Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
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Mein Kirchentag
Installation

Dimensionen der Losung

Seit 17. März erstrahlt der neue Glockenturm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche im Kirchentagsorange. Die Installation ist ein Gemeinschaftsprojekt von Kirchentag, Gedächtniskirche und dem Hamburger Gestalter Philip Wilson. Unser Interview zeigt, was dahintersteckt.

Wie entstand die Idee zur inhaltlichen Gestaltung dieser Installation am Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche?

Martin Germer, Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche: Unser Glockenturm ist schon seit über zwei Jahren eingerüstet, zum Schutz der Passanten vor abplatzenden Betonstücken und für Bauwerksuntersuchungen. Das brachte den Kirchentag darauf, bei uns anzufragen, ob die Gerüstfläche nicht genutzt werden könnte, um die Stadt und ihre Gäste an diesem zentralen Ort auf den Kirchentag einzustimmen. Da haben wir natürlich nicht Nein gesagt. Denn wir sind selbst sehr gern beim Kirchentag dabei und hoffen natürlich, dass er große Aufmerksamkeit findet. Ich will aber nicht verhehlen, dass die Vorstellung, unseren für das Kirchenensemble sehr prägenden Turm für zwei Monate in Knall-Orange zu präsentieren, uns durch die große Dimension schon ein bisschen Bauchschmerzen bereitet. Es wird zweifelsohne ins Auge fallen – passend zur Losung „Du siehst mich“. Dabei können wir nur hoffen, dass nicht gar zu viele Menschen diese Verhüllung als übergroße Beeinträchtigung der Außenwirkung unseres Kirchensembles empfinden. Denn dieses lebt aus der Spannung zwischen der Turmruine in der Mitte und den tagsüber eher zurückgenommenen und abends blau leuchtenden Beton-Glas-Bauten. Das ist eine eher zarte Komposition, und die könnte jetzt optisch „übertönt“ werden.

Philip Wilson: Zunächst hatten wir in den Entwürfen mit überdimensionalen Augen gearbeitet, die sich bewegen konnten und nachts geleuchtet hätten. Um die Losung als Kunstinstallation wirklich in der Tiefe erfahrbar zu gestalten, waren sie aber zu eindimensional. Aufgrund der sechseckigen Form bietet der Turm der Gedächtniskirche sechs passende - getrennte - aber dennoch verbundene Flächen. So kam uns die Idee, die Losung in drei Teile zu teilen und auf die Seiten zu verteilen.

Arnd Schomerus, Kirchentagspastor: Philip und ich diskutierten über die Kirchentagslosung und die Wortfelder, die dieser exemplarisch zugeordnet werden könnten. Auch darüber, was welche Worte an diesem Ort aufnehmen können, vom Symbolort Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, aber auch von den Menschen, die über den Breitscheidplatz gehen, im Vorfeld des Kirchentages und während des Kirchentages. Und wir sprachen auch darüber, dass diese Losung zwar sehr positiv aufgenommen wird, aber auch negative Implikationen in sich trägt. Die Idee, dass mit Adjektiven und Verben negative wie positive Empfindungen ausgedrückt werden, leuchtete mir sofort ein.

Was bedeuten die unterschiedlichen Kombinationen der Worte „du“, „siehst“ und „mich“ jeweils für Sie?

Schomerus: Immer wieder begegnet mir in meinem Alltag die Kirchentagslosung, aber eben nicht nur in der ursprünglichen Abfolge, sondern mal als Feststellung, mal als Beschreibung, mal als Frage. Immer geht es dabei um Beziehungen. Um die Angst, darin nicht gesehen zu werden. Um die Betonung des Zusammengehörens. Um die Vergewisserung einer Beziehung – zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Gott.

Germer: Ich finde es interessant, mit den unterschiedlichen Betonungen zu spielen. „Siehst du mich?“ ist eine Frage, die mir im Alltag immer wieder begegnet. In den aktuellen öffentlichen Debatten und bei der Resonanz, die populistische Parolen und Schein-Lösungsvorschläge finden, dürfte oft auch das diffuse Gefühl, nicht gesehen zu werden, im Hintergrund stehen.

Dazu dann das staunende „Mich siehst du?“. Gesehen, wirklich wahrgenommen zu werden, kann eine sehr schöne, tiefe Erfahrung sein. Liebesgeschichten können damit beginnen. Ich wünsche den Teilnehmenden des Kirchentages, dass sie die eine oder andere Anregung bekommen, sich auf unerwartet neue Weise von Gott angeschaut zu finden. Und ich hoffe, dass die sprach-künstlerische Idee, die ich in diesem Wortspiel verspüre, auch von vielen Passanten wahrgenommen wird.

Wilson: Es ist eine Frage nach dem Ausgangspunkt – weil ich dich sehe, siehst du mich oder sehe ich mich, weil du mich siehst?

Was hat es mit den Worten, die am unteren Ende des Turms auftauchen, auf sich?

Wilson: Es gibt viele mögliche Assoziationen mit den Kombinationen der Losung. Je nachdem wie ich mich als Betrachter gerade fühle habe ich meine ganz persönliche Assoziation.

Der eine denkt bei “Du siehst mich” an etwas Geborgenes an die Sicherheit und das Bewusstsein, dass jemand auf mich aufpasst. Andere fühlen sich von der Kombination “Du siehst mich” beobachtet. Die Verben und Adjektive sind Stichpunkte, die probieren intersubjektive Assoziationen aufzuzeigen. Sie zeigen auf, wie facettenreich die Losung “Du siehst mich" ist und wie kontrovers sie diskutiert werden soll und darf.

Germer: Ich habe sie mir noch nicht im Einzelnen angeschaut. Das werde ich in der nächsten Zeit immer mal wieder tun, wenn ich mich dem Turm mal von dieser, mal von jener Seite nähere. Mal sehen, was für Denkanstöße sie für mich und für andere enthalten.

Unter den Wörtern befindet sich auch der Hashtag „#breitscheidplatz“. Wie passt das Gedenken an den Anschlag im Dezember zu diesem Turm?

Germer: In den Tagen und Wochen nach dem Anschlag ist mir wiederholt die Frage begegnet: „Wo war Gott in diesem Moment?“. Vielleicht werden auch jetzt noch etliche gerade durch das markige „Du siehst mich“ auf diese Frage gestoßen. Hat Gott für die Anschlagsopfer keinen Blick gehabt? Oder wenn er gesehen hat, was sich da vorbereitete: Warum hat er es nicht verhindert? Ich kann diese Fragen aus der Erschütterung heraus verstehen. Aber der Gott, an den ich glaube, ist kein Marionettenspieler. Die Dinge, die in der Welt geschehen, werden nicht unmittelbar von ihm gemacht, und auch Schlimmes kann nicht durch ein Eingreifen vom Himmel verhindert werden. Zur Freiheit, in der wir geschaffen sind, gehört als dunkle Kehrseite auch die Freiheit, Verkehrtes oder sogar Schreckliches zu tun. Das heißt aber nicht, dass wir Gott egal wären, ganz im Gegenteil. Und so denke ich, er hat diesen Akt irregeleiteter Gewalt voll Schmerz mit angesehen und auch voll Zorn über den Missbrauch von Religion, der bei dem Attentäter wohl auch irgendwie eine Rolle gespielt hat. Zugleich blickt Gott mit unendlicher Liebe auf alle, die um ihre Angehörigen trauern oder die selbst an Körper und Seele verletzt wurden, und möchte sie trösten und in sein Erbarmen hüllen, wie es in einem volkstümlichen Gesangbuchlied heißt. Ebenso blickt er auf alle, die an ihrem Leid Anteil nehmen, zum Beispiel die Zigtausende, die sich in den ersten Wochen nach dem Anschlag in die Kondolenzlisten bei uns eingetragen haben oder die weiterhin Tag für Tag an der Gedenkstelle neben unserer Kirche innehalten, und sieht ihr mitfühlendes Herz. Und er blickt bestärkend auf alle, die sich für ein friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen einsetzen und für besseres gegenseitiges Verstehen. Mit unserem Leben zurechtkommen und handeln müssen wir selbst. Aber dabei liebevoll angeschaut zu werden, mitleidig, verständnisvoll, bejahend und ermutigend, das kann viel Kraft geben. So wie es in der biblischen Hagar-Geschichte erzählt wird, auf die die Kirchentags-Losung Bezug nimmt. In diesem Sinne möchte ich die Aussage „Du siehst mich“ gerne in solches Fragen und Nachdenken einspielen.

Was wird rund um diesen orangefarbenen Turm beim Kirchentag stattfinden?

Schomerus: Einerseits ‚Open Air‘ ein unterschiedliches Programm mit Fernsehgottesdienst, Motorradgottesdienst, Interviews und Abendkonzerten. Andererseits in der Gedächtniskirche Bibelarbeiten, Friedensgottesdienste, kulturpolitische Podien bis hin zu abendlichen Konzerten und an jedem Abend politische Nachtgebete, die die Geschehnisse an diesem besonderen Ort auch nochmals aufnehmen. Es wird ein Ort sowohl des Feierns als auch des Nachdenkens und dabei immer auch ein Ort des Gedenkens und Erinnerns.

Germer: In der Kirche selbst wird es ein dichtes Programm geben an allen drei Tagen, vom Morgengebet über Podiumsdiskussionen, Gottesdienste und Konzerte bis hin zum Politischen Nachtgebet spät abends. Als Kirchengemeinde laden wir ein in unsere Kirchentags-Oase „Café Mittendrin“, in die täglich geöffnete Kapelle – die ein besonderer Anlaufpunkt auch für französisch-sprachige Kirchentagsteilnehmende sein wird – und in die Gedenkhalle unten in der Turmruine, wo es fast stündlich Führungen geben wird. Am Sonnabend werden vermutlich andere Farben mit dem Kirchentags-Orange konkurrieren. Da versammeln sich traditionell die Fans einer der Mannschaften, die abends im Olympiastadion das DFB-Pokalfinale bestreiten, in ihren Vereinsfarben auf dem Platz. In der Kirche selbst aber geht der Kirchentag weiter, unter anderem mit dem Ökumenischen Gottesdienst, den wir auch sonst alljährlich zum Pokalfinale halten, mit Fans beider Teams, und jetzt beim Kirchentag natürlich erst recht.

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