Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Nachruf

Eine Institution des Kirchentages

Mit Rudolf von Thadden verband Frank-Walter Steinmeier nicht nur der Sitz im Präsidium des Kirchentages. Erinnerungen an einen lenkenden Geist.

Von Frank-Walter Steinmeier

Ein großer deutscher Intellektueller, ein überzeugter Europäer, ein Ermutiger - ein Freund ist gegangen. Rudolf von Thadden war eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Vieles hat mich in unterschiedlichen Lebensphasen seit unserer ersten Begegnung in den 90er Jahren in der niedersächsischen Landespolitik immer wieder mit ihm zusammengebracht.

Berührungspunkte für unsere Begegnungen und Gespräche waren Rudolf von Thaddens wissenschaftliches und politisches Engagement, seine historische Expertise, sein reformierter Protestantismus um nur einige Beipiele zu nennen. Unzählige Male habe ich mich an ihn gewandt, um seinen klugen Rat zu suchen. So breit die Themen unserer Gespräche auch waren - von Calvin bis Willy Brandt, von der französischen Geschichte, über deutsche Verirrungen und über Polen - immer konnte ich mich darauf verlassen, dass das Gespräch mit ihm mir neue Perspektiven, oftmals noch nicht Bedachtes aufzeigen würde. Über die Jahre ist so eine herzliche und vertraute Verbundenheit gewachsen, die seinen Verlust nun umso schmerzlicher macht.

Deutsch-Französische Aussöhnung

Aber nicht nur ich persönlich, auch die ihm ans Herz gewachsene Göttinger Universität, der Landkreis Niedersachsen, ganz Deutschland verdankt Rudolph von Thadden unendlich viel. Wie wenige andere hat er den Prozess der deutsch-französischen Aussöhnung mitgeprägt und vorangetrieben. Unter hohem persönlichen Einsatz und Dank seiner ihm eigenen Hartnäckigkeit ist es gelungen, dass aus anfangs schwierigsten Beziehungen zu unserem Nachbarn im Westen heute eine so treue Freundschaft geworden ist. Eine Freundschaft, die keine bloße Sache der Amtsstuben ist, nicht nur in Sonntagsreden von Politikern beschworen wird, sondern tief in den Städten und Dörfern in Deutschland und Frankreich verwurzelt, tief in den Beziehungen zwischen den Menschen Wirklichkeit ist. Die Stiftung Genshagen, das deutsch-französische Geschichtsbuch und viele weitere Initiativen von Rudolf von Thadden sind feste Bausteine des unerschütterlichen Fundaments, auf dem die deutsch-französische Aussöhnung heute steht.

Von Thadden wird uns auch als unermüdlicher Aussöhner und Vermittler im deutsch-polnischen Verhältnis in Erinnerung bleiben. Für diese wertvolle Arbeit wurde er mit dem Adam-Michiewicz-Preis ausgezeichnet.

Treibende Kraft

Uns beide verbindet auch unser Engagement beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Für mich steht dabei außer Frage, ohne Rudolf von Thadden wäre der Deutsche Evangelische Kirchentag bei weitem nicht das geworden, was er heute ist. Auch hier war er immer die treibende Kraft, dem das Erzielte nie genug war, der keine Selbstzufriedenheit duldete, der immer wieder einforderte, dass wir uns aktuellen Entwicklungen in Deutschland und in der Welt stellen und wo nötig Veränderungen einleiten - so wie zuletzt mit dem Projekt eines Europäischen Kirchentages. Der familiären Tradition treu bleibend, und doch immer unabhängig, ist er über die Jahre zu einer Institution des Kirchentages geworden, zu einem Spiritus rector, der uns sehr fehlen wird.

Der Tod von Rudolf von Thadden hinterlässt mich mit tiefer Trauer. Ich wünsche seiner Familie von ganzem Herzen Kraft und Zuversicht, die schwere Zeit des Abschiednehmens zu überstehen. Meine Gedanken sind bei Ihnen.

Zum Autor: Frank-Walter Steinmeier ist Bundesaußenminister, Mitglied des Präsidiumsvorstands des Deutschen Evangelischen Kirchentages und designierter Präsident des Kirchentages in Dortmund 2019.

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