Statue von Martin Luther mit Kirchentagsschal

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Meldungen vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart

Ein Präsident des Zuhörens

Andreas Barner im Interview

Die Präsidialversammlung des Kirchentages hat Sie als Präsident für den kommenden Kirchentag in Stuttgart bestätigt. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Die Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlich Denkenden finde ich spannend. Ich freue mich auch auf die enge Interaktion, den Dialog mit der württembergischen Landeskirche. Das wird ein ganzer Strauß von neuen Einsichten, neuen Erfahrungen sein. Da geht es um Fragen des Glaubens, der Kirche, des Zusammenkommens mit anderen Menschen anderen Gedanken, anderen Überlegungen. Das ist schon sehr reizvoll.

Was ist für Sie das Besondere an dieser Bewegung?

Es sind drei unterschiedliche Elemente: zum einen die besonderen Gottesdienste — seien es die großen, die kleinen oder die ökumenischen Gottesdienste —, die ich alle in ihrer Art beeindruckend finde. Dann sind es ­diese vollkommen unvorhersehbaren Begegnungen, Gespräche, Veranstaltungen, die eine unglaubliche Breite haben. Leider kann man sich gar nicht in so viele verschiedene Veranstaltungen ­setzen, wie man sich das gerne wünscht. Und dann, das Dritte, diese stillen Momente. Wenn zum Abendgebet eingeladen wird oder diese vielfältigen Orte der Stille. Das ist beim Kirchentag einmalig. Dass man sich die Zeit nimmt, über Glauben nach­zudenken, zu beten, in aller Ruhe und trotz der vielen Menschen, dass man in sich gekehrt sein kann, das schätze ich sehr.

"Die Menschen wollen zuhören"

Gibt es ein besonders eindrückliches Erlebnis auf einem der letzten Kirchentage für Sie?

Ich denke an Hamburg, an meine Predigt beim Eröffnungsgottesdienst auf der Reeperbahn. Da war ich anfangs wegen des Ortes etwa sskeptisch. Das passte auf den ersten Blick für mich nicht zum Kirchentag und auch nicht zu mir. Aber dann war es sehr bewegend, dass während des Gottesdienstes trotz Leuchtreklamen und vieler Menschen eine Ruhe einkehrte! Die Leute haben zugehört. Es war für mich ganz beeindruckend, weil ich das Gefühl hatte, mit einer relativ großen Mensge auf eine direkte Weise in Beziehung zu treten. Weil ich, egal in welches Gesicht ich geschaut habe, gemerkt habe: Die Menschen wollen zuhören, wollen verstehen, wovon ich spreche. Das hat mich tief berührt. Und es gibt immer wieder Veranstaltungen, in denen einem plötzlich etwas deutlich wird, ein Zusammenhang klar wird, den man vorher so nicht erkannt hat. Diese überraschenden Momente, die machen für mich das Besondere eines jeden Kirchentages aus.

Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München waren Sie aktiv dabei, Ihre Frau ist katholisch — welche Rolle spielt für Sie die Ökumene?

Und unsere Tochter ist auch katholisch. Ökumene spielt daher eine ganz große Rolle bei uns in der Familie, und es ist nicht immer leicht, Unterschiede zu erklären. Zum Beispiel, warum es kein gemeinsames Abendmahl in der katholischen Kirche gibt, auch wenn das in der evangelischen Kirche denkbar ist. Ich glaube, dass heute zunehmend die Fragen der Unterschiede für eine große Mehrheit der christlich Glaubenden gar nicht mehr nachvollziehbar sind. Wir sollten den Blick mehr auf die Gemeinsamkeiten richten. Auch im Hinblick auf eine Kirche, die in manchen Regionen schon zur Minderheit gehört. Wir müssen uns gemeinsam ­fragen, ob wir nicht besser eng zusammenstehen. Und Ökumene wird ja in vielen Bereichen gut gelebt, gerade in der Region, aus der ich komme, die zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gehört, mit ­Kirchenpräsident Volker Jung und Kardinal Lehmann.

"Ein idealer Platz für den Kirchentag"

Sie sind in Freiburg geboren, also in der badischen Landeskirche, und leben in Ingelheim. Was verbindet Sie mit der evangelischen Landeskirche in Württemberg?

Mein Urgroßvater ist im Schwabenland geboren und dann ins Badische gezogen. Er war Hoforganist in Karlsruhe, am Karlsruher Hof. Ein bisschen was Schwäbisches muss also noch in meiner DNA sein. Aber die Unterschiede zwischen Baden und Schwaben dienen ja auch mehr der Erheiterung. Ich denke, dass Württemberg ein idealer Platz für den Kirchentag ist, wir haben hier eine religiöse Vielfalt, die den evangelischen Glaubensrichtungen in der Welt entspricht. Das macht sicherlich den Kirchentag noch einmal ganz besonders interessant. Die Menschen einzubeziehen, die diese verschiedenen Richtungen vertreten, sie zu erleben, mit ihnen zu sprechen. Das ist ein besonders schönes und wichtiges Element. Dann haben wir einen Ministerpräsidenten, der sch ganz klar zum christlichen Glauben bekennt und katholisch ist. Das gibt ein Umfeld, das eigentlich besser nicht sein könnte.

Und welche Beziehung haben Sie zu Stuttgart?

Eine ganz persönliche. Meine Frau war dort ein Jahr im praktischen Jahr, das letzte Studienjahr in der Medizin, und ich habe das Krankenpflegepraktikum am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart absolviert. Auf diese Weise haben wir sehr intensive und positive Erinnerungen an die Stadt. Aber auch die Kultur schätze ich sehr, das Stuttgarter Ballett, die Bachwoche, die Matthäus-Passion, zum Beispiel von Helmuth Rilling. Und wir haben Freunde dort und sind deswegen immer wieder mal zu Besuch in Stuttgart.

"Wir brauchen soziales Engagement in unserer Gesellschaft"

Durch den Protest zu Stuttgart 21 ist die Stadt in die Schlagzeilen gekommen. Was für eine Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement im Hinblick auf den Kirchentag?

Ich denke, dass der Prozess, auch wie er am Schluss zur Abstimmung kam, ein schönes Beispiel für gut gelebte Demokratie ist. Und ich fand es beeindruckend, dass das Ergebnis dann auch von der Politik akzeptiert wurde. Bürgerschaftliches Engagement ist eine wichtige Form, Verantwortung zu übernehmen für sich und für andere. Wir brauchen dieses soziale Engagement in unserer Gesellschaft. Aber es gibt noch eine grundsätz­lichere Frage, die uns beschäftigen sollte, in der es um die Akzeptanz von Veränderungen geht. Wir wollen die Energiewende, aber es gibt Schwierigkeiten, wenn das Windrad im eigenen Garten stehen soll. Das ist ein Thema. Auch für den Kirchentag. Wie akzeptieren wir neue Dinge? Und wie weit sind wir bereit, auch die Konsequenzen dieser neu entstehenden Dinge zu akzeptieren?

Wirtschaft und Wissenschaft sind Ihre Schwerpunkte, nicht nur als Vorsitzender der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim. Welche Themen würden Sie gern beim Kirchentag in Stuttgart weiter vorantreiben?

Das Thema Wirtschaft liegt mir am Herzen und wird auf Kirchentagen vergleichsweise kontrovers besprochen. Als Vertreter aus der Wirtschaft glaube ich, dass es Aufgabe und Chance zugleich ist, dieses Thema weiter voranzutreiben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitstätig. Von diesen über 40 Millionen Menschen arbeiten mehr als drei Viertel in der Privatwirtschaft. Da muss es positive Bezüge geben zwischen dem, was Menschen als Glauben leben, und dem, was sie beruflich tun. Es müssen Zusammenhänge sichtbar werden. Das zu verstärken gehört für mich zu meiner Verantwortung als Kirchentagspräsident. Und in Stuttgart spielen die ­mittelständischen Unternehmen eine große Rolle. Die Menschen sollen sich wiederfinden in ihrer beruflichen Realität wie auch in ihrer Glaubensrealität und ihrem privaten Umfeld. Das ist mir wichtig. Pharmaunternehmen wird in der Regel unterstellt, ethische ­Prinzipien nicht zu achten.

Pharmaunternehmen wird in der Regel unterstellt, ethische Prinzipien nicht zu achten. Profitmaximierung und überteuerte Aids-Medikamente durch Patentschutz sind Vorwürfe, die auch ganz konkret an Boehringer Ingelheim gerichtet wurden. Wie gehen Sie als Christ und Chef damit um?

Als Christ ist mir wichtig, dass wir Entscheidungen treffen, die ethisch vertretbar sind. So haben wir zum Beispiel beim Aids-Medikament Viramune den Herstellern, die WHO-qualifiziert waren, erlaubt, das Medikament für die armen Länder der Welt zu produzieren. Das Medikament ist besonders wirksam, die Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind während der Geburt zu verhindern. Es wurde auch ein großes Programm aufgelegt, bei dem wir kostenlos das Medikament zur Verfügung gestellt haben. Ich denke, in einem Familienunternehmen wie Boehringer Ingelheim ist es für mich gut möglich, ethische Prinzipien und Erhalt und Weiterentwicklung des Unternehmens in Einklang zu bringen.

"Es geht darum, richtige Maßstäbe zu setzen"

Welche Bedeutung spielt der christliche Glaube in Ihrem Leben?

Der christliche Glaube ist für mich und meine Familie sehr wichtig. Dazu gehört auch das berufliche Leben, das kann man nicht teilen. Er bildet ein schützendes Dach. Ich bete zum Beispiel dafür, dass ich mit der ­richtigen Geisteshaltung an meine Arbeit gehe. Dass ich Dinge sorgsam mache, darauf achte, Prinzipien nicht zu verletzen, die mir wichtig sind. Da kommt der ehr­bare Kaufmann wieder ins Spiel. Es geht darum sicherzustellen, dass man einen Rahmen schafft, in dem Entscheidungen gut gefällt werden können. Dazu gehören ganz einfache Prinzipien wie Bereitschaft zum Zuhören, Bereitschaft, alle Punkte wirklich zu berücksichtigen und erst dann eine Entscheidung zu fällen. Es geht darum, richtige Maßstäbe zu setzen und gute Rahmenbedingungen zu schaffen, die sich an der Werteorientierung des Glaubens ausrichten.

Nicht nur sprechen, sondern auch zuhören: Macht das den neuen Kirchentagspräsidenten aus?

Ich glaube, dass man egal welches Amt nur gut ­ausfüllen kann, wenn man genügend Energie und Zeit auf das Zuhören aufwendet. Das Gesprochene wird umso besser, je mehr man vorher zugehört und nachgedacht hat. Und man muss den Raum öffnen und Menschen eine Chance geben, etwas zu sagen. Offenheit zum Zuhören signalisieren — gerade auch als Kirchentags­präsident, das möchte ich gerne vorleben.

Was wird Ihre erste Aufgabe als neuer Kirchentagspräsident sein?

Ich möchte erst einmal die Menschen besser kennenlernen, mit denen zusammen dieser Kirchentag entstehen wird. Das sind zunächst die Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle in Stuttgart und die Mitglieder des Kollegiums in Fulda. Das werden die nächsten Schritte sein. Mit den Menschen in Kontakt kommen, sich ­austauschen und ein wenig zusammenwachsen.

 

Die Fragen stellte Britta Jagusch

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