Mein Kirchentag
Interview

Der Traum von Thabo Makgoba

Als Erzbischof der anglikanischen Kirche in Südafrika setzt sich Thabo Makgoba für die Armen und Schwachen in der Gesellschaft ein, kämpft gegen Ausbeutung und Korruption. Für seine Vision einer friedlichen und gerechten Welt rief er beim Festgottesdienst insbesondere junge Menschen auf, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Die Reformation könne dafür den Kompass bilden.

Der Kirchentag – Das Magazin: Sie waren zum ersten Mal bei einem Kirchentag in Deutschland, was hat Sie am meisten begeistert?

Thabo Makgoba: Es sind ganz viele Eindrücke, und ich bin in vielfältiger Weise begeistert. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, war der Abschluss in Wittenberg, die vielen Menschen, die zusammengekommen sind, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Die größte theologische Aussage lag für mich im Abendmahl, das nicht nur an dem großen Tisch auf der Bühne gefeiert wurde, sondern an den vielen kleinen Abendmahlsorten auf der Wiese. Darin habe ich Luthers Geist gespürt, dass die Messe und Eucharistie zu den Menschen gehört. Dass wir alle das Brot gemeinsam brechen, dort, wo wir sind. Ich würde mir wünschen, dass Kirchen dieses Symbol aufnehmen und zu den Menschen gehen. Sie dort abholen, wo sie sind.

Gab es etwas, was Sie besonders überrascht oder verwundert hat?

Ich hätte nicht so viele junge Menschen erwartet. Das war wirklich toll und ist nicht selbstverständlich. Aus Südafrika weiß ich, dass zu Kirchenkonferenzen eher wenig junge Leute kommen, das war hier anders. Und es gab es so viel Freude, eigentlich das, was man normalerweise von Menschen in Afrika erwartet: lachende Gesichter, Musik und Tanz auf den Straßen, einfach wundervoll. Die Stimmung war so ausgelassen, das habe ich sehr genossen, diesen besonderen Spirit. Die ganzen Tage über war dieser Geist spürbar, da fehlen mir noch die Worte: Es war ein ganz besonderes Kirchentagsgefühl.

In Ihrer Predigt beim Festgottesdienst in Wittenberg haben Sie die berühmten Worte Martin Luther Kings benutzt: „I have a dream.“ Welche Rolle spielt der Baptistenpastor und Bürgerrechtler für Sie?

Zum einen hat er mich am meisten inspiriert und geprägt in meinem Amt als Priester und Bischof, zum anderen hat er gesellschaftlich und menschlich viel bewegt, Hoffnung gegeben und Mut gemacht – letztendlich hat er für seine Überzeugung sein Leben gelassen. Martin Luther Kings Worte haben für mich auch viel mit der Losung des Kirchentages zu tun. Zu sehen bedeutet auch, in die Zukunft zu schauen, Visionen zu haben. All das passt aber auch zu Martin Luther. Er war so stark, hat so viel bewegt, dass wir ihn und das, wofür er steht, noch 500 Jahre später feiern. Martin Luther stammt aus Deutschland. Martin Luther King verkörpert den Kontext, aus dem ich komme – in meiner Predigt wollte ich beides sozusagen ökumenisch zusammenbringen.

Radikal sein und Mauern überwinden

Sie haben Martin Luther als „einen der wahren Väter demokratischer Freiheit“ bezeichnet. Was bedeutet Reformation für die heutige Zeit?

Martin Luther war so kraftvoll. Er hat nicht nur den theologischen Wendepunkt gebracht, sondern auch einen Kompass bereitgestellt für das politische, soziale und gesellschaftliche Leben. Ein Leben in Freiheit und Demokratie. Diesen Weg müssen wir weiter bestreiten. Die Gnade der Reformation muss auch heute spürbar sein und gelebt werden. Ich habe im Gottesdienst gerade junge Menschen dazu aufgerufen, radikal zu sein, Mauern zu überwinden. Gerade in Zeiten, in denen Sicherheitsdenken statt Offenheit Gesellschaft und Politik bestimmt, ist es wichtig, das Vereinende zu betonen und nicht auf das Trennende zu schauen. Heute werden wieder Mauern gebaut und nationale Unterschiede hervorgehoben, aber der Leitgedanke muss anders lauten, nämlich zu überwinden, was uns trennt. Agape, die uneigennützige Liebe Gottes, ist dabei Richtschnur und Anker. Reformation als globales Navigationssystem, das wäre mein Wunsch.

Sie setzen insbesondere auf junge Menschen. Was muss gesellschaftlich für sie getan werden?

Das dringendste Problem ist die Arbeitslosigkeit der jungen Leute in Südafrika. Viele Jugendliche haben keine gute Bildung oder konnten keine anderen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlangen, mit denen sie ihr Leben meistern können. Bildung für alle hat Priorität. Die Jugend muss wieder Zuversicht gewinnen, dass sie ihre Zukunft gestalten kann. Ich fordere aber auch alle jungen Menschen auf, selbst aktiv zu werden, ihr Leben in die Hand zu nehmen, damit sie ihren Platz in der Welt finden. Ich sage: Auch wenn du keinen Job hast, tu wenigstens etwas, um dein Leben zu verändern. Ich bin selbst in Armut aufgewachsen und habe als 13-Jähriger auf dem Golfplatz Bälle eingesammelt für ein Taschengeld. Nur wer selbst etwas tut, kann sich die Würde und Achtung bewahren und Vertrauen in das eigene Tun erlangen. Das müssen wir den jungen Menschen ermöglichen. Wir müssen vertrauen in sie haben, sie mehr in Entscheidungen einbinden und ihren Mut zur Veränderung aufgreifen.

Ein sehr spezieller Moment

Sie sind 1989 Priester geworden, 1990 ist Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen worden, ein Meilenstein für das Ende der Apartheid. Wie haben Sie den Moment erlebt?

Ich kann mich noch gut an den Augenblick erinnern. Es war ein ganz besonderer Moment. Ich war mit mehreren Gemeindemitgliedern in der Hauptkirche von Johannisburg, und wir wussten nicht, ob wir der Nachricht glauben sollten. Es war fast unvorstellbar. Als dann klar war, dass es stimmt, hatten wir neben aller Freude auch Angst. Angst, dass er vielleicht doch noch getötet wird, einem Anschlag zum Opfer fällt. Ich habe mich damals im Afrikanischen Nationalkongress engagiert und wusste, wie gefährlich das ist. Und dann hatte ich die Ehre, Mandela ganz nah zu kommen. Nach seiner Entlassung hatte er noch keinen Wohnsitz, so hat er die ersten Tage im Bischofssitz verbracht, in einem kleinen Appartement. Das war ein sehr spezieller Moment für mich, ihn so hautnah kennenzulernen. Vor seinem Tod hatten wir dann ebenfalls eine sehr intensive Zeit miteinander, haben über sein Leben gesprochen, über Dinge, die er erreicht, aber auch bereut hat, und miteinander gebetet. Darüber habe ich auch ein kleines Buch geschrieben, „Faith and Courage“, das im Oktober erscheint.

Wie ist die Situation heute in Südafrika?

Leider gibt es noch immer sehr große Ungleichheiten in der Gesellschaft. Die Lücke zwischen denen, die reich sind, und denen, die arm sind, wird immer größer. Wir haben zwar eine demokratische Regierung, aber leider auch viel Korruption. Die Kirchen stecken da manchmal in einem Dilemma. Wir wollen ja keine Opposition bilden, aber dennoch darf eine demokratisch gewählte Regierung keine unmoralischen Dinge tun. Da sind sich die Kirchenvertreter nicht einig, wie wir uns verhalten sollen. Ich sage ganz deutlich: Wir dürfen nicht schweigen, wenn wir Ungerechtigkeiten sehen. Sie setzten sich sehr bürgernah für die Belange der Menschen ein, auch gegen die Politik Ihres Landes.

Jesus wollte politisch sein

Wie eng sind Glaube und Politik für Sie miteinander verbunden?

Ich versuche jeden Tag meinen Glauben zu leben. Alles, was ich tue, ist somit Zeugnis meines Glaubens. Daher ist für mich das Eintreten für Schwache und die Einmischung bei Ungerechtigkeit keine Überlegung, ob ich jetzt politisch sein will oder nicht, sondern ich handle aus meinem Glauben heraus. Das gefällt zwar der Regierung nicht, aber ich kann nicht anders. Jesus hat nicht in feinen Hotels geschlafen oder in großen Büros gearbeitet, er war bei den Menschen auf der Straße, hat mit Hungrigen sein Brot geteilt, die Schwachen gestärkt, sich mit den Ausgestoßenen an einen Tisch gesetzt. Wollte Jesus politisch sein? Ich habe zu Aids-Tests aufgerufen und mich als gutes Beispiel als Erster selbst testen lassen. Ich habe mich für bessere Arbeitsbedingungen für die Minenarbeiter eingesetzt. Mit Erfolg, heute sitzen Gewerkschaften und Vertreter der Mineninhaber an einem Tisch und verhandeln miteinander. Und ich mische mich ein bei Korruption, ob in der Regierung oder in der Kirche. Es ist wichtig, das öffentlich zu machen. Der Glaube ist dabei meine Antriebskraft.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Ich glaube, wir müssen als Christen schauen, dass wir der Globalisierung wieder Prinzipien geben, Richtlinien, an denen sie ausgerichtet wird, und das dürfen keine rein marktökonomischen Werte sein. Globalisierung muss sich an Fairness, Gerechtigkeit und Gleichheit ausrichten. Wir müssen hin zu einem Geist des „Genug Habens“ und nicht des „Immer mehr Habens“. Was brauche ich wirklich? Das ist die Frage. Wachstum muss immer auch die natürlichen Ressourcen im Blick haben, es gibt einfach Grenzen. Wie können wir eine gerechte Welt schaffen, in der wirtschaftlich stärkere Staaten nicht auf Kosten anderer Staaten leben? Schon heute bekommen Schwellen und Entwicklungsländer die negativen Auswirkungen der Klimaveränderung zu spüren. Schon heute führt die Ungleichheit zu Flucht und Migration. Wenn es um eine gerechtere Welt geht, muss die Stimme der Kirche klar und laut erklingen, sie muss die moralische Richtung angeben. Sie muss Antwort geben auf die Frage: In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? Und sie muss sich stark machen dafür, wie wir sie gestalten.

Zur Person: Thabo Makgoba ist seit 2007 Erzbischof von Kapstadt und Primas der anglikanischen Church of Southern Africa. 1960 in Johannesburg geboren, studierte er Psychologie und Pädagogik und besuchte das St. Paul’s College in Grahamstown, um anglikanischer Priester zu werden. 2009 promovierte er an der University of Cape Town mit einer Arbeit zur Spiritualität arbeitsunfähiger Bergleute. 2012 führte er Ellinah Wamukoya als erste Frau in Afrika in ihr Amt als Bischöfin der Diözese Swasiland ein. Seit 2012 amtiert Makgoba als Kanzler der University of Cape Town.

Interviewerin: Britta Jagusch ist Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“ und arbeitet als Journalistin in Frankfurt am Main.

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