Mein Kirchentag
Interview

"Interkulturalität ist die Herausforderung der Zukunft"

Silke Lechner verlässt den Kirchentag. Nach zehn Jahren stellt sich die Studienleiterin neuen Herausforderungen. Im Interview blickt sie zurück auf Ihre Kirchentags-Zeit und nach vorne in die Zukunft.

Frau Lechner, Sie sind vor zehn Jahren zum Kirchentag gekommen. Wo ist es Ihnen in diesen zehn Jahren gelungen, Akzente zu setzen, die Ihnen wichtig sind?

Vor allem habe ich unglaublich viel gelernt – so viele Themen, so viele kluge Menschen, es war ein permanenter Bildungsprozess für mich. Ich habe vor meiner Zeit beim Kirchentag in Südamerika und England gelebt, diese internationalen Erfahrungen habe ich mit eingebracht. Was ist die globale Perspektive auf die Themen der Zeit? Wie können wir interessante Referentinnen und Referenten aus dem Ausland gewinnen und von ihnen lernen? Das war ein Schwerpunkt meiner Arbeit und das Programm ist dadurch internationaler geworden.

Wir haben in dieser Zeit den interreligiösen Dialog zu einer der zentralen Säulen des Kirchentages gemacht. Hier habe ich viele Netzwerke mit religiösen Akteuren im In- und Ausland aufgebaut. Wir haben nicht nur auf Wortveranstaltungen gesetzt, sondern auch darauf, dass die Menschen stark von der Begegnung und dem direkten Erleben von anderen Traditionen lernen. So habe ich in den letzten zehn Jahren verstärkt auf Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Moscheen, Synagogen und anderen Religionsgemeinschaften gesetzt. Und – wir haben das Konzept der Ökumene erweitert: Seit einigen Jahren sind die Migrationskirchen, Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, ein wichtiger Partner des Kirchentages.

Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Ich glaube es ist mir gelungen, viele von der Sache Kirchentag zu begeistern. Mit hat immer die Vielfalt der Menschen gefallen, mit denen ich zu tun hatte. Ich erinnere die Situation, dass ich in einem Telefongespräch die Referentin des damaligen Weltbankchefs Robert Zoellick vom Kirchentag überzeugen musste. Schnell war im Gespräch klar, dass sie keine Ahnung hatte, was der Kirchentag eigentlich ist. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „Das ist ja eine Art kirchliches Woodstock!“. Das stimmt zwar nicht ganz, aber Bob Zoellick kam zum Kirchentag 2009 nach Bremen.

Ich hatte in diesen zehn Jahren mit tausenden von Ehrenamtlichen zu tun – Gremienmitglieder, Projektleitungsmitglieder, Helferinnen und Helfer. Besonders gefreut habe ich mich immer, wenn sich Menschen gewinnen ließen, die sonst nicht so viel mit „Kirche“ zu tun hatten.

Was haben Sie dem Kirchentag noch für das Reformationsjahr 2017 mitgegeben und worauf freuen Sie sich?

Viele Projekte des Kirchentages in Berlin und Wittenberg tragen meine Handschrift: Es wird eine Kooperation mit der Langen Nacht der Religionen in Berlin geben, die am Kirchentags-Donnerstag stattfinden wird. Einen Lernort Willkommenskultur habe ich auf den Weg gebracht: Ehrenamtliche aus der Flüchtlingsarbeit, Kirchentagsteilnehmende und Geflüchtete sollen hier miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen und Projekte schmieden. Und ich habe ein Format namens "Centre Reformation and Transformation" mit angestoßen, bei dem sich Kirchentagsteilnehmende aus nicht-europäischen Ländern mit ihren Themen einbringen können. Auf die Umsetzung dieser Projekte bin ich gespannt.

Ich selber freue mich sehr auf den großen Festgottesdienst am 28. Mai auf der Wiese in Wittenberg. Ich bin ein Gemeinschaftsmensch – wenn Zehntausende gemeinsam einen fröhlichen Gottesdienst feiern, dann ist das für mich ein Ausdruck der Kirche, der ich gerne angehöre.

Wo sehen Sie die größten Baustellen für die Zukunft? Wo die vielversprechendsten Ansätze?

Interkulturalität ist die Herausforderung der Zukunft. Was bedeutet es für den Kirchentag, dass unsere Gesellschaft kulturell immer vielfältiger und auch interreligiöser wird? Was bedeutet das für die Themen des Kirchentages, was bedeutet es aber auch für die Projektleitungen und die Belegschaft? Darauf gilt es Antworten zu finden.

In den letzten Jahren ist aus der Kirchentagsbewegung eine Initiative für einen Europäischen Kirchentag – eine European Christian Convention – entstanden und ich habe an der Projektidee intensiv mitgearbeitet. Das ist eine der interessantesten Baustellen – die Kirchentagsbewegung sollte diese europäische Initiative weiter unterstützen.

Sie haben wegen des Kirchentages auch zehn Jahre in Fulda gelebt. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Ich bin damals direkt von London nach Fulda gezogen, das war anfangs schon ein kleiner Kulturschock. Ich habe mich dann aber auf darauf eingelassen und mich auch recht schnell beheimatet gefühlt. Vor ein paar Jahren habe ich dort meine jetzige Frau kennengelernt, das macht Fulda sowieso zum schönsten Ort überhaupt. Wir hatten eine wunderbare Wohnung um die Ecke vom Bahnhof, es gibt das Café Ideal mit dem weltbesten Kuchen und ich habe in einem Verein Tischtennis gespielt und Freunde in Fulda gefunden.

Sie verlassen den Kirchentag, um im Auswärtigen Amt einen neuen Arbeitsbereich „Friedensverantwortung der Religionen“ mit aufzubauen. Was erwartet Sie mit diesem Schritt?

Für mich ist das ein Zukunftsthema: Religiöse Akteure sind einerseits oftmals Teil des Problems in vielen Konflikten, sie sind und können aber auch Teil der Lösung sein. Moderne Außenpolitik kann sich nicht mehr nur auf die Ebene von Staaten konzentrieren, sie muss andere Akteure in den Blick nehmen. Wo können Religionen eine positive Rolle spielen und wie kann dies gefördert werden? Diese Frage finde ich sehr spannend und ich freue mich auf die neue Herausforderung. Auch auf den Wechsel von der Arbeit in einem Verein in ein Ministerium bin ich gespannt.

Haben Sie aus den letzten zehn Jahren eine schönste Kirchentagserinnerung?

Am schönsten waren für mich immer die Kirchentage selbst. Das Gefühl, dass 100.000 Menschen um einen herum miteinander über politische Themen diskutieren, miteinander singen und feiern, ist unglaublich schön. Und das Gefühl, dass man selber daran mitgewirkt hat, dieses Ereignis auf die Beine zu stellen, das hat mich innerlich strahlen lassen. Dieses Gefühl werde ich vermissen.

Wir danken Ihnen, wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute und hoffen, Sie bald auf einem Kirchentag wiederzusehen.

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