Mein Kirchentag
Podienreihe Revolutionen

Zögern können wir uns nicht leisten!

Die rasante technologische Entwicklung fordert unsere Gesellschaft heraus. Um die Zukunft zu gestalten, brauchen wir eine philosophische, interdisziplinäre Debatte, an der sich auch die Kirchen beteiligen müssen.

Das ewige Leben bedeutet ja nicht für jeden dasselbe. Für die einen gibt es ein ewiges Leben NACH dem Tod. Für die anderen ein ewiges Leben OHNE Tod. Die einen vertrauen auf Gott, die anderen auf Mensch und Maschine. Die einen sehen eine Zukunft im Jenseits, die anderen wollen mithilfe von Technologie die Zukunft des Diesseits verändern, denn sie halten – überspitzt gesagt – den Tod auch nur für eine Krankheit, die wir Menschen heilen können.

Gestern noch Science-Fiction – heute Realität

Was passiert, wenn die Menschheit den Tod besiegen sollte? Oder ihn zumindest so hinauszögert, dass wir bald alle 120 Jahre alt werden und unser Gehirn anschließend in den Computer laden? Wir brauchen über unsere technologische Zukunft eine philosophische, interdisziplinäre Debatte, an der auch die Religion teilhaben sollte. Denn die rasanten technologischen Entwicklungen mögen zwar nach Science-Fiction klingen, an ihnen wird jedoch gearbeitet – und schon manches könnte so schnell Realität werden, dass unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten herausgefordert wird. Beispiel: Autonom fahrende Fahrzeuge werden die Jobs von Lkw- und Taxi-Fahrern schon bald überflüssig machen. Und was passiert, wenn wir nicht mehr genug Arbeit für alle haben – und wir gleichzeitig immer älter werden?

Lösungen gegen den Tod

Längst ist weltweit eine sogenannte Life Extension Community entstanden. Sie trifft sich zum Beispiel jedes Jahr zum RAAD-Fest, wobei RAAD für Revolution against Aging and Death steht. Und es gibt durchaus ernsthafte Forschung in dem Bereich. Plus viel Geld, vor allem aus dem Silicon Valley: Google hat eine Schwesterfirma, Calico, die sich nur mit der Erforschung des Lebens und Alterns beschäftigt. Der Gründer des US-Softwarekonzerns Oracle, Larry Ellison, hat in seiner Stiftung ein eigenes Programm zur Erforschung des Alterungsprozesses. Facebook-Investor Peter Thiel finanziert unter anderem mit seinen Breakout Labs viele Biotechideen und gehört (genau wie Web.de-Gründer Michael Greve) zu den Geldgebern der Sens Research Foundation, die Lösungen gegen den Tod sucht. Kopplung von Gehirn und Computer Einer der berühmtesten Vertreter des Transhumanismus, der den Menschen mithilfe von Technologie verbessern möchte, ist Ray Kurzweil. Er leitet bei Google die Entwicklungsabteilung und ist der Überzeugung, dass spätestens 2045 Computer schlauer sind als Menschen. Elon Musk, Gründer vom Onlinebezahldienst Paypal, der Elektroautomarke Tesla und des Weltraumunternehmens SpaceX, ist der Meinung, dass wir bald alle Cyborgs werden, zu Mensch-Maschine-Kopplungen. Und er meint damit nicht Herzschrittmacher oder Cochlea-Implantate, sondern die Kopplung von Gehirn und Computer.

Superkräfte nur für Reiche

Der israelische Wissenschaftler Yuval Harari sieht in seinem neuen Buch „Homo Deus“ gar eine Zukunft am Horizont, in der der Mensch immer gottähnlicher wird. Womit er nicht göttliche Allmacht meint, sondern eher die Superkräfte griechischer Götter etwa, die sehr schnell reisen oder über die Ferne kommunizieren konnten. Hararis Warnung ist: Vielleicht können sich in Zukunft nur sehr reiche Leute das Dasein als technologisch perfekter, lang lebender, genmanipulierter Übermensch leisten?

Welche Zukunft wollen wir?

Schaffen wir es, eine Zukunft zu gestalten, in der nicht die Daten, sondern weiterhin der Mensch im Mittelpunkt steht? Oder wird künstliche Intelligenz irgendwann gefährlich für uns Menschen? Welchen Einfluss werden diese Entwicklungen auf Glaube und Religion haben? Unsere Gesellschaft braucht dringend eine intensive Debatte über die Folgen der Digitalisierung und des technologischen Fortschritts, der sich ja rasant beschleunigt hat – und immer schneller wird. Es gibt keine Pause, weil wir alle mitmachen. Wir sammeln mit unseren Smartphones Daten, wir nutzen das Internet. Und wir haben als Menschen in der Regel eine große Sehnsucht nach Gesundheit und langem Leben im Diesseits.

Kirche muss sich einmischen

Darum muss die Debatte über die Folgen des Fortschritts raus aus der wichtigen ökonomischen Ecke der Digitalisierung und auch interdisziplinär geführt werden. Auch kirchliche Akteure sollten sich mehr mit den Themen beschäftigen und vor allem in den Dialog gehen mit den Technologiebegeisterten. Das mag eine Herausforderung sein, wenn sich die Sprache schon unterscheidet, weil mit dem ewigen Leben einmal das Jenseits, einmal das Diesseits gemeint ist. Es ist angesichts der Herausforderungen, die vor uns liegen, aber unerlässlich; Zögern können wir uns nicht leisten. Optimismus, dass wir die Zukunft aktiv gestalten können, hingegen schon.

Zum Autor: Nikolaus Röttger ist Chefredakteur des Technologiemagazins „WIRED Germany“.

Bildgrundlage: Ninura/Stained glass window, Basilica of Saint-Denis, Paris, CC-BY 4.0

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.