Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Zwiespältige Begegnung

In ihrer Bibelarbeit beschäftigte sich die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn mit den Weisheiten und Widersprüchen des Predigers Salomo (Kohelet).

von Anna Katharina Hahn

Prediger, hörst du mich? Ich soll dich kurz vorstellen, das haben sie mir gesagt. Du selbst nennst dich nur einmal „Sohn Davids“, aber das hat man ignoriert, eigentlich unverschämt. Luther hat „der Prediger Salomo“ daraus gemacht, weil der berühmteste David natürlich den ebenfalls berühmten Salomo zum Sohn hatte. Wer mit seinen Fremdsprachenkenntnissen protzen will, sagt Ecclesiastes oder Kohelet. Von hebräisch Koh, die Versammlung. Vielleicht einer, der vor einer Gemeinde redet. Für mich bist du einfach der Prediger, ohne jeden Schnickschnack, das geht mir am leichtesten über die Lippen, und ich muss mir nichts Kompliziertes merken.

Du sollst ja unheimlich schlau sein, Prediger, ein richtiger „Intello“, einer, daer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Du hältst auch nicht gerade hinter dem Berg mit deinem Wissen – für meinen Geschmack ganz schön dick aufgetragen.

Aber es wird schon was dran sein an diesem enormen Selbstvertrauen. Immerhin ist mir aufgefallen, dass eine Menge bekannter Sprüche von dir stammen:

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. (1,9)

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. (10, 8)

Wer kann schon von sich behaupten, nach über zweitausend Jahren noch immer zitiert zu werden, und das im Alltag. Mit dir kann man sowohl heiraten als auch sich beerdigen lassen, das nenn ich Leistung.

Zweisamkeit ist besser als Einsamkeit. (4, 9-11)

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde, geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist. (3, 1-8)

Aber du selber? Scheinst mir nicht die Sorte Mensch zu sein, mit dem man locker in der Supermarkt-Warteschlange oder auf einer Parkbank ins Gespräch kommt. Eher ein abgehobener, durchgeistigter Typ, der andere einschüchtert mit seinem Wissen. Ein „Bücher-Nerd“ wahrscheinlich. Du sollst dich mit allem Möglichen auskennen, besonders mit Philosophie, auf der Höhe deiner Zeit, dem 3. Jahrhundert vor Christus, in dem es nicht gerade ruhig zugegangen ist. Wobei: 2015 kann man sich auch nicht problemlos in der Gemütlichkeit einrichten. Es fühlt sich eher an wie im Schleudergang einer Waschmaschine – jeden Tag was Neues, meistens nichts Gutes, überall Probleme, die unlösbar scheinen, in allen Ecken der Welt. Auch bei dir ging es politisch hoch her. Du hast dir deine Gedanken gemacht, das muss ich sagen. Ratschläge ausgeteilt, wie ein richtiger Coach.

Theater spielen macht dir Spaß, du magst Rollenspiele, kannst dich hineinsteigern in die verrücktesten Personagen. Hör dich doch mal selber:

1,12: Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem. Du erzählst von deinen Reichtümern, Obstgärten, Weinbergen und deinem Harem, nur um dann alles in die Tonne zu treten: 2, 11: Da ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und ein Haschen nach dem Wind und kein Gewinn unter der Sonne. Du siehst ganz anders aus, als ich mir vorgestellt habe. Da gab es ein Bild von Gustave Doré, diesem französischen Künstler, der viele Bibelillustrationen gemacht hat. Doré hat dich recht eindrucksvoll hinbekommen. Ein Prachtstück von einem Bart, Hipster oder Weihnachtsmann. Dazu diese goldene Krone, und das strenge Gesicht. Warum hat dich dieser Künstler eigentlich so grimmig gemalt? Richtig griesgrämig und sauer. Als hättest du eine extreme Wut im Bauch. Oder Verstopfung. Sorry, war nicht so gemeint. Aber das kam mir als erstes in den Sinn als ich dein verkniffenes Gesicht gesehen habe, und du musst zugeben, viele Porträts von dir gibt es nicht. Weil sie dich seltsam finden und schräg. Und schwer auszuhalten.

Richtig begeistert ist keiner von dir, das merkt man schon, oder etwa nicht, Prediger? Ganz ehrlich, vielen gehst du extrem auf die Nerven. Sie haben sich die Zähne an dir ausgebissen, die Fachleute, die Theologen. Was du servierst, das ist schon starker Tobak. Dir fehlt die Eindeutigkeit. Mal bist du schwarz, dann wieder weiß. Klartext reden ist nicht dein Ding, und das können sie nicht ab, das macht sie fertig.

Wenn du meine Meinung hören willst: Bis auf ein paar schlaue Sprüche, die man locker einstreuen kann, hast du nämlich nichts zu bieten. Nur Geschimpfe und Gejammer. Das kannst du ruhig zugeben. Locker zwei Drittel deines Buches, das mit zwölf Kapiteln nicht unbedingt zu den umfangreichsten gehört, bestehen aus schlechter Laune. Pur und ungefiltert. Ich werfe mal deinen Lieblingssatz ein, falls du dich nicht mehr dran erinnern magst: Es ist alles ganz eitel, (…) es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? (1, 2-3)

Prediger, du siehst Gott überall, nicht wahr? In der ganzen Schöpfung, in allem, was wir Menschen tun, auch im Bösen und Schlechten. Du fühlst das Geheimnis, kannst es aber nicht ergründen. Du sagst: Das alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit, hat auch die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt, ohne dass sie herausfinden können, was Gott von Anfang bis Ende gewirkt hat.

Du kommst nicht auf die Idee, auf Gott verzichten zu wollen, nur weil du ihn nicht immer verstehst. Ziemlich klug, finde ich. Fast weise. Und wir sind es nun mal nicht mehr gewohnt, ständig an den Tod, an unsere eigene Endlichkeit erinnert zu werden. Dabei ist das gar nicht so übel. Es muss ja nicht angstvoll geschehen. Du betrachtest die Welt vom Ende her. Aber du nennst das Ende anders: Ewigkeit. Und sagst, jeder Mensch habe diese Ewigkeit in seinem Herzen. Das ist doch großartig. In einem kleinen Nebensatz machst du dein ganzes Gejammer zunichte. Rhetorisch vielleicht etwas dämlich, die beste Botschaft so zu verstecken. Aber das musst du wissen. Wahrscheinlich bist du ein „Bruddler“, einer, der immer vor sich hin schimpfen muss, aber im Grunde doch ganz zufrieden ist. Du hast doch so was wie ein Gegenmittel parat: eine Lebenszufriedenheit, eine Dankbarkeit für Gottes Gaben, gerade für die kleinen. Essen und Trinken zum Beispiel. Brot und Wein.

Aber ganz ehrlich, Prediger, ich fürchte, wenn es nicht noch ein anderes Buch neben deinem gäbe, wäre ich ziemlich ratlos, vielleicht sogar verzweifelt. Ich habe gerade bei Brot und Wein an den gedacht, der uns den Weg dafür bereitet hat, Gott Vater zu nennen. Vollkommen wird für mich das, was du, Prediger, über die Ewigkeit in den Herzen der Menschen sagst, erst durch Jesus. Wenn ich das Geheimnis Gottes, seine Verborgenheit, akzeptiere, aber mit Jesu Worten dennoch sagen darf: Vater unser.

Zur Autorin: Anna Katharina Hahn ist Schriftstellerin und lebt in Stuttgart. Ihre Romane und Erzählungen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Bild: Blaues Sofa via Wikimedia Commons, CC BY 2.0

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