Mein Kirchentag
Interview

Mutig vorleben, was wir bezeugen

Orientierung geben, Nächstenliebe vorleben – für den Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford Strohm sollen gerade auch die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum eine starke Botschaft senden, gegen Hass und Gewalt.

Terrorismus, Gewalttaten, eine Abwendung von Europa, ein Zuwachs an rechten Stimmen, nicht nur in der Politik – zeitgleich steht für die evangelische Kirche ein großes Jubiläum an, das gefeiert werden soll. Keine gute Zeit für das Reformationsjubiläum – oder gerade doch?

Heinrich Bedford-Strohm: Es war kaum je wichtiger, die Inhalte des Reformationsjubiläums stark zu machen und öffentlich zu vertreten, als heute. Die Freiheit eines Christenmenschen, um die es Martin Luther gegangen ist, ist genau diejenige Haltung, die wir im Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit brauchen. Auf der Basis der Christusbeziehung mutig und unverzagt gegen Hass und Gewalt Stellung beziehen, die untrennbare Beziehung von Gottesliebe und Nächstenliebe mit dem eigenen Leben bezeugen und damit Orientierung geben, wo so viele nach Orientierung suchen – das ist es, was wir jetzt brauchen. 

Wenn es am 31. Oktober losgeht, auf welche Besonderheiten können sich Besucherinnen und Besucher freuen?

Es wird viele ökumenische Veranstaltungen geben – zentral und vor Ort. Der ökumenische „healing of memories“-Gottesdienst in Hildesheim am 11. März wird sehr bewegend sein: Wir wollen als evangelische und katholische Kirche Gott und einander um Vergebung bitten für die Wunden, die wir beim jeweils anderen verursacht haben und für die fürchterliche Gewalt, die wir in den Konfessionskriegen einander angetan haben. Neben den Gottesdiensten wird der Reformationssommer 2017 vor allem durch die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg geprägt werden, bei der sich von Mai bis September rund um die Altstadt unter verschiedenen Themen Kirchen und Gruppen der Zivilgesellschaft aus aller Welt präsentieren werden. Ein Highlight wird das Jugendcamp sein, in dem wir über die Monate verteilt 20.000 junge Leute erwarten. Vielleicht – das wäre jedenfalls mein Traum – entsteht daraus so etwas wie eine Generation 2017, die Gott neu entdeckt.

Ein Höhepunkt der Feiern ist der Open-Air-Gottesdienst in Wittenberg, was erwarten Sie von diesem Großereignis?

Am 28. Mai werden sehr viele Menschen zum Abschluss des Kirchentages auf den Wittenberger Elbwiesen zusammenkommen, um vor der Silhouette von Wittenberg einen kraftvollen und fröhlichen Gottesdienst zu feiern. Ich hoffe auf viele junge Menschen, die sich auch schon am Vorabend zu einer Taizénacht am gleichen Ort versammeln. Im Hinblick auf diesen großen Gottesdienst habe ich wirklich das Gefühl: Da muss man dabei gewesen sein!

Das Reformationsjubiläum soll ein Signal der Versöhnung sein – wie wollen Sie gerade Kirchenferne davon überzeugen?

Gerade Kirchenferne nehmen sehr genau wahr, ob wir als Christen die Versöhnung, die wir predigen, auch selbst praktizieren. Deswegen ist es für mich wirklich beglückend, dass in den letzten Jahren so viel Vertrauen zwischen den unterschiedlichen Kirchen gewachsen ist. Alle miteinander verstehen wir neu, dass Christus unser aller Zentrum ist und deswegen die Unterschiede zwischen uns nicht Grund zur Trennung sein können, sondern Grundlage für eine Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit sind.

Religion fördert Demokratie, Kirche ist ein wesentliches Element gesellschaftlichen Miteinanders – zwei Thesen, die angesichts der aktuellen Herausforderungen und rückläufigen Mitgliedszahlen eher nach einer großen rosaroten Brille klingen. Können die Stärken von christlicher Religion und Kirche nicht mehr vermittelt werden?

Wer sich vor Augen führt, welche Rolle die Kirchengemeinden bei der Ankunft und Integration so vieler Flüchtlinge gespielt haben und spielen, sieht schnell, wie viel die Kirchen zum Gemeinwesen beizutragen haben. Wir können dann am ehesten überzeugen, wenn wir ausstrahlen, wovon wir sprechen. Die Einsicht, dass in unserem Glauben Gottesliebe nicht vorstellbar ist, ohne dass daraus Nächstenliebe kommt, gilt es mit unserem Leben zu bezeugen. Alles andere ist nachgeordnet.

Angst vor Terror und die Herausforderungen im Umgang mit Flüchtlingen haben radikalen Parteien Zulauf beschert. Was können Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen?

Das Wichtigste ist Zuversicht. Nicht ohne Grund hat Paulus von Glaube, Liebe und Hoffnung als dem gesprochen, was am Ende bleibt. Der Mangel an Zuversicht liegt in Deutschland ganz bestimmt nicht in materiellen Defiziten oder in einer gefährlichen Sicherheitslage begründet. Wir leben in einem der wohlhabendsten und sichersten Länder der Erde. Deswegen ist das Wichtigste jetzt eine geistliche Erneuerung. Die Lage würde ganz anders aussehen, wenn wir alle miteinander tief in der Seele diesen alten Satz aus Psalm 23 mitsprechen könnten: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!

Damit gesellschaftliches Miteinander gelingen kann, braucht es eine gute Integration – ein neues Integrationsgesetz wurde im Juli verabschiedet. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Es ist jedenfalls richtig, dass Bund und Länder viel Geld vorgesehen haben, um die entsprechenden Integrationsmaßnahmen zu fördern. Es geht um Deutschkurse, um viele neue Lehrerinnen und Lehrer, um Migrationsberatung, um Wohnungsbau und um Qualifizierungsmaßnahmen, damit die Teilhabe an Arbeit gefördert wird. Wir sollten keine Schaufensterdebatten um den Begriff der „Leitkultur“ führen. Dass niemand verpflichtet werden kann, jetzt Weißwürste und Sauerkraut als Leibgericht zu entdecken, ist doch klar. Ebenso klar ist, dass in Deutschland die Religionsfreiheit gilt und jeder seinen Glauben hier leben darf. Allerdings – und darüber besteht ja breiter Konsens – muss auch klar sein, dass die Regeln des Grundgesetzes hier für alle verbindlich sind. Da wird es bei manchen Geflüchteten, die hier Heimat finden und etwa im Hinblick auf Frauen anderes gelernt haben, einen längeren Prozess der Aneignung und Verinnerlichung der Gleichberechtigung geben müssen, die hier gilt.

In der Zeitung „Die Zeit“ haben Sie für ein Modell der „öffentlichen Religion“ geworben, was ist damit gemeint?

Das Modell der „öffentlichen Religion“ weist die Privatisierung von Religion zurück. Es gibt überhaupt keinen Grund, nicht-religiöse öffentliche Kommunikationen den religiösen Kommunikationen vorzuziehen. Aber öffentliche religiöse Kommunikation muss den übergreifenden Konsens respektieren, der in den modernen Menschenrechten zum Ausdruck kommt. In dessen Zentrum steht die Menschenwürde, die sich maßgeblich jüdisch-christlichen Traditionen wie der Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen verdankt, die aber begründungsoffen ist, also auch für andere religiöse Traditionen konsensfähig ist. Auf der Basis dieses Konsenses dürfen, ja sollen sich auch religiöse Traditionen mit Leidenschaft in die öffentlichen Debatten einbringen. Der Pluralismus einer demokratischen Gesellschaft lebt davon, dass Menschen auch Wahrheitsansprüche vertreten, aber eben gewaltfrei und mit Respekt vor den Überzeugungen anderer.

Ein Blick in die Zukunft – wir schreiben den 31.10.2017 –, welches Fazit würden Sie gern ziehen?

Wir schauen zurück auf ein Jubiläums- bzw. Gedenkjahr, in dem viele Menschen neue Kraft für ihren Glauben bekommen haben. Wir haben ökumenische Gottesdienste in diesem Jahr im Herzen, die die Sehnsucht nach der Einheit der Kirche nicht nur im Kopf, sondern auch in der Seele verankert haben und ökumenische Fortschritte gebracht haben, die niemand mehr zurückdrehen kann. Wir haben mit den vielen Veranstaltungen auch im öffentlichen Leben in den großen politischen Zukunftsfragen Spuren hinterlassen, indem wir klare Grundorientierungen gegeben haben. Und wir haben viel freudige und glückliche Momente erlebt, die uns noch kraftvoller singen lassen: Lobe den Herrn eine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!

Zur Person: Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Die Fragen stellte Britta Jagusch, Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“.

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