Mein Kirchentag
Losung

Vertrauen als Kraft, die aktiviert

Statement von Julia Helmke, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Die Losung für einen Kirchentag verbindet eine Zeitansage mit der tiefen Wahrheit biblischer Texte. Die Geschichte, aus der die Losung für Dortmund 2019 stammt, ist eine Kriegsgeschichte aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Das übermächtige assyrische Heer hat wichtige Landstädte Judas eingenommen und steht nun vor den Toren Jerusalems. An einer für die Wasserversorgung der Stadt strategisch wichtigen Stelle treffen Delegationen beider Kriegsparteien aufeinander. Der assyrische Feldherr verkündet die Worte seines Großkönigs Sanherib, die einer Verspottung des hoffnungslos unterlegenen judäischen Königs Hiskia gleichkommen: „Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast? Meinst du, bloße Worte seien schon Rat und Macht zum Kämpfen? Auf wen verlässt du dich denn, dass du von mir abtrünnig geworden bist?“ (2. Könige 18,19-20, Luther 2017)

Worauf vertraut Hiskia, dessen Hauptstadt bedroht ist? Hat er nicht schon fast alles verloren? Vertraut er auf die Hilfe von schwierigen Koalitionspartnern, wie hier den Ägyptern, die einer Ausbreitung des assyrischen Großreiches bis an ihre eigene Landesgrenze nicht tatenlos zusehen wollen und deshalb Hilfstruppen nach Juda schicken? Der assyrische König verspottet Ägypten als geknickten Rohrstab, der jedem die Hand durchbohrt, der sich auf ihn stützt (2. Kön 18,21). Oder glaubt Hiskia, dass Religion, Glaube, Gott ihn retten können? Der assyrische König behauptet, er sei vom Gott Israels gesandt, um Juda zu zerstören.

Ja, Hiskia vertraut auf seinen Gott – trotz des übermächtigen Feindes. Er zieht das Bußgewand an, geht in den Tempel und bittet seinen Gott um die Rettung der Stadt. Und der Prophet Jesaja überbringt Hiskia eine gute Botschaft: Der Gott Israels lässt sich nicht verspotten; er wird Jerusalem retten und den Feind überwältigen. Und so geschieht es: Sanheribs mächtiges Heer zieht ab.

Die Erzählung vom gottesfürchtigen König Hiskia und der wundersamen Verschonung Jerusalems ist so wichtig für das kulturelle Gedächtnis Israels, dass sie im Alten Testament gleich dreimal mit wenigen Varianten erzählt wird: in 2. Kön 18-20, in Jes 36-39 als Erzählung auch über Jesaja und schließlich in einer Kurzfassung in 2. Chronik 32. Die Chronik erwähnt zudem, dass Hiskia auch andere Maßnahmen ergriff, um einem assyrischen Angriff zu trotzen. Er ließ Tunnel zur Wasserversorgung bauen und eine weitere Stadtmauer errichten, die diejenigen Häuser schützte, die bereits außerhalb der Mauer gebaut worden waren. Menschliches und kluges Handeln und zugleich ein unbedingtes Vertrauen in Gottes Zugewandtheit und Da-Sein treffen dabei aufeinander, ebenso wie unerbittlicher Machtkampf und überraschend friedliche Lösungen.

Was für ein Vertrauen. In der Geschichte, aus der unsere Losung stammt, kann das gelesen werden als Frage, als Staunen. Und das trifft uns heute ebenso.

Vertrauen ist so komplex wie die gegenwärtige Welt. Die weiteren biblischen Texte des Kirchentages für Gottesdienste und Bibelarbeiten loten die Komplexität solchen Vertrauens aus und die Abgründe, die jenseits des Vertrauens auf Gottes Beistand lauern. Sie fordern uns heraus und nehmen damit die Fragen und Themen auf, denen sich Kirchentag als Bewegung stellt. Als Bewegung, die Menschen vereint, die sich gesellschaftlich engagieren, Verantwortung übernehmen – aus dem christlichen Glauben heraus.

Das ist die Frage, wie weit Vertrauen in existenziellen und gesellschaftlichen Krisen trägt und was geschieht, wenn Vertrauen auf die Probe gestellt wird und wieder neu zu lernen ist Als Kirchentag ist uns wichtig zu zeigen, wie Vertrauen hilft zu leben – Vertrauen als Kraft, die aktiviert und beiträgt, menschliche Enge und Vorurteile zu überwinden

Die Losung mag ein Ausruf des Unverständnisses über christliche Zuversicht gegen allen Anschein und Logik in der Welt sein. Es ist aber auch eine Einladung, sich miteinander auf das Abenteuer Vertrauen einzulassen, ohne naiv und weltfremd zu sein. Nicht aufgeben, immer wieder aufstehen, trotz und in aller Erschütterung.

Die Fragen liegen also auf der Hand: Was für ein Vertrauen haben wir heute in unsere eigene Kraft, unser eigenes Tun und unsere Möglichkeiten, die Welt zu gestalten? In welchem Verhältnis steht dieses Vertrauen zum Glauben an das rettende und befreiende Handeln Gottes? Was kann Vertrauen bewirken in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint?

Entstanden, und das ist mir wichtig, ist unsere Losung gerade im Gespräch mit den Mitgliedern des Jugendausschusses des Kirchentages und im Zuhören auf ihre Ängste, ihren zuweilen entmutigten Zweifeln, und ihrer Sehnsucht und ihrem trotzig-reformatorischen Dennoch. Eine Generation, die sich engagiert, die europäisch und grenzüberschreitend geprägt ist und sich zugleich abgehängt fühlt von manchen Gewissheiten.

„Was für ein Vertrauen“ ist eine Losung, die Zuversicht und Ermutigung gibt ohne Fragen und Zweifel auszusparen. Staunend. Fröhlich. Widerständig.

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