Rüstungsetats. Wir können sie nur wiederfinden, wenn wir auf das schauen, was wir gerade übersehen: den blinden Fleck eben.   

Niemand kann selbst ihren oder seinen blinden Fleck entdecken. Wir brauchen immer andere – uns gegenseitig. Und wir brauchen Fremdheit, um das zu entdecken, was uns fehlt. Kommt, lasst uns gemeinsam nach Galiläa gehen, an die Grenzen unserer Wahrnehmung – und zu denen, die wir nicht mehr willkommen heißen. Kommt lasst uns aufbrechen – zu einer Vielfalt, die uns noch unvorstellbar ist und in der Identitäten nicht mehr abgrenzen, sondern ein Gespräch eröffnen. Mehr Leben – mehr Vielfalt ist möglich.

 

Burkhard Hose:  
Wenige Tage, bevor wir an die Öffentlichkeit getreten sind, rief mich ein Kollege an, der sich ebenfalls OutInChurch angeschlossen hatte. Er sagte mir, dass er sich jetzt krank schreiben ließe, weil er solche Angst davor habe, dass ihm dienstrechtliche Konsequenzen drohten. Drei Tage nach unserem öffentlichen Coming-out traf ich ihn wieder und er wirkte wie ausgewechselt. Er sagte zu mir: „Ich lerne gerade den aufrechten Gang. Und es gelingt mir von Tag zu Tag besser.“

Irgendwie war für mich jener Tag im Januar 2002 so etwas wie das Loslaufen, weg vom Grab, gemeinsam mit anderen, denen ich mich seither zugehörig fühle. Es war auch eine spirituelle Erfahrung. In dem Film „Wie Gott uns schuf“, der unsere Aktion begleitete, sagte eines unserer Mitglieder mit Tränen in den  Augen: „Es ist wie ein Ankommen im Land der Freiheit“.   

Ja, und auch ich lerne den aufrechten Gang. „Und es gelingt mir von Tag zu Tag  besser.“


Text wie von Autor/in bereitgestellt. Es gilt das gesprochene Wort.
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Verfasserin/des Verfassers.