Mein Kirchentag
Abschied von Jörg Zink

Das Gleiten zwischen den Ufern

Im Alter von 93 Jahren ist Jörg Zink am 9. September 2016 gestorben. Wir erinnern an den beliebten Autor, Redner und Kirchentags-Unterstützer der ersten Stunde mit seiner letzten Bibelarbeit auf dem Kirchentag in Dresden 2011, in der er bewegend und voller Zuversicht Abschied von den Zuhörenden nahm und auf sein eigenes Lebensende blickte.

Guten Morgen, meine lieben Schwestern und Brüder. Ich wünsche Ihnen einen hellen, schönen, gesegneten guten Morgen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen guten Schlaf hatten in einem freundlichen Quartier. Ich wünsche Ihnen, dass dieser Kirchentag für Sie zu einem Fest geworden ist und zu einem geistlichen Zuhause. Ich kann mir denken, dass Sie sich wundern über den Aufwand, den wir heute Morgen treiben. Dass ich hier in Stuttgart sitze und über den Bildschirm mit Ihnen in Dresden verbunden bin. Die Sache lief nämlich so: Ich bin nun dem Kirchentag seit 60 Jahren verbunden, seit 1952, als er in meiner Heimat, Stuttgart, stattfand. Und seit 1970 mache ich regelmäßig bei den Bibelarbeiten mit, die diese Tage am Morgen eröffnen. Die waren mir wichtig, weil ein Kirchentag ohne seine Orientierung an der Bibel nicht sein kann. Inzwischen bin ich 88 Jahre alt und wollte auch in Dresden meinen Teil beitragen und mich zugleich verabschieden. Aber ich hatte im vergangenen Jahr eine schwere Operation, eine solche, die den Gedanken nahelegt, nun sei man endgültig alt. Und so zeigte sich im Februar dieses Jahres, dass das Risiko einer Reise nach Dresden zu groß war. So musste ich am Ende absagen.

Aber da kam Frau Ueberschär, die Generalsekretärin des Kirchentags, auf die Glanzidee, diesen meinen letzten Beitrag, diesen Abschied von Ihnen könne man doch auch via Bildschirm lösen. Ich könne in Stuttgart in meinem Haus bleiben. Mein Freund Clemens Bittlinger könne für mich in Dresden auf der Bühne stehen und die ganze Sache moderieren. Ich gebe also auch ihm die Hand eines dankbaren Freundes.

Und so wünsche ich dem Kirchentag, dass er weiter so blühe und gedeihe wie bisher. Dass er seinen Weg finde zu einer Gemeinschaft auch mit den katholischen Christen unseres Landes, dass er das Gespräch finde mit den Menschen unserer Erde, die anderen Religionen angehören. Denn hier liegt die Aufgabe, die uns heute gestellt ist. Und zwar so, dass er, was schon immer seine Aufgabe war, einen mutigen Schritt über seine Gegenwart hinaus und in die Zukunft tut und die Evangelische Kirche in Deutschland dabei mitnimmt.

Und nun stehen wir wieder in einem Morgen und wir wollen den Segen eines neuen Tages aufnehmen. Das können wir besser im Stehen als im Sitzen. Ich denke, wir erheben uns von unseren Papphockern und stellen uns aufrecht auf die Erde – nur mir mögen Sie aus technischen Gründen erlauben, sitzen zu bleiben –, wir atmen tief durch. Wir erheben die Arme als Menschen, die etwas aufnehmen, das von oben zu uns kommen will. Und während wir so stehen, sage ich Ihnen das schöne Gebet von Gerhard Tersteegen:

Herr, lass schweigen, was du nicht selbst zu uns redest.
Lass still stehen, was du nicht selbst bewegst.
Nimm die Stelle ganz ein, die jetzt wir sind,
und tue an uns und durch uns, was dir gefällt.
Führe uns ganz in uns selbst
und aus dem Unseren heraus in dich,
o unser Herr, unser Ursprung und unser Ende.
So sind wir nicht mehr im Schein, sondern im Leben,
von allem Übel erlöst und frei
und ehren und verherrlichen dich allein.
Amen.

Die Zeit der Propheten

Liebe Freunde, das biblische Wort, um das es heute gehen soll, führt uns in die schwere Zeit einer politischen Katastrophe. Es ist ausgerufen worden im 6. Jahrhundert vor Christus. Da waren die Babylonier mit ihrer ganzen militärischen Macht über Jerusalem hergefallen. Nach einer Belagerung von eineinhalb Jahren hatten sie die Stadt erobert. Danach lag sie als Aschehaufen in der Landschaft, gefüllt mit Toten. Die Überlebenden standen draußen vor der Stadt, zusammengetrieben und dazu verdammt, sich nach Babylon treiben zulassen, Männer, Frauen und Kinder, tausend Kilometer weit durch die Wüste. Dort, am Euphrat, sollten sie sich in dem großen Völkerbrei verlieren. Im Unkenntlichen, im Fremden sollten sie ihre Identität aufgeben. Als sie dort ankamen, mussten sie sehen, wie sie überlebten, indem sie in den Ziegeleien der Babylonier ihre Hungerlöhne verdienten oder auf einem viel zu kleinen Stück Land ihr Brot aus der Erde holten.

In jener Gegend der Welt, wo sich das abgespielt hat, in der syrischen Wüste und in dem Land zwischen Euphrat und Tigris, bin ich oft über den harten Boden glühend heißer Landstriche oder über den grundlosen Lehm der Äcker gewandert und habe mir vorerzählt, was hier berichtet wird. Ich habe die lehmbraunen Gestalten der Bauern und die vorbeiziehenden Nomaden gesehen und habe versucht, in ihnen die wiederzuerkennen, von denen die Bibel erzählt. Wenn ich durch die Ziegeleien im Irak ging, wo die 80-jährigen Männer noch die Loren über die Gleise schieben und die achtjährigen Kinder auf Eselskarren die Ziegel transportieren, stand mir immer auch das Bild der hierher getriebenen Judäer vor Augen, die hier 50 Jahre zubrachten. Als ich ungefähr alle Wege abgegangen war, die in der Bibel geschildert werden, hatte ich den Eindruck,die Menschen vor zwei- oder dreitausend Jahren hätten die gleichen Fragen gestellt, die wir heute stellen, und vor allem könnte das, was sie als ihre Antworten fanden, als eine starke Hilfe zur Orientierung auf unserem Weg zu unseren eigenen Entscheidungen hilfreich sein.

Ich kenne das noch. Ich habe fünf Jahre lang als Soldat im Krieg Hitlers zugebracht und habe am Ende erlebt, wie es aussieht, wenn man einen Krieg verloren hat. Wenn die Judäer immer wieder an den Abenden in ihren kleinen Ansammlungen am Kanal Kebar saßen, waren all die Gruppen und Parteien noch gegenwärtig, die vor der Katastrophe von Jerusalem dort das Sagen gehabt hatten. Da waren die Königstreuen, die ihren Traum weiterträumten. Die Nationalisten, die bis zuletzt an ihrem Glauben an den Endsieg festgehalten hatten. Die Priester, die unermüdlich die Menschen im Namen Gottes zum Kampf aufgerufen hatten. Die Großgrundbesitzer, die ihren Gütern nachtrauerten. Die Atheisten, die Gegner aller religiösen Ordnungen. Die Gleichgültigen,die mit ihrer kleinen Arbeit beschäftigt waren. Und da waren die Anhänger der Propheten, die gegen den Krieg geredet hatten. Wir dürfen annehmen, dass die Anklagen der einen gegen die anderen Tag für Tag ergingen: »Ihr seid schuld!« – »Nein, ihr!«

Da waren die einen, die sagten: Das haben wir doch hinter uns, zu meinen, wir seien das auserwählte Volk, unser Gott sei der mächtigste Gott im Himmel und auf der Erde. Wir leben doch, zum Glück, nicht mehr in der Provinz. Babylonist größer, ist reicher, es hat die Zukunft. Und da waren die anderen, die an der alten Tradition ihres Volks festhielten. Sie suchten die Ursachen ihres Leidens vor allem bei sich selbst. Sie hatten von Gottes Willen gewusst und ihn missachtet. Sie hatten an ihn, den einen Gott, geglaubt, und doch jede beliebige Menge anderer Götter verehrt. Recht und Gerechtigkeit hatte Gott gefordert.Aber ihr Staatswesen war das übliche System von Unrecht und Korruption gewesen. Waisen, Witwen und Wehrlose sollten sie schützen, aber die Reichen waren immer reicher und die Richter immer ohnmächtiger geworden. Die Propheten hatten unermüdlich wiederholt, das würde auf die Dauer nicht gutgehen. Nun hatten sie die Quittung. Nun konnten sie nur noch Ja sagen zu ihrem Schicksal. Sie waren ihre eigenen Richter und Kerkermeister und gaben im Grunde den Aufsehern Recht, die sie schlugen. Wenn sie aber dem nicht zustimmen wollten, was blieb ihnen übrig? Dann konnten sie ihre Vergangenheit nur verdrängen, vergessen und sagen: Wir sind unschuldig. Und Gott stand gefährlich dunkel hinter ihrem Schicksal.

Damals muss der eine oder andere Prophet aufgetreten sein. Die retteten nicht nur der Menschheit den geistigen Ertrag der religiösen Überlieferung des Judentums, sondern eröffneten dem Judentum auch eine Geschichte von weiteren 2500 Jahren und machten zugleich auf dem Weg über das entstehende Christentum die moderne Welt, wie wir sie heute, im 21. Jahrhundert, kennen, möglich.

Diese Propheten redeten die verlassenen Menschen etwa so an: Ihr habt keinen Tempel mehr. Ihr habt keine Macht mehr. Keine Lehrhäuser. Ihr habt niemand, der für irgendetwas zuständig wäre. Aber Gott spricht in euch selbst.Ihr werdet es hören, wenn ihr nur achtsam genug in euch selbst hineinhorcht. Das Wort von Gott ist nicht irgendwo im Himmel, sodass ihr sagen müsstet: Wer will für uns in den Himmel auffahren und es holen, damit wir es hören und tun können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass ihr fragen müsstet:Wer will für uns über das Meer fahren und es holen, damit wir es hören und tun können? Nein, es ist ganz nahe bei euch selbst. Es ist in eurem Mund und in eurem Herzen. Ihr müsst es nur tun.

Die Hörer wurden damals angeredet als die wehrlosen Menschen, die sie waren. Abseits aller religiösen Hierarchien. Abseits aller politischen Macher.Und ich kann mir denken, wie sie geantwortet haben. Da sagten die einen,vielleicht eine Minorität: Das ist wahr. Da sagten die Zweiten: Wo ist denn dieses Wort?Wir sehen nichts von ihm. Und die Dritten: Das hast du dir selbst ausgedacht! Das kommt nicht von Gott! Das kommt von diesem Schwätzer .Schlagt ihn tot! Und das wird tatsächlich erzählt. Man habe einen Propheten,der ähnlich redete, am Ende totgeschlagen.

Aber am Ende, nach 50 Jahren, sind sie doch aufgestanden aus ihrem Elend und sind voller Hoffnung zurückgewandert nach Jerusalem, haben ihren Staat wieder aufgebaut und den Tempel und haben auf einem langen, mühseligen Weg ihre eigene Identität wiedergewonnen, jenes Judentum, aus dem nach weiteren 500 Jahren das Christentum hervorging.

Ich habe einen Weg für euch

Was nahmen sie denn nach Hause mit? Ein Wort, das ihnen sagte: Wenn es euch gelungen ist, von Gott groß zu denken, dann denkt auch groß von euch selbst. Denn wenn Gott größer wird als eure sogenannte Wirklichkeit, wird er auch in euch selbst größer. Ihr werdet mit ihm zusammen mehr sein, als ihr gewesen seid. Ihr werdet von Gott Angerufene, ihr werdet ganze, unverletzliche Menschen sein. Ihr braucht nur den Ruf zu hören, der euch trifft. Ihr braucht ihn nur aufzunehmen. Als die Menschen, die ihr seid, mit einem weiten Herzen. Als freie Menschen. Ihr könnt fragen, wer Gott sei. Und ihr könnt in aller Gelassenheit den Weg gehen, den Gott euch zugedacht hat.

»Ich bin der Weg«, sagt Jesus 500 Jahre später. Ich habe einen Weg für euch. Lasst euch nicht festlegen. Weder von Mächtigen noch von frommen Autoritäten. Es gibt eine Zukunft, die sich lohnt. Ihr seid behütet. Der Segen ist mit euch. Das Leben liegt vor euch. Nehmt es in die Hand und kommt!

Wie kam ich denn auf die Idee, ich sei auf meinem Weg, wenn ich diesem Weg folge? Da muss ich eine kleine Weile erzählen. Von einer ähnlich extremen Situation wie der in Babylon. Es war im Krieg. Ich habe damals die Fliegerei geliebt. Den Krieg habe ich gehasst. Ich lebte damals an der Küste der Bretagne. Und mein Aufgabenfeld lag auf dem Meer, dem Atlantik und dem Mittelmeer. Auf einer Dienstreise zwischen Ostpreußen und Frankreich machte ich – es war Weihnachten – einen Umweg über Ulm und war drei Tage zu Hause. Am Ende wurde ich von einer Streife der Militärpolizei aufgegriffen. Es gab eine Verhandlung vor einem Feldgericht, und das Problem dabei war, ob mein Umweg von drei Tagen als Fahnenflucht oder als unerlaubte Entfernung von der Truppe gelten sollte. Bei Fahnenflucht wäre ich erschossen worden. Aber man verurteilte mich nur zu ein paar Wochen Gefängnis. Ich saß also im Gefängnis, das in Vannes in der Bretagne stand. Dort waren außer uns Deutschen,die zum Teil hingerichtet wurden, zum Teil nach einiger Zeit wieder entlassen werden sollten, auch Leute aus der französischen Widerstandsbewegung, dem maquis, verwahrt. Von denen wusste man, dass sie auf schreckliche Weise gefoltert worden waren und dass man sie in Kürze erschießen würde. Um die Mittagszeit kamen sie aus ihren Zellen und stellten sich auf dem Flur auf, um ihre Suppe zu bekommen. Wir sahen sie, wenn wir durch die Gucklöcher unserer Zellen sahen. Und da fiel mir ein Mann auf: etwa 40-jährig, schmal und zart. Er grüßte den bewaffneten Aufseher, der ihm seine Suppe in den Napf goss, mit einem freundlichen Kopfnicken. Danach bedankte er sich bei ihm wieder mit einem freundlichen Kopfnicken, ging ans Ende des Flurs, wandte sich seinen Leidensgenossen zu, schlug mit der Hand ein Kreuz, sprach einen Segen, den ich nicht verstand. Dann aß er, was in seinem Napf war, still für sich. Das traf mich wie ein Schlag. Was für ein Mensch! Helden hatte ich genug gesehen, aber nicht einen Menschen, der so seinem Todfeind gegenüberstand. So sicher, so freundlich, so klar. So ohne jeden Hass. Das gab es also. Zu werden wie er, das musste sich lohnen. Das steht mir vor Augen, wenn ich bis heute an ihn denke.

Ich stand damals in meiner Zelle und las zum ersten Mal in dem kleinen Neuen Testament, das ich mitgebracht hatte. Und nun hatte ich zum ersten Mal Jesus selbst gesehen in dem fremden Mann, der eigentlich mein Feind war. Der stand stellvertretend für Jesus Christus. Und Jesus Christus deutete mir den fremden Mann. Liebe deinen Feind, sagt er mir. Liebe jeden Menschen. Ich sah ihn damals nur wenige Tage, dann wurde er erschossen. Aber in mir ist er stehengeblieben bis zum heutigen Tag. Ich weiß weiter nichts über ihn. Aber ich danke ihm bis heute. Als ich nach dem Krieg nach Hause kam, ging ich nach Tübingen und studierte Theologie. Es war für mich die lebensentscheidende Erfahrung. Es war der Anruf, der mich traf. In meinem Herzen. Er gab mir den Mut, mit meinem Mund zu bekennen, was ich durch ihn gelernt habe. Seither, seit nun 67 Jahren, habe ich davon gelebt, dass dieser Anruf in meinem Mund und in meinem Herzen war.

Mit allen Sinnen durchs Leben gehen

Ihnen, liebe Freunde, kommt das Reden Gottes nahe auf irgendeine andere Weise. Aber ich möchte Ihnen Mut machen, darauf zu vertrauen, dass es Ihnen nahe ist, Ihnen selbst, wenn Sie nur mit offenen Augen in die Welt schauen.Wenn Sie nur hören, was Gott gesagt hat.Wenn Sie nur mit allen Sinnen durch Ihr Leben gehen. Und wenn Sie danach Ihren Mund auftun und den Menschen um Sie her sagen, was Gott in Ihrem Leben sein oder werden will, nämlich Ihr Vater im Himmel.

Wie kann es denn aussehen, wenn das Wort von Gott nahe bei Ihnen ist? Dann stehen Sie morgens auf und freuen sich auf Ihren Tag. Dann gehen Sie eins ums andere an in der Gewissheit, dass Gott Ihnen Gelingen schenkt. Dann wissen Sie: Ich werde heute wieder an vielen Stellen versagen. Aber es bringt mich nicht um die Liebe Gottes. Oder Sie wissen: Gestern hatte ich einen mühsamen Tag, an dem nichts gelang, aber Gott kann mir den heutigen gelingen lassen. Oder Sie sagen: Ich hatte gestern den ganzen Tag meine Schmerzen. Ich werde sie auch heute haben. Aber Gott ist bei mir, mein Vater, der sie mir zumutet. Oder Sie sagen: Meine Sorgen sind erdrückend. Aber ich werde mit ihnen leben können, weil Gott mit mir ist. Und vielleicht gibt Gott mir eines Tages wieder einen Tag, an dem ich sie weglegen darf. Und ich werde heute versuchen, sie ihm zu überlassen. Oder Sie werden sagen: Liebe Kirche, du hast tausend Sorgen! Werfe sie, den ganzen Packen, auf Gott hin, so wirst du fröhlicher arbeiten können. Oder: Liebe Kirche, das Evangelium ist eine klare Sache, halte es fest. So wird dir dein Weg gelingen.

Das wird übrigens immer wichtiger, dass Sie so sprechen. Wir leben in einer Zeit, in der der Glanz und der Einfluss der Kirche verblassen. Wir leben in einer Zeit, in der die Pfarrer und Pfarrerinnen immer weniger allein zuständig sein können für das, was die Kirche ist. Sie sind für immer mehr Menschen zuständig. In einer Zeit, in der die Bürgerinnen und Bürger ihren Staaten immer mehr mit Misstrauen begegnen. In der die Parteien kleiner werden. In einer Zeit, in der die Stimme des einfachen Menschen wichtiger wird. In der die Verantwortung des einfachen Menschen gefragt sein wird.

Ich bin Gott recht

Und das möchte ich Ihnen sagen: Sie sind reicher, als Sie meinen. Sie sind näher am schöpferischen Wort Gottes, der sie erschaffen und auf Ihren Weg gestellt hat. Nehmen Sie einmal ganz ernst, was Sie hören: Ich bin Gott recht. Ich bin der Ort, an dem er wirken will. Treten Sie sich selbst gegenüber und sagen Sie: Ja, das ist wahr. Ich bin Gottes Werkzeug. Ich kann mit freiem Herzen tun, was mir dieses Wort von Gott zuspricht.

Sagen Sie nicht: Ich bin dafür zu dumm. Was ich denke, ist sowieso Schrott. Sondern vertrauen Sie auf die Lebendigkeit, welche die Anrede Jesu in Ihnen weckt. Sie hören ihn reden und sagen: Ja. Sie nehmen damit Gedanken Gottes in sich auf. Und in Ihren Gedanken wächst eine Hoffnung, wächst ein Hören und Schauen, und Sie werden glücklicher mit dem, was da auf Sie zukommt.

Aber es gibt noch einen stärkeren Einwand gegen das Wort, das Ihnen nahe kommt. Vielleicht sagen andere unter Ihnen: Ja, das kenne ich. Der Gott, von dem dieses Wort sagt, er sei nahe bei uns, nimmt mir gleich allen Mut, über ihn nachzudenken. Er ist ja nicht nur die stille Kraft, die mir zum Leben hilft. Er ist ja auch ein fremder Wille, der mich beansprucht. Auch das, was ich tue. Jesus sagt mir ja nicht nur, wer Gott sei, mein Vater im Himmel. Er sagt auch, was Gott von mir will. Und ich sehe, dass ich diesem Willen, trotz all meinem Ja-Sagen, nicht nachkomme. Auf und ab durch alle Gebiete. Sie sagen: Was will denn dieses Wort von mir? Ich kann hundert Gebote nennen, die ich nicht schaffe. Wäre das Wort, das ich höre, von Gott, wäre er mir so nahe, wie du sagst, dann müsste es gelingen. Aber ich schaffe es nicht. Es ist mir fremd.Vielleicht sagen Sie: Lieber Bruder Jesus, an dir lese ich meinen Weg ab. Ich sehe, wohin du gegangen bist. Du bist zu denen gegangen, die unten waren, zu den Armen, den Leidenden, den Einsamen, den Unwissenden, den Ausgegrenzten,zu denen, die man gerne außen vor lässt. Ich lese an dir ab, dass mein Weg ähnlich sein soll dem deinen. Und wenn ich bei ihnen bin, bei dir und bei ihnen, dann sehe ich, was ich tun muss. Lieben. Nichts weiter als Lieben. Meine Phantasie wird mir zeigen können, worin mein Lieben bestehen soll. Aber es ist mir zu schwer.

Dann antwortet Ihnen Jesus: Die Liebe Gottes, die vergebende und begleitende, wird bei dir sein. Nah deinem Mund und nahe deinem Herzen. Er sieht deine Versuche. Du bist auf meinem Weg. Ich will dir nahe bleiben. Und du wirst, von einem Versagen zum nächsten, immer deutlicher sehen, was deine Aufgabe ist. Du wirst am Ende den Frieden finden, den du suchst. Und wirst von Anfang an hören, wie mein Wort dich anruft: Komm! Sei bei mir!

Denn das ist der Kern dessen, was von uns verlangt wird. Dass wir absteigen von unseren hohen Rössern. Wir sollen unten leben. Auf dem letzten Platz. Und unten lieben. Du bist unten, auf der Sohle deiner Bescheidenheit und deiner Hingabe, ein freier Mensch. Dort unten kannst du tun, was du willst.Dort unten wird es alles gut sein. Trage das Elend dieser Erde mit in deiner Liebe. Nimm den Hunger wahr, der dort unten herrscht, den Hunger nach Gerechtigkeit und den Hunger nach Frieden.

Augustin hat gesagt: »Liebe und tu, was du willst.« Es wird gut sein. Dort ist die Freiheit eines Christen. Aber ich möchte dazu sagen: Sei bei denen, die unten sind. Dann liebe und tu, was du willst. Es wird gut sein. Dort wirst du die Freiheit entdecken, die Gott dir zugedacht hat. Hier findet Ihr Leben, liebe Freunde, seinen Sinn. Es findet seinen Sinn, weit hinaus über die Grenzen Ihres Lebens und dieser Welt.

Dazu möchte ich Ihnen heute Morgen Mut machen. Weil ich weiß, wie viel lebendiger Ihr Leben sein kann, wie viel Schönheit es gewinnt. Wie dabei das Evangelium sich heller an Ihren schmalen Tagen abzeichnet. Sagen Sie: Ja ,dieses Wort von Gott ist nahe bei mir. Ich kann es mit meinem Herzen aufnehmen. Ich kann es nachsprechen. Ich kann davon erzählen.

Es bleibt ein Wunder

Ich will von mir selbst reden. Bin ich eigentlich ein Christ? Sind meine Bemühungen, diesen Anruf Gottes zu hören und anzunehmen, eigentlich stärker als die Widerstände, die in mir immer wieder dagegen stehen? Was haben sie inzwischen an mir verändert? Ich komme immer wieder an den Punkt, an dem etwas wie der Mut in mir erwacht, es zu tun. Ich kann immer wieder neu anfangen, mein praktisches Tun dem anzuvertrauen, der es mir zeigt. »Du musst es nur tun«, sagt er. Als wer werde ich in Kürze hinübergehen in die andere Welt? Als einer, der sich diesem Willen gefügt hat? Als einer, der versagt hat? Oder als der, der sich gegen alle inneren Widerstände doch immer wieder dem anvertraut hat, der ihm mit seinem Anruf so nahekam?

Am Ende bleibt beides ein Wunder: dass ich geliebt bin. Und dass ich lieben kann. Dies beides. Und dass wir als Gemeinschaft so miteinander leben, dass die Liebe Gottes darin sichtbar wird. Was hat uns denn dieser Anruf in der langen Zeit gesagt? Er sagt uns: du brauchst keinen genialen Kopf. Du musst nur wach sein und hörsam auf das, was das Wort von Gott dir aus der großen Nähe sagt. Du kannst dich abmühen mit dem Vertrauen und Versagen. Verlass dich darauf, dass Gott dir nahe ist und bei dir bleibt, dass sein Anruf weiterergeht. Dabei wird dir manches gesagt, was eigentlich dein Maß überschreitet. So, dass dich sein Maß, das Bild des Jesus Christus prägt in dem Augenblick, indem du den Mund auftust, um zu sagen, was dein Herz erfüllt.

Getraue dich immer wieder, dich dorthin zu retten, wo dein Geist den Geist Gottes aufnimmt. Geh abwärts. Solange du abwärts gehst, geführt von seinem Anruf, verlass dich auf deine Kraft zu lieben und verlass dich darauf, dass du im Dienst deines Herrn stehst.

Die Zeitstille

Wir werden dann etwa so sprechen:

In dir sein, Gott, das ist alles.
Das ist das Vollkommene. Das ist das Heilende.
Die leiblichen Augen schließen,
die Augen des Herzens öffnen und eingehen in deine Gegenwart.
In dir sein, das ist alles, was ich mir erbitte.
Damit habe ich alles erbeten,
was ich brauche in Zeit und Ewigkeit.

Damit sind wir an dem Punkt, an dem für uns die Ewigkeit einsetzt. Wir sagen: Das Leben fließt in den Tod. Der Tod fließt ins Leben. Leben und Tod. Tod und Leben. Beides bist du, Gott.Wir gehen von dir zu dir. Das ist Ewigkeit. Das ist die Zeitstille, in der unser kleines Leben gelingt. Das ist die Zeitstille, in der wiruns selbst einsammeln und uns Gott anvertrauen mit allem, was wir sind.

Gott also höre ich. Die Erde fasst ihn nicht und nicht der Weltraum. Wenn aber mein Herz ihn empfängt, so verbinden sich dort, wo ich bin, Himmel und Erde. Ich schaue hinüber in die andere Welt, hoffend, träumend. Ich weiß, sie wird mein Ort sein. Ich weiß, alles ist vergänglich. Gott bleibt. Alles Vergängliche wird vergehen vor ihm. Am Ende auch die Vergänglichkeit selbst. Wir aber werden leben in ihm.

Wenn das für Sie alle gilt, so können Sie vielleicht ein paar Sätze mit mir zusammen sprechen, denn das hören wir, nahe unserem Herzen und unserem Mund.

Ich sage also: Es steht einer zu mir, der bejaht mich. Ich kann also zu mir selbst stehen. Ich kann mich annehmen. Ich lege meine Unsicherheit ab. Ich atme auf und lebe.

Ich bin gehalten. Mir geschieht nur, was Gott will. Ich kann also Mut fassen.Ich brauche mich nicht zu fürchten, und ich kann auch anderen Mut machen zu ihrem Leben.

Ich werde heil und ganz sein. Was ich in mir an Rissen und Brüchen kenne, soll geheilt werden. Steh auf!, sagt mir Jesus. Ich lasse mir also meine Last abnehmen und richte mich auf.

Ich weiß dann: Ich kann vertrauen und meinen Weg sorglos und gelassen gehen. Ich lasse los, was mich bindet und zu Boden drücken will. Gott will mich leicht und fröhlich.

Ich bin ein freier Mensch. Niemand steht über mir außer Gott. Ich kann für meine Überzeugung gegen jeden Trend und gegen jede Macht stehen. Wenn meine Situation es erfordert, bin ich bereit, meine Freiheit abzugeben, ohne mich zu wehren.

Ich bin nicht allein. Ich bin zu Hause bei Gott und bei den Menschen. Am Tisch ist ein Platz frei. Das Haus ist offen. Ich stelle mich zu denen, die mit mir zusammen das Haus dieser Erde bewohnen, zu ihrem Leid und ihrer Einsamkeit.

Dazu sind mir Kräfte zugedacht. Ich nehme sie also in Anspruch. Geist von Gott ist uns zugedacht. Also ist es nicht unbescheiden, darauf zu vertrauen,dass er uns gegeben ist. Gottes Gedanken nachzudenken ist uns erlaubt. Also denken wir seine Gedanken nach.

Mir ist ein Auftrag gegeben: Ich soll in der Liebe Gottes leben und sie für andere spürbar machen. Ich bin ein Saatkorn für das Reich Gottes und für seine Gerechtigkeit. Das ist der Sinn meines Lebens.

Ich kann nur sagen: Ich muss mich nicht mit Mühe und Anstrengung selbst herstellen.Wer ich bin und was ich werden kann, das gibt mir die Liebe Gottes.Ich brauche nicht auf meine Leistung zu bauen. Ich scheitere nicht an meinem Versagen. Mich hält eine gütige Hand fest, unabhängig von dem, was ich zustandebringe.

Ich sehe ein Ziel vor mir. Ich bin gerufen, und ich werde meinen Weg gehen in die größere Welt. Der Tod kann mir nichts anhaben. Christus lebt, und ich werde leben und glücklich sein.

Das Gleiten zwischen den Ufern

Und nun verabschiede ich mich von Ihnen. Ich weiß nicht, ob wir uns noch einmal wiedersehen. Aber eins will ich noch erzählen. Ich habe im vorigen Jahr eine wunderbare Reise gemacht. Mit meiner Frau zusammen, die nun 61 Jahre mit mir verheiratet ist, bin ich auf einem Ferienschiff die Donau hinuntergefahren, von Passau nach Budapest und zurück.

Was uns dabei neben viel Schönem, neben Städten, Dörfern, Ufern, Burgen und Bergwäldern berührt und bewegt hat, war das sanfte, fast lautlose und gleichmäßig ruhige Gleiten zwischen den Ufern. Wir saßen oder standen stundenlang mit dem Blick auf das Wasser oder die Uferauen, die sich vor unseren Augen vorbeibewegten. Und manchmal war es, als stünden wir still und die Ufer zögen an uns vorbei. Was bewegt sich hier eigentlich, fragten wir uns,was bewegt sich überhaupt in unserem Leben und was steht fest? Das Land, das Wasser oder wir selbst?

Es war eine Art von Urerfahrung dessen, was wir die »Zeit« nennen. So gleitet sie, so gleichmäßig, so ohne Pause, so unveränderlich. Und manchmal kommt ein besonderes Bild, eine besondere Kirche, ein Schloss auf einem Berg oder ein weiter Ausblick, so, wie alle Jahre ein Geburtstag kommt oder ein Weihnachtsfest oder ein Neujahr. Und mit all dem wurde das Wissen immer deutlicher in uns, dass es nicht immer so weitergehen wird. Irgendwo und irgendwann wird das Schiff anlegen, das große Fließen wird zur Ruhe kommen. Wir werden aussteigen und auf einen festen, unbekannten Grund treten. Andere Schiffe werden dann an uns vorbeigleiten, und wir werden alles von einer anderen Seite aus ansehen, vom festen Ufer auf den bewegten Strom hin. Und es wird alles auch wieder gut sein. Die Zeit wird sich wandeln in jene tiefe Zeitstille, die wir die Ewigkeit nennen.

Wenn man, wie meine Frau und ich, 85 und 88 Jahre hat, kann der Zeitpunkt nicht fern sein, zu dem es gilt, an Land zu treten, oder besser: an Land geleitet zu werden von einer Hand, die unser Vertrauen hat. Wir werden wieder die Augen auftun und aus einer ganz anderen Perspektive heraus sehen, wie groß und weit Gottes Welt ist.

Inzwischen wünschen wir uns und euch allen, dass es von unserem oder eurem Schiff aus noch viel Schönes in dieser Welt zu sehen gibt. Wir wünschen uns und euch, dass wir alle im Frieden eines Tages an Land treten können und uns dabei von der Hand behütet wissen, die uns nach Hause bringt.

Gott segne Sie, liebe Schwestern und Brüder!

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