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Meldungen vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart

Dem jüdisch-christlichen Dialog verpflichtet

Christl Maier und Christina Aus der Au im Gespräch

Ein Gespräch über die Hintergründe zur Erneuerung des Beschlusses des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages, warum christlichen Gruppen mit judenmissionarischer Intention und Praxis keine aktive Teilnahme an Kirchentagen gewährt werden kann.

Liebe Frau Aus der Au, liebe Frau Maier, das Präsidium hat in einem offiziellen Statement noch einmal bekräftigt, dass Gruppen mit judenmissionarischer Praxis auch künftig nicht an Kirchentagen mitwirken dürfen. Warum?

Aus der Au: Das hat in der Hauptsache theologische Gründe: Gott hat Israel zu seinem Volk erwählt. Dieser Bund bleibt auch im Neuen Testament bestehen. Damit ist gar nichts anderes denkbar als ein christlich-jüdischer Dialog auf Augenhöhe. Ein missionarischer Ansatz ist in diesem Zusammenhang aus Sicht des Präsidiums also sogar widersinnig. Judenmission hat auch etwas von Ignoranz und Überheblichkeit, die unvereinbar ist mit dem Selbstverständnis des Kirchentages.

Gibt es nicht auch theologische Gründe, die für eine Judenmission sprechen?

Maier: Das Neue Testament spricht an mehreren Stellen davon, dass Gottes Verheißungen für sein Volk Israel bestehen bleiben. Dass die jüdischen Anhänger Jesu andere jüdische Menschen zum Glauben an Jesus Christus aufforderten, ist keine Judenmission, weil es im 1. Jahrhundert keine Konversion geben konnte: Das Christentum war als Religion noch kein Gegenüber zum Judentum. Wer damals als Jude an Jesus glaubte, blieb dennoch Jude. Das Argument aus der missionarischen Bewegung, es habe im Neuen Testament von Beginn an eine Mission an Juden gegeben, verdreht also die historischen Gegebenheiten. Aus dem Bekenntnis des christlichen Glaubens, dass Jesus für alle gestorben ist, kann man nicht ableiten, Jüdinnen und Juden fehle etwas zum Heil, wenn sie dieses Bekenntnis nicht teilen. Diese Haltung teilen wir übrigens mit der Mehrheit der evangelischen Landeskirchen, die zum Thema christliche Judenmission Erklärungen verabschiedet haben und ganz ähnlich wie der Kirchentag argumentieren.

Aber es gibt Konversionen. Denken Sie nicht, dass das ein Hinweis auf Gründe für den Wechsel vom Judentum zum Christentum ist?

Maier: Es gibt Konversionen, allerdings in beide Richtungen. Dabei handelt es sich aber um persönliche Lebensentscheidungen, und als solche sollten sie auch respektiert werden. Aber ausdrücklich: Das ist kein Beleg dafür, dass es für Jüdinnen und Juden heilsgeschichtlich notwendig wäre, Jesus als den Messias zu bekennen. Eine auf Konversion ausgerichtete christliche Mission an jüdischen Menschen ist aus unserer Sicht problematisch.

Eine junge Bewegung

Podiumsrunde auf einer Bühne beim Kirchentag in Dresden, u. a. mit Nikolaus Schneider.
50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Kirchentag in Dresden

Es gibt vereinzelt Kritik aus den Gemeinden daran, dass Messianische Juden bei Kirchentagen nicht mitwirken dürfen. Was entgegnen Sie darauf?

Aus der Au: Messianische Juden sind in Deutschland eine recht junge religiöse Bewegung, man schätzt, dass es deutschlandweit etwa 1000 Anhängerinnen und Anhänger gibt. Die von messianisch-jüdischen Gemeinden veröffentlichten Glaubenssätze enthalten in der Regel klare Sätze zur Judenmission und zur Defizienz jüdischen Glaubens. Institutionell sind diese Gemeinden weder der jüdischen noch der christlichen Gemeinschaft zuzurechnen. In vielen Fällen sind sie aber eng mit judenmissionarisch agierenden Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Landeskirchen vernetzt und werden von diesen ideell und finanziell unterstützt. Aus diesen Gründen sind Messianische Juden nicht zur aktiven Mitwirkung, zum Beispiel auf dem Markt der Möglichkeiten, beim Kirchentag zugelassen.

Maier: Der Kirchentag hat sich ausdrücklich gegen eine systematische Judenmission ausgesprochen. Wir können solchen Bemühungen aus den soeben genannten theologischen Gründen keinen Raum geben und außerdem gefährden sie den jüdisch-christlichen Dialog. Zugleich ist aber bei Kirchentagen jede und jeder eingeladen. Diese Einladung richtet sich also auch an Messianische Jüdinnen und Juden, an den vielfältigen Angeboten des Kirchentags teilzunehmen. Das Präsidium hat außerdem beschlossen, dass wir beim Stuttgarter Kirchentag eine Veranstaltung zum Thema „Evangelische Kirche und Messianische Juden“ organisieren, um mehr über jüdisch-messianische Gemeinden zu erfahren.

Der Kirchentag hat eine 50-jährige Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs. Wo steht dieser Dialog heute?

Aus der Au: Wie das erneuerte Statement des Präsidiums noch einmal verdeutlicht: Es ist ein von besonderem Respekt geprägter Dialog. Wichtig ist uns die Überwindung eines christlichen Vormundschafts- oder Überbietungsanspruchs gegenüber Jüdinnen und Juden. Auf allen Ebenen. Das hat mit Respekt zu tun. Diesem Respekt und dem durch ihn getragenen jüdisch-christlichen Dialog fühlen wir uns auch in Zukunft verpflichtet.

Dr. Christina Aus der Au ist eine Schweizer Theologin und Philosophin. Sie ist Dozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und im Vorstand des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Prof. Dr. Christl M. Maier ist Theologin und Professorin für Altes Testament an der Philipps-Universität Marburg. Zudem ist sie Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

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