Mein Kirchentag
Festrede zum Reformationstag

Luther UNBOXING

Festrede der Generalsekretärin Julia Helmke zum Festakt der Stadt Frankfurt anlässlich des Reformationstages 2017.

Beim Festakt der Stadt Frankfurt zum Reformationstag hielt Julia Helmke die Festrede. Das Thema war "Luther UNBOXING".

Anlass und Ort: Reformationstag und Paulskirche

Haben Sie Dank für die Ehre heute hier zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Wir sind jetzt an diesem Tag und zu dieser Stunde beileibe nicht die einzigen, die der 500. Wiederkehr des Beginns der Reformation gedenken, allein in Hessen finden 100erte von Veranstaltungen am und um den 31. Oktober 2017 statt. Der Römer leuchtet, Wiesbaden, Darmstadt, Kassel – dazu kommen die Lutherstädte mit zum Teil spektakulären Installationen und Inszenierungen von Worms und Speyer bis Erfurt und Wittenberg.

Für viele ist es der Höhepunkt des bisherigen Reformationsjahres, für andere der Doppelpunkt, denn eigentlich beginnt Reformation ja erst jetzt: 1519, 1521 1524, 1529... andere sind auch froh, zuweilen erschöpft, dass dieses intensive Reformationsjahr vorüber ist, Erkenntnisgewinn, Anerkennung, Tadel und Kritik halten sich die Waage ...

Für mich ist kaum ein Ort heute in Deutschland geeigneter über Reformation zu sprechen als hier in der Paulskirche. Der erste bundesweite Feiertag anlässlich des 31. Oktobers als Tag der Feier der Reformation und die Paulskirche als einer National/Bundesversammlung, als Ort des Nebeneinanders, Nacheinanders und Miteinanders von Kirche, Politik und Zivilgesellschaft.

Denn bei dem, was Martin Luther vor 500 Jahren als 95 Thesen an die Schlosstür schlug (jedenfalls der Legende nach) ging es um beides: Um die Frage des Verhältnisses von Gott und gläubigem Individuum, aber auch zur Institution Kirche, es ging um das Seelenheil und um Geld, um den Wert eines Menschen und über diejenigen, die sich anmaßen über Wert und Werte zu sprechen. Konkreter ging es Luther bei der Kritik am Ablass um die Frage der Möglichkeit sich freizukaufen von Schuld, was für ihn eine Unmöglichkeit war, aber eben auch unnötig, denn Gnade tilgt Schuld und zwischen Gott und Mensch geht es nicht um Schuld, sondern um die Freiheit und das Geschenk nach Gottes Willen zu leben.

In diesen Thesen war angelegt, was in Luthers Schriften gerade im darauffolgenden Jahrzehnt quasi explodiert ist an Gedanken und Fragestellungen (zur Bildung, Diakonie, Finanzwesen, Kultur, Medien, staatlichen Einflüssen etc.) und was Gläubige, Gelehrte, Menschen mit allen unterschiedlichen weltlichen Berufen und Berufungen aufgenommen, diskutiert, weitergetragen, eingetragen haben in die Gestaltung von Welt, die bis heute wirkt und unser Land prägt.

Die Paulskirche ist paradigmatisch der Ort, an dem geistliche, öffentliche und politische Bereiche Reflexionsraum, Erfahrungsraum, zusammentreffen. Zuerst diente sie als lutherische Hauptkirche der Stadt, dann öffnete die Kirche auf Bitte der Stadt Frankfurt diesen Kirchraum als größten Versammlungsraum der Stadt, um Ort der ersten demokratischen Parlamentes Deutschlands, der Nationalversammlung zu werden. (experimenteller Charakter ...)

Dann wird sie wieder Kirche, als Kirche, in der verhandelt, ausgehandelt wird, was ist religiöse und was öffentliche Sphäre. Denn bereits vor gut 100 Jahren, als die Paulskirche noch vor allem als Raum für den Gottesdienst, christlicher Versammlungsraum dient, wird sie zugleich Gedenkort. Sie ist Brennpunkt sozialer Auseinandersetzungen, von Republikfreunden und -feinden. An ihrer Fassade werden wichtige Gestalten deutscher Geschichte öffentlich sichtbar. Nicht nur, wie das häufig in kirchlichen Räumen ist, dass die Gräber, Bilder der Superintendenten und Bischöfe sagen, in welcher Tradition man steht oder im Bundespräsidialamt die Skulpturen / Porträts der vorhergehenden Präsidenten, nein hier findet sich z.B. ein Philip Spener neben einem Friedrich Ebert. Spener, Gesicht der lutherischen Erweckungsbewegung, der 150 Jahre nach Luther und in der Hochphase der philosophischen Aufklärung neu fragte, was kann Christsein noch bedeuten. Sein Hauptwerk Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche war ein umfassendes Reformprogramm gegen Missstände in Kirche und Gesellschaft. Auch er also ein Reformator, in einer Reihe von Reformatoren.

Und gleich daneben ist eine Gedenkplakette für den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert sehen, der katholisch und aus der Kirche ausgetreten, kurz nach seinem Tod 1926 hier ein Denkmal erhielt, das 1933 unter dem Beifall vieler evangelischer sogenannte Deutscher Christen wieder abgenommen wurde...

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kommen zusammen.

Mit Beginn der Bundesrepublik ist die Paulskirche Versammlungsraum der Stadt geworden und der Sprachkultur. Ein Ort, der deutschlandweit und international seine wohl öffentlich bekannteste Rolle beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einnimmt. In vielen Reden der Preisträgerinnen und Preisträger wird zu Geschichte, Freiheit und auch der eigenen Überzeugung, des Glaubens, an Gott, an Demokratie, für Ideale gesprochen, wie auch von der Fallhöhe zwischen Sollen und Sein. Eben das, was am Beginn der Reformation stand: die Frage nach dem eigenen Handeln und dessen Folgen, nach Verantwortungsbewusstsein, Freiheit oder Determiniertheit eines Individuums und einer Gesellschaft; nach dem, worauf der Mensch im Leben und im Sterben vertraut, wird dabei jedes Jahr neu anregend und aufregend beantwortet. Man denke nur an die letzten Preisträger Navid Kermani, Carolin Emcke und Margaret Atwood. So ist die Paulskirche selbst Teil deutscher Geschichte und steht für, „Gemeinwohl und See-lenheil“, wie es der alevitisch-deutsche Jurist Ahmet Cavuldak mit Blick auf das deutsche Staatsrecht und das Verhältnis von Kirche und Staat formuliert hat.

Zu fragen: wie wirkte und wirkt die Reformation des 16. Jhd., die von Mitteldeutschland ausging, bis heute, wie prägte sie Zeitgeschichte, Politik, Kultur, Zivilgesellschaft, das war Anlass für diese Reformationsdekade, die ab 2010 von der Bundesregierung, Ländern und Kommunen getragen wurde gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Eine Kooperation, die sich in vielen hundert, ja vielen tausenden von Veranstaltungen zeigte, im kulturellen Bereich, im historischen, im wissenschaftlich-interdisziplinären, in unzähligen Veranstaltungen in Gemeinden, und auch – gerade je länger die Reformationsdekade dauerte und auf dieses Reformationsjahr zuging, mit vielen Veranstaltungen auch zwischen den Konfessionen und Religionen. Den einen Ruck, der vielleicht dadurch durch Deutschland gehen sollte und sich in das kollektive Gedächtnis unwiderruflich einprägte, das gab es wohl nicht. Vielleicht auch eher behindert durch die ungeheure Zahl an Veranstaltungen bis heute, aber es gab immer wieder „Luthereffekte“: Wenn in unserer so ausdifferenzierten, parzellierten Gesellschaft über die jeweils eigenen Grenzen hinweg gefragt worden ist nach Geschichte, nach Wirkungen, gemeinsam gesucht, geforscht, gesprochen wurde. Dann gab es aus dem „incurvatus in seipsum / einem Eingekrümmt Sein in sich, eine Weitung, ein Mündig und Durchlässig werden, eine Befreiung von Lebens- und Zukunftsangst. (Eine Fröhlichkeit, die auch diese Figur hier neben mir ausstrahlt…)

Luther Unboxing: Martin Luther und die Reformation – 3 Aspekte

Vielleicht fragen sie sich jetzt schon, beim Blick auf die Einladungskarte, was dies mit „Luther Unboxing“ auf sich hat. Unboxing videos sind seit wenigen Jahren ein Phänomen der Netzkultur, wo Menschen Filme ins Netz stellen, in denen gezeigt wird, wie ein Produkt aus der Verpackung entnommen und vorgestellt wird, millionenfach. Der Erfolg dieser Unboxing Videos bei Kinder wie Erwachsene wird gerade erforscht. Zum einen ist es in Zeiten des schnellen Klickens, Scrollens, Wischens, Agierens und Reagierens die Zeit, die sich genommen wird, etwas anzuschauen, auszupacken, Schritt für Schritt, mit Genauigkeit im Hinschauen, verbunden mit einem Gefühl der Vorfreude, Erwartung, was da verborgen ist und enthüllt wird (virtuelles Geschenke-Fest / Weihnachten). Dieses Auspacken ist zugleich ein Teilen und Weitergeben von Wissen und Kenntnissen durch „Laien“, von „Gleich“ zu „Gleich“ – ohne Hierarchie und über den privaten Raum hinaus. Und dies Auspacken, Zeigen, Erklären, Erzählen, dieses „Unboxing“ geschieht nun auch mit Martin Luther. Eine ganze Reihe von Videos gibt es aus Deutschland, USA, Asien, Afrika in denen die Playmobilfigur von Martin Luther ausgepackt wird. Und zuweilen auch erklärt, wer diese Person ist, die diese Figur abbildet, wofür sie steht. Was wird da eigentlich ausgepackt: Zeit-Geschichte, Glaubens-Geschichte für den homo ludens?

Die Playmobilfigur ist mit über 1 Million verkaufter Exemplare weltweit die bei weitem erfolgreichste Playmobilfigur einer geschichtlichen Persönlichkeit. Für manche ist sie das Symbol des Jahres und wird in vielen der zahlreichen Kommentare zu diesem Reformationsjahr zitiert: Für einige als Ärgernis, Ausverkauf des Glaubens, guten Geschmacks und Verstandes, für andere eine charmant niedrigschwellige Annäherung an 500 Jahre Reformation. Von ihr ausgehend nehme ich in drei Aspekte auf, die in diesem Reformationsjahr und zu diesen heutigen Reformationstag in der Paulskirche exemplarisch aus der Geschichts-Box ausgepackt werden können: Mit den Stichworten „Luther im Bild“, Luther und das Wort/Reformation als alltägliche Übung und aktive Weltgestaltung. Mit einem ausführlichen Blick zurück, wie sich das für einen Gedenktag mit 500 jähriger Geschichte ziemt und auch ein Blick nach vorne, ins Heute und Hier.

Luther im Bild/ Vielfalt der Bilder – Die Figur und Persönlichkeit Martin Luthers

Luther allerorten - auch mit dem Luther-Bild von Michael Apitz im Rücken (aus 95 Holztafeln zusammengesetzt als Sinnbild für die vielen Puzzleteile, aus denen Luther besteht). Seit Beginn war der Reformationsdekade war die Frage virulent: Was steht im Mittelpunkt? Martin Luther oder die Reformation und ihre Wirkungen. Geprägt war dies durch das kollektive Gedächtnis der vergangenen Reformations-jahrhundert-jubiläen 1817 und 1917, in denen Martin Luther als „der deutsche Mann“, deutscher Held und Glaubenskämpfer auf den Sockel gestellt worden ist. Nationalistisch vereinnahmt und instrumentalisiert. So sollte es nicht sein, so konnte es auch nicht sein. Zugleich war klar, dass „Reformation“ allein ein so unbestimmter Container-Begriff ist, der bestimmte Bilder, Geschichten, Menschen braucht, um begreifbar, erfahrbar und damit relevant werden – und das geht nicht ohne die Person Martin Luther. Das Bildrepertoire die wir von Luther bis in 20.Jahrhundert vor Augen hatten und das überliefert wurde, war eingeschränkt: Luther als Mönch, als bärtiger Junker Jörg, beleibter Professor und standfester Glaubensverteidiger mit erhobener Bibel.

Im 20. Jahrhundert hat sich dies verändert, mittels eines Mediums, das wie kein anderes Geschichte über Geschichten erlebbar macht: den Film. Und so hat sich Martin Luther der jeweiligen Zeit, dem jeweiligen Jahrzehnt angenähert, war der romantische Lieder komponierende Student 1913 in der „Nachtigall von Wittenberg“, der jugendliche Rebell in den Verfilmungen von John Osbornes Theaterstück in den 60er Jahren (England, Australien, USA), der vom Konflikt mit dem Vater bis zum Lebensende gequälte „Arme Mann Luther“ um 1968, der intellektuelle Gelehrte in einem zurückhaltend-nüchternen Kammerspiel im Beitrag des bundesrepublikanisch öffentlichen Sendeanstalt im Lutherjahr 1983, und im gleichen Jahr und in Konkurrenz der charismatisch politische Luther hochemotional verkörpert von Ulrich Thein im DDR Fernsehen, 450 Minuten lang, sowie 2003 der bislang erfolgreichste Kino-Luther, ein idealistisch-feinsinniger Seelsorger mit dem Briten Joseph Fiennes und in diesem Jahr der Perspektivwechsel zu „Katharina Luther“ und zu Luther als Netzwerker und Teil eines reformatorischen Teams wie im gestern ausgestrahlten ZDF-Film „Zwischen Himmel und Hölle“. All diese Darstellungen, und man könnte noch weitere nennen in den Medien im In- und Ausland, haben die Vorstellungen von Martin Luther geweitet und dazu beigetragen, dass Martin Luthers Verdienste 2017 in ihrer ganzen Vielfältigkeit entdeckt, erforscht, untersucht und öffentlich gemacht worden sind. Dabei bewusst die blinden Flecken aufnehmend, die lange ausgespart waren, und auch dorthin zu blicken, wo er in keiner Weise Vorbild war, sondern gefehlt hat. Es ist damit gelungen, was in den Jahrhunderten zuvor noch nicht möglich war. Martin Luther ist davon befreit worden, ein (deutscher) unfehlbarer Held zu sein und so kann man ihn als den komplexen Menschen wahrnehmen, der er wohl war. Und wie es sich wohl am eindrucksvollsten in den aktuellen Biographien zu Luther widerspiegelt, bei Heinz Schilling, Thomas Kaufmann, Lyndall Roper oder auch Willi Winkler, die auf vielen tausend Seiten ihn uns nahebringen, in all der nötigen und bleibenden Fremdheit. Eine Persönlichkeit, in der sich in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort so vieles verdichtete, dass auch 500 Jahre später es sich noch lohnt sich auseinanderzusetzen und anregen zu lassen. Im Bereich der Bildenden Künste ist das eindrucksvoll in diesem Jahr mit der Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ in Wittenberg-Kassel-Berlin gelungen. Wer hätte noch vor 20 Jahren gewagt Luther als Avantgarde zu bezeichnen oder gar als Visionengeber für zeitgenössische und internationale Medienkunst? Durch den offenen Umgang mit den Schattenseiten, mit all dem, wo er nicht nur leidenschaftlich kämpfte, sondern auch mit Blut an den Händen sich verrannte (vgl. Michael Apitz im Bild hinter mir) kann man ihn auch wieder als herausragende Persönlichkeit würdigen, als fehlbares Vor-Bild, als Kult ohne Personenkult: für Freimut, Standhaftigkeit, Entschiedenheit, Mündigkeit im Glauben, Vertrauen auf das eigene Gewissen – all das, was wir heute und in Zukunft brauchen werden.

Luther und das Wort: Luther mit Federkiel und Bibel – Selber schreiben, selber lesen

Ob die Bibel bei Luther in die rechte Hand und die Schreibfeder in die linke gesteckt gehört, oder umgedreht, ob Luther also Links- oder Rechtshänder war, gehört zu den lässlichen, aber durchaus Kreise ziehenden Diskussionen in diesem Reformationsjahr. Der Umgang mit Worten, mit den Medien und die Übersetzung und Konzentration auf das gegebene biblische Wort gehören dagegen zum bleibenden Schatz für unsere Kultur, der in dieser Spielzeugfigur sichtbar und erstmalig zusammenkommen. Selber Schreiben, selber Lesen. Können. Dürfen. Sollen. Die Alphabetisierung Deutschlands begann mit Luthers Entdeckung, dass das wichtigste im Glauben wie im Leben ist, die heilige Schrift selbst lesen zu können. Denn erst durch das intensive Studium der Schrift begriff er, dass es Gott nicht darum geht, zu strafen, was alles nicht gelingt und somit in steter Angst zu leben nicht zu genügen, sondern im Gegenteil der Glauben, in dessen Zentrum Jesus Christus steht, befreit zu leben. „Die Freiheit eines Christenmenschen“, so lautet der Titel seiner wohl wichtigsten Schrift von 1521, in der die Freiheit als gebundene Freiheit beschrieben wird, die den Menschen freimacht um sich selbst zu kreisen oder sich abhängig zu machen von kirchlicher Autorität oder irgendeiner weltlichen Macht, sondern frei zu sein, eigenständig zu denken, zu glauben und auch für das Gemeinwohl verantwortlich zu handeln. Dazu gehörte Gottes Wort aus der (lateinischen) Konservierung herauszuholen, zu reanimieren. Und dazu war nur möglich, wenn die Menschen die Schrift in der eigenen Sprache lesen konnten und sie verfügbar war. Viel wird heute darüber nachgedacht und gerungen, was es heißt zu Deutschland zu gehören. Und eine gemeinsame Sprache, ausreichend Sprachkenntnis, um sich zu verständigen, wird dabei zumeist als vorrangig vor Herkunft und Abstammung gesehen. Diese gemeinsame Sprache, die das kostbare Gut der Zusammengehörigkeit schafft, gab es damals so nicht. Martin Luther war nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Er hat die Bibel jedoch in ein solches Deutsch übersetzt, dass die Menschen die Worte verstanden und auch den Inhalt. Sein Deutsch hat die sich damals entwickelnde deutsche Schriftsprache maßgeblich mitgeprägt, und vor allem deshalb, da er das gelebte, gesprochene Deutsch ernst und aufgenommen hat. Das bedeutet auch seine Forderung „dem Volk aufs Maul zu schauen, die heute oft populistisch verkürzt wird, als stärkeres Einbeziehung von Stammtischparolen für das politische Handeln Das hieß für ihn: Er hörte zu, über Grenzen des eigenen Milieus. Er sammelte volkstümliche Redensarten, Volkslieder, ging zu Handwerkern, um sich Arbeit und Werkzeug erklären zu lassen, nahm Worte und Wendungen mit regional und sozial eingeschränktem Geltungsbereich auf, so bildhaft und präzise wie möglich, sah Denken und Fühlen in der Sprache als Einheit. Sprache als schöpferisches Potential, so schöpfte er neue Worte wie „Nächstenliebe“, „Friedfertigkeit“ –für „immer und ewig“ u.v.m.

Er übersetzte: Alltagsleben in Sprache, Biblische Botschaft für das Volk. Welch ein Staunen damals: Das Wort Gottes, nicht nur für Priester, nicht nur am Sonntag, nicht nur auf Latein, sondern für alle die lesen können (und es demnach auch alle lernen können). Nicht allein, als einsames Genie, sondern mit anderen gemeinsam. Die Reformation war auf allen Ebenen ein Gemeinschaftswerk, woran in nicht geringem Maße auch Frauen beteiligt waren, auch publizistisch mit Flugschriften, Sendschreiben. Und sie war ein Prozess, der weit über Deutschland hinausging. Die Reformation / Reformatoren und Reformatorinnen regten überall in Europa Bibelübersetzungen und das Arbeiten an der Sprache an und standen damit nicht zuletzt Pate für die Übersetzung als Medium eines europäischen Kulturtransfers. Denn nur wer sich traut zu übersetzen, kann eintauchen und weitervermitteln, was es an Wert in der fremden Sprache gibt und was gemeinsam ist. Übersetzen ist neben dem Übersetzen von Sprache immer auch ein Übersetzen von Kultur. Und es war ein Prozess, ausgelöst von vielen, die den Weg bereitet haben in den Jahrhunderten davor, beschleunigt durch den Einsatz der für die Zeit modernsten Medien. Dazu kam: Gaben bei der Bibelübersetzung für eine Region im Südwesten Deutschlands Drucker Luthers Bibelübersetzung noch ein Glossar mit 200 Worten mit, die man als unbekannt oder nicht vertraut vermutete, so brauchte es dies nach wenigen Jahren nicht mehr, die Worte waren Allgemeingut geworden. Sprache, Weltwirklichkeit, auch Glaube sind nicht in Stein gemeißelt, sondern ist immer wieder neu zu überprüfen, zu revidieren. So sehr Martin Luther immer wieder darauf hingewiesen hat, dass es bleibend Schrift, Jesus Christus, selbst ist, die im Zentrum steht, so sehr hat er selbst immer wieder an einzelnen biblischen Schriften gearbeitet. Und es ist in einem langen intensiven Prozess, literarisch unterstützt, ökumenisch begleitet, auch für dieses Reformationsjahr eine neue Übersetzung der Lutherbibel herausgegeben worden. Um das Bewährte zu bewahren, neuen aktuellen Forschungsergebnissen Rechnung zu tragen so nah am Urtext wie nötig und so klar, poetisch und zeitlos wie möglich. Die Luther-Übersetzung ist nicht die einzig mögliche Übersetzung und das ist gut so. Sie ist jedoch bis heute die Referenz-Übersetzung, die im Ohr bleibt, ins Herz geht und sich in das kollektive Sprachgedächtnis eingetragen hat, weil es Überlebens-Sätze braucht wie „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ aus dem Psalm 23, die genau so klingen – auch über die Jahrhunderte hinweg.

Der Ort für diese Worte war für alle Reformatoren die Welt. Und so würde sich Luther wohl freuen, wenn die biblische Botschaft, die er als Fundament und Bedingung für ein gelungenes Leben ansah auch per Playmobil auf öffentlichen und privaten Räumen zu Hause ist. Denn dies bedeutet die Freiheit Religion öffentlich zu leben. Damit ist konsequenterweise auch die Freiheit eingeschlossen, keine Religion zu haben, oder sich einer anderen anzuschließen als die Mehrheit, und als Freiheit sich öffentlich zu leben. Die Religionsfreiheit ist eine Errungenschaft, die die Väter und Mütter der Paulskirchenversammlung hier heiß diskutiert und gefordert haben, was aber noch lange Jahre bis zur Realisierung dauerte – und weltweit (wieder) in Frage steht. Die eigene Gewissheit in Gewissensfreiheit vertreten zu können, sensibel andere Zugänge zu Religion und Weltanschauung zu achten – für den Reformator selbst war das praktisch nicht möglich. So gehört es die Benennung und Distanzierung von Luthers Antijudaismus in seinen polemischen Schriften zu dem, was dieses Reformationsjahr ebenfalls bewirkt hat. Ohne ihn darauf zu reduzieren, aber auch ohne allein nur die fatale Wirkungsgeschichte bis in die Abgründe des 3. Reiches und des Holocausts in die Verantwortung zu nehmen. Augenfällig ist diese Einsicht, diese positive Lerngeschichte, auch beim Blick auf das, was hier auf der Bibel steht bzw. stand. Pate für diese Playmobilfigur war ja der Ur-Typus des Lutherdenkmal, in Wittenberg von Johann Gottfried Schadow, auf dem summarisch links „Bücher des Alten Testaments“ und rechts „Das Neue Testament übersetzt von Dr. Martin Luther“ steht, aber das Alte Testament noch mit einem „Ende“ bedacht wird. Und die Frage, was wohl zu der damaligen Zeit weniger, was auch manche vermuten, den Stolz ausdrücken soll, dass Luther die ganze umfangreiche hebräische Bibel, das AT übersetzt hat bis zum Ende, sondern eher die abwertende Interpretation, dass nach dem „Ende“ des AT dann das Neue Testament kam, als Erneuerung, Verbesserung, Überwindung. Dies ist theologisch nicht haltbar, da es in letzter Konsequenz dazu führt, die jüdische Religion als überholt, zu Ende gegangen zu sein diskreditiert, was nicht haltbar ist und so richtigerweise dieses „Ende“ in den neueren Auflage der Lutherfigur nicht mehr steht. Ohne Geschichte zu klittern, ist Weiterentwicklung und Veränderung möglich – Gott sei Dank. Es muss nicht weitergetragen werden, was beschwert und was überwunden ist.

Reformation als alltägliche Übung und als aktive Weltgestaltung

Weiterzutragen sind für mich exemplarisch zwei Aspekte von Reformation: Reformation als tägliche Übung und als aktive Weltgestaltung. Zur Reformation gehörte die Gestaltung jedes Tages im Alltagsleben. Nicht mehr eine Kirchenobrigkeit sollte Zugangsmöglichkeiten regulieren und bestimmen, wie geglaubt oder gebetet werden, wie zu Heil und Heilung zu kommen ist. Es ging nicht um das Delegieren, sondern um das Zutrauen in die Eigenverantwortlichkeit. Aus einem Akt der Widerständigkeit entstanden der Große und kleine Katechismus, als kirchlich, theologisches Nachschlagwerk, zur Kinder- und Erwachsenenbildung. Selber denken, selber sich fortbilden, selber Glauben entwickeln. Dazu gehörte die Idee von Hausandachten und der Morgen- und Abendsegen von Luther, als Eingebunden-Sein in einen Rahmen, der gestaltbar und variabel handhabbar war, auch im Unterwegs-Sein, auch im urbanen Leben. So wie es viel später Dietrich Bonhoeffer formulierte: Jeder neue Morgen ist einer neuer Anfang.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Neben der Wertschätzung und Eigenverantwortlichkeit für das individuelle Leben steht als Grundimpulse der Reformation die Partizipation, Eigenverantwortlichkeit, aktive Weltgestaltung in die Gesellschaft hinein. Für Martin Luther war dies der Gedanke, dass es in Glaubensfragen eine grundsätzliche Gleichwertigkeit der Geistlichen und der sogenannten Laien gab. Das heißt das sogenannte allgemeine Priestertum der Glaubenden, was bedeutete, dass die Laien die Möglichkeit, aber auch die Pflicht hätten, sich für die Verbesserung des Kirchenwesens einzusetzen. Jeder weltliche Beruf war genauso wichtig wie eine geistliche Berufung. Dies hat gesellschaftliche und politischen Partizipationsmöglichkeiten vieler Menschen aller Stände im entstehenden Deutschland, aber auch in allen europäischen Ländern bis Nordamerika erweitert oder überhaupt erst eröffnet. Dier Prozess hat in den vielen Jahrhunderten, mit Stolpersteinen und über so wichtige Stationen wie die hier in der Paulskirche tagende Frankfurter Nationalversammlung zu einem erfolgreichen Prozess der Zivilisierung einer pluralisierten christlichen Religion geführt; zu einem Aufbau von Rechtsstrukturen, die die Grenzen religiöser wie staatlicher Wahrheitsansprüche definierten und die Einhaltung dieser Grenzen sicherstellen sollten. Christ sein bedeutete damit vor allem dann in und für die Welt zu arbeiten. Reformation ist nicht abgeschlossen, sondern geht weiter.

Diesem Impuls verdanke ich es auch, heute hierstehen zu können. Erlauben Sie mir dies am Ende exemplarisch und am Beispiel des Deutschen Evangelischen Kirchentages auszuführen: Vor knapp 70 Jahren hat ein evangelischer Christ reformatorische Gedanken, gerade was das Zusammenspiel von Kirche und Staat betraf, aufgenommen und in Handlung übersetzt. Reinold von Thadden (1891-1976), Lutheraner von Geburt an, Jurist, Landwirt, Abgeordneter, verhaftet zuerst noch dem Ordnungsgedanken einer guten von Gott eingesetzten Obrigkeit, versucht beides zu verbinden, engagiert sich in der Politik und im Kirchenparlament, der Preußischen Generalsynode. Nach 1933 sieht er mit zunehmender Verzweiflung, wie die Institution des Staates sich einer menschenverachtenden Ideologie unterwirft, die Institution Kirche sich anpasst und einschränkt. Er wird Mitglied der Bekennenden Kirche, arbeitet an der Theologischen Erklärung von Barmen mit, die jedem Führerkult abschwört und den Nationalsozialismus verurteilt.

Aus dem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ wird in der Bekenntnissynode 1934 ein „Ich halte stand, weil ich gehalten werde“. Von Thadden überlebt den Einsatz an der Ostfront und Kriegsgefangenschaft am Eismeer und entwickelt, ermutigt durch den Perspektivwechsel und seine Erfahrungen mit dem entstehenden Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, eine Vision: Für den Aufbau einer humanen, mitmenschlichen Gesellschaft in Deutschland ist nicht in erster Linie die Restaurierung bisheriger landeskirchlicher Strukturen nötig, sondern das aktive Engagement von Laien nötig, also Menschen, die sich christlich verorten und in den unterschiedlichsten weltlichen Berufen tätig sind. Als Scharnier zwischen Kirche und Gesellschaft und Politik, als konstruktiver Beitrag und nötig kritisches Gegenüber: Der Deutsche Evangelische Kirchentag entsteht. 1949 beginnt seine Geschichte. Er versteht sich bis heute als Teil dessen, was vor 500 Jahren als Aufruf zur Umkehr und Mitgestaltung begann; dem Erbe der Reformation verpflichtet und zugleich als Teil der besonderen deutschen Geschichte in Verantwortung für Lernerfahrungen und Veränderungen. Kirchentag ist in dem Sinne Bewegung und hat den Anspruch semper reformanda zu sein. Er nimmt die Veränderung des Glaubens und von Gesellschaft stetig in den Blick, treibt sie – idealiter – selber voran, im Unterwegs an verschiedenen Orten stattfindend und zu Hause in der Mitte Deutschlands, an den Schnittpunkten von Ost und West, Nord und Süd, in Hessen, in Fulda. Getragen vom Glauben, in der Verantwortung für die Welt. Als Fest des Glaubens, Zeitansage, als Experimentierraum für neue geistliche und gesellschaftliche Ideen, als Debattier-, Diskutier- und auch Streitraum, über Frieden, Bildung, Gerechtes Wirtschaften, Solidarisches Handeln, Sinnvolles Leben, um das Eigene und das Fremde besser zu verstehen. Kaum eine Stadt passt deshalb besser als Gastgeberin für einen Kirchentag als Frankfurt, in einer Stadt, in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit Markenzeichen sind, einer Bürgergesellschaft, in der die Welt zu Hause ist. Und die Vervielfältigung des christlichen Glaubens ist diejenige Facette der Reformation, für die die Stadt Frankfurt steht: Denn in keiner anderen Stadt in Deutschland gibt es so viele verschiedene Kulturen, christliche Kirchen und verschiedene Religionsgemeinschaften. So geht Reformation im besten Sinne des Wortes weiter, wenn nach diesem ökumenischen und internationalen Reformationstag 2017 in 2021 der nächste und dritte Ökumenische Kirchentag hier geplant ist und vorbereitet wird.

Inwieweit der Playmobil-Luther dann noch eine Rolle spielt, in Kinderzimmern, in Kirchenämtern oder in der Lobby großer Banken, Sammelobjekt wird oder doch wieder in der Nippes-Box verschwindet – das wird man sehen. Ebenso inwieweit diese Reformationsdekade, dieser Feiertag eine bleibende Bedeutung erhalten wird oder nicht. Das, sehr geehrte Damen und Herren, liegt, längst mündig geworden, an uns, und, wenn wir darauf vertrauen wollen, in anderen Händen. Und um nun doch einmal den ‚Verursacher’ dieses Feiertages zum Schluss selbst zu zitieren:

Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden, Es ist nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden‘ s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. (Martin Luther)

Ich danke Ihnen für Ihre lange Aufmerksamkeit

 

Foto: Heike Lyding/Stadt Frankfurt

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