Mein Kirchentag
Reportage

Vom Acker auf den Teller

Beim Kirchentag in Berlin soll es „Essen mit Gesicht“ geben. Mit einer Entourage aus Lebensmittel-Kuratoren hat ein Team der Geschäftsstelle deswegen Landwirte in der Region besucht. Das hat nicht nur die Tiere gefreut.

Von Lena Eggert

Die Berliner Stadtluft hat sich verzogen und ein würziger Geruch liegt in der Luft. Dichter Nebel zieht über die Felder. Seinen Ausflug auf Brandenburger Bauernhöfe hat der Kirchentag „Landpartie“ getauft. An zwei Tagen soll Kontakt mit Landwirten aus der Region aufgenommen, Produzenten und Lieferanten zusammengebracht werden.

Neben dem Verpflegungs-Team der Geschäftsstelle des Kirchentages sind Andreas Flechtner, Küchenchef des Messegastronoms Capital Catering, Vertreter der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) und Michael Thun vom Beratungsunternehmen Esscooltur Teilnehmende der Landpartie. „Wir wollen schauen welche Produkte zur Kirchentagszeit Ende Mai Saison haben“, legt Andreas Flechtner als zentrales Ziel dar.

Die Meierei ist Attraktion

Die Tiere im Ökodorf Brodowin, dem ersten Halt auf der Strecke, fühlen sich auf dem streng nach Demeter-Regeln arbeitenden Hof sichtlich wohl. Gleich zu Beginn der Führung über das Gelände wird ein Stopp am Außenbereich der jungen Kälber gemacht, die sich über die Streicheleinheiten freuen. Auch im Kuhstall herrscht reger Betrieb. Die Attraktion für jede Besucherin und jeden Besucher aber ist die gläserne Meierei. Hier kann Schritt für Schritt zugeschaut werden, wie die Milch der Kühe und Ziegen verarbeitet wird.

Der Anteil regionaler Lebensmittel an der Verpflegung für die geplanten 6.000 Helferinnen und Helfer des Kirchentages in Berlin soll erhöht werden, entsprechend der 2012 beschlossenen Strategie „Der Kirchentag isst grün und fair“. Deswegen muss sich der Speiseplan nach dem saisonalen Angebot der regionalen Landwirte richten. Um den Helferinnen und Helfern zu zeigen, wo ihr Essen herkommt, soll außerdem der Weg der Lebensmittel vom Acker bis auf den Teller dokumentiert und am Verpflegungsort ausgestellt werden. So soll „Essen mit Gesicht“ entstehen, frei nach der Losung für den Berliner Kirchentag: „Du siehst mich.“

Antiautoritärer Weidestil

Auch für das Gläserne Restaurant, die transparent ökofaire Verpflegungsstelle auf dem Kirchentag, wird nach regionalen Produkten gesucht. Im Kochbuch sollen die Erzeugerhöfe mit Hilfe von kleinen Geschichten vorgestellt werden. „Wichtig ist, dass der Kirchentag nicht einfach in eine Region kommt und wieder geht“, sagt die Umweltverantwortliche des Kirchentages Karin Terodde. Auf Grundlage der angebotenen Speisen soll die Kirchentagsregion den Besucherinnen und Bersuchern vorgestellt und nähergebracht werden.

Der Biohof Erz in Alt Tucheband nahe der polnischen Grenze, den die Gruppe als nächstes besucht, bietet einen großen Kontrast zum Großbetrieb in Brodowin. Das junge Ehepaar Johannes und Hanna Erz verfügt über elf Hektar Eigenland und baut dort hauptsächlich Gemüse an. Aber auch Schafe gibt es, die überall auf dem Gelände frei herumlaufen. „Wir führen einen antiautoritären Weidestil“, erklärt Hanna Erz. Diesen genießen auch die Hühner, die ebenfalls verstreut auf dem Acker herumstaksen und sich über den Besuch wundern.

Keine Massenware

Auf dem Hof Schwalbennest sind ebenfalls ein paar freilaufende Hühner das Empfangskomitee. Der Familienbetrieb verarbeitet alle Produkte selbst und bekommt Unterstützung von Schülerinnen und Schülern zur Erntezeit. Bei der Besichtigung ihres Ackers wirkt die Landwirtin Martina Bressel gegenüber dem Anliegen des Kirchentages skeptisch. Der Zeitpunkt, zu dem der Kirchentag die Lebensmittel braucht, ist nicht optimal. Im Mai ist das meiste Lagergemüse verbraucht und neue Erträge werden erst ab Ende Juni geerntet. Außerdem befürchtet sie, dass die Wünsche des Kirchentages für Ihren Betrieb zu groß sind: „Wir produzieren keine Massenware, sondern vermarkten uns über persönliche Kontakte.“

Trauriger Trend

Karin Terodde erklärt: „Wir sind dankbar über jede Art der Unterstützung und freuen uns, diese auch zurückzugeben, indem wir den Landwirten eine größere Bekanntheit ermöglichen.“ Milchprodukte wie Jogurt oder Quark, zum Beispiel, könnte man für den Kirchentag vom Hof Schwalbennest beziehen.

„Regionale Ware in Masse zu beschaffen – das wird interessant!“, meint Andreas Flechtner. „Es gibt nur das zu Essen, was es gerade gibt. Das Übertriebene heutzutage ist, dass immer alles zur Verfügung steht. Es werden viele Lebensmittel weggeworfen. Das ist ein trauriger Trend.“ Diesem Trend wolle Capital Catering entgegentreten – als Gastronom, der mit lokalen Partnern zusammenarbeitet, um die Region zu stärken und Transportwege kurz und damit klimafreundlich zu halten.

Nächster Halt ist der Biohof „Stolze Kuh“ bei Lunow-Stolzenhagen. Landwirtin Anja Hradetzky ist die Bewahrung der Schöpfung ebenfalls wichtig. Bei ihr gibt es neben frischer Rohmilch auch Fleisch. Wieviel verarbeitet wird, richtet sich jedoch nach dem Bedarf der Kunden. Verkauft wird das Fleisch nur, wenn eine Milchkuh nicht ausreichend Milch gibt oder wenn ein Tier bestellt wird. „Die Besonderheit ist, dass alle unsere Tiere Namen haben. Da kommen dann schon mal Kunden an den Stand und sagen, dass sie gerne noch ein Stück von der Berta hätten, weil sie beim letzten Mal so gut geschmeckt hat“, berichtet sie.

Selfie mit Kuschel-Kuh

Während Hradtezky erzählt, befindet sich die Landpartie-Gruppe mitten auf der Weide. Als hätten sie geahnt, dass von ihnen die Rede ist, kommen immer mehr neugierige Kühe dazu und plötzlich sind die Gäste umringt. Nach einem kurzen Moment des gegenseitigen Beobachtens gibt es kein Halten mehr. Wann kommt man schon einmal dazu, ein Selfie mit Kuh zu machen? Kuh Emily, laut ihrer Eigentümerin eine echte „Kuschel-Kuh“, wird zum Star des Nachmittags.

Am Ende des Tages steht fest, dass zum Kirchentag besonders mit Milchprodukten, Mangold, Kohlrabi und Salat von den Ökobetrieben aus der Region zur Ergänzung des Speiseplans gerechnet werden kann. Der Ausflug hat aber auch gezeigt, wie unterschiedlich Höfe mit großer Reichweite und kleinbäuerliche Familienbetriebe arbeiten. Nun können die Speisepläne für die Helferverpflegung geplant werden.

Andreas Flechtner von Capital Catering zieht ein besonders positives Fazit. Die Landpartie hat ihn inspiriert. „Man möchte sofort die Pfanne und den Topf herausholen, kochen und schmecken.“

Zur Autorin: Lena Eggert macht ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Abteilung „Presse und Marketing“ der Kirchentags-Geschäftsstelle.

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