Mein Kirchentag
Asisi-Panorama

360-Grad-Luther

Luther auf Augenhöhe begegnen und in die Reformationszeit eintauchen: Das Panorama von Yadegar Asisi macht das möglich. Am 21. Oktober wird „Luther 1517“ in Wittenberg eröffnet. Ein Besuch im Atelier des Künstlers.

Von Alexander Matzkeit

Ein Blitzschlag wie bei Martin Luther war es nicht, der Yadegar Asisi dazu bewog, sich mit der Reformation zu beschäftigen. Aber einen inspirativen „Impuls“ habe er vor rund zehn Jahren doch gespürt, als er auf die Tür der Schlosskirche in Wittenberg blickte. Vor seinem inneren Auge sei die Idee für ein „Gesellschaftsbild“ aus der Lutherstadt entstanden, das anhand des Lebens des Reformators und seiner Zeitgenossen zeigt, „wie die Gesellschaft zusammenspielt“. Zehn Jahre später sitzt der 61-Jährige in seinem Atelier in einem Kreuzberger Hinterhaus und denkt zurück an das, was alles passieren musste, damit das Panorama „Luther 1517“ im Oktober in Wittenberg feierliche Eröffnung feiern kann. Kontakte, Reisen, Gespräche über Finanzierung, Beratung, Ideen und schließlich sehr viel Arbeit. Dabei hielt der mit sanfter Stimme und leicht sächsischem Dialekt erzählende Künstler zu jeder Zeit selbst die Fäden in der Hand. „Ich verwirkliche nur noch Herzensprojekte“, sagt er. „Es ist ein großes Glück, dass ich inzwischen so selbstbestimmt arbeiten kann.“

Begehbare Kunst

Das war nicht immer so. Zwar gewann der 1955 als Sohn iranischer Immigranten in Wien geborene Asisi schon wenige Jahre nach seinem Architektur- und Malereistudium in Berlin und Dresden erste Preise, doch erst 1995 stieß er auf das Panorama – ein fast verlorenes Kunstund Unterhaltungsformat aus dem 19. Jahrhundert, das vom Kino schnell verdrängt wurde. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum Meister des begehbaren 360-GradKunstwerks, das Besucherinnen und Besucher in eine fremde Welt oder Zeit eintauchen lässt. Auf erste Auftragsarbeiten folgten irgendwann eigene Ideen. Inzwischen betreibt die Asisi GmbH selbstständig zwei Panoramen in Dresden und Leipzig, weitere Bilder von historischen Städten und beeindruckenden Landschaften hängen derzeit in Berlin, Pforzheim und Rouen. Dabei variiert Asisi trotz einer gewissen Routine immer wieder seine Form. So habe er für „Luther 1517“ seinen gewohnten Prozess umgedreht, erzählt er: „Bei anderen Stadtpanoramen erschließt sich der Bildinhalt zuerst über die Architektur, dieses Mal wird die Geschichte zuerst durch die Menschen erzählt.“ Das bedeutet: Wenn Besucherinnen und Besucher ab Oktober das Panorama in Wittenberg betreten, sehen sie sich an den Wänden Figuren gegenüber, die mit ihnen auf Augenhöhe stehen. Sie müssen nicht erst auf eine Plattform in der Mitte des Raums steigen, um die richtige Perspektive einzunehmen. 

Reformatorischer Prozess

Und noch etwas ist anders: Statt einen bestimmten Moment in der Zeit festzuhalten, zeigt Asisis Rundgemälde gewissermaßen einen reformatorischen Prozess. Luther kommt nicht nur einmal, sondern mehrfach im Bild vor, in symbolischen Szenen aus verschiedenen Zeitaltern seines Lebens: beim Diskutieren mit Mönchen vor den Toren der Schlosskirche, beim Streit mit Thomas Müntzer, beim Predigen in der Kirche, beim Feiern mit Katharina von Bora. „Diese Momente sollen einander die Hand geben, ohne sich aus den Angeln zu heben“, hofft der Künstler. Yadegar Asisi, das merkt man im Gespräch, ist jemand, der sehr stark von innen nach außen arbeitet. Bilder und Ideen entstehen in seinem Kopf in beinahe finaler Form, bevor er sie aufs Papier bringt. Die erste, zweieinhalb Jahre alte Bleistiftskizze des Panoramas enthält schon alle wesentlichen Elemente der 12,5 Gigabyte großen Photoshop-Datei, an der er zurzeit letzte Hand anlegt: im Zentrum des Bildes die imposante Wittenberger Schlosskirche, links davon die mittelalterliche Stadt mit einer Mühle als weiterem visuellen Ankerpunkt, rechts der Neubau der Stadtmauer und der Blick auf die Elbwiesen. Das Licht fällt durch die Fenster der Kirche auf den Schlossplatz, sodass das Bild im Rund einen Weg von der Dunkelheit ins Licht beschreibt – nicht ohne am Horizont auch die Kriege anzudeuten, die folgten. 

Poetische Wahrheit

An der Ähnlichkeit zwischen Skizze und Endprodukt ist auch abzulesen, dass es sich bei den Panoramen um die Werke eines einzelnen Künstlers handelt. Obwohl sich Yadegar Asisi zuerst von Historikerinnen ausführlich beraten ließ, Fotoshootings mit Dutzenden Laiendarstellern inszenierte und ihm ein 15-köpfiges Team bei der technischen und logistischen Umsetzung seiner Ideen zur Seite steht – was am Ende in Wittenberg zu sehen sein wird, ist reiner Asisi. Nicht zuletzt, weil es bei „Luther 1517“ nicht um eine historische Rekonstruktion, sondern um eine künstlerische Interpretation mit allenfalls poetischer Wahrheit geht. Selbst in den Gesichtsausdrücken der fotografierten Menschen finden sich die Gedanken wieder, mit denen sich Asisi in einer Reihe von Lutherskizzen an der Atelierwand der vielfältigen Persönlichkeit des Reformators genähert hat. 

Energie, die antreibt

Bei seinem ersten Panorama vor 21 Jahren habe ihn eine Journalistin gefragt, ob er sich als Panoramakünstler sehe, erzählt er zum Schluss. Damals habe er sich nicht träumen lassen, dass diese Kunstform einmal so wichtig für ihn werden würde. Überdrüssig ist er ihr bis heute nicht geworden. „So lange die Lust da ist, so lange ich diese Energie in mir spüre, die mich treibt, mache ich weiter.“ Bald wird auch „Luther 1517“ so weit fertig sein, dass es auf drei Meter breiten und 15 Meter hohen Stoffbahnen ausgedruckt und in Wittenberg aufgespannt und eingeleuchtet werden kann. Obwohl, das gibt Asisi zu, seine Bilder eigentlich nie hundertprozentig fertig werden. Er könne eigentlich immer weiter an ihnen arbeiten. Semper Reformanda, noch etwas, was Yadegar Asisi mit Martin Luther verbindet.  

Zur Person: Yadegar Asisi, Sohn persischer Eltern, wurde 1955 in Wien geboren und wuchs in Sachsen auf. Er studierte Architektur an der Technischen Universität Dresden und anschließend Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin. Seit 2003 realisiert der in Berlin lebende Künstler die weltgrößten 360°-Panoramen mit einer Höhe von bis zu 32 Metern und einem Umfang von bis zu 110 Metern. Zu seinen Panoramen gehören unter anderem: „Die Mauer“ in Berlin am Checkpoint Charlie, „Dresden im Barock“ in Dresden, „Rom 312“ im Gasometer Pforzheim und im Panometer Leipzig das „Great Barrier Reef“.

Zum Autor: Alexander Matzkeit leitet die Abteilung Presse und Marketing des Kirchentages.

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