Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Vortrag

Freiheit und Verantwortung

Die Reformation hat eine bleibende Bedeutung für die gegenwärtige Gesellschaft. Das stellte Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär schon im Oktober 2014 in ihrem Vortrag in der Weimarer Herderkiche. Wir dokumentieren diesen Vortrag hier erstmals vollständig.

Von Ellen Ueberschär

"Muss der Protestantismus sterben?", so beginnt das letzte, das Zukunftskapitel in einem kleinen Büchlein über 500 Jahre Protestantismus in Europa. Der Kirchenhistoriker Martin Greschat zitiert den französischen Religionssoziologen Jean Baubérot. Dabei kommt es beiden nicht auf die rückläufigen Zahlen der Kirchenmitglieder an, sondern auf deren Interpretation: Baubérot beklagte die Profillosigkeit des Protestantismus, seine "furchtsame Anpassung oder sogar Unterwürfigkeit" gegenüber einer selbstverständlichen Säkularisierung einerseits und gegenüber der römisch-katholischen Kirche andererseits.

Besonders die Minderheiten im Osten, Süden und Westen Europas starrten wie Kaninchen auf die Schlange des römischen Katholizismus, in Frankreich sei der Protestantismus zu leise und in Polen verzichte man auf die Ordination von Frauen. Was der französische Religionssoziologe seiner Kirche vorhielt, überträgt der deutsche Kirchenhistoriker auf den gesamten europäischen Protestantismus. Eine "entschiedene theologische Besinnung, wie das Evangelium in die moderne, säkulare Gesellschaft hinein entfaltet werden kann, sei nötig".

Das halbleere Glas

Ist der Ingrimm eine besondere protestantische Geisteshaltung? Ist das Glas auf dem evangelischen Tisch immer halbleer? Ist der articulus stantis et cadentis, der Artikel von der Rechtfertigung bei jeder ökumenischen Einigung in Gefahr? Ist das typisch evangelisch?

Ja. Es stimmt. Kurz nach der feierlichen Unterzeichnung der ökumenischen Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg wurde – pünktlich zum neuen Jahrtausend – ein umfassender Ablass ausgerufen. Sie können es einfach nicht lassen, die Römer! Aber für viele, seit Jahren engagierte Ökumenikerinnen ist diese Erklärung bis heute ein wichtiges Wegzeichen.

Ja. Es stimmt, die polnische, lutherische Synode hat die Frauenordination abgelehnt. Das hatte zur Folge, dass einige dringend gebrauchte und gute Theologinnen der Kirche den Rücken gekehrt haben. Aber: Frauen und Männer in Polen bleiben dran und über kurz oder lang wird die Frauen-Ordination eingeführt. Die polnischen Lutheraner haben Zulauf, sie integrieren Menschen, die einen aufgeklärten Glauben suchen. Wer selbstbewusste und ökumenisch offene Lutheraner erleben wollte, war Anfang Juli 2014 in Wroclaw genau am richtigen Platz, als die Breslauer Protestanten die Christlichen Begegnungstage in Mittel- und Osteuropa ausrichteten. Breslau ist eine ungewöhnlich ökumenische Stadt – und die Offenheit für die Ökumene macht die Lutherischen nicht kleiner, sondern größer. Sie werden auf Augenhöhe wahrgenommen, sie sind ein wichtiger religiöser Faktor.

30.000 bei der Protestants-en-fête

Und in Frankreich hat sich der Blick auf die starken, deutschen Reformierten auch gewandelt. Natürlich, die Abwesenheit des Religiösen im politischen Raum, der berühmte französische Laizismus, ist eine unausweichliche Faktizität. Aber zur Protestants-en-fête, der kleinen französischen Schwester des Kirchentages, kamen 2013 30.000 Menschen nach Paris, es gab einen Empfang beim Bürgermeister der Metropole und die Katholiken haben einen Sendeplatz freigeräumt für die Übertragung eines reformierten Gottesdienstes.

Der Blick auf die Deutschen wandelt sich eher zu einem mitleidigen – sicher, man ist klein im Vergleich, aber stabil. Das macht den Kopf frei für das religiöse Leben und die sozialen Aufgaben, insbesondere in der Millionenstadt Paris. Stellenabbau und Fusion sind im französischen Protestantismus im Moment kein Thema.

Ereignis von Weltrang

Die Evangelische Kirche in Deutschland weiß um die protestantische Versuchung des halbleeren Glases. Deshalb vermeidet sie momentan alles, was sie nur annähernd in den Verdacht bringen könnte, eine Politik des halbleeren Glases zu betreiben. Ereignis von Weltrang – gern und häufig wird die Formulierung des Deutschen Bundestages von 2011 zitiert. Weltrang! Das klingt nicht nach status confessionis und unterwürfiger Anpassung. Soll es auch nicht.

"Mit einem solchen Ereignis", so heißt es in einem Grundlagentext der EKD, "kann besonders gut an die Bedeutung der Reformation für die neuzeitliche Freiheitsgeschichte erinnert werden". Wer wollte bestreiten, dass die Freiheit das ganz große Versprechen der Moderne ist, das bis heute Menschen fasziniert und mobilisiert, das ersehnt, erträumt, herbeidemonstriert, verteidigt und gelebt wird. Rechtfertigung sozusagen auf den Punkt gebracht: Freiheit als Kern und Schlüssel zum Verständnis der 500 Jahre Reformation. "Kraftvolle Geschichten", so heißt es, "sollen erzählt werden." Weltrang! Von einer Untergangsstimmung des Protestantismus ist nichts zu hören, von den charakteristischen protestantischen Zweifeln am Überleben wenig.

Die EKD tut alles, um nicht nur die Protestantinnen und Protestanten, sondern ganz Deutschland und Europa in Feierlaune zu bringen. Aber wie es so kommt – die guten Absichten sind schon getrübt: Da bringt der Rat der EKD, immerhin das höchste Gremium des deutschen Protestantismus, eine Schrift heraus, die einfach nur erklären will, warum 500 Jahre Reformation ein Grund zum Feiern sind. Kaum ist das Büchlein mit dem großen Titel "Rechtfertigung und Freiheit" auf dem Markt, bricht ein Streit unter Theologen und Theologinnen aus.

Fröhliches Bewusstsein

Dabei zählten die Fachleute gar nicht zur angesprochenen Zielgruppe. Vielmehr soll evangelischen Christenmenschen das fröhliche Bewusstsein vermittelt werden, dass die Rechtfertigungslehre Martin Luthers noch aktuell und die Freiheit ein hohes Gut in Kirche und Gesellschaft ist. Trotzdem: Streit zwischen Professorinnen und Professoren, zwischen Universität und Kirche und zwischen den Konfessionen. Gott sei Dank nicht wie vor 500 Jahren mit Bannandrohungen, Vogelfreiheit und Kriegserklärungen, sondern gesittet und schriftlich. Worum geht es?

In diesem vielfältigen und vielstimmigen Streit wird um das Erbe der Reformation gerungen. Ein bisschen wirkt es so, als hätten Einige nur darauf gewartet, endlich ein Testament zu haben, um das gestritten werden kann. Denn beim Thema Testament und Erben wird es immer schwierig – das weiß man aus vielen Erbstreitigkeiten anderer Familien.

Interessant an diesem Streit ist, dass er um DIE Reformation geht. Wie eine wiederentdeckte Erbtante, deren verstaubte Möbelstücke nicht so recht in die moderne Wohnung zu passen scheinen, deren Erbe man aber nicht vollständig ausschlagen kann, weil viel Kapital daran hängt. Alte Vorwürfe über das streitlustige Wesen der alten Tante leben wieder auf, obwohl keiner sie persönlich gekannt hat. Die Erbenkel sind verstreut in aller Welt, die Familien haben sich auseinandergelebt, viele interessieren sich überhaupt nicht für die verstaubten Restbestände, was wiederum andere Familienmitglieder zur Verzweiflung bringt. Einige Entschlossene haben Staubwedel herbeigeholt und sind dabei, die gute Stube wieder in den Mittelpunkt der familiären Aufmerksamkeit zu rücken. Zur modernen Einrichtung will das aber gar nicht passen und so ist dieser Familie der Spott der Basen und Vettern gewiss.

Die Reformation bleibt unvollendet

Es ist unmöglich, das weitläufige Erbe zwischen Kirche, Theologie, Politik und Kultur auf einmal in den Blick zu nehmen. Es ist auf der anderen Seite auch unmöglich, eine einzige Person oder einen einzigen Tag oder eine einzige Botschaft aus dem Rauschen der historischen Stimmen herauszuheben.

Es fällt uns leicht, die Einlinigkeiten vergangener Jahrhundertfeiern zu erkennen. Wir erschrecken, oder amüsieren uns über die geistigen Verengungen unserer Vorfahren und sind doch in der Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen. Das, was wir heute als Reformation zusammenfassen, ist überformt durch Aufklärung, Erweckung, Nationalismus, durch die zivilisatorischen Brüche und ökumenischen Aufbrüche des 20. Jahrhunderts. Versuchen Sie einmal, durch fünf verschiedene Brillen gleichzeitig zu sehen – am Ende ist nur verschwommen zu erkennen, was sie eigentlich scharf sehen wollten. Es gibt historisch-kritische Forschung – ja. Aber seit es sie gibt, klagen Historiker darüber, dass ihre Erkenntnisse nicht in die kollektive, das gesellschaftliche Handeln bestimmende Erinnerungskultur eingehen.

Was aber feststeht: Da ist etwas, das alle 100 Jahre spüren lässt, dass eine europäische Zäsur auf uns zukommt. Man kann die Reformation nicht nicht erinnern. Irgendetwas ist immer noch offen. Dieses Etwas kann nicht zu den Akten gelegt werden, zum Beispiel das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dessen wir nicht gedenken, verschwunden im Dunst der Geschichte, längst vollständig historisiert. Nicht so die Reformation. Meine These, ich sage sie vorweg: Die Reformation blieb und bleibt unvollendet. Und gerade in diesem Unvollendeten liegt ihr Potenzial.

Es sind diese Erbstücke, die noch da sind, die aufgegriffen und erneuert werden, die immer wieder zu Maßstäben für protestantisches Denken und Handeln werden – Vom schillernden Begriff der Freiheit und von der typisch protestantischen Verantwortung in der Nähe zur Politik soll hier die Rede sein. Zunächst aber:

Vom produktiven Streit und den Potenzialen einer unvollendeten Ökumene

Der Streit scheint eine genetische Programmierung der Reformation. Wer sich mit ihr beschäftigt, gerät in seinen Sog. Die Reformatoren selbst waren zeitweilig mehr mit dem Streit untereinander beschäftigt als mit dem Streit gegen die sogenannten Altgläubigen und Verteidiger der römischen Papstkirche.

Der reformatorisch qualifizierte Streit beendete die Regel: roma locuta. causa finita. Damit war es ein für allemal vorbei. Streit war der Motor der Reformation. Martin Luther betritt die historische Bühne mit einer Streitschrift gegen den Ablass. Er selbst fand das Streiten ganz normal und beschied: "das die kirch solt regieret werden on streyt ... wie der bapst maint, das ist nit möglich."

Im Akademischen hatten Streitgespräche auch vorher schon eine lange Tradition. Aber dass aus ihnen ein praktisches Handeln folgte, dass eine Position nicht aus intellektueller, sondern aus existenzieller Überzeugung vertreten wurde – das war neu und das war das Charakteristikum des reformatorischen, auch des innerreformatorischen Streits. Gestritten wurde um die Gnade Gottes, um das Abendmahl, um Politik und Religion, um die Taufe, das Schriftverständnis und den menschlichen Willen. Gestritten wurde in Worms, in Heidelberg, in Leipzig, in Wittenberg, Marburg und anderswo wurde weitergestritten. Das "Medienereignis" Reformation trug den Streit mit Hilfe der Flugschriften bis in die letzten Winkel des Reiches.

Schmerzliche Begleiterscheinung

Betrachten wir die reformatorischen Streitigkeiten als schmerzliche Begleiterscheinung eines keineswegs friedfertigen Epochenwandels und sprechen dann davon, dass der Leib Christi seither "aus allen Wunden blutet", dann bleibt der reformatorische Streit ein nicht integrierbares Möbelstück einer unverstandenen und zänkischen Erbtante namens Reformation. Dann hätten wir ihr vorzuwerfen, dass diese harte Streitkultur dem Evangelium von der Versöhnung im Grundsatz widerspricht. Dann hat der von Luther zitierte Papst recht, dass ein Streit in der Kirche nichts zu suchen hat. Das alles sind berechtigte Argumente.

Aber bei genauem Hinsehen waren es die Streitgespräche, die Entscheidungen brachten, Annäherungen an die Wahrheit, nach der leidenschaftlich gesucht wurde. Der ausgetragene Streit half, die Konturen einer neuen Theologie und religiösen Praxis herauszuarbeiten, Positionen zu verwerfen und andere als geltend zu markieren. Die großen reformatorischen Streitgespräche markierten wichtige historische Stationen. Wohin sie führten und wie das zu bewerten ist, obliegt wiederum bis heute einem Streit.

Keine vorbildliche Streitkultur

Vorbildlich war die Streitkultur der Reformatoren keineswegs. Die Unversöhnlichkeit der Meinungen, die Kompromißlosigkeit, mit der die Wittenberger, aber auch die Genfer, ihre Positionen durchzusetzen suchten, taugen kaum als Vorbilder für heute. In Marburg schnitzte Martin Luther das lateinische Wort "est" in das Holz des Verhandlungstisches, um sein Verständnis der Wandlung von Leib und Blut Christi zu demonstrieren, in Wittenberg inszenierte er die erste Bücherverbrennung, in der er symbolisch die Vernichtung der verhassten Papstkirche vollzog. In Genf entschloss man sich, den Streit mit Michael Servet über die Trinitätslehre dadurch zu beenden, dass man ihn auf dem Scheiterhaufen brennen ließ, allerdings im Einvernehmen mit der katholischen Geistlichkeit.

Auch war die Etablierung einer gepflegten, dem Evangelium der Versöhnung angemessenen Streitkultur keineswegs das Anliegen eines Martin Luther. "Das Gebot der Feindesliebe … war für Martin Luther persönlich sicherlich die größte Glaubenshürde" merkt die Historikerin Ulinka Rublack nachdenklich an. Es ging um die ganze Existenz, um die Reform der ganzen Kirche, um die ganze Wahrheit: Schwarz oder Weiß, Entweder-Oder, Ja oder Nein. Aber gerade weil der Streit so eine Kompromisslosigkeit annahm, gerade weil so existenziell und leidenschaftlich auf Fronstellungen beharrt wurde, kippte das Ganze irgendwann. Das gesellschaftliche und religiöse Gefüge des Mittelalters veränderte sich. Konfessionen entwickelten sich, die die jeweils Anderen gelten lassen mussten, ein Zwang zur Toleranz entfaltete sich bis zur Anerkennung der Tatsache, dass eine Konfession die Wahrheit nicht allein besitzt. "Es ist eine Moderne strikt gegen, aber nur durch Luthers Willen entstanden." Warum aber hat sich der Streit dann nicht gleich mit erledigt? Warum ist dieser nicht auch in sein Gegenteil gekippt?

Die Glut lässt sich wieder entfachen

Weil die Reformation unvollendet blieb. Andere gehen soweit zu sagen, weil die Reformation gescheitert ist, nämlich jene Reformation, die die ganze Kirche verändern wollte, jene Reformation, die die Wahrheit über Gott und die Welt durchsetzen wollte. Die Reformation ist unabgeschlossen, ihre Glut lässt sich wieder entfachen, die Suche nach der Wahrheit hat sich noch nicht erledigt, auch wenn es im heutigen Europa Denkrichtungen gibt, die diese Suche für überflüssig erklärt haben, weil sie finden, dass die Moderne ohne Wahrheiten auskommt.

Schaut man genauer hin, dann wird aber in genau dieser Moderne um die Säkularisate der reformatorischen Themen gestritten: Statt um Rechtfertigung um soziale Gerechtigkeit, statt um Gnade um das selbst gewählte Lebensende, statt um die theologische Kompetenz der Laien um Bildung und Demokratie. Das wiederum heißt: Ein relevanter Streit ist einer, der um Wahrheit ringt und säkular übersetzt heißt das: um Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens. Aber: Der Streit muss heute einen Weg zum Kompromiss kennen – das ist die Goldader der Demokratie und des friedlichen Zusammenlebens. Kompromisse schließen zu können, ist eine Lernerfahrung aus den blutigen Jahrhunderten nach der Reformation.

Welche Wege es gibt, den Streit beizulegen, dazu schweigen die Reformatoren. Luther ist uns keine Hilfe. Den Weg finden zwischen streitbarem Protestantismus, freimütiger, offener Debatte in unserer eigenen Kirche und der Suche nach tragfähigen Kompromissen und echter Bereitschaft zur Versöhnung mussten und müssen wir selbst finden. In Sachen Ökumene hat diese Suche mehr als 400 Jahre gedauert, bis die Goldader aufgetan wurde: Die Ökumene ist ein Kind des 20. Jahrhunderts.

Drei Schritte zur Ökumene

Das liegt an drei Begebenheiten: Erstens ist das Jahr 2014 nicht nur das Jahr der Erinnerung an den Beginn des 1. Weltkriegs, es ist auch das Jahr der Erinnerung an die erste ökumenische Konferenz in Konstanz, den zaghaften Beginn einer internationalen christlichen Verständigung. Zerrissen von Kriegsbegeisterung und Kanonendonner musste die Tagung abgebrochen werden, aber die damals 70 Teilnehmenden waren dennoch von der Gültigkeit der "christlichen Idee des Friedens und der Versöhnung" überzeugt. Genau diese Idee war es, die 1948 bei der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen Pate stand. Diesmal waren es Delegierte aus 147 Kirchen, die die Idee von Frieden und Versöhnung weiterentwickelten zu einem Konzept der christlichen Verantwortung für die Gesellschaft.

Die zweite große Veränderung in der kirchlichen Landschaft des 20. Jahrhunderts war das 2. Vatikanum. Am 21. November wird in ganz Deutschland eingeladen zum 50. Jubiläum der Verabschiedung des Konzilsdokumentes "unitatis redintegratio", das die jahrhundertelange Weigerung des Vatikans, überhaupt an ökumenischen Gesprächen teilzunehmen, beendete.

Der dritte Meilenstein wurde 1973 gesetzt, als sich auf dem Schweizer Leuenberg reformatorische Kirchen zusammenfanden, um sich gegenseitig Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft zu gewähren. Erst seit dieser vergleichsweise kurzen Zeit ist es möglich, dass so gut wie alle reformatorischen Kirchenchristen gemeinsam an einem Abendmahlstisch zusammenkommen. Überwundender Streit im Geist der Reformation.

"Die Adventistin hat die Wäsche draußen!"

Über Jahrhunderte funktionierte die kulturelle Selbstverständigung vor allem in Deutschland über die Abgrenzung gegenüber anderen Konfessionen. Meine eigene Großtante berichtete mir davon, wie sie in den 1930er Jahren mit ihrer Magdeburger Volksschulklasse die katholischen Jungen versemmelt hatte. Und meine Großmutter konnte noch in den 1970er Jahren beim sonntäglichen Blick aus ihrem sächsischen Küchenfenster empört ausrufen: "Die Adventistin hat die Wäsche draußen!"

Gegen dieses Erbe der Reformation, das selbstverständlich auch in intellektuellen Höhenlagen zu haben war und ist, gegen dieses Feststecken in konfessionalistischer Kleingeistigkeit, stritt Reinold von Thadden, der Gründer des Kirchentages. Beeindruckt von den Vorbereitungen zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, gezeichnet vom Desaster des Nationalsozialismus, gab er seiner Idee ein Symbol, das noch heute das Markenzeichen des Evangelischen Kirchentages ist. Als Zeichen, Logo wählte von Thadden das Jerusalemkreuz, weil darin vier kleine unter einem großen Kreuz vereint waren: Für von Thadden standen die kleinen Kreuze für die Einheit von lutherischen, reformierten, unierten und altkatholischen Kirchen.

Das bedeutete keineswegs, dass von Thadden sich für die evangelisch-römisch-katholische Ökumene nicht interessierte – im Gegenteil, seit Beginn der 1950er Jahre pflegte er enge Kontakte zum damaligen Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und 1957 wurde vereinbart, Katholiken- und Kirchentage alternierend zu feiern. Seitdem gehört dem Kirchentag das ‚krumme‘ und dem Katholikentag das ‚gerade‘ Jahr.

Weit entfernt vom Dialog

Die interkonfessionelle Debatte der letzten Monate gibt allerdings den Blick frei auf Gegenläufiges. Da feiert sie Auferstehung, die zänkische Alte mit ihren Abgrenzungen, Empörtheiten und politischen Winkelzügen, weit entfernt von konstruktivem Dialog, weit entfernt auch vom selbst auferlegten ökumenischen Konsensprinzip.

Zwar betonte die EKD-Schrift über Rechtfertigung und Freiheit, es solle 2017 im ökumenischen Geist gefeiert werden, lässt dann aber die Ergebnisse der typisch europäischen Ökumene der Konsenspapiere unter den Tisch fallen. Die Reaktionen der römischen Seite ließen nicht lange auf sich warten. Der Grandsenior der katholischen Ökumene, Walter Kasper, zeigte sich enttäuscht über das Verschweigen ökumenischer Erfolge; Wolfgang Thönissen, eigentlich ein eingefleischter Ökumeniker des deutschen Katholizismus, forderte daraufhin, bis auf weiteres keine Einladung der Evangelischen zum Mitfeiern anzunehmen. Die Hans-Küng-Nachfolgerin Johanna Rahner ließ aus Tübingen verlauten, die Evangelischen litten unter Profilneurose. Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann wagte sich bereits an die positive Deutung, dass die theologischen Auseinandersetzungen "doch geradezu die kreative Kraft der konfessionellen Differenz" zeigten.

Nein. Diese Art Auseinandersetzung ist kein Ereignis von Weltrang, nicht annähernd hat sie mit den existenziellen Auseinandersetzungen der Reformation etwas gemein. Hier feiert sich das Erbe kleingeistiger Konfessionalisierung, die heute als Profilierung neu aufgelegt wird.

Hier wird um die Deutung gestritten, nicht um die Bedeutung der Reformation. Dieser Streit wird weder den Reformationsfeierlichkeiten 2017 zugute kommen, noch die Position von Christinnen und Christen in dieser Gesellschaft stärken.

Jedes gute Jubiläum ist ein Gedenken

Auch die taktisch aufgebaute Alternative zwischen Gedenken an die Reformation einerseits und Jubiläum andererseits ist in Wahrheit keine. Jedes gute Jubiläum ist auch ein Gedenken. In unserem Evangelischen Gesangbuch steht der 31. Oktober als Tag des Gedenkens an die Reformation. Taktisch aufgebaut ist die Alternative, weil sie eigentlich der Überzeugung ist, Martin Luther habe die Kirche gespalten und es gäbe nichts zu feiern. Wer der Reformation ausschließlich nur gedenken und die Spaltung betrauern will, muss notwendigerweise alle Multikonfessionalität, Toleranz und Pluralität bedauern, wenn wir davon ausgehen, dass diese von der Reformation zumindest angestoßen wurden. Das scheint mir eine unzulässige Rückzugsposition zu sein. Es gibt diese Alternative zwischen Gedenken und Jubiläum nicht.

Der Magdeburger katholische Bischof Gerhard Feige erspart uns nicht die Kontroverse. Aber nach den Brechungen und Metamorphosen des lutherischen und des römisch-katholischen Kirche-Seins lautet seine Empfehlung: "Entgegen mancher konfessionalistischer Klischees, … sollte man diese Veränderungen wahrheitsliebend und nachhaltig zur Kenntnis nehmen." Da ist es, das kleine Wörtchen Wahrheit, das als Kriterium für jeden theologischen Streit zu gelten hat. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, resümiert er, dass sich die katholische Kirche von der Gegenreformation verabschiedet und auf den Weg einer Mit-Reformation gemacht hat.

Mitreformation

Mitreformation – eines der konstruktiven Deutungs-Angebote, die herausführen aus dem Deutungsstreit und den Weg frei machen für gemeinsames Gedenken und Jubilieren. Im 25. Jahr des Mauerfalls gibt es zum Beispiel Grund zum Feiern und zum Gedenken gleichermaßen. Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen hatten maßgeblichen Anteil an der friedvollen Überwindung der kommunistischen Diktaturen – weil die durch Jesus Christus erworbene Freiheit in ihnen allen Kräfte freigesetzt hat, den Freiheitsbedrohungen und -beraubungen der Diktaturen zu widerstehen.

Die Friedliche Revolution in der DDR, die Solidarnosc-Bewegung in Polen, die interkonfessionelle Unterstützung der Botschaftsflüchtlinge in Ungarn – all das waren Zeichen der Wahrheit, die das unabgegoltene Potenzial der Reformation aufscheinen ließen. Wenn 2017 die Wiederentdeckung von Freiheit und Gerechtigkeit als Kernanliegen christlichen Glaubens gefeiert werden sollen, dann sind hier genügend Zeuginnen und Zeugen der Wahrheit zu befragen.

Die Konfessionen in Deutschland stehen sich nicht gegenseitig in der Schuld, sondern miteinander in einer Verantwortungsgemeinschaft. Ökumene heißt heute Verantwortungsgemeinschaft für das Erbe und die Zukunft des Christentums, für die Wahrheit, die die Grundlagen unseres Zusammenlebens bestimmt. Johanna Rahner ist der Meinung: zu beschreiben, was protestantisch ist, gelänge nicht, ohne sich am Katholizismus abzuarbeiten. Ja, genau. So ist es. Und umgekehrt ist es nicht anders. Keine Konfession kann sich selbst ohne die andere beschreiben. Das ist kein Defizit, sondern das Erbe der Reformation und der Mitreformation und ein Zeichen ihrer ausstehenden Vollendung.

Politiknahe Verantwortung

In den Schulen der DDR wurde häufig und gern das Kampflied der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gesungen – aufrüttelnde Marschmusik und am Ende der ersten Strophe das letzte Wort: Freiheit. Ich erinnere eine Szene, 1987, in der überfüllten Berliner Erlöserkirche. Friedenswerkstatt. Eine Art szenische Lesung wurde aufgeführt. Gespannte Stille auf das, was zwischen den Zeilen deutlich zu lesen sein würde. Noch geschah nichts auf der Bühne vor dem Alter. Dann erklang. Leise, die Melodie des Spanienkämpferliedes – und stoppte jäh vor dem letzen Wort. Jede und jeder hatte sofort verstanden. Die Kirche bebte vor dem johlenden Applaus und dem aufbrausenden Trampelgeräusch auf den alten Holzdielen. Sie hatten verstanden. Natürlich. Sensibilität für die Freiheit entwickeln Menschen dann, wenn sie sie nicht haben.

Heute scheint sich die Freiheitssehnsucht in ihr Gegenteil verkehrt zu haben. Volker Braun, "Provokateur und Parteigänger, Außenseiter und Aushängeschild" unter den Schriftstellern der DDR, notierte zu Beginn des neuen Jahrtausends in sein Tagebuch: "Freiheit, so lautet das neue Verschleierungs- und Totschlagwort." Krieg im Namen der Freiheit; Freiheit, sich selbst das Leben zu nehmen; Freiheit zur Rücksichtslosigkeit, Freiheit, Steuern durch Hinterziehung zu sparen, Freiheit, der Gier freien Lauf zu lassen.

Was das Wort von der Freiheit angeht, sollten wir – wie einst Luther – dem Volk aufs Maul schauen. Der Begriff von der Freiheit eines Christenmenschen ist heute tief vergraben unter dem volkstümlichen Missverständnis, dass Freiheit immer die Freiheit VON etwas ist. Für Viele im Osten klingt der Freiheitsbegriff wie ein Hohn – Freiheit war das Versprechen von 1989, die Antithese zur unfreien Gesellschaft und zur Bevormundung. Das Pathos der Freiheit ist dem Volk in den Kerngebieten der lutherischen Reformation zur Bindungslosigkeit in aller Selbstmächtigkeit mutiert. Das löst Ängste aus und beschädigt die Freiheit, zumal die christlich Gemeinte, die so in ihr Gegenteil umschlägt.

Geschenkte Freiheit

Die christliche Freiheit ist nicht selbstmächtige, sondern geschenkte Freiheit. Die Last der Sünde, der Lebensbrüche und Gottesentfernungen soll uns nicht niederdrücken, weil Christus sie trägt. Jesus Christus hat die Freiheit vom Joch der Sünde für uns erworben. Freiheit ist Gnade und in diesem Sinne ruft Paulus den Galatern zu: So steht nun fest in dieser Freiheit und seht zu, dass ihr nicht wieder fallt. (Gal 5,1) Nicht unter das Joch der Sünde zu fallen, heißt auch, sich an Christus zu binden, in seiner Nachfolge zu leben. Es ist dieses voraussetzungsvolle Freiheitsverständnis, das Martin Luther in seiner berühmten Freiheitsschrift aufnahm: Ein Christ ist nicht nur ein freier Herr oder eine freie Frau über alle Dinge, sondern auch ein Knecht oder eine Magd von jedermann und jederfrau.

Dies ist die Freiheit, sich nicht abhängig zu machen von den Anpassungs- und Sachzwängen dieser Welt, sondern in der Bindung allein an Jesus Christus frohe Befreiung zu erfahren aus den gottlosen Bindungen dieser Welt, wie es 1934 in Barmen gesagt, wie es in den Jahren um 1989 vielfach wiederholt werden konnte. Aber selbst diese Freiheit lädt ein zum Missbrauch. Schon Luther musste das bei seinen Stippvisiten im Land feststellen: "… welchen Jammer habe ich gesehen, dass die einfachen Leute doch so gar nichts wissen von der christlichen Lehre … und leider sind viele Pfarrherrn sehr ungeschickt und untüchtig zu lehren ... Die Christen können … weder das Vaterunser noch das Glaubensbekenntnis oder die 10 Gebote … Wo nun das Evangelium gekommen ist, haben sie ... fein gelernt, alle christliche Freiheit meisterlich zu missbrauchen." Nach dieser Ernüchterung schrieb Luther den Kleinen Katechismus.

Nicht immer Vorreiter

Zwischen dem reformatorischen Freiheitsverständnis und heute liegt die lange europäische Freiheitsgeschichte, liegt Kants Aufforderung, den eigenen Verstand zu benutzen und sich von kirchlicher und politischer Bevormundung zu befreien, liegt die Französische Revolution und die Befreiungsgeschichte von faschistischen und kommunistischen Diktaturen. Es ist kein Geheimnis, dass die Kirchen nicht immer als Vorreiter und Kämpfer für Freiheit und Befreiung aufgetreten sind, dass sie gegenüber dem neuzeitlichen Gedanken der freiheitlichen Menschenwürde lange Zeit blockierend gewirkt haben. Katholiken und Protestanten gemeinsam.

Das moderne Freiheits- und Würdeverständnis wurde als "titanisch-sündhafter" Autonomiewillen von kirchlichen Autoritäten abgelehnt. Die scharfe theologische Kritik des Menschenrechtskonzeptes gehörte zu den Mehrheitspositionen in beiden Großkirchen des 19. Jahrhunderts. Hier haben beide Konfessionen in mitreformatorischer Gemeinschaft einen tiefgreifenden Lernprozess durchgemacht. Überall da, wo Menschenrechte verletzt werden – und oft genug sind es heute die Menschenrechte von Christinnen und Christen – erheben Kirchen ihre Stimme.

Sie haben gelernt, dass die Gegenbegriffe zur Freiheit Angst und Abhängigkeit lauten. Ängste und vermeintliche Abhängigkeiten zu erkennen und zu überwinden, ist zum christlichen Selbstverständnis geworden. So wäre es angemessener, nicht den schillernden Begriff der Freiheit an sich als reformatorisches Schlüsselwort zu begreifen, sondern evangeliumsgemäß und evangelisch ist der Mut zur Freiheit. Christlich verstandene Freiheit braucht Mut. Daran ist sie zu erkennen. Alles andere ist nach christlichen Maßstäben verantwortungslos.

Kurzformel reformatorischen Selbstverständnisses

Mut zur Freiheit und Mut zur Verantwortung – so könnte eine Kurzformel reformatorischen Selbstverständnisses lauten, das nicht auf die lutherische Tradition eingeschränkt ist. Aber in ihr ist das Verständnis für Verantwortung, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, besonders stark verankert. Das muss nicht verwundern angesichts der reformatorischen, provisorischen Lösung, dass der jeweilige Landesherr auch die bischöflichen Aufsichtsfunktionen wahrnahm.

Diese Lösung war wie alle Provisorien von langer Dauer: etwa 400 Jahre. Seitdem ist die evangelische Kirche in Deutschland auf der Suche nach der richtigem Verhältnis von Staatsnähe und Staatsferne, hat sich von der Staatskirche hin zur Volkskirche entwickelt, und auch dieses Modell scheint gerade an sein Ende zu kommen. Kommt damit auch die Verantwortung für das Gemeinwohl als kirchlicher Auftrag, als das wichtigste Merkmal der Volkskirche, an sein Ende?

Protestantischer Gouvernementalismus

Kurt Nowak, viel zu früh verstorbener Kirchenhistoriker in Leipzig, hat diese Verknüpfung des kirchlichen Selbstverständnisses mit der Orientierung am Staat als "protestantischen Gouvernementalismus" qualifiziert. Gegenüber dem kirchlichen Kurs in der DDR stellte er die kritische Frage, ob nicht im Anspruch, als Kirche für das Ganze zu sorgen, eine "Bewusstseinsfalle der volkskirchlichen Tradition" aufgestellt sei. Denn in dieser Sorge um das Gemeinwohl sahen sich die Kirchen in der DDR an den sozialistischen Staat gewiesen.

Wollten sie ihren Auftrag erfüllen, den sie zunehmend als stellvertretendes politisches und gesellschaftliches Eintreten für die Bürgerinnen und Bürger auffassten, mussten sie sich um ein einigermaßen pflegliches Verhältnis zur Führungselite der DDR bemühen. Aber war denn das Gegenüber der Kirchenführer in der kommunistischen Diktatur überhaupt ein "Staat im strengen Sinne"? Hatten es die Kirchen nicht vielmehr mit einer Machtelite zu tun, deren ganze Erbärmlichkeit im Herbst 1989 ans Licht gezerrt werden konnte? Nowak überlegte, ob nicht die Kirchen andere intermediäre Organisationen wie Gewerkschaften und Parteien hätten ermutigen müssen, ihre Aufgaben der politischen Willensbildung wahrzunehmen, anstatt ein stellvertretendes politisches Mandat für die Bürgerinnen und Bürger ausüben zu wollen.

Blick in die Sozialinitiative

In der Bundesrepublik war die Gewiesenheit der Kirchen an den Staat von Anfang an unproblematisch. Wer nach Äußerungen der kirchlichen Verantwortung für die soziale und wirtschaftliche Lage sucht, kann die neue Sozialinitiative beider großer Kirchen vom Mai diesen Jahres zur Hand nehmen. In bewussten Rekurs auf die Anfänge der Bundesrepublik nimmt die Sozialinitiative bei Alfred Müller-Armacks Definition einer sozialen Marktwirtschaft ihren Ausgangspunkt. Die Kirchen können nicht anders, als nachdrücklich eine Wirtschafts- und Sozialordnung zu unterstützen, die diesem Land ein hohes Maß sowohl an wirtschaftlichem Wohlstand als auch an sozialer Stabilität beschert" hat. Diese Ordnung zu unterstützen, dafür sehen sich die Kirchen auch im Jahr 2014 in der Verantwortung. Staat und Kirche arbeiten – in je unterschiedlichen Gestaltungssphären – an derselben Aufgabe, der Herstellung und Erhaltung des Gemeinwohls.

Die Sozialinitiative findet genau für diesen Zusammenhang den Begriff "unsere gemeinsame Verantwortung". Von einer gleichsam höheren Warte aus fordern die Kirchen "engagierte Christen und Verbände innerhalb unserer Kirchen oder Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen" auf, sich an der Diskussion über "unsere gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft zu beteiligen."

"Unsere gemeinsame Verantwortung" erscheint wie ein terminus technicus, der die wechselseitige Bezogenheit von Staat und Kirche zum Ausdruck bringt. Was aber, wenn dieses Selbstbild der wechselseitigen Bezogenheit von Staat und Kirche der Realität in einer multireligiösen und säkularisierten Gesellschaft nicht mehr entspricht? Schnappt hier vielleicht auch die Bewusstseinsfalle volkskirchlicher Tradition zu? Greift hier das, was Kurt Nowak den protestantischen Gouvernementalismus, also die Staatsförmigkeit der evangelischen Kirche genannt hat? Bei der Kirche im Sozialismus bestand die Bewusstseinsfalle darin, die Frage nicht zu stellen, ob denn der Staat überhaupt ein Staat im Vollsinn war und nicht eine auf militärische Macht gestützte Herrschaft einer kleinen Oligarchie.

Das Kleid ist zu weit geworden

Heute ist die Frage, ob die Kirche sich als Gegenüber zum Staat oder als Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft versteht. Auf manchen Dörfern Brandenburgs, das hat Frank Schürer-Behrmann, Superintendent in Fürstenwalde, nüchtern verdeutlicht, ist der Einfluss der Christinnen und Christen größer, wenn sie sich als ein zivilgesellschaftlicher Akteur unter mehreren verstehen. Das mag sich in Hannover anders anfühlen, aber das staatsförmige Kleid, das die Kirchen tragen, ist mancherorts längst zu weit geworden. Der Ton, den sie anschlagen, ist möglicherweise zu hoch für die gesellschaftliche Position, in die die Kirchen inzwischen de facto, wenn auch nicht de jure, geraten sind. Denn die globalen Veränderungen des politischen und ökonomischen Machtgefüges, das die Kirchen in ihren Sozialpapieren sehr genau analysieren, sind an ihnen selbst nicht vorbeigegangen.

Die Kirchen unterliegen – um mit Hölderlin zu sprechen – einem Werden im Vergehen. Frühere Konsense sind unterspült, die Autorität der Kirchen in ethischen Belangen ist durch selbstverursachte sowie durch nicht steuerbare Prozesse aufgeweicht. Der hohe Ton des sozialethischen Mandats unterliegt zunehmend einer Tonprobe, die es bis vor kurzem in dieser Deutlichkeit nicht gab. Ich nenne sie die Glaubwürdigkeitsprobe.

Glaubwürdigkeit, das eigene Tun zum Maßstab des eigenen Redens machen – das ist im zivilgesell-schaftlichen Umgang normal, für die Kirchen ist es relativ neu und vor allem existenziell. Matthias Drobinski, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, hält die Glaubwürdigkeitsprobe für eine Folge abnehmender Bindung an die Kirchen, es könnte auch ein Teil der Demokratisierung und der Pluralisierung orientierender Angebote sein. Langsam aber stetig werden die Kirchen auch in Deutschland auf einen Markt gedrängt, auf dem sie sich behaupten müssen.

Verantwortung wahrnehmen

Je länger, je mehr steht in Frage, ob die Staatsbezogenheit lutherischer Tradition noch das Leitbild einer Kirche sein kann, die sich auf diesem Markt behaupten, die sorgsam mit ihrem Glaubwürdigkeitskapital umgehen muss und nicht in die volkskirchliche Falle tappen darf. De jure ist das Staat-Kirche-Verhältnis nicht auf einen pluralen Markt religiöser und sozialethischer Orientierungen ausgelegt. De facto aber entwickelt sich seit Längerem eine Vielfalt von Religion in der Zivilgesellschaft, einschließlich der Realität fast "volkskirchlicher" A-Religiosität im Osten des Landes.

Dennoch werden die Kirchen Verantwortung wahrnehmen können. Das Provisorium der staatsnahen Gemeinwohlverpflichtung wandelt sich zum Potenzial der unvollendeten Reformation, setzt Kräfte frei, die nach neuen, politiknahen, aber staatsferneren Formen der Verantwortungsübernahme suchen. Die Kirchen werden staatsferner werden, aber politiknah bleiben. Sie werden Mut zur Freiheit von liebgewordenen Traditionen aufbringen müssen und ihre Verantwortung in der Nähe zur Politik wahrnehmen.

Reformation – Die Unvollendete

Wer ein Ereignis von Weltrang feiern will, muss damit leben, dass alle Welt mitfeiern möchte und alle Welt Ansprüche auf Mit-Urheberschaft erhebt. Nicht alle werden berechtigt sein, aber viele! Vor allem die unserer Mitchristinnen aus den anderen Konfessionen. Wenn uns Angst im Griff hält, das eigene Profil zu verlieren oder gar auszusterben, dann sind das eher Anzeichen einer Gefangenschaft in der Angst als einer Freiheit in Christus. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts sprechen eine andere Sprache: Zu den Zeiten politischer Unterdrückung haben Christen, egal welcher Konfession, gemeinsam zur Überwindung der Unfreiheit beigetragen. Glaubwürdigkeit beweisen Christinnen und Christen weniger in der abgrenzenden Profilierung als im gemeinsamen Zeugnis auf Augenhöhe. Diese ureuropäische Erfahrung sollte endlich Platz greifen in den Köpfen kirchlicher Entscheidungsträger aller Couleur.

Reformation in den Kategorien des 21. Jahrhunderts ist die immer kritische Position gegenüber aktueller Weltdeutung und Weltgestaltung. Reformation heute ist das beständige Fragen, ob geglaubte Überzeugungen noch gelebte und lebensdienliche Praxis sind; ob die Kriterien der Nachfolge noch über ihre entscheidende und unterscheidende Kraft verfügen. Das Potenzial des Reformatorischen liegt in der Freimütigkeit, in der wir in unserer Kirche miteinander umgehen, in der wir nicht den gespielten Konsens pflegen, sondern im Ringen um die Wahrheit wachsen.

Ein Christentum, dem diese grundlegend kritische Position abhanden kommt, kann sich nicht mehr reformatorisch nennen. Im Übrigen ist ein selbstgenügsames Christentum von Sören Kierkegaard schon vor 200 Jahren kritisiert worden: Die Christenheit, so seine Diagnose, habe das Christentum insgeheim abgeschafft, lebe real nach ganz anderen Kategorien und halte damit Gott zum Narren. Man ‚spiele‘ allenfalls Christentum. Christentum spielen – ihm den Protest gegen die Welt und ihre Deutungen austreiben, sich in Selbstgenügsamkeit zu baden, das hieße, ihm die reformatorische Kraft zu nehmen. Das wäre keine Vollendung, sondern ein Ersticken der Reformation.

Eine pulsierende Quelle

Deshalb ist es ratsam, sich für das Gedenken und Feiern 2017 nicht auf ein einziges Schlagwort festzulegen, das des Spottes und der Kritik von allen Seiten schon jetzt gewiss ist. Verwurzelung in der Wahrheit des Evangeliums und ständige Erneuerung dieser Suche lassen sich nicht auf einen Begriff bringen, der 2018 schon wieder ausgemustert werden muss. Mit der Reformation haben wir Zugang zu einer pulsierenden Quelle der Erneuerung unserer Lerngemeinschaft in der Nachfolge Jesu Christi. Diese Quelle zu haben, ist ein Ereignis von Weltrang.

Wenn wir als Evangelische ein Ereignis von Weltrang ausrichten und unser Erbe herausputzen wollen, dann gehört dazu natürlich die Hochschätzung der Laien, ihre Mündigkeit und Fähigkeit zu einem aufgeklärten Glauben, der in alle Sphären menschlichen Zusammenlebens hineingetragen wird. Längst sind die Einflüsterer eines gottfreien Individualismus unterwegs, die meinen, die menschliche Sehnsucht nach Selbstüberschreitung, nach Sinnvergewisserung mit selbstgebastelten Ritualen stillen zu können.

Kein Wort von der Freiheit FÜR etwas, keine Verantwortung für niemanden. Wo der Glauben zu einer Privatsache geschrumpft wird, droht nicht nur das Erbe der Reformation, sondern die befreiende Kraft des kräftefreisetzenden Christentums selbst verloren zu gehen. Es sind die reformatorischen Potenziale, die uns angesichts dieser Bedrohungen nicht verzagen lassen, sondern mit Mut zur Verantwortung ausstatten. Die Potenziale der Reformation sind nicht ausgeschöpft, wie auch Martin Luther das Leben immer als Unvollendetes gesehen hat:

Dies Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern Werden,
nicht Ruhe, sondern eine Übung.


Literatur:

Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Initiative des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung, 2014.

Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2014.

GERHARD FEIGE, Quellen-URL: bz3.bistumspresse-zentralredaktion.de/content/bischof-feige-katholische-thesen-zum-reformationsgedenken (1.10.2014)

FRIEDRICH WILHELM GRAF, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, München 2004.

MARTIN GRESCHAT, Protestantismus in Europa, Geschichte-Gegenwart-Zukunft, Darmstadt 2005.

PETER HAMM, TAGEBUCH. Zornige Klagen, scharfe Fragen. Eine faszinierende deutsche Chronik: Der Dichter Volker Braun hat jetzt sein Arbeitsbuch "Werktage 2" über die Jahre 1990 bis 2008 veröffentlicht, in: DIE ZEIT 29/2014.

KURT NOWAK, Zum historischen Ort der Kirchen in der DDR, in: CLEMENS VOLLNHALS (Hrsg.), Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz, Berlin 1996, 24.

ULINKA RUBLACK, Brauchte Europa die Reformation? In: SILKE LECHNER, ELLEN UEBERSCHÄR (Hrsg.), Soviel Du brauchst. Vom rechten Maß in Wirtschaft, Gesellschaft und Religion, Gütersloh 2013, 334.

Bild: Die Reformation Gustav Eilers nach Wilhelm von Kaulbach, Wikimedia Commons CC-PD

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