Mein Kirchentag
Porträt

Das ist Christina Aus der Au

Die Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages und der Kirchentage auf dem Weg stammt aus der Schweiz und ist Theologin. Doch was treibt sie an? Was faziniert sie? Und welche Reformatoren stehen Seite an Seite in ihrem Büro?

von Diana Freyer

Christina Aus der Au schätzt es, Dinge zusammen zu denken. Die 49-Jährige ist Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich. Hier kommen universitäre Theologie und kirchliche Praxis zusammen. Wie sollen Kirchengebäude anders genutzt werden? Wie können Gemeinden zusammenarbeiten? Das sind Fragen, die die reformierte Theologin auch aus der eigenen Gemeinde im schweizerischen Kanton Thurgau kennt, wo sie aufgewachsen ist. Nach Jahren in Basel, wo Aus der Au an der Universität als Privatdozentin Dogmatik lehrt, lebt sie nun mit Mann und Tochter wieder auf dem Land.

Wenn sie von der Thurgauer Landschaft zu schwärmen beginnt, spürt man ihre Verbundenheit zu Natur und Heimat. Sie könne im Grunde immer draußen sein, sagt sie. Daraus schöpfe sie Ruhe und Kraft und die Ahnung von der Größe Gottes. Es scheint auf der Hand gelegen zu haben, dass Christina Aus der Au ihre Dissertation über Umweltethik geschrieben hat, denn es geht ihr um eine Haltung der Achtsamkeit: "Wir sind sensibel für alles Schöne in der Natur, daher dauert es uns, wenn wir erleben müssen, dass sie zerstört wird", sagt sie. Für Christinnen und Christen erwachse daraus zwar eine besondere Verantwortung, für bessere Menschen hält sie sich und die Glaubengeschwister aber nicht: "Sorgsam mit der Schöpfung umzugehen, ist schon eine große Aufgabe. Manchmal muss ich sagen: heute war's nix.".

Im Dialog mit den Naturwissenschaften

Zur Freude daran, Verschiedenes zusammen zu bringen, gehört die Auseinandersetzung der Theologin mit den Naturwissenschaften, besonders mit der Neurowissenschaft. Der Idee, dass Gott nur als Vorstellung in unserem Bewusstsein existiere, widerspricht Aus der Au energisch. Es gebe Verfahren, mit denen sich religiöse Erfahrungen im Gehirn darstellen lassen, erklärt sie. Aber damit sei der Weg von einem zum anderen ja noch nicht gefunden. Sie ist sich sicher: "Das Messergebnis ist nur deshalb als Glaube interpretierbar, weil man ihn vorher schon erlebt hat". Grundsätzlich hält Aus der Au die Verständigung zwischen Naturwissenschaft und Theologie für gut möglich – wenn jede Seite die Sichtweise der anderen akzeptiert. "Ich kann auch glauben, was ich nicht sehe. Und ich bin immer neugierig, wie eine Naturwissenschaftlerin mir erklärt, wie die Welt funktioniert. Das ist dann oft ein spannender Dialog."

Über die Fragen von Theologie und Neurowissenschaft kam Christina Aus der Au zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. 2007 moderierte sie in Köln eine Veranstaltung zum Thema, erlebte zum ersten Mal überhaupt Kirchentag und war beeindruckt, welche öffentliche Wirkung von dem Großereignis ausgeht. Dass der Kirchentag solche Resonanz erfährt und Christinnen und Christen zum Engagement ermutigt, war für sie ein Schlüsselerlebnis, denn es entspricht ihrer Überzeugung: Theologie muss gesellschaftsrelevant sein.

Die Wittenberger Steine entstauben

Dieses Thema treibt sie auch um mit Blick auf den Kirchentag 2017 in Berlin und Wittenberg. "Was passiert, wenn christliche und säkulare Weltsicht aufeinanderprallen?", fragt die künftige Präsidentin. "Was haben wir anzubieten und was können wir entdecken?" Wittenberg sei für sie selbst lange eine Stadt gewesen, in der man vor allem zurückblickt und staunt, was dort alles passiert ist. "Nun müssen wir die Steine entstauben. Gerade in Wittenberg erfahrbar zu machen, welche Kraft der reformatorische Freiheitsgedanke heute entfalten kann, wird eine entscheidende Aufgabe sein." Davon ist die Schweizerin überzeugt.

Die Wahl von Christina Aus der Au zur Präsidentin des Kirchentages und der Kirchentage auf dem Weg im Jahr des Reformationsjubiläums darf man wohl auch verstehen als Vorhaben, den Blick über Luther und den deutschen Protestantismus hinaus zu weiten. "Ich schätze Martin Luther als Theologen und wichtigen Weichensteller sehr", sagt Aus der Au. "Aber in theologischer, kultureller und politischer Hinsicht ist die Reformation eine vielfältige Angelegenheit, und diese Vielfalt möchte ich repräsentieren." Die Idee unabhängiger Gemeinden etwa ohne hierarchische Leitungsstruktur, wie sie von Zwingli her kommt, sei tief in ihrer Vorstellung von Kirche-Sein verankert. In ihrem Zürcher Büro jedenfalls steht Zwingli neben Luther, die beiden haben einander fest im Blick. Christina Aus der Au schätzt es, die Dinge zusammen zu denken.

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