Mein Kirchentag
Kirche in der Großstadt

Kleine heile Welt?

Es klingt nach einer kleinen heilen Welt inmitten der Großstadt. Gut besuchte Gottesdienste, ein lebendiges Gemeindeleben und Wartelisten bei der Taufe. Die Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg bietet gerade Familien eine fast dörfliche Heimat – noch.

Die Tische vor den Restaurants und Bars im trendigen Prenzlauer Berg sind an diesem lauen Sommerabend rappelvoll besetzt. Berliner und Touristen prosten sich mit „Gin Lavendel“ zu und verspeisen biologisch wertvolle Dinkel-Maccheroni. Der Frisör „Kopfgeldjäger“ hat lange geöffnet, und auch dem Tätowierer von „Blut & Eisen“ kann man durch große Fensterscheiben zuschauen, wie er unter hoher Stuckdecke einen Kunden verziert.

Blickfang und Hörgenuss: Gethsemanekirche

Irgendwann aber bleiben alle Blicke an dem mächtigen Gotteshaus aus rotem Backstein hängen. Die Gethsemanekirche dominiert den Quartiersplatz seit 1893. Eine Freitreppe führt hinauf, vorbei an einem Brunnen und an einer marmorweißen Jesusstatue. Kurz vor 21 Uhr eilen einige Dutzend Menschen die Treppen hoch. Es ist der Vorabend des „Israelsonntags“, an dem die evangelischen Kirchen ihre Beziehung zum Judentum thematisieren. Das letzte Abendlicht verabschiedet sich und mit ihm der jüdische Schabbat, der christliche Sonntag hat noch nicht begonnen. In dieser blauen Stunde führen ein Pfarrer, eine jüdische Kantorin und eine Koranlehrerin die Gäste singend und rezitierend in eine spirituelle Atmosphäre, in der sich Tora, Bibel und Koran wunderbar ergänzen. Es geht um den zerstörten Tempel in Jerusalem, um Gewalt und Frieden und um das, was man aus Geschichten und Geschichte lernen kann. Die Akustik ist so gut, dass Gesang und Worte bis in die Emporen hinaufschwingen. Kein Wunder, dass sich die Kantorei kaum retten kann vor Menschen, die mitsingen wollen.

Wartelisten für die Taufe

So ist das hier mit vielen Angeboten: Es kann nie genug sein. Sonntags drängen sich Familien mit vielen Kindern in den Kirchenbänken, und beim Kirchencafé danach wollen die Leute gar nicht mehr gehen. Für Taufen gibt es lange Wartelisten, und Paaren aus anderen Gemeinden, die lieber in der schönen Gethsemanekirche heiraten wollen als in der eigenen, muss Pfarrer Christian Zeiske manchmal „schweren Herzens“ absagen. Kleine heile Welt? Es klingt nach einer kleinen heilen Welt inmitten der Großstadt. Gut besuchte Gottesdienste, ein lebendiges Gemeindeleben und Wartelisten bei der Taufe. Die Gethsemanekirche in Berlin- Prenzlauer Berg bietet gerade Familien eine fast dörfliche Heimat – noch. Claudia Keller Dazu kommen die Touristen. Jeden Tag stehen sie vor der Kirche, schauen hoch zum Turm und lesen im Reiseführer, was hier im Herbst 1989 los war: Oppositionsgruppen versammelten sich zur Mahnwache, beteten, zündeten Kerzen an, hofften und bangten. „Die Gemeinde war immer offen für neue Ideen und Gruppierungen, die von Staat und Gesellschaft kritisch beäugt wurden“, sagt Pfarrer Zeiske. Die Nazis hatten es hier schwer, die Kommunisten auch.

Vom Arbeiterkiez zum teuren In-Viertel

Zeiske, 62, Brille, grauer Bart, kam 2000 in die Gemeinde. Damals hatte sich die angestammte Bevölkerung rund um die Gethsemanekirche schon einmal ausgetauscht. Nachdem die Mauer weg war, zogen viele an den Stadtrand. In die Wohnungen des früheren Arbeiterkiezes zogen Künstler und Studenten. Die sind aber auch wieder weg. Die Häuser wurden saniert, die Mieten stiegen. Heute sind sie so hoch, dass sie sich nur noch gutbürgerliche Familien leisten können und junge Erwachsene, die in Anwaltskanzleien und Ministerien Karriere machen. Viele sind aus Westdeutschland zugezogen.

Kirche als Kraft, die hält und beschützt

Der Kirchgang gehört in gutbürgerlichen Kreisen bisweilen wieder zum guten Ton. „Da ist aber noch mehr“, weiß der Pfarrer. Wenn Menschen Eltern werden, fangen sie an, nach einer zusätzlichen Kraft zu suchen, die sie hält und beschützt. Viele finden sie in der Kirche. „Die wollen alle ihre Kinder freiheitlich erziehen“, sagt Zeiske, „zugleich ist klar: Die Kinder sollen den Glauben kennenlernen – auch wenn sie selbst ohne Religion groß geworden sind.“ Und so ist die Zahl der Gemeindeglieder über die Jahre bei 2.100 zwar konstant geblieben, aber die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher hat sich vervielfacht.

Eingebunden in ein soziales Netz

Noch etwas kommt hinzu: Die Kirchengemeinde ist selbstverständlich ins soziale Netz im Viertel eingebunden. Und dieses Netz ist hier sehr engmaschig. „Ich habe meinen kompletten Freundeskreis über die Kita unseres Sohnes gefunden“, sagt ein Vater, der vor zehn Jahren aus Essen zugezogen ist. „Man begegnet sich auf der Straße, geht am Wochenende zusammen frühstücken, trifft sich im Gottesdienst.“ Die Kirche ist ein Anker in der anonymen Großstadt und schafft Gemeinschaft. „Ich mag das alles hier sehr“, sagt Pfarrer Zeiske. Das Bildungsbürgerliche, die Bereitschaft vieler, bei Aktivitäten mitzumachen.

Wohlhabende bleiben unter sich

Doch das hat auch eine Kehrseite: Die Gemeinschaft, die sich da in der Kirche trifft, ist sehr homogen. Akademiker, zwischen 30 und 50, gute Einkommen, Kinder. Die wenigen Nachbarn mit den alten Mietverträgen aus DDR-Zeiten tauchen nicht auf, auch nicht die Familien, die gerade so über die Runden kommen und es nicht zeigen wollen. Die Nachbargemeinde lädt einmal im Monat zum Brunch in den festlichen Kuppelsaal ein. Essen und Trinken ist umsonst. „Das Angebot wird gut angenommen“, freut sich der Pfarrer. Doch die Hoffnung, dass sich dort die Schichten mischen, hat sich nicht erfüllt. Die Wohlhabenden trinken ihren Latte macchiato lieber woanders. Die Gentrifizierung, die der Gethsemanekirche so viele Gottesdienstbesucher beschert hat, bewirkt nun, dass die ersten Familien wegziehen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. Dafür fordern jetzt vermehrt Singles spirituelle Angebote ein. „Die kommen bisher etwas zu kurz“, sagt Pfarrer Zeiske. Die Arbeit wird ihm jedenfalls noch lange nicht ausgehen.

Zur Autorin: Claudia Keller ist Redakteurin des „Tagesspiegel“ in Berlin.

Bild: Osterfeuer im Kloster Segen © Grafik-DesignBüro Wendland

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