8. Mai 2020

Gedenken zum Kriegsende und zur Befreiung vom Naziterror vor 75 Jahren

Inmitten der COVID-19 Krise erinnern Christinnen und Christen „…dass wir alle eins seien“ Johannes 17,21

Ein Aufruf von Pfarrer Sören Lenz, Executive Secretary der Konferenz Europäischer Kirchen in Strasbourg, Elsass:

Vor fünfundsiebzig Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch das menschenverachtende Hass-Regime der Nationalsozialisten, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen: jüdische Mitbürger*innen, Homosexuelle, Roma und andere zu Minderheiten gehörende Menschen, die auf Betreiben der Nazis diskriminiert, verachtet, gehasst und in den Tod getrieben. Die Gesellschaft(en) waren zersplittert, viele europäische Völker waren verfeindet, Europa war zerstört.

„Nie wieder!“ sagten viele nach dem Krieg.

Nie wieder Krieg, nie wieder Verfolgung und Rassenwahn, nie wieder dem Hass Raum geben, der Menschen spaltet und Gemeinsamkeiten vernichtet. Christinnen und Christen nahmen sich über Ländergrenzen hinweg immer mehr als Brüder und Schwestern war und suchten - wie viele andere auch - nach Wegen der Versöhnung - bis heute.

Fünfundsiebzig Jahre später stellt eine Pandemie unsere Gesellschaft, Länder und auch Christinnen und Christen vor immense Herausforderungen. Ein Virus kennt keine Grenzen, keine Nationalität, keine Konfession oder Religion. Er trifft uns als einzelne wie auch als Gesellschaft: Grenzen sind geschlossen und Versammlungen verboten. Unter diesen Einschränkungen, die zum Wohle aller gedacht sind, leiden auch unsere Gemeinden.

Mit großer Sorge nehmen wir in diesem Zusammenhang als Christinnen und Christen entlang der Grenzen Strömungen in unseren Gesellschaften wahr, die dem Nationalismus das Wort reden, nach Sündenböcken suchen und Zwietracht säen.

Als Christinnen und Christen entlang der Grenze sagen wir ein deutliches „NEIN!“:

Nein!“ zum Hass gegen Menschen von der jeweils anderen Seite der Grenze  

Viele Menschen leben auf der einen, arbeiten jedoch auf der anderen Seite der Grenze: sie pflegen Menschen, versorgen uns mit dem Notwendigen und tragen dazu bei, das Leben in unseren Ländern in Gang zu halten. Manche von ihnen werden aber beschimpft, attackiert, als ‚virenverdächtig‘ oder gar als ‚Feind‘ gesehen, nur weil sie auf der anderen Seite der Grenze leben. Wir meinen: sie hätten Applaus und Anerkennung verdient!

Nein!“ zum Aufruf, Grenzen länger als unbedingt nötig geschlossen zu halten.

Wir brauchen Begegnung und Austausch, wenn wir auch vernünftigerweise im Moment drauf verzichten müssen. Geschlossene Grenzen dürfen kein Dauerzustand sein Sie sind derzeit ein notwendiges Übel, erfüllen aber keinen Selbstzweck.

Nein!“ zur Stigmatisierung und Suche vermeintlicher Sündenböcke.

Angst macht aggressiv und vermeintliche Sündenböcke in Form von Minderheiten, Andersdenkende und Andersgläubige sind schnell gefunden.

Weil Gott zu Ostern sein „JA“ zum Leben gesprochen hat, sagen auch wir entschieden „Ja!“

Ja!“ zum Miteinander und zur Freundschaft über Grenzen hinweg

Gerade jetzt sind sie nötiger denn je. Gerade jetzt sind wir auf diejenigen angewiesen, die uns in vielerlei Hinsicht mit dem Nötigsten versorgen und da spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe sie haben, welcher Religion sie angehören oder aus welchem Land sie kommen. Wir sind dankbar für jeden und jede!

„Ja!“ zur Begegnung über Grenzen hinweg, auch wenn wir eine Zeitlang nur über Distanz kommunizieren können.

„Ja!“ zur Solidarität mit denen, die uns physisch fern, aber dennoch „herzlich“ nahe sind. Gerade in der Zeit der Krise wollen wir in Gedanken, Worten und Taten denen nahe sein, von denen sich die Gesellschaft entfernt hat. 

75 Jahre nach Kriegsende sehen wir uns Christinnen und Christen aufgerufen, ein gerechteres und solidarischeres Europa nach der Krise mit zu gestalten. Dabei erinnern wir uns an das Wort des Apostels Paulus: „Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7) Im Vertrauen auf das „Ja“ Gottes und auf das Wirken des Heiligen Geistes wissen wir uns als Christinnen und Christen auf beiden Seiten der Grenzen trotz der aktuellen Krise und darüber hinaus verbunden und bitten um den Segen für unser gemeinsames Beten, Reden und Handeln - dies- und jenseits aller Ländergrenzen.

Bild von Peter H. auf Pixabay

Gedenken | Grenzenlosigkeit | Zusammenleben
Diese Seite teilen
Newsletter abonnieren Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert und abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.