Hoffnung und Tatendrang aller Krisen zum Trotz

Reformationstag

Kirchentagspräsident Thomas de Maizière über Freiheit und Unsicherheit angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart.

„Geht doch. Jetzt ist die Zeit“ - Unter diesem Titel haben die Dekanate Nürnberg und Fürth erstmals gemeinsam das Reformationsfest gefeiert. Festredner bei der Feier in der Nürnberger St. Sebald Kirche war Thomas de Maizière, Präsident des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages.

„Krieg, Corona, Klima, Transformationsprozesse aller Art - Wir leben in Krisenzeiten“, erklärte de Maizière zu Beginn seines Vortrages. Die Vielzahl gleichzeitiger Probleme und Herausforderungen verunsichere die Menschen. „Ich glaube, es geht nicht nur um Angst und Wut, sondern in einem tieferen Sinn um erschütterte Sicherheiten und Gewissheiten, die für uns vermeintlich selbstverständlich waren.“

Neue Perspektiven auf Krieg und Waffen

Seit der Eskalation des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar hätte sich das Verhältnis von Christen und Christinnen zu Themen wie Krieg, Frieden und Waffenlieferungen grundliegend verändert, so der Kirchentagspräsident. „Jetzt liefern wir Waffen in die Ukraine, damit dort Gewalt angewendet wird, um Freiheit zu sichern und Gebiete zurückzuerobern und so hoffentlich einen nachhaltigen Frieden wiederherzustellen“, sagte de Maizière. „Die scheinbare Gewissheit, dass es keinen Krieg in Europa mehr gibt, ist weg.“

Neue Mangelerfahrungen

Ähnliche Erkenntnisse würden die Menschen bei den Themen Wohlstand und Überflussgesellschaft machen, so de Maizière. „Wir haben Kraft daraus gezogen, dass unsere Großeltern und Eltern gesagt haben „Ich arbeite viel, damit es dir einmal besser geht“. Heute spüren wir, dass diese Zusage nicht mehr einzuhalten ist.“

Freiheit birgt immer auch Unsicherheit

„Auch ich mache mir Sorgen“, betonte der Kirchentagspräsident. „Und die existentiellen Nöte der Menschen und auch Firmen sind unbedingt ernst zu nehmen. Aber das Jammertal ist keine Option. Und „Kopf in den Sand“ ist keine Haltung mit Perspektive.“ Unsicherheit und mangelnde Gewissheit seien letztlich immer auch der Preis für Freiheit. „Wenn wir Freiheit ernst nehmen und dass das Ergebnis einer bestimmten Entscheidung nicht vorhersehbar ist, dann ist Zukunft prinzipiell ungewiss. Freiheit führt demnach zwingend zu Ungewissheit. Oder noch härter: Wer Freiheit will, muss Unsicherheit wollen. Es gibt keine totale Sicherheit mit Freiheit. Und wenn man sich das mal überlegt, dann ist die Sehnsucht nach einer totalen Sicherheit nichts besonders Freiheitliches.“

Von der Freiheit eines Christenmenschen

Diese Erkenntnis hätte auch die Reformation und das Wirken Martin Luthers geprägt, erklärte de Maizière. „Verkürzt gesagt: Luther bekam es mit der Angst zu tun und trat ins Kloster ein. Dann durchschaute er das Geschäft mit der Angst und trat wieder aus.“ Luther habe alleine Gottes Treue als Grundlage für Freiheit und Zuversicht erkennt. In ihr stecke der Grund für den Mut, den die Menschen auch heute bräuchten. Zu Luthers Christenmensch gehöre allerdings genauso selbstverständlich der Dienst an den Mitmenschen: „Es geht immer um den Nächsten: wir leben gemeinsam auf der Erde. Es geht also immer zugleich um den anderen – die Not der anderen lindern, Auswege suchen, Zuversicht und Mut nicht nur zu haben, sondern auszustrahlen, Hoffnung nicht fahren lassen, sondern durch Zupacken zu nähren.“

Eine Plattform für die Gemeinschaft

Dieser Hoffnung und diesem Tatendrang wolle der Kirchentag 2023 in Nürnberg eine Plattform bieten, sagte de Maizière abschließend und bedankte sich bei allen, die an den bereits intensiv laufenden Vorbereitungen beteiligt sind: „Gemeinsam – Nürnberg, Fürth und der Kirchentag – wollen wir einladen. Wir sagen trotz allem: Es geht doch. Oder auf Fränkisch: Bassd scho!“

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