Mein Kirchentag
Losung

Gegengift gegen die Lust am Untergang

Statement von Kirchentagspräsident Hans Leyendecker

„Was für ein Vertrauen“ ist die Losung für den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund vom 19. bis 23. Juni 2019. Das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages hat diese Losung am Samstag in sorgfältigen, intensiven Gesprächen und Debatten ausgewählt und beschlossen.

In einer fiebrigen und fiebernden Welt scheint das alte Wort Vertrauen manchem heute seltsam verbraucht. Wem kann man überhaupt noch trauen? Wer ist denn überhaupt noch vertrauenswürdig? Ist man vielleicht sogar blauäugig, einfältig, wenn man jemandem da Oben, da Unten noch traut? Jeder Akt des Vertrauens birgt immer die Gefahr, verletzt zu werden. Das gilt für private Beziehungen, aber auch für die Politik.

„Was für ein Vertrauen“ ist deshalb eine Losung, die möglicherweise zunächst auch irritieren und zum Nachdenken Anlass geben kann: Sind die vom Kirchentag möglicherweise zu vertrauensselig? Soll man jetzt wirklich all den Institutionen trauen? Der Politik? Den Gewerkschaften? Vielleicht sogar den Banken, den Finanzorganisationen und ihren Protagonisten? Kann man Kirchen vertrauen? Vertrauen ist ein kostbares, aber auch leicht verletzliches Gut.

Nicht nur seit Trump gibt es ein Gefühl der großen Verunsicherung. Junge Leute haben oft kein Vertrauen in ihre Zukunft mehr, die Alten misstrauen den Eliten. Alle gemeinsam erleben immer wieder eine Welt, die von atemraubender Machtgier, von Rücksichtslosigkeit geprägt ist.

Europaverächter, Feinde von Menschenrechten verriegeln die Grenzen. Auf die Schwachen, die Armen wird oft keine Rücksicht genommen. Wer arm ist, ist angeblich selbst daran schuld. Lobbyisten versuchen, die Märkte zu beherrschen. Ihr Einfluss steht oft genug im Gegensatz zu unserer Ordnung, in der Privilegien abgeschafft sein sollen, aber immer noch da sind.

Der Turbokapitalismus ist zerstörerisch. Desinformation, Fake News, Halbwahrheiten – es gibt vieles, das wie eine Säure wirkt, die das Vertrauen in den Zusammenhalt der Gesellschaft zerstört. Auch ich habe, das muss ich einräumen, meine Schwierigkeit bei dem Vertrauen in Leute, die gern und oft von christlichen Werten reden und stumm zusehen, wie Flüchtlinge im Meer ertrinken oder in Lager gesperrt werden, in denen Warlords Männer erschießen und Frauen vergewaltigen. Christen müssen schreiendes Unrecht, schreiende Ungerechtigkeit in der Welt anprangern und aus der Empörung kann dann auch Ermutigung wachsen. Kirchentage gründeten immer in der Überzeugung, dass Christsein und politische Überzeugung zusammengehören.

Hirnforscher haben herausgefunden, dass das Vertrauen zunimmt, wenn die Angst in bestimmten Regionen des Denkorgans sinkt. Wir vertrauen also mehr, wenn wir weniger Angst haben. Zu viel Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt den Blick auf notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Allerdings, darauf weisen die Hirnforscher auch hin, braucht es schon ein bisschen Angst, damit Menschen überhaupt Vertrauen suchen. Wer gar keine Angst mehr vor nichts hat, kann auch nicht vertrauen.

Gemeinsam müssen wir die Vertrauenskrise überwinden. Wir wissen aber, dass Vertrauen nicht befohlen oder angeordnet werden kann. Nur wer bereit ist, anderen zu vertrauen, kann auch Vertrauen bekommen. Die Losung ist also bestens geeignet, um darüber zu reden, in welcher Welt wir leben wollen und in welcher Welt nicht.

Sie passt zu Dortmund, zu einer Region, in der Menschen mit schwierigsten Problemen, mit gravierenden Strukturveränderungen, fertiggeworden sind. Auf die Frage „Was tun?“ haben viele Menschen im Revier geantwortet: „Wir tun was.“

In Wörterbüchern sinnverwandter Wörter wird darauf hingewiesen, dass die Wörter Vertrauen und Zuversicht Synonyme sein können. Wir brauchen mehr Zuversicht und können uns auch ein Beispiel an den Leuten im Ruhrgebiet nehmen. Sie haben Vertrauen in die gehabt, die Verantwortung tragen, und gleichzeitig haben sie die Bereitschaft gezeigt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie waren und sind überzeugt, die notwendigen Veränderungen schaffen zu können. Zuversicht ist das Gegengift gegen die Lust an der manchmal schon modischen Untergangsstimmung. Auch deshalb ist Dortmund ein guter Platz für einen Kirchentag.

Mehr Gerechtigkeit, weniger Gewalt und Bewahrung der Schöpfung sind die Themen, denen sich der Kirchentag immer wieder aufs Neue stellt. Auch in Dortmund. Es soll dabei neue Formen, neue Inhalte geben. Über Armut, Reichtum, Nachhaltigkeit, Langfristigkeit, das richtige Wirtschaften soll intensiv gesprochen werden. Und es soll ein Kirchentag sein, in dem viel über Gottvertrauen geredet wird. Denn Christen haben in einer unsicheren Welt die Sicherheit, dass sie einen Ansprechpartner haben, dem sie vertrauen können – egal, was geschieht.

Wir freuen uns also sehr, dass der Kirchentag 2019 in Dortmund stattfinden kann, wir freuen uns auf die Menschen, die hier leben und auf die, die nach Dortmund kommen werden. Wir sind sicher, dass es ein gastfreundlicher, musikalischer, lebendiger und diskussionsfreudiger Kirchentag werden wird, und wir haben für das alles die richtige Losung gefunden.

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