Porträt

Verstehen und gestalten

Ob Klima-, Umwelt- oder Energiepolitik, es sind die großen Themen, die Wissenschaftlerin Susanne Dröge beschäftigen. Energiegeladen will die 51-Jährige etwas bewegen – im Job und im Ehrenamt.

Das Büro von Susanne Dröge sieht genauso aus, wie man sich das Büro einer Wissenschaftlerin vorstellt, die sich mit den großen Themen Globalisierung, Klimastrategien und Risiko-Governance beschäftigt. In den Regalen stapeln sich Fachbücher und Ordner, auf dem Schreibtisch türmen sich Papiere, internationale Zeitschriften und Landkarten. Hinter ihnen lugt Susanne Dröge fröhlich und energiegeladen hervor. 1967 in Hameln geboren und aufgewachsen im 350-Seelen-Ort Lichtenhagen, ist Dr. Susanne Dröge zurzeit Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. In ihr Forschungsgebiet fallen Fragen wie: Was kann die Europäische Union den negativen Auswirkungen der derzeitigen US-Politik entgegensetzen? Wie kann die Staatengemeinschaft mit ihrer Handelspolitik mehr Klimaschutz erreichen, und wie können kurzfristiges politisches Handeln und langfristige Konzepte zur Lösung der Umweltfragen zusammengehen?

Familienverbund und Naturerlebnis

Dröges Leben begann jedoch nicht im quirligen Berlin, sondern auf einem Bauernhof auf der Ottensteiner Hochebene, im Weserbergland. Ihr Vater, seit Generationen mit diesem Fleckchen Erde in Niedersachsen verwurzelt, ihre Mutter eine Vertriebene, sind beide Landwirte. Ihre Schwester ist drei Jahre jünger als sie. Und da war noch die Großfamilie. Alle wohnten in der Nähe. Cousins und Cousinen. Die Großeltern. Es gab einen großen Familienzusammenhalt, der schön und stressig zugleich war, wie sie verrät. Ihre Eltern waren Selbstversorger. Susanne Dröge erzählt begeistert davon, wie sie als Kind die Möhren aus dem Garten direkt in den Mund hat wandern lassen. „Ein unbeschreibliches Geschmackserlebnis“, kommentiert sie augenzwinkernd.

Arbeit statt Urlaub – Leben auf dem Bauernhof

Etwas nachdenklicher ergänzt sie: Das fühle sich gleichzeitig noch sehr präsent und doch auch sehr lange her an. Ernährung, Selbstversorgung und Urban Gardening, diese ganzen neuen Bewegungen vornehmlich in Großstädten, erinnern sie sehr an ihre Kindheit. Viel Arbeit sei es immer gewesen. Und mithelfen musste man auf dem Bauernhof sowieso. Urlaube mit den Eltern gab es nicht. Die Fahrerei zu Schule und zu jeglichen Aktivitäten habe sie als sehr aufwendig in Erinnerung, denn auch die Mobilität war mit der heutigen nicht vergleichbar.

Kirche als prägender Faktor

Der Faktor Kirche und Gemeinde war wichtig auf dem Land, das wenig Abwechslung für Jugendliche bot. Und so engagierte sich Dröge in der Kindergruppe oder kochte später auf Jugendfreizeiten für 20 Teenies Kartoffelbrei. Umweltthemen und der kritische Blick auf politische Entwicklungen interessierten sie schon damals. Sehr präsent sind ihr die Antiatomkraftdemos und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Nach dem Abitur zieht Dröge für eine Ausbildung als Steuerfachgehilfin in das noch geteilte Berlin. Ihr erster Eindruck von der großen Stadt: „extrem unfreundlich, kalt und grau“. Inzwischen habe sie aber ihren Frieden mit Berlin gemacht und fühle sich sehr wohl hier, sagt Dröge. Sie lebe gern mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Berlin-Zehlendorf, einem grünen Bezirk im Südwesten der Hauptstadt.

Zusammenhänge verstehen

Nach der Ausbildung steht fest, dass da „mehr kommen muss als trockenes Zahlenwerk“. Sie studiert Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, in England und in Kiel und spezialisiert sich vor allem auf internationale Themen und die Umweltökonomie. „Ich wollte schon immer den Dingen auf den Grund gehen, Zusammenhänge verstehen und gestalten“, so Dröge. Ihr erster Job führt sie nach Leipzig. Von dort geht es an das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zurück nach Berlin.

Seit 2006 ist Dröge am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit (SWP), seit 2015 dort Senior Fellow und leitete zeitweise die Forschungsgruppe Globale Fragen.

Schwerpunkt Klimawandel

Zurzeit befasst sich Susanne Dröge mit zwei großen Themenschwerpunkten:
Zum einen geht es um die die Frage, mit welchen politischen Initiativen Deutschland und die Europäische Union dazu beitragen können, das Pariser Klimaabkommen weiter umzusetzen und zu verbessern. Und was in diesem Zuge der aktuellen US-Politik entgegengesetzt werden kann. Ihr zweiter großer Arbeitsschwerpunkt sind die Folgen des Klimawandels, und hier wird sie ernst: Sie habe es nicht für möglich gehalten, dass es dermaßen schnell zu Effekten kommt, die während ihres Studiums noch Zukunftsmusik waren, konstatiert Dröge. Gletscherschmelze und häufige Wirbelstürme sind beispielsweise solche Effekte. Sie verstärken die in vielen Ländern ohnehin schon vorhandenen Probleme wie schlechte Regierungsführung, ethnische Konflikte, Wasserknappheit oder das Gegenteil, Überschwemmungen, und führen zu Migration oder tragen schlimmstenfalls zu gewaltsamen Konflikten bei.

Gefragt nach Deutschlands Rolle, spricht Dröge von einer Politik des Stillstands. Die deutsche Politik ruhe sich aus, sagt sie wütend. Auch der Umgang mit Umweltsündern beispielsweise sei inakzeptabel, was der Dieselskandal zeige.

Kirchentag: Wundertüte des Mitmenschlichen

Persönlich hat sie ihren Traumberuf gefunden, und ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten spiegeln ihr politisches Interesse und ihre christliche Überzeugung wider. 2008 übernahm sie beim Kirchentag ihre erste Projektleitung, 2011 wurde sie in die Präsidialversammlung gewählt, 2016 wurde sie Mitglied des Präsidiums. „Wenn ich mich irgendwo engagiere, dann auch richtig“, sagt Dröge – ob im Förderverein der Schule ihres Sohnes oder eben beim Kirchentag.

Am Kirchentag reize sie, dass man sein Wissen um die umweltpolitischen Herausforderungen in spannende Veranstaltungen umsetzen könne und auf Menschen treffe, die sich vortrefflich streiten können und trotzdem eine gemeinsame Basis haben. „Das ist wie eine Wundertüte des Mitmenschlichen“, sagt Dröge. Darauf freue sie sich jedes Mal wieder aufs Neue. Was sie besonders beeindruckt, ist das Umweltengagement des Kirchentages. „Mitmachen dürfen dabei fühlt sich ein bisschen wie nach Hause kommen an.“

Zur Autorin:
Sirkka Jendis ist Leiterin Kommunikation des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Chefredakteurin des Magazins „Der Kirchentag“.

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