Statue von Martin Luther mit Kirchentagsschal

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Meldungen vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart

Lebendig und vielfältig

Sie ist Gemeindepfarrerin in Stuttgart-Kaltental. Sie ist Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom und sie ist Expertin für das dem Kirchentag wichtige Thema Inklusion und Teilhabe aller. Außerdem ist ihre Gemeinde Gastgeberin eines Feierabendmahls und beim Abend der Begegnung dabei, sie selbst ist außerdem Mitwirkende als Chor-Sängerin und Liturgin. Mirja Küenzlen prägt und erlebt den 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart aus ganz verschiedenen Perspektiven.

„Ich hoffe sehr, dass die lebendige Vielfalt von Leben in Stuttgart beim Kirchentag spürbar wird und dass das auf die Stadt und auf unsere Gemeinde ausstrahlt. Es tut gut, mal über den eigenen Kirchturm hinauszusehen“, berichtet Mirja Küenzlen und führt aus: „Gerade Menschen auf der Suche nach neuen Impulsen, was Christsein betrifft, kommen bestimmt gerne und haben da auch hohe Erwartungen an den Kirchentag.“

Mirja Küenzlen mit ihrer Tochter Clara und ihrem Sohn Jakob
Mirja Küenzlen mit ihrer Tochter Clara und ihrem Sohn Jakob. (Foto: DEKT)

Wenige Wochen vor Beginn richtet sich ihr Blick zunehmend auf den Kirchentag. Vorbereitungen und Planungen für die Angebote der Gemeinde laufen und Küenzlen nimmt sich mit ihrer Familie das umfangreiche Programm vor, um sich einen Überblick zu verschaffen. Während der Großveranstaltung im Juni wird die Familie Küenzlen wie so viele Menschen aus Stuttgart und der Region ein Haus voller Besucherinnen und Besucher haben. Doch die wertvolle Zeit mit ihren Gästen wird knapp bemessen sein. Küenzlen wird den Kirchentag in vielfältiger Weise erleben.

Kehrwisch und Kittel

So ist ihre Gemeinde beispielsweise beim Abend der Begegnung mit einem Stand vertreten. Vor einer großen Leinwand mit der Stuttgarter Skyline will die Thomasgemeinde ein Foto-Shooting in traditionell schwäbischem Outfit mit „Kehrwisch und Kittel“ veranstalten. Abgeschaut hat sich Küenzlen das beim Stand der Gemeinde ihres Patenkindes beim Hamburger Kirchentag. „Heutzutage macht ja jeder ein Foto mit dem Smartphone und schickt es in die Welt. Die Idee ist, dann zu sagen: 'Ich bin hier in Stuttgart beim Kirchentag, ich mache jetzt erstmal Kehrwoche'", schildert Küenzlen die Planungen. Aber natürlich stecke auch ein tiefergehender Sinn dahinter. So könnten die Gäste an dem Stand eigene Barrieren überwinden und erfahren, was Kehrwoche im Rollstuhl oder mit nur einem Arm bedeutet.

Barrierefreiheit und Teilhabe aller ist ein Herzensthema für Küenzlen, nicht nur, weil ihre Tochter Clara das Down-Syndrom hat. Auch ihr christlicher Glaube verpflichtet sie: „Gott hat die Welt mit all ihren Diversitäten geschaffen, wir haben als Menschen voller Nächstenliebe eine Verantwortung füreinander.“ Diese ergebe sich auch aus der Jahreslosung aus dem Römerbrief: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Küenzlen wünscht sich einen Wandel der Perspektive. Nicht Fehler, Schwächen oder Mängel sollten beachtet werden. Ausgangspunkt sollten die Fähigkeiten des Einzelnen sein und was er oder sie der Gemeinschaft geben kann.

Feier der Vielfalt

So wird auch das inklusive Feierabendmahl in Kaltental eine „Feier der Vielfalt“ sein. Alle Menschen, ob groß oder klein, müde oder fit, bildungsfern oder hochgebildet sollen sich eingeladen fühlen. Mit dabei sind ein Posaunenchor aus Bethel und eine inklusive Blaskapelle aus der Dorfgemeinschaft Lautenbach sowie eine inklusive Theatergruppe. Eine große Gruppe von Freiwilligen aus Bethel, sogenannte Bufdis, stehen beim Feierabendmahl als Hilfskräfte zur Verfügung. Und eine weitere Besonderheit hebt Küenzlen hervor: „Das Abendmahl wird von ganz unterschiedlichen Menschen ausgeteilt, als Zeichen, dass wir die Gaben in mannigfalter Weise weiterreichen.“

 

Landesbischof Frank-Otfried July bei der Kehrwoche
Die Idee für die Mitmach-Aktion beim Abend der Begegnung stammt vom Hamburger Kirchentag (Foto: D. Märkisch)

Inklusion als zentrales Thema

Das Engagement des Kirchentages zum Thema Inklusion sieht Küenzlen sehr positiv: „Ich finde es ganz arg großartig, dass der Kirchentag es sich zum Thema macht und bin gespannt, wie der Kirchentag die Umsetzung in Stuttgart schafft.“ Wichtig ist ihr, dass Inklusion nicht nur praktisch Zugangswege betrifft und in einzelnen Veranstaltungen thematisiert wird, sondern auch die inhaltlichen und theologischen Gesamtdebatten beeinflusst. Auch im Hinblick auf die Reformation sei das ein spannendes Thema: „Was heißt eigentlich Teilhabe? Ich rede nicht nur von Menschen mit geistiger Behinderung, ich rede auch vom Zusammenleben von Arm und Reich, bildungsfern und gebildet. Das halte ich für ein zentral christliches und evangelisches Thema. Darin liegt eine große Neuerungskraft für Tun und Handeln und Denken.“

Der Kirchentag sei mit seinen Bemühungen, die Aufgabe mitzudenken und mitzubetreiben vorne dran, lobt die 43-Jährige. Sie betont, dass auch in den Entscheidungs- und Vorbereitungsgremien Menschen mit Behinderung einen Platz finden sollten. Vom Stuttgarter Kirchentag wünscht sich Küenzlen wichtige Impulse für die Teilnehmenden, aber auch in Richtung der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Politik und Kirchenleitung: „Es wäre beeindruckend, wenn die Gäste merken: Mensch, dass die beim Kirchentag das mitbedenken, verdient Respekt. Das wäre doch schon beachtlich.“

Die vielen Stimmen Davids

Privat ist der Auftritt mit ihrem Chor „Trimum“ beim trialogischen Konzert „Die vielen Stimmen Davids“ für Küenzlen ein besonderes Highlight. „Verschiedene Religionsgemeinschaften, Juden, Christen und Muslime singen gemeinsam. In diesem Chor mitzusingen und ganz unterschiedliche Traditionen kennenzulernen, ist sehr spannend. Auch musikalisch ist das Projekt für mich eine ganz neue Welt und das zur Aufführung zu bringen macht mir Freude und ist mit großem Herzklopfen verbunden“. Passend dazu hat sie sich das Podium „Lachen im Namen der Religionen“ am Donnerstagnachmittag im Programm rot angestrichen. Und das Konzert „Zeit und Ewigkeit“ mit den Hymnus-Chorknaben will sie sich anhören. Der Chor setzt eine sehr interessante Auftragskomposition modern um.

Mit der Familie beim Kirchentag

Auch als Familienmutter wird Küenzlen den Kirchentag besuchen. Für ihre Tochter Clara ist eine Großveranstaltung wie der Kirchentag eine echte Herausforderung. Das beginnt bei Fahrten in überfüllten Stadtbahnen, die für das 12-jährige Mädchen nicht einfach sind. Doch beim Hamburger Kirchentag vor zwei Jahren hat sie mit ihrem feinen Gespür den Abend der Begegnung als sehr beglückend erlebt. Wie ihre Geschwister Julia (14 Jahre) und Jakob (8) sei sie von der Vielfalt und der Stimmung mit dem Lichtermeer fasziniert gewesen, sagt Küenzlen. Die modebewusste Tochter Julia habe wertvolle Impulse von einer Podiumsdiskussion im Zentrum Jugend zum Thema faire Kleidung mitgenommen. So unterstreicht Küenzlen, dass vom Kirchentag wichtige gesellschaftliche und persönliche Impulse ausgehen können.

Ihre Empfehlung an Kirchentags-Besucherinnen und Besucher ist, nicht nur zu den Veranstaltungen mit den großen Namen zu gehen. Oftmals steckten hinter unscheinbaren Überschriften sehr kreative Angebote. „Außerdem würde ich raten, sich mit einem gewissen Offenheitsgefühl auf den Kirchentag zu begeben. Ich selbst war als Jugendliche auf dem Kirchentag und oftmals passieren wunderschöne Dinge, die man so vielleicht nicht geplant hat“, erzählt die Pfarrerin. So hofft Küenzlen auf einen schönen, ereignisreichen Kirchentag voller Impulse für ihre Familie, ihre Gäste, und ihre Gemeinde, für Stuttgart und die Region, für die Teilnehmenden und Mitwirkenden, für die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, aber auch für sie ganz persönlich.

Küenzlen und ihre Familie waren Protagonisten beim Kirchentags-Werbespot. Sie erzählt: „Natürlich waren wir als Nicht-Profis im Vorfeld aufgeregt, aber mit dem total netten Team haben die Dreh-Arbeiten großen Spaß gemacht.“

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