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Klimaabkommen

Die moralische Revolution von Paris

Wichtiger Kurswechsel oder Alibi-Abkommen? Der UN-Klimagipfel im Dezember hat so viele Fragen aufgeworfen, wie er beantworten sollte. Ein Klimaforscher bewertet die Bedeutung der getroffenen Vereinbarungen.

Von Uwe Schneidewind

Naturwissenschaftlich betrachtet liegen die Fakten seit rund zwanzig Jahren auf dem Tisch: Nur wenn es gelingt, die durch Menschen verursachte Erderwärmung im 21. Jahrhundert auf unter zwei Grad zu begrenzen, können massive globale ökologische Verwerfungen in vielen Weltregionen und in unseren Meeren vermieden werden.

Hinter dieser Schlüsselherausforderung verbirgt sich aber nur vordergründig ein naturwissenschaftlich-ökologisches Problem. Denn auch bei sehr viel größeren Temperaturerhöhungen werden Ökosysteme auf diesem Planeten existieren und sich entwickeln. Auch Menschen werden weiter auf der Erde leben können und leben. Die eigentliche Herausforderung ist vielmehr eine humanistisch-zivilisatorische: Die menschlich verursachten Klimaveränderungen schaffen nämlich in einer Geschwindigkeit ökologische Veränderungen, etwa den Anstieg des Meeresspiegels, die Entstehung neuer Dürreregionen oder die massive Zunahme von Extremwetterereignissen wie Überschwemmungen und Wirbelstürmen, die es vielen Regionen und Hunderten Millionen von Menschen nicht ermöglichen, sich rechtzeitig auf diese Veränderungen einzustellen. Betroffen sind insbesondere die Ärmsten dieser Welt, denen ausreichende Reaktionsmöglichkeiten fehlen und deren Leben und Existenz gefährdet ist. Dabei haben gerade diese Menschen am wenigsten zu den heutigen Klimaveränderungen beigetragen. Denn der Klimawandel geht insbesondere auf die Treibhausgasemissionen der wirtschaftlich am besten entwickelten Länder zurück. Diese können sich aber am leichtesten daran anpassen.

Eine zivilisatorische Herausforderung

Die Klimafrage ist daher im Kern eine Zivilisationsherausforderung mit globaler Dimension. Sie ist eine Gerechtigkeitsfrage: Gelingt der Menschheit im 21. Jahrhundert eine globale Solidarität zu organisieren, die dafür sorgt, dass die am stärksten entwickelten Länder ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Treibhausgas-Emissionen massiv reduzieren, damit Menschen in ärmeren Ländern faire und nicht durch ökologische Katastrophen belastete Entwicklungschancen erhalten?

Der Philosoph Anthony Appiah spricht im Zusammenhang mit solchen fundamentalen Werteumbrüchen von "moralischen Revolutionen", wie sie sich zum Beispiel in der Aufklärung, in der Abschaffung der Sklaverei oder der Einführung des Frauenwahlrechtes zeigten. Die Klimafrage stellt eine neue Dimension einer solchen moralischen Revolution in der Menschheitsgeschichte dar. Im 21. Jahrhundert entscheidet sich, ob die Menschheit in der Lage ist, in globaler Verantwortung einen umfassenden Umbau ihrer technologischen Basis, ihrer Wirtschaftsformen und ihrer globalen Institutionen solidarisch zu meistern.

Die Beschlüsse machen Mut

Eine solche "große Transformation" ist ein Projekt, das in Jahrzehnten gedacht werden muss – in einer Welt, auf der vor gut 70 Jahren noch ein Weltkrieg tobte. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels einzuordnen: Erstmalig haben sich alle Staaten dieser Welt nicht nur auf das Zwei-Grad-Ziel, sondern auch auf die Möglichkeit eines noch ambitionierteren Klima-Fahrplans verständigt. Alle Nationen unterwerfen sich der Transparenz und Prüfung ihrer Klimafortschritte und einer regelmäßigen Diskussion und möglichen Verschärfung der Klimaanstrengungen. Große Nationen, die sich lange solchen Fortschritten verweigert haben, wie die USA und China, sind diesmal Teil der Pariser Vereinbarungen.

Der Weg zur konkreten Umsetzung der in Paris vereinbarten Ziele und Schritte wird noch weit und steinig sein. Dennoch machen die Beschlüsse aus Paris Mut mit Blick auf die Möglichkeit einer weiteren moralischen Revolution in der Menschheitsgeschichte.

Zum Autor: Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie und Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

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