Statement der Generalsekretärin

Kirchentag auf Augenhöhe

Prof. Dr. Julia Helmke, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Gemeinsam vertretene Werte scheinen zu erodieren und werden massiv in Frage gestellt. Die Bindungskraft in gemeinschaftsstiftende Institutionen, in die repräsentative Demokratie sinkt. Viel ist in den letzten zwei Jahren gesprochen und geschrieben worden von einer Gesellschaft, die sich immer stärker spaltet innerhalb Deutschlands, innerhalb Europas und auf der weltweiten Ebene. Vertrauen in die Zukunft, in eine gestaltbare Gegenwart ist erschüttert und wirkt vielfach erschöpft. Die einen fühlen sich abgehängt, die anderen permanent getrieben.

Vertrauen als aktivierende Kraft

Der Kirchentag setzt genau hier an. Er wirbt für die Erfahrung von Vertrauen als Kraft, die aktiviert. In Dortmund bieten wir so viele partizipative und interaktive Formate wie noch nie an. Es geht um Beteiligung und Sinnstiftung. Augenhöhe statt Sonntagsreden. Mitten in der Stadt gibt es ein großes Workshophaus mit über 160 Veranstaltungen. Nicht streng getrennt in geistliches oder gesellschaftspolitisches Programm, sondern durchlässig, zum Entdecken neuer Querverbindungen. Zusätzlich füllen mehrere hundert kulturelle und sportliche Mitmachaktivitäten die Stadt. Verschiedene Barcamps finden statt, zu „Das soll doch noch gesagt werden dürfen!“, gerade mit Blick auf unseren AfD-Beschluss, aber auch ein „Startup Kirche“ oder ein Speed-Dating mit neuen Demokratie-Initiativen. Dazu gibt es einen generationenübergreifenden Thementag zu „Yes, we care“ mit Friedenspreisträger Jan Assmann, dem Kapitän des Rettungsschiffes Iuventa Jonas Buja und Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Zahlreiche Initiativen machen sich auf „Wege zur Nachhaltigkeit“ praktisch erfahrbar zu machen.

Vor Ort in Dortmund

Dem Gefühl von Ohnmacht Ermächtigung gegenübersetzen und Handlungsperspektiven aufzeigen. Dies kann nur gelingen, wenn genau hingeschaut wird und sich getraut wird, Missstände und Unrecht anzusprechen. Hier in Deutschland, vor Ort in Dortmund, als einer exemplarischen Stadt im Wandel. Das geschieht in verschiedenen Analysen zum Antisemitismus u.a. mit Josef Schuster und Lamya Kaddor, im Nachdenken über den Wert der Arbeit und Ausbeutungsmechanismen mit Arbeitsminister Hubertus Heil, ver.di-Chef Frank Bsirske und Sarah Jochmann, der Sprecherin von ‚Liefern am Limit‘ – an einem Veranstaltungsort im reichen, neugegründeten Viertel am Phoenix See und in Nachbarschaft zu alten Industriedenkmälern. Kirchentag geht an Alltagsorte, in der Nordstadt ist es auch das Zentrum Kulturkirche, das mitten im früheren Straßenbahndepot ein Nachdenken über Heimat(en) neu in Bewegung bringt. Empfehlenswert wird der Gang in die DASA sein, das Museum mit „Höllenofen“, in dem in diesen Tagen am interreligiösen Dialog mit all seinen Spannungen und Chancen weitergearbeitet wird. Von dem ausgehen, was da ist und neu denken. Wer miteinander streitet gewinnt an Klarheit. Das gilt es wieder neu einzuüben. Dafür stehen u.a. Veranstaltungen über gesellschaftliche Streitthemen wie Tugendterror oder zu MeToo mit Kabarettist Serdar Somuncu und #aufschrei Initiatorin Anne Wizorek.

Der Blick in die Welt

Für den Blick in die Welt steht der Bereich der umfassenden digitalen Veränderungen. Hierzu finden sich Veranstaltungen zu Pflege, Gesundheit, Inklusion im Realitätscheck. Immer drängender ist die Frage nach der uns noch möglichen Bewahrung der Schöpfung mit Referenten wie Johan Rockström, Hans Joachim Schellnhuber oder Jakob von Uexküll und mit Blick auf die aktuelle Weltpolitik die Sorge um den Frieden. Wieder und leider aktuell. Dafür gibt es neben einer Podienreihe zum gefährdeten Friedensprojekt Europa erstmalig das International Peace Centre, das mitten auf der Messe platziert ist.

Margot Käßmann, Anselm Grün, Pierre Stutz, Nikolaus und Anne Schneider oder Eckart von Hirschhausen werden sprechen, Giora Feidman, Adel Tawil, Anna Loos und The Voice of Germany Gewinner Samuel Rösch musizieren und ebenso viele, die Aufbruch einfordern wie Publizist Erik Flügge oder Felix Finkbeiner von Plant-for-the-Planet.

Vertrauen und Vertrautes

Wir feiern 70 Jahre Kirchentag als Teil deutscher Zeit- und Kirchengeschichte mit einem musikalischen Schwerpunkt und als Selbstverpflichtung zur Veränderung. Und 40 Jahre Feierabendmahl, als Form, die im Kirchentag erstmals stattfand und alle einlädt, die die Sehnsucht nach sinnvollem Leben teilen. Das Thema Abendmahl wird den Kirchentag auch mit Blick auf den 3. ÖKT 2021 begleiten. Im theologischen und geistlichen Programm werden zahlreiche bekannte Formate und Namen mit dem verbunden, wie Glaube heute gestaltet werden kann. Zugleich haben wir, das ist stark und aus der Basis gewachsen, in Aufnahme einer Tradition aus den 1960er-70er Jahren, bei diesem Kirchentag eine große Anzahl von Politischen Nachtgebeten, die Information und Handlungsoptionen verbinden. Und es gibt eine Wunderkirche, für alle offen, die in der Mitte der Stadt, in St. Reinoldi ihren Ort findet.

Ankommen und Aufbruch: Großgottesdienste

„Werft Euer Vertrauen nicht weg“ – im Abschlussgottesdienst predigen Sandra Bils als Vertreterin von „Kirche hoch 2“, einer ökumenischen Reform- und Transformationsbewegung, und Kristin Jahn, Superintendentin aus dem thüringischen Altenburg. Ein Abschluss an zwei Orten, einmal im Stadion, das für eine weitere Form ‚echter Liebe‘ steht, sowie familienfreundlich auf der Seebühne im Westfalenpark. Die Eröffnungsgottesdienste zeigen ebenfalls, wofür Kirchentag steht: Mitten im Leben - auf den klassischen Marktplätzen der Stadt, am Friedens- und Hansaplatz und der größte Gottesdienst als Unterbrechung mitten in aller hektischen Mobilität, dort, wo Gott nicht erwartet wird: auf einer Straßenkreuzung am Ostentor.

Aktivierend, orientierend, sich positionierend - mehr als 2.000 Veranstaltungen, knapp 600 Seiten Programmheft laden ein, Dortmund 2019 zu erleben und sich überraschen zu lassen.

Foto: Silvia Kriens

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