Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Porträt

Macht es den Menschen nicht so schwer

Zweimal in ihrem Leben floh sie von Syrien nach Deutschland, zuletzt 2013. Ihr Mut zu klaren Worten macht Maya Alkhechen zu einer gefragten Interviewpartnerin. Beim Kirchentag in Stuttgart forderte sie in der voll besetzten Carl Benz Arena legale Wege für Flüchtlinge.

von Bettina Behler

Nach ihrem Vortrag nimmt Maya Alkhechen wieder im Publikum ihren Platz ein, doch irgendwann hält es sie nicht mehr auf ihrem Stuhl in der ersten Reihe. Der Moderatorin signalisiert die 31-Jährige während der Podiumsrunde, dass sie das Mikrofon möchte. Die Worte von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller mag Alkhechen so nicht stehen lassen. Sein polemischer Anwurf, ob denn Karl Kopp, Europareferent bei Pro Asyl, jemanden bei sich aufgenommen habe, geht ihr sichtlich gegen den Strich. Sie selbst engagiert sich bei Pro Asyl, kennt die Akteure und weiß, dass andere Fragen gestellt werden müssten: Warum kann Deutschland nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen? Warum ist Deutschland nicht vorbereitet darauf? Während ihres Einwurfs geht der Arm im Takt des Gesagten energisch auf und ab. "Warum werden keine legalen Wege für Flüchtlinge geschaffen?", fragt sie selbstbewusst.

Zweimal auf der Flucht

Auf dem Podium zur Veranstaltung "… und ihr habt mich aufgenommen" (Matthäus 25,38) diskutieren Expertinnen und Experten über neue Wege in der Flüchtlingspolitik. Und Maya Alkhechen weiß, was es heißt, in einem völlig überladenen Boot auf dem Mittelmeer um das Überleben zu fürchten. Zweimal in ihrem Leben floh sie aus ihrem Heimatland Syrien nach Deutschland. "Beim ersten Mal war ich gerade sechs Jahre alt", erzählt Alkhechen am Tag nach der Flüchtlingsdiskussion im Café vor der Carl Benz Arena.

Nur geduldet – ohne Perspektive

1989 muss ihre Familie Syrien verlassen, da ihr Vater als Oppositioneller gilt. In Deutschland angekommen, besucht Maya Alkhechen in Essen die Schule und macht Abitur. Ihr Traum, Medizin zu studieren und Neurochirurgin zu werden, zerplatzt. Weil sie nur "geduldet" ist, kann sie weder studieren noch eine Ausbildung machen. Ohne Perspektive in Deutschland kehrt sie mit 22 Jahren nach Syrien zurück, arbeitet dort als Dolmetscherin und lernt in Damaskus ihren späteren Mann Ashraf kennen. Sie heiraten, bekommen zwei Söhne.

"Wir hatten keine Wahl"

"Es ging uns gut", sagt Alkhechen. Ihr Mann gehört zu den "Besserverdienenden", ein gewisser Wohlstand stellt sich ein. Doch dann kommt der Bürgerkrieg. Das Paar trifft den Entschluss, das Land zu verlassen, es flieht in den Libanon, dann nach Ägypten. Doch ohne eine Chance auf Arbeit gehen die Geldvorräte bald zu Ende. Die Möglichkeiten, entweder zurück in den Bürgerkrieg zu kehren oder in Kairo auf der Straße zu leben, bieten keine wirklichen Alternativen. Beides seien Wege in den Tod gewesen, sagt Alkhechen, die nach Deutschland möchte. "Ich wollte zurück in das Land, in dem ich aufgewachsen bin, dessen Sprache ich spreche." Doch nur auf deutschem Boden kann die Familie Asyl beantragen. "So blieb uns nur eine Möglichkeit, die Flucht übers Meer." 2000 Euro pro Erwachsenen, 500 Euro pro Kind bezahlt die Familie. "Aber erst nach Ankunft", sagt Alkhechen, die dies als Beweis nimmt, dass die Schleuser an der Ankunft der Flüchtlinge interessiert sind. Die Familie leiht sich Geld von Freunden, die Bedingungen diktieren die Schleuser. Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen. Niemand begebe sich leichtfertig in Lebensgefahr. "Aber es gab für uns keinen anderen Ausweg."

Bühne und Publikum in der Carl Benz Arena bei der Veranstaltung mit Maya Alkhechen
Die Carl Benz Arena war während der Veranstaltung "Und ihr habt mich aufgenommen" voll besetzt.

Ertrinken oder ankommen

Das Boot, das Alkhechen 2013 mit ihrer Familie in Ägypten besteigt, ist mit 310 Menschen statt der vorgesehenen 80 Personen völlig überladen. Sieben Tage auf See in ständiger Angst vor dem Ertrinken. Immer wieder fällt der Motor aus. "Jedes Mal dachte ich, das ist das Ende", erinnert sich Alkhechen. Am Schlimmsten sei die Vorstellung gewesen, ihre Kinder ertrinken zu sehen, ohne helfen zu können, oder beide zurücklassen zu müssen. Die Schleuser verteidigt sie. "Sie haben uns Essen gegeben, Kranke versorgt und erst beim Erreichen Italiens das Geld kassiert." Nicht länger zuzusehen, wie Menschen verenden, sondern legale Wege zu schaffen, um den kriegerischen Konflikten zu entkommen – das fordert sie auf dem Kirchentag in Stuttgart und auch bei all ihren anderen Fernsehauftritten oder Interviewgesprächen. "Warum macht ihr es den Menschen so schwer?", fragt sie immer wieder. "Ertrinken oder ankommen."

Mut zu klaren Worten

Die Zweisprachigkeit, aber auch ihr Mut zu klaren Worten, ihre scheinbar fehlende Scheu gegenüber Funktionsträgern und Fernsehkameras, machen sie zu einer gefragten Interviewpartnerin. Rund 9.000 Ergebnisse listet Google zur Zeit bei Eingabe ihres Namens, ein Potpourri von Medien taucht auf: taz, Bild, Frauenzimmer.de, WDR, Planet Wissen, Stern.de – ein kleiner Auszug. Auf Phoenix hat sie diskutiert und im April 2015 zum zweiten Mal bei Günther Jauch. Eine Sendung, die ihr Wochen danach noch nachhängt. Der Auftritt von Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur der Schweizer Weltwoche und neuerdings Mitglied der rechtskonservativen SVP, hat sie geärgert. Da gibt es kein Sowohl-als-auch.

Äußerungen Köppels wie "wir müssen diesen Kanal Mittelmeer endlich schließen" sind ihr unerträglich. Dagegen lassen sie Sätze von Entwicklungsminister Müller im Laufe der Podiumsdiskussion milder stimmen: "Wir wollen die ankommenden Flüchtlinge zu Mitbürgern machen", sagt er und ergänzt dies durch konkrete Punkte wie ein sofortiges Angebot von Sprachkursen und die Verbesserung der Ausbildungschancen. Die offene Atmosphäre des Kirchentages gefällt Alkhechen. "Die Leute, die hier sind, wollen etwas verändern, das ist gut."

Die Albträume bleiben

Maya Alkhechen lebt mit ihrer Familie in Essen, mittlerweile ist sie als Flüchtling anerkannt. Ihre Eltern wohnen nur einige Haltestellen entfernt. Ihre Schwester konnten sie trotz aller Bemühungen nicht auf legalem Wege nach Deutschland holen. Auch sie floh mit ihrer Familie im Boot übers Meer. Auch wenn die Flucht gelungen ist, die Albträume und die Angst bleiben. "Und immer noch gibt es so viele Menschen, die genau wie wir damals jetzt vor dieser schweren Entscheidung stehen", sagt Alkhechen. Aus diesem Grund ist sie fast täglich in puncto Flüchtlingspolitik im Einsatz – ehrenamtlich, unentgeltlich.

Der Kampf geht weiter

Den Syrisch-deutschen Förderverein treibt sie dort mit einem Kollegen voran, der Essener Verbund der Immigrantenvereine hat sie in den Vorstand gewählt. Im Netz stehen Maya Alkhechens Kontaktdaten, auch über Facebook ist sie erreichbar. Die Idee, Medizin zu studieren, hat sie aufgegeben, Soziale Arbeit möchte sie bald belegen – um sich zu engagieren, aber auch um Geld zu verdienen. Mit ihrem Mann, der einen Integrationskurs besucht, balanciert sie den Alltag. Und nicht selten gerät das Paar an seine Grenzen, räumt Maya Alkhechen ein. Ihr Mann sei stolz auf sie und dann wieder wünsche er sich einfach eine "Hausfrau". Doch Maya Alkhechen kämpft weiter, für ihre Familie und für die Menschen, die immer noch auf der Flucht sind.

Zur Autorin: Bettina Behler ist Journalistin und arbeitet in der Arbeitsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt am Main.

Dieser Text stammt aus der Zeitschrift "Der Kirchentag - Das Magazin". Viermal im Jahr bleiben Sie damit optimal informiert über den Kirchentag und die Themen, die ihn beschäftigen. Jetzt abonnieren.

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