Mein Kirchentag
Losung

Umbrüche, Abbrüche und Spanungen

Statement von Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

Was für ein Vertrauen.

In diesen Worten kann so viel stecken – je nachdem, wie sie gesagt werden. Oder gerufen. Oder gefragt.

Ehrliches Staunen kann darin liegen: Unglaublich, dass jemand überhaupt Vertrauen haben kann – ausgerechnet jetzt, gegen allen Augenschein und offensichtlich gegen jede Vernunft.

Anerkennung kann daraus sprechen, Bewunderung, vielleicht sogar heimlicher Neid: Donnerwetter, was für ein Vertrauen! Stark. Das hätte ich auch gern, aber ich weiß nicht wie.

Eine offene, interessierte Frage kann das sein: Was ist das eigentlich für ein Vertrauen? Woher hast du das? Trägt es dich – auch wenn es dicke kommt? Erzähl mir davon!

Zynische Häme kann in den Worten liegen – und verächtlicher Hohn: Was für ein Vertrauen! Seid ihr verrückt geworden? Oder einfach nur elend blauäugig und naiv? Kann man euch ernst nehmen?

Nagende Selbstzweifel können in diesem Satz stecken: Was machen wir da eigentlich, indem wir auf Gott vertrauen? Können wir das ehrlicherweise tun, wenn wir wahrnehmen, was in der Welt geschieht – und in manchem persönlichen Leben?

Was für ein Vertrauen.

Die Losung, die wir für den Dortmunder Kirchentag gefunden haben, spricht unmittelbar an, sie lässt niemanden unberührt. „Vertrauen“ – dazu kann jeder und jede etwas Persönliches erzählen.

Der Satz stammt aus einer eher unbekannten Geschichte im Alten Testament der Bibel. Aus einer kriegerischen Szene. Gewalt und Auseinandersetzung gibt es da, feindliche Rivalität zwischen unterschiedlichen Religionen. Der Textzusammenhang ist sperrig und verwirrend. Und gerade darin erschreckend aktuell. Es geht um Gottvertrauen. Darum, wie es zum Leben hilft. Wie es darüber hinaus Politik beeinflusst und gesellschaftliches Handeln. Ein Vertrauen, das im Extremfall ohne jede menschliche Rückversicherung auskommt. Hoch riskantes Vertrauen also.

Was für ein Vertrauen.

Diese Losung hat ein hohes aktuelles Potenzial. Was bedeutet Vertrauen eigentlich konkret? Was heißt es, auf Gott zu vertrauen? Und was heißt es heute – angesichts der Zerreißproben der Gesellschaft, in der wir gegenwärtig leben und Verantwortung tragen?

Wir werden viele Fragen stellen und gemeinsam nach Antworten suchen. Die werden vielschichtig sein wie die Wirklichkeit; vielschichtig wie unser Zweifeln und Glauben.

Dortmund, die Stadt des Kirchentages 2019, ist in besonderer Weise geprägt von Umbrüchen, Abbrüchen, Spannungen – und ebenso von ungeahnten Chancen, überraschenden Möglichkeiten und verheißungsvollen Entwicklungen. Vergangen – nicht ohne Schmerzen – ist die Zeit, in der Kohle, Stahl und Bier die bestimmenden Faktoren waren. Das Vertrauen in manches, was immer selbstverständlich schien, ist dahin. Was trägt?

Dortmund ist heute eine Stadt von Wissenschaft und Kultur, eine Industriestadt nach wie vor, eine Stadt des Sports. Eine Stadt kultureller, sozialer, politischer Gegensätze. Die können das Leben schwierig machen – und auch bereichern.

Was für ein Vertrauen.

Zum Wesen unserer Evangelischen Kirche von Westfalen mit ihrer außergewöhnlichen Vielfalt an Landschaften, Traditionen und Mentalitäten gehören Kontraste und Unterschiede. Bei uns gibt es ländliche Regionen und Ballungszentren, evangelisches Kernland und weite Gebiete, wo wir Protestanten in der Minderheit sind, wirtschaftlich starke Bereiche und strukturschwache Gegenden. Auch in unserer Landeskirche gibt es Umbrüche, Abbrüche, Spannungen.

Deshalb passt diese Losung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten, mitten hinein ins volle Leben zu sprechen, gut zu uns als Gastgeberin des Kirchentages 2019.

Der westfälische Kirchentag in Dortmund wird bestimmt sein vom gemeinsamen Suchen und Fragen: Wo und wie wird Vertrauen heute konkret und fruchtbar? Und bereits in diesem Suchen und Fragen – davon bin ich überzeugt – wird Vertrauen wachsen und stark werden.

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