Mein Kirchentag
Interview

Religion ist ein vitaler Faktor

Die Stadt als eigenen Ort religiöser Hoffnungen und Fragen, aber auch als Ort religiöser Auf und Umbrüche in den Blick zu nehmen – das ist die Aufgabe einer „Theologie der Stadt“. Pfarrer Christopher Zarnow ist Leiter der gleichnamigen bundesweit einzigen Arbeitsstelle in Berlin.

Der Kirchentag – Das Magazin: Ihre Arbeitsstelle nennt sich „Theologie der Stadt“ – was machen Sie konkret?

Christopher Zarnow: Die Arbeitsstelle ist aus dem Bewusstsein heraus entstanden, dass sich in Berlin so viel und so schnell verändert, dass wir als Kirche oft nur hinterherschauen und auf Umbrüche reagieren, aber wenig eigene Impulse setzen. Ich untersuche daher zum einen, wie die Stadt tickt in all ihren Facetten. Zum anderen schaue ich aus der Perspektive der Stadt auf die Kirche. Wo kommt Kirche vor? Wie muss Kirche strukturiert sein, um Präsenz zu zeigen? Ich widme mich auch der Frage, wie wir die Themen, die sich in der Stadt stellen, theologisch aufgreifen können. Ein großer Part ist natürlich auch Vernetzungsarbeit und der Austausch über die kirchliche Praxis. Da wir die einzige Arbeitsstelle bundesweit zu diesem Thema sind, gibt es eine große Nachfrage von anderen Städten, zum Beispiel wenn eine neue Citykirche geplant ist.

Kirche in der Großstadt – welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Zum einen sind da die Eigenheiten des Großstadtlebens: Zusammenleben muss sich hier in ganz eigener Form bewähren. Unterschiedlichste Kulturen, Religionen, Generationen und Lebensmodelle treffen auf engem Raum zusammen. Auch wenn sich mein Kiez vielleicht als eine eher homogene Gruppe darstellt, sieht man sich drei U-Bahn-Stationen weiter schon mit einer ganz anderen Gesellschaft konfrontiert. Hinzu kommen stetige Veränderungen im Zusammenleben. Menschen sind manchmal nur für kurze Zeit an einem Ort. Kirche ist damit zuweilen überfordert. Dabei hat die Schnelllebigkeit auch eine eigene Verbindlichkeit, man muss sich aber eher in Prozessen begegnen.

Hinzu kommt die sprichwörtliche Anonymität der urbanen Lebensweise. Leider herrscht aus theologischer Sicht oft noch die Vorstellung der Großstadt als Sündenbabel, das Verelendung, Entfremdung, Entwurzelung mit sich bringt. Es fehlen positive Begriffe und Bilder in der Theologie, das Großstadtleben in seiner Ambivalenz von Einsamkeit und Überreizung, aber auch von Freiheitsgewinn und Möglichkeiten der Individualitätsentfaltung positiv zu würdigen.

Religion ist ein vitaler Faktor, und Modernisierung heißt nicht zwangsläufig Säkularisierung. Was wir gegenwärtig in den Städten erleben, ist nicht der Rückgang der Religion, sondern die Transformation ihrer Sozialgestalt. Wir brauchen zwar die Kirche nicht mehr, um die Welt zu erklären – aber viele religiöse Neuaufbrüche in den Städten bezeugen die hochgradige Aktualität des Religionsthemas.

Besitzt Berlin ein eigenes religiöses Profil? Was ist das Besondere an der Bundeshauptstadt?

Berlin ist aus Dörfern zusammengewachsen und nie eine Bürgerstadt gewesen, daher gibt es auch kein gewachsenes bürgerliches Milieu, das die Kirche trägt. Im 19. Jahrhundert galt Berlin als die gottloseste Stadt Europas, wenn nicht der ganzen zivilisierten Welt. Die Bevölkerung verdreifachte sich, und die Proletarier wurden nie fromm, daher hat Berlin schon eine besondere nicht-religiöse Vergangenheit. Berlin hat immer von Glaubensimporten gelebt, zum Beispiel von den Hugenotten. Das prägt natürlich.

Heute wachsen statistisch gesehen die Ostgemeinden durch Zuzug am schnellsten. Verschiedene Traditionen treffen hier aufeinander: die ehemalige Oppositionskirche auf den Pietismus frommer Schwaben oder ein religiöses Dienstleistungsdenken neuer alternativer Bürgerlichkeit. Die Ostgemeinden sind eine Melange in einem deutlich atheistischen Umfeld, das ist sicherlich eine Besonderheit. Zum anderen gibt es einen vitalen vielfältigen religiösen Markt in der Stadt mit mehr als 300 Religionsgemeinschaften. Darüber hinaus ist Religion auf produktive Weise sichtbar in Kunst, Kultur und Sozialdiakonie. Berlin ist ein Vorreiter, ein Zukunftslabor, hier zeigen sich Trends und gesamtgesellschaftliche Veränderungen.

Diese Vielfalt von urbanen Lebensstilen und religiösen Topografien,  was bedeutet das für die kirchliche Praxis?

Oft übernehmen Kirchengemeinden die Rolle von „urbanvillages“, die dörfliche Strukturen, überschaubare Wege und Nachbarschaftlichkeit verkörpern, wie eine Insel im Meer der Großstadt. Die Frage ist nur: Bleiben wir beim Bild der Dorfkirche, die wir im Kopf haben, mit ihren klassischen Strukturen, als eine Art Heimatbewegung – oder finden wir neue, genuin städtische Bilder von Kirche in der Stadt, die die Vielfalt und Komplexität des urbanen Lebens aufgreifen?

Außer Acht gelassen werden auch die verschiedenen Gesichter einer Stadt, die Tag- und Nachtseite von Berlin unterscheidet sich sehr. Die klassischen Angebote von Kirche greifen hier nicht, weil sie sich nicht auf die unterschiedlichen Rhythmen der Stadt einstellen. Der Filter ist schon gesetzt, wenn man den Zeitpunkt für ein Angebot ungünstig wählt und andere Zielgruppen ausschließt.

Auch die kirchlichen Strukturen passen oft nicht mehr, sie sind zu langatmig. In Berlin gibt es einen großen Zulauf bei den Freikirchen. Die sind innovativer, schneller, stellen sich flexibler auf Veränderungen ein. Unsere Kirche wirkt dagegen schwerfällig. Auch die parochialen Strukturen werden längst von der urbanen Realität überholt. Es versteht niemand mehr, warum auf der anderen Straßenseite ein neuer Kirchenbezirk anfängt – wenn er oder sie überhaupt weiß, was das ist. Für die kirchliche Praxis ist es wichtig, Trends zu sehen, zu begleiten. Kirche sollte auch avantgardistische Momente haben, mit der Pluralisierung und Individualisierung umgehen und entsprechende Angebote schaffen.

Wie kann das aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass Kirche mehr Mut aufbringt, neue religiöse Räume zu entdecken. Die Kirche in der Großstadt muss lernen, dass sie nicht allein die Macherin ist, sondern Mitmacherin und sich an vorhandenen Initiativen und Strukturen beteiligen kann. Zum anderen sollte Kirche mehr die Außenperspektive verfolgen. Wie wird Kirche wahrgenommen, wie findet Identitätsstiftung im urbanen Raum tatsächlich statt? Kirchengemeinden müssen ihr Inseldasein aufgeben und sich von ihrem urbanen Kontext her definieren, wenn sie eine relevante Rolle spielen wollen.

Die Schlüsselfrage lautet also: Welche Antworten findet Kirche auf die Komplexität der Stadt? Hilfreich finde ich die (biblischen) Bilder vom Zelt, der Herberge oder Oase mit der Idee, Fremden die Türen zu öffnen, sie zweitweise aufzunehmen – und dann auch getrost weiterziehen zu lassen.

Zur Person: Dr. Christopher Zarnow ist Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Stadt“ der Evangelischen Kirche in Berlin und Projektstudienleiter der Evangelischen Akademie zu Berlin.

Das Interview führte Britta Jagusch, Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“.

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