Mein Kirchentag
Porträt

Kirche gehört ins Fernsehen

Große Ziele, Optimismus und Durchsetzungsfähigkeit: Patricia Schlesinger weiß, was sie will. Das Markenzeichen der neuen rbb-Intendantin sind politisch brisante Themen. Aber auch Kirche und Religion gehören für sie auf den Sendeplan.

Von Anne Fromm

Als Patricia Schlesinger am Abend des 8. April endlich vor die Mikrofone tritt, sieht sie erleichtert aus. Die Findungskommission hat sie im sechsten Wahlgang zur neuen Intendantin des Rundfunk Berlin Brandenburgs (RBB) gewählt – die zweite Frau an der Spitze des jungen Senders, die vierte Intendantin einer ARD-Anstalt überhaupt. Sie wolle, dass der RBB „noch stärker“ und das Programm „noch besser“ werde, sagt sie an diesem Abend. Das sind große Ziele.

Seit dem 1. Juli ist Schlesinger offiziell im Amt. Von ihrem Büro in der 13. Etage im Berliner Westen blickt sie über Berlins Skyline: Fernsehturm, Tiergarten, Brandenburger Tor. „Sehr gut“ seien die ersten Wochen gewesen. Anstrengend auch, aber sie habe viele hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennengelernt und sei optimistisch, dass in den kommenden Monaten alle mit anpacken.

Karrierestart beim NDR

Der neue Job bedeutet für Schlesinger auch ein neues Umfeld: Seit Anfang der 80er Jahre lebte die gebürtige Hannoveranerin mit Unterbrechungen in Hamburg, sie ist ein Kind des Norddeutschen Rundfunks. Seit 1983 arbeitet sie für den Sender, volontierte und stieg schnell auf. 1990 wurde sie Reporterin des ARD-Politmagazins „Panorama“, fünf Jahre später ging sie nach Singapur und leitete das Südostasien-Studio. 1997 holte sie der Sender als Moderatorin für „Panorama“ zurück. Dass sie aufsteigen will, schien schon damals absehbar: „Eine Journalistin will nach oben“, überschrieb der „Tagesspiegel“ ein Schlesinger-Porträt im Jahr 2001, als ihr Wechsel nach Washington anstand. Drei Jahre lang arbeitete sie dort im ARD-Studio. Sie war gerade auf dem Weg nach Baltimore, als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center rasten. „Nach diesem 11. September habe ich nur noch funktioniert, irgendwie“, sagte sie damals der „Welt am Sonntag“.

Unprätentiöse Macherin

Funktionieren, das kann sie. Senderintern gilt sie als Macherin. Unprätentiös, aber bestimmt. Eine „Machbarkeitsfetischistin“ nennt sie sich selbst. 2005 übernahm sie die Leitung des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation, engagierte namhafte Autoren, ließ harte, politische Dokus produzieren. Eine davon: „Citizenfour“. Der Film der US-Journalistin Laura Poitras über den NSA-Whistleblower Edward Snowden gewann einen Oscar, den ersten für eine Doku-Koproduktion eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders seit 1961. Das macht Schlesinger stolz. Maßstäbe für den rbb sollte es aber nicht setzen, sagt sie. „Der Oscar ist gar nicht unser Ziel, den gibt es eh nur einmal im Leben. Ich freue mich darauf, im Auto das Radio anzuschalten und rbb zu hören, abends nach der ‚Abendschau‘ noch was Gutes im rbb-Fernsehen zu sehen. Das ist mein Ansporn.“

Sie möge unfertige Gesellschaften, hat Schlesinger mal über ihre Zeit in Südostasien gesagt. Wollte sie deswegen zum rbb? Schlesinger lacht. „Interessanter Gedanke, aber ich halte den rbb nicht für unfertig. Er hat eine lange Zeit der Fusion hinter sich, die war nicht einfach, aber meine Vorgängerin Dagmar Reim hat das sehr gut geschafft.“ Der rbb ging 2003 aus dem Sender Freies Berlin (SFB) und dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) hervor. Er ist die jüngste und die kleinste der neun ARD-Anstalten. Bis heute sind noch Spuren der ehemals zwei Sender sichtbar: Ein Landesfunkhaus steht in Berlin, ein anderes in Potsdam.

Rüstzeiten und Bibelwochenenden

Geboren wurde Patricia Schlesinger 1961. Ihre Kindheit verbrachte sie in Bad Nenndorf in Niedersachsen. Dort engagierte sie sich in der Jungen Gemeinde, die Ausflüge zu den Kirchentagen, Rüstzeiten, Bibel- und Schweigewochenenden sind ihr besonders in Erinnerung geblieben. Gefragt nach ihren ersten Gedanken zum Thema Kirchentag, sagt sie ohne zu überlegen: „Luftmatratze, Schlafsack und Turnhallen“.

Schlesinger stammt aus einer gemischt-religiösen Familie. Ihre Mutter ist Katholikin, ihr Vater Protestant, ihr Großvater, der DDRPolitiker Artur Schlesinger, war Jude. „Ich habe eine sehr gute evangelische Erziehung genossen“, sagt sie. Eine Zeitlang habe sie sogar überlegt, Theologie zu studieren, entschied sich dann aber doch für Wirtschaftsgeografie, Politische Wissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Religion als Wertekorsett

Mittlerweile ist sie aus der Kirche ausgetreten, aus privaten Gründen. Trotzdem begleiten Religion und Glaube sie jeden Tag. In der Kirche habe sie das Wertekorsett erlernt und gebildet, auf dem sie sich heute bewege und das sie ihrer 16-jährigen Tochter weitergebe. Ihre Tochter und ihr Ehemann, der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Gerhard Spörl, sind nicht mit nach Berlin umgezogen. Also pendelt Schlesinger. In Berlin hat sie eine Wohnung in Charlottenburg gefunden, 20 Minuten zu Fuß vom Sender entfernt, das war ihr wichtig. In ihrer Freizeit geht sie gern joggen, früher um die Alster, jetzt um den Lietzensee.

Kirche gehört in die Medien

Ab Anfang Januar, hat Schlesinger jüngst angekündigt, soll es die ersten Veränderungen im Programm geben. Auch die Kircheninhalte will sich Schlesinger anschauen, aber erst ab 2017. Dass Kirche und Religion in den Öffentlich-Rechtlichen stattfinden, findet sie selbstverständlich. In ihrer früheren Funktion beim NDR verantwortete sie auch die Kirchenredaktion. Schlesinger hat sie ausgebaut, zusammen mit den Kollegen neue Formate entwickelt und die Leitung der Abteilung neu besetzt. „Kirche gehört ins Fernsehen und ins Radio“, sagt Schlesinger. „Gemeinsinn ohne christlich-jüdische Werte ist hier nicht denkbar, darauf fußt unsere westliche Demokratie.“

Ein großer Programmpunkt im rbb soll daher auch die Berichterstattung über den Kirchentag BerlinWittenberg 2017 werden. Die Planungen laufen noch, deswegen kann Patricia Schlesinger noch nichts Konkretes sagen. Nur so viel: Der Eröffnungsgottesdienst soll im rbb-Fernsehen übertragen werden, dazu wird es aktuelle Berichte im Radio, Fernsehen und online geben. Schlesinger freut sich auf den Kirchentag – auch wenn sie diesmal ganz bestimmt nicht mit Isomatte und Schlafsack anreisen wird.

Zur Autorin: Anne Fromm ist Medienredakteurin der „taz“.

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