Das Signet des Reformationsjubiläums, ein kleines "r", aus dem ein Kreuz wächst

Reformationsjubiläum 2017

Die Vorbereitungen für das 500. Jubiläum der Reformation sind in vollem Gange. Seit 2007 hat der Kirchentag einen langen und gründlichen Diskussionsprozess über sein Auftreten im Jahr 2017 geführt. Die Entscheidung fiel für Berlin und Wittenberg. Im Hintergrund standen keineswegs finanzielle und organisatorische Absicherungen, sondern vielmehr der Gedanke, dass das Besondere an einem Kirchentag 2017 nur in dem liegen kann, was Kirchentag besonders gut kann: Gemeinschaft von Menschen in großer Anzahl zu ermöglichen.

Hinzu trat die Spannung zwischen Berlin als säkulare Herausforderung und Ort des 1. Ökumenischen Kirchentages einerseits und Wittenberg als Symbol für die Ursprünge der lutherischen Reformation andererseits.

Zeitgleich entwickelten sich Gespräche mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die zu einer gemeinsamen, koordinierten Vorbereitung führten. Auch diese Zusammenarbeit war kein reiner Pragmatismus, sondern bewusste Entscheidung für das Bündeln der Kompetenzen und Kräfte von Laienbewegung und Amtskirche, ein wirklich „korrespondierendes In-Aktion-Treten“, das Reinold von Thadden-Trieglaff schon sehr früh als Charakteristikum des Kirchentages herausgearbeitet hatte.

In Sachen Großveranstaltung bringt der Kirchentag mit seiner Tradition, seiner intellektuellen Kraft, seiner Diskurskultur, seiner Mobilisierungs- und Inszenierungsfähigkeit fast alles mit, was ein gelungenes Jubiläum braucht.

Für dieses besondere Jahr hat das Präsidium ein gemeinsames Verständnis formuliert, das als „Kompass“ für die Aktivitäten im Jubiläumsjahr dienen soll. Leitend sind dabei einerseits die Gründungsideen des Kirchentages und andererseits die Überzeugungen, mit denen der Kirchentag heute auf das Reformationsjubiläum 2017 zugeht.

1. Der Kirchentag ermöglicht Begegnung und Gemeinschaft aller, die nach dem christlichen Glauben offen, neugierig oder kritisch fragen.

Begegnung mit dem Evangelium, Begegnung von Angesicht zu Angesicht, generationenübergreifend, international, interkonfessionell und multireligiös – das geschieht auf Kirchentagen. Diese Begegnung verändert Menschen, macht sie offener, friedvoller und verantwortungsbewusster. Die Kirchentags-Gemeinschaft lebt eine Offenheit gegenüber der Vielfalt von Herkünften, Frömmigkeits- und Lebensformen. Jede und jeder ist eingeladen.

2. Der Kirchentag hält gelebten Glauben und Weltverantwortung zusammen.

Mit seinem Diskursprinzip und Forumscharakter versteht sich der Kirchentag als ein Beitrag zur Stärkung der politischen Kultur. Kirchentag will im biblischen Sinne „Sauerteig“ sein, der gesellschaftlichen Zusammenhalt und solidarisches Verhalten offensiv fördert, fordert und unterstützt. Der Wirkungsraum des Kirchentages ist die Zivilgesellschaft. Der Kirchentag bezieht beides aufeinander: Eine glaubwürdige Kirche, in der politisch Handelnde zu Hause sind und eine Politik, die christliche Überzeugungen zum Maßstab ihres Handelns zu machen versucht. So bleibt der Kirchentag das große öffentliche Ereignis an der Schnittstelle von Kirche und Politik. Genau dort wirkt er der Kirchenmüdigkeit und Politikverdrossenheit entgegen.

3. Der Kirchentag befähigt Laien zur Übernahme von Verantwortung in Kirche und Gesellschaft.

Der Laienbegriff, in der nachreformatorischen Theologie eine unmögliche Möglichkeit, gehörte von Anfang an zum Kirchentag als selbstbewusste Größe im konstruktiv-kritischen Gegenüber zur verfassten Kirche. Der Kirchentag steht dafür, dass das Reformationsjubiläum 2017 eine Sache möglichst vieler Christinnen und Christen in Gemeinden weltweit wird. Der Kirchentag möchte das Jubiläum zu einer Zäsur werden lassen, die nicht nur den Laien Mut macht, hoffungsvoll und menschenfreundlich in die Zukunft zu gehen und christliches Leben in der säkularen Welt so zu gestalten, dass das Wort Gottes „lebendig und kräftig und schärfer“ zu vernehmen ist.

Kirchentagsfahnen in Stuttgart

4. Der Kirchentag ist angewandte Reformation.

Das evangelische Prinzip des Priestertums aller Gläubigen machte die Reformation zu einer sozialen und zu einer Bildungsbewegung. Der Kirchentag nutzt dieses Prinzip als Ressource für gesellschaftliche Veränderung und Infragestellung von Machtstrukturen in Kirche und Gesellschaft. So wird der Kirchentag zu einer protestantischen Bürgerbewegung. Die biblische Losung, die für jeden Kirchentag ausgegeben wird, fokussiert die reformatorische Absicht im jeweiligen Kontext der Zeit. Die Losung wird ausgegeben in der Hoffnung, dass Nachfolge Jesu heute ermöglicht wird.

5. Der Kirchentag lebt von Partizipation.

Kirchentag traut den Mitwirkenden und Teilnehmenden viel zu, überträgt ihnen Verantwortung und bestärkt sie damit in ihrem Selbstverständnis als mündige Christinnen und Christen. Partizipativ sind die Mitwirkendenbereiche des Kirchentages, die inhaltliche und die organisatorische Programmvorbereitung. Deshalb werden die Programmteile des Jubiläumsjahres, für die der Kirchentag Verantwortung trägt, mit unabhängigen Projektleitungen und Programmausschüssen vorbereitet. Für die geplanten Veranstaltungen werden ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gewonnen. Die Ehrenamtlichen sind das Rückgrat der Kirchentagsbewegung und ihre praktische Arbeit ist auch geistliches Tun. Die hohe Beteiligung von Ehrenamtlichen aller Altersstufen ist ein Zeichen dafür, dass das Konzept der Übergabe von Verantwortung zukunftsfähig ist und als Partizipation auf Augenhöhe geschätzt wird.

6. Der Kirchentag ist ein Fest des Glaubens.

Das Erleben einer Gemeinschaft der Glaubenden ist in den letzten Jahren wichtiger geworden. Gottesdienstliche Formate erfreuen sich steigender Beliebtheit. Ein Zeichen dafür ist die starke Resonanz auf die spirituelle Dimension im Abschlusssegen des Abends der Begegnung. Liturgisch dichte Formate erfüllen das Bedürfnis, das eigene Leben in seinen dunklen und hellen Seiten Gott in die Hände zu legen und die eigene Sprachlosigkeit in der Sprache des Glaubens zu fassen. Mit dem Gottesdienst in Wittenberg, der auch der Abschlussgottesdienst des Berliner Kirchentages sein wird, möchte der Kirchentag eine weltweite gottesdienstliche Gemeinde zusammenrufen. Zahlen haben dabei dienende Funktion. Angeknüpft wird an die Erfahrungen von Schlussgottesdiensten der vergangenen Jahre – mit wachsender Beteiligung haben sie neue Bilder geschaffen – Bilder einer offenen, welthaltigen Frömmigkeit, deren Subjekt die feiernde Gemeinde ist.

Eine junge Frau spiel Posaune.

7. Der Kirchentag lebt inländische und weltweite Ökumene.

Das Jerusalemkreuz des Kirchentages symbolisiert den ökumenischen Grundansatz – alle Formen des Christseins stehen unter dem Kreuz Christi, das sie zugleich verbindet. Beide Ausrichtungen der Ökumene sind für den Kirchentag seit den Anfängen konstitutiv. Zum einen weiß sich der Kirchentag dem Ökumenischen Rat der Kirchen in der Pilgerschaft für Gerechtigkeit und Frieden verbunden. Zum anderen ist der Kirchentag nach zwei großen ökumenischen Kirchentagen, in gemeinsamer Verantwortung mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken vorbereitet und umgesetzt, ein wichtiger Faktor der Ökumene zwischen allen Konfessionen in Deutschland. Beim Kirchentag in Berlin und Wittenberg und bei den Kirchentagen auf dem Weg werden die beiden Richtungen der Ökumene gemeinsam gestärkt: Mit den ökumenischen Himmelfahrtsgottesdiensten 2017 zeitgleich in Berlin und in den Städten des Kirchentages auf dem Weg, mit Programmschwerpunkten auf dem Kirchentag 2017 und mit dem geplanten Ökumenischen Fest im Spätsommer wird das Reformationsjubiläum glaubwürdig in einen ökumenischen Kontext eingebettet.

8. Der Kirchentag treibt den interreligiösen Dialog voran.

Der Kirchentag geht von der Realität einer multireligiösen Gesellschaft aus. Menschen anderer Religionszugehörigkeit sind keine Gäste des Kirchentages, sie sind Akteure und Mitgestaltende. Daher ist für die Aktiven des Kirchentages der Dialog nicht Verrat am Eigenen, sondern schafft Vertrauen zum Anderen. Die interreligiöse Verständigung als ein Grundthema des 21. Jahrhunderts sucht nach dem Miteinander aller Weltreligionen in der Weltgesellschaft. Der Kirchentag möchte hier eine Vorreiter-Rolle spielen, wie er es in den 1960er Jahren am Beginn des jüdischchristlichen Dialogs in Deutschland getan hat. Diesem Dialog bleibt der Kirchentag in besonderer Weise verpflichtet. Darüber hinaus ist Kirchentag schon heute einer der relevanten Orte des christlich-muslimischen Dialogs in Deutschland. Mit seinen ökumenischen und interreligiösen Dialogen möchte der Kirchentag Reformimpulse für alle daran beteiligten Partnerinnen und Partner anstoßen und fördern.

9. Der Kirchentag ist ein kulturelles Ereignis.

Das Spektrum der kulturellen Angebote des Kirchentages reicht von starken Laienkünstlerinnen bis zu anspruchsvoller Hochkultur. Durch die vielen Mitwirkenden wird der Kirchentag das große, Grenzen überschreitende Kulturfest. Gleichberechtigt neben den politisch-gesellschaftlichen Veranstaltungen, dem Markt der Möglichkeiten und den Gottesdiensten bietet der Kirchentag Kultur – tausende Teilnehmende sind selbst Mitwirkende im Kulturprogramm des Kirchentages. Mit der Kulturkirche verfügt der Kirchentag über einen Ort der Kunst und der kulturpolitischen Debatte. Die Tradition des regionalen Kulturprogramms stärkt den Charakter des Kirchentages als Kulturveranstaltung und integriert regionale Kulturschaffende.

Frauen diskutieren auf eine Bühne des Kirchentages

 

10. Der Kirchentag ist Bildungserlebnis.

Das Anliegen der Laienbildung in theologischen Fragen war ein Schlüsselelement für die Verbreitung reformatorischer Ideen. Heute geht es um mehr als die Sprachfähigkeit im Glauben. Bildung im Sinne von Klugheit – das lehrt uns die Losung des Stuttgarter Kirchentages – ist mehr als Informiert-sein und kognitive Anhäufung von Wissensbeständen. Die zunehmende Komplexität der Lebenswirklichkeit macht vielmehr ein Orientierungswissen dringlich, das auf Kirchentagen in diskursiver Form gesucht und in einer typisch protestantischen Mischung aus religiösem, kulturellem und politischem Programm angeboten wird. Wer am Kirchentag teilnehmen möchte, kann Bildungsurlaub beantragen. Das heißt: Auf Kirchentagen wird gelernt und eingeübt, was das solidarische Miteinander in Kirche, Gesellschaft und Religionen fördert.

11. Für den Kirchentag ist Barrierefreiheit ein Qualitätsmerkmal.

Die 1980 aufgenommenen Aktivitäten in diesem Bereich haben für gute Teilnahme- und Teilhabechancen gesorgt. Kirchentag lässt die von Gott geschenkte Würde aller sichtbar werden und arbeitet einer Wahrnehmung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen als „defizitärer Schöpfung“ entgegen. Der Kirchentag hat sich vorgenommen, von der Integration zum Leitbild der Inklusion überzugehen. Die Implementierung inkludierender Strukturen und Prozesse als neues Qualitätsmerkmal wird die Zugänglichkeit sowie die Teilnahme- und Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit besonderen Bedürfnissen nachhaltig fördern. Dies wird allen Teilnehmenden zugute kommen und Vorbildwirkung entfalten.

12. Der Kirchentag fühlt sich dem Grundanliegen der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet.

Schöpfungsbewahrung ist für den Kirchentag seit vielen Jahrzehnten eine theologische Überzeugung und leitet das praktische Handeln. Seit 2007 sind sowohl die Geschäftsstellen als auch die Veranstaltung selbst EMAS-zertifiziert. Darüber hinaus sucht der Kirchentag in allen Bereichen – Verkehr, Ernährung, Energie, Entsorgung, Ressourcenschonung nach weiteren Möglichkeiten, die schädlichen Umweltwirkungen des Kirchentages zu minimieren. Kirchentag ist eine der umweltfreundlichsten Großveranstaltungen in Deutschland. In seiner Arbeitskultur ist Klimaschutz fest verankert.

Helfer präsentieren den Kirchentagsschal in Stuttgart
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