Reportage

Zwischen Nudeln und Ehrenamt

Leben in einer WG in einem Bürogebäude? Für 17 junge Menschen, die ihren Bundesfreiwilligendienst in der Geschäftsstelle des Kirchentages in Dortmund absolvieren, Alltag. Über das Zusammenleben in einer besonderen Wohngemeinschaft.

Tonnenweise Pappkartons, meterhohe Tellerstapel und ein Flur voller Schuhe. So lässt sich mein neues Zuhause vielleicht am besten beschreiben. Aber auch Freiheit, Selbstständigkeit, Freundschaft. Seit September 2018 lebe ich mit 16 anderen jungen Erwachsenen in der dritten Etage der Kirchentags-Geschäftsstelle in Dortmund. Wir alle sind sogenannte Bufdis, junge Menschen im Alter von 18 bis 20 Jahren, die den Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Wir haben das Abitur in der Tasche und sind bereit für etwas Neues.

Vorfreude auf neues

Ich komme aus Hamm, nicht weit von Dortmund entfernt. 20 Minuten mit der Bahn und somit noch nah bei meiner Familie. Für die meisten anderen aus der WG ist das anders, viele kommen von weit her, zum Beispiel aus Berlin, Karlsruhe, Braunschweig, Frankfurt und Emden. Trotz der unterschiedlichen Entfernungen und der verschiedenen Lebenswelten sind wir gespannt auf das, was uns Neues erwartet. Neu allein schon darum, weil wir unsere Familien nicht mehr jeden Tag sehen und das Essen nach der Schule nicht fertig auf dem Tisch steht. Neu auch, weil wir unsere Wäsche jetzt selbst waschen müssen. Und neu ist auch die Art des Zusammenlebens, in einer riesigen Wohngemeinschaft unter Gleichaltrigen.

Neue Freunde finden

Nach dem Kick-off, dem ersten Treffen mit meinen zukünftigen Kolleg*innen im Juli, wusste ich: Dieses Jahr wird spannend. Dieses Jahr bringt neue Freunde, Lebenserfahrung und eine Menge Spaß. Ich malte mir aus, wie mein Zimmer aussieht, wie wir das Wohnzimmer gemütlich gestalten, welche Farbe zu den knallgelben Türrahmen passt. Mir war egal, dass wir in einem Bürogebäude leben, wir täglich mit 17 Leuten Kopf an Kopf kochen, essen und all die Dinge machen, die man sonst so im Leben macht.

Leidenschaft teilen

Das Gefühl, welches mich die Zeit bis zum Start begleitete, kenne ich als Vorfreude. Beim ersten Treffen habe ich schon vieles über die Hobbys und Talente meiner damals zukünftigen Mitbewohner*innen erfahren. Schnell ist klar: Wir gründen eine WG-Band, liebevoll „BaSi“ (Band-Sitzung) genannt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man seine Leidenschaft mit anderen teilen kann und nicht alleine ist. Musik verbindet Menschen, egal unter welchen Umständen man zusammenlebt.

Etwas bewirken

Dass alle von uns mehr oder weniger einen Bezug zur Kirche haben, war mir bewusst, deswegen sind wir auch beim Kirchentag gelandet. Die meisten sind Pfadfinder*innen, haben schon als Freiwillige bei Kirchentagen geholfen und wollen mehr davon mitbekommen, wie so eine Veranstaltung organisiert wird. Ohne die ehrenamtliche Arbeit vieler meiner Mitbewohner*innen in christlichen Verbänden und Gemeinden wären sie vielleicht gar nicht dazu gekommen, einen Bundesfreiwilligendienst beim Kirchentag zu machen, und ich merke, dass Ehrenamt doch mehr bewirkt als gedacht.

WG-Leben organisieren

In der WG ist noch lange nicht alles so, wie wir uns das vorstellen. Die Wände sind kahl, die Küche ähnelt einem Schlachtfeld, das Wohnzimmer besteht zu 90 Prozent aus Pappe, und der Müll steht länger als geplant im Flur, während er sehnsüchtig auf seine Entsorgung wartet. Alles ist sporadisch, das Gästezimmer wird zur Abstellkammer, und fast keiner fühlt sich verantwortlich. Auch ich nicht. So ist das eben, wenn man mit 17 Leuten in einer Wohnung wohnt und alles auf die anderen schiebt. Und so stelle ich mir das auch vor.

Pläne schmieden

Diese Themen werden aber auch aufgegriffen. In der sogenannten WGSi (WG-Sitzung) wird alles angesprochen, was relevant für das Zusammenleben ist. Fast immer beschließen wir einen „Spitzenplan“, den wir durchsetzen wollen, damit Ordnung herrscht. Fast immer verfällt dieser Plan wieder. Das Gute daran ist, dass wir unsere Faulheit mit Humor nehmen und es gelassen sehen. Ob das so bleibt? Weiß niemand. Wir verstehen uns gut, erleben viel zusammen und wissen, was uns guttut und was nicht. Fahrradtouren zum Phoenix-See, mal eben in die Stadt gehen und den Secondhandladen stürmen, einen Verein anfeuern, der eigentlich gar nicht zu mir passt, und danach die beste Currywurst der Stadt essen. Das alles pflegt unsere Freundschaften, die für viele von uns jetzt schon große Bedeutung haben.

Unvergesslich bleiben

Mittlerweile leben wir mehrere Monate hier, und vieles hat sich geändert. Die Umstellung von Schule auf das Arbeitsleben war für mich durch ein paar Monate Urlaub getrennt, ich reiste um die Welt, wollte sie neu entdecken. Ich gewöhne mich an das Haus, die Umgebung, den Rhythmus, die Leute, das ausgewogene Essen namens 500-Gramm-Nudelpackung mit Fertigsoße. Ich werde akzeptiert, fühle mich wohl und habe das Gefühl, diesen Job mehrere Jahre machen zu wollen. Auch wenn ich mir vieles zu einfach vorgestellt habe, bin ich trotzdem davon überzeugt, dass dieses Jahr unvergesslich wird.

Zum Autor:

Christian Egermann (19) absolviert seinen Bundesfreiwilligendienst in der Abteilung Presse und Öffentlichkeitsarbeit in der Kirchentagsgeschäftsstelle in Dortmund.

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