Mein Kirchentag
Interview

Zuwanderung als Chance begreifen

Mehr gute Beispiele, die überzeugen, wünscht sich Bischof Markus Dröge im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik. Gerade die Kirche müsse zu mehr Menschenfreundlichkeit beitragen, ist der geistliche Leiter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz überzeugt.

Sie sind Diplomatensohn und haben schon in vielen großen Städten gelebt, auch im Ausland. Hat Ihnen das eine Liebe für Großstädte mitgegeben?

Markus Dröge: Sie sind für mich ein interessantes Pflaster. In Berlin haben Sie zweitausend Veranstaltungen jeden Abend und bekommen Entwicklungen sehr hautnah mit. Hier leben Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, das ist spannend. Ich bin natürlich auch 25 Jahre Pfarrer in einer kleinen Großstadt gewesen, in Koblenz, mit wunderschöner Landschaft, das liebe ich auch. In Berlin haben Sie beides. Sie fahren nur ein Stückchen nach Brandenburg, dann kommen Sie in fast unberührte Naturlandschaften.

Berlin ist auch eine Stadt mit viel Geschichte und eine Stadt besonderer Kirchentage. Der Kirchentag 1961 fand kurz vor dem Mauerbau statt …

… und der Kirchentag 1989 kurz vor dem Mauerfall. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir hinübergegangen sind in den Ostteil der Stadt und durch den Tränenpalast wieder zurück, auf der Treppe gewartet und die Kirchentagslieder gesungen haben, während die Volkspolizisten uns beäugten. Wenige Monate später ist die Mauer gefallen. Dann der ökumenische Kirchentag 2003 und jetzt eben ein Jubiläumskirchentag, das ist schon toll.

Was bedeuten solche Kirchentage für die Landeskirche hier?

Beim letzten Kirchentag 2003, gab es meine Kirche noch nicht so, wie sie jetzt ist. Das war noch die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg und es gab dazu die Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz. 2004 haben wir uns neu gebildet. Bei uns ist „Einheit“ noch immer ein Thema. Das gilt sowohl für die beiden Landeskirchen, die zusammengekommen sind, als auch für die Metropole Berlin und das großflächige Land Brandenburg mit ihren unterschiedlichen Strukturen. Ich freue mich, dass sich nun die ganze Landeskirche als Gastgeberin für den Kirchentag versteht, und dass am Abend der Begegnung viele aus allen Teilen der Landeskirche kommen werden - auch in Tandems. So wird die Idee genannt, die wir gerade entwickeln, dass sich zwei Gemeinden aus unterschiedlichen Regionen, Stadt und Land, für den Kirchentag zusammentun. Der Kirchentag 2017 wird unser Wir-Gefühl stärken.

Noch stärker Kontakte knüpfen

Und was wünschen Sie sich darüber hinaus von diesem Kirchentag?

Ich wünsche mir, dass wir zeigen können - und das ist mir das Wichtigste: Religion ist versöhnend, sie hat eine Friedensbotschaft. Es wäre gut, wenn es uns gelingt, auch die Kirchenfernen in der Stadt einzubeziehen, dass wir Veranstaltungen anbieten, zu denen Berlinerinnen und Berliner kommen, die durchaus kirchenkritisch sind. Ich würde mich freuen, wenn es dem Kirchentag gelingt, eine Brücke auch in die säkulare Stadt zu schlagen. Ich erhoffe mir zudem, dass wir noch stärker Kontakte knüpfen zu den vielen Gemeinden anderer Kultur und Sprache, Kontakte die auch dauerhaft bleiben. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat seine Erwartung mir gegenüber so formuliert: Er wünscht sich, dass es ein Fest wird, ein Kongress, an dem wir zeigen können, dass Religionen zum Wohle aller zusammen arbeiten können.

In Ihrer Weihnachtspredigt haben Sie mit Blick auf die Flüchtlingsdebatte das „Fürchtet euch nicht“ ins Zentrum gestellt. Seit wann ist die Kirche besonders gut darin, den Dialog mit dem Unbekannten zu befördern?

Es ist unser Auftrag. Es ist das Doppelgebot der Liebe, Gott und den Nächsten zu lieben. Ich kenne viele Menschen, die sich in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzen. Entweder, weil ihre eigenen Vorfahren Fluchterfahrungen hatten, oder weil sie sagen: „Ich würde mir, wenn ich ein solches Schicksal hätte, auch wünschen, aufgenommen zu werden“. Unser Land ist jetzt in einer Stresssituation. Es muss sich zeigen, dass wir unsere Menschenfreundlichkeit durchhalten können, und da müssen wir als Kirche mit allen Kräften dazu beitragen.

Abschottung ist der falsche Weg

Was kann die Politik Ihrer Ansicht nach besser machen?

Wir brauchen ein neues Bewusstsein, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Ein Einwanderungsgesetz ist längst überfällig. Natürlich weiß jeder, dass nicht auf Dauer völlig unreguliert Menschen nach Europa und in unser Land kommen können. Es muss verschiedene Wege geben, für die, die aus Not fliehen, und für Migranten, die in unserem Land arbeiten wollen. Letzteres kann in einem Einwanderungsgesetz klar und transparent geregelt werden.

Können Sie die Gefühle und Gedanken der Menschen verstehen, die sich lieber abschotten würden nach Außen?

Ich kann es nachvollziehen, dass man Angst hat, ob es gelingen wird, sich mit Menschen unterschiedlicher Kultur so heimatlich zu fühlen wie bisher. Es zeigt sich ja auch, dass in Gegenden in Deutschland, wo es bisher am wenigsten Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen gab – und das ist vielfach so in den neuen Bundesländern – die Ängste am größten sind. Viele Menschen können sich noch nicht vorstellen, wie das Zusammenleben funktionieren soll. Aber es ist der völlig falsche Weg sich abzuschotten, weil das in einer globalisierten Welt nicht mehr möglich ist. Menschen sind beweglich, und sie haben Zugang zu Informationen aus aller Welt. Wir müssen uns auf Zuwanderung einstellen. Und das bedeutet auch, dass wir das gesellschaftliche Leben behutsam an die neuen Realitäten anpassen müssen. Wenn wir die Augen davor verschließen, dass die Welt sich verändert, verlieren wir nur wertvolle Zeit.

Markus Dröge im Gespräch mit Alexander Matzkeit

Leitvorstellung für eine bunte Gesellschaft

Wie überzeugt man diejenigen, die das nicht so sehen?

Durch gute Beispiele, bei denen gelungene Integration spürbar wird. Aus unserer Flüchtlingskirche St. Simeon in Berlin-Kreuzberg wurde vor wenigen Wochen ein ZDF-Fernsehgottesdienst ausgestrahlt. Da sind Menschen beteiligt gewesen, die vor zwanzig Jahren als Flüchtlinge gekommen sind und die jetzt ihre Arbeit und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Sie haben von ihrem Werdegang und ihren Leben heute erzählt. Wir müssen so etwas vor Augen malen und eine Leitvorstellung entwickeln, wie unsere Gesellschaft aussehen kann, wenn sie kulturell bunter wird.

Die Bewältigung der Flüchtlingsströme fiel ja zu großen Teilen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zu. Wie kann man diese Menschen, die sich engagieren, besser unterstützen?

Als Erstes muss von staatlicher Seite für eine Grundstruktur gesorgt werden, damit Ehrenamtliche nicht mehr für die Erstversorgung einspringen müssen. Dann können die ehrenamtlichen Helfer wieder besondere, unterstützende Aufgaben wahrnehmen. Dazu brauchen wir Unterstützung für die Ehrenamtlichen selbst: In der Flüchtlingskirche bieten wir zum Beispiel Fortbildungen oder Supervisionen an, damit sie bei den Schwierigkeiten, die bei der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe entstehen, nicht allein gelassen werden.

Dazu gehört dann ja auch, dass man auf den anderen eingehen kann, vielleicht auch in spirituellen oder in psychologischen Dingen, die auch etwas mit Religion zu tun haben.

Wir müssen lernen, in einer menschenfreundlichen Art, die den anderen achtet, zu erzählen, was uns als Christen motiviert. Wenn Geflüchtete muslimischen Glaubens in unsere Flüchtlingskirche kommen, dann erwarten sie, dass wir unseren Glauben erklären: Was ist das für ein Raum? Wie feiern wir Gottesdienst? Was ist bei Christen anders als bei Muslimen? Ich finde, es eine spannende Aufgabe mit Gästen den Glauben zu kommunizieren. So entsteht an der Basis interreligiöser Dialog.

Ein wunderbarer Bogen

Ist denn so eine riesige Feier des eigenen Glaubens – gerade wenn man auch an 500 Jahre Reformation denkt – eine gute Basis um Leute mit einzubeziehen, die vielleicht einen anderen Glauben haben?

Der Kirchentag hat immer schon das Gespräch mit denen gesucht, die nicht im Kernbereich der Kirche leben und hat auch bewusst den interreligiösen Dialog gepflegt. Das wird 2017 in Berlin besonders wichtig werden. Gäste werden sich dann gern einladen lassen, wenn sie erwarten können, dass sie auf den Foren fair zu Wort kommen und dass sie Zuhörerinnen und Zuhörer finden werden, die sich für sie und ihren Glauben interessieren.

Wenn Sie an Wittenberg denken und an 2017, woran denken Sie dann?

Ich freue mich schon darauf, dass sich ein wunderbarer Bogen über die fünf Tage des Kirchentages 2017 von Berlin bis nach Wittenberg spannen wird. Den Eröffnungsgottesdienst werde ich hier in Berlin erleben. Und dann, wenn sich zum Abschluss des Kirchentages die Menschen aus Berlin und aus den Städten des „Kirchentages auf dem Weg“ nach Wittenberg aufgemacht haben, freue ich mich, beim fröhlichen Festgottesdienst in der Lutherstadt dabei zu sein.

Dem Kirchentag wird gerne vorgeworfen, er mache Glaube zum Event und lasse nichts zurück. Was kann er in Berlin zurücklassen?

Der Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin hat den Anschub für ein noch lebendigeres ökumenisches Leben gegeben. Davon profitieren wir bis heute. Und ich weiß von anderen Kirchentagen, zum Beispiel in Hamburg, dass so viele Kontakte geknüpft wurden, dass anschließend ein Arbeitskreis zwischen Kirche und Wirtschaft entstanden ist, um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Netzwerkarbeit erhoffe ich mir für den Kirchentag 2017 auch für meine Landeskirche.

Der Rat der EKD hat für die kommende Ratsperiode den Begriff des Zeugnisses stark gemacht. Warum ist Ihnen als Ratsmitglied dieser Begriff wichtig?

Der Begriff des Zeugnisses ist zentral, weil wir als Christen unseren Glauben bekennen müssen. Und zwar in einer Art und Weise, dass ich das, was mir selbst wichtig ist, ins Gespräch einbringe. Und das heißt: Ich bezeuge, was ich von Gott in Jesus Christus erkannt und erfahren habe. Ein guter Zeuge sagt schlicht, was er gesehen hat, ohne versteckte Absichten. Aber genau solch ein authentisches Zeugnis hat Wirkung. Mehr als Propaganda mit Hintergrundabsichten.

Ist das auch etwas, was Sie jemandem entgegen halten würden, der sagt, die Kirche soll doch bitteschön unter sich bleiben und sich nicht überall einmischen?

Wir haben in unserer Landeskirche in einem großen Konsultationsprozess Gemeindeglieder, Kirchengemeinden und Kirchenkreise nach ihrer Vorstellung gefragt, wie die Kirche sich verändern sollte. Aus diesen Ergebnissen haben wir zehn Thesen für die Zukunft der Kirche entwickelt. Ein wesentliches Ergebnis ist: Auch wenn wir kleiner werden, bleiben wir eine gesellschaftlich aktive Kirche, die sich aus ihrem Glauben heraus für andere und speziell für Bedürftige einsetzt. In diesem Sinne werden wir Volkskirche bleiben.

Wie Urlaub in Italien

Im Oktober haben Sie die Kirchentagslosung 2017 mit vorgestellt. Wie fühlen Sie sich jetzt mit ihr, ein gutes halbes Jahr später?

Sehr gut! Als wir bei der Auswahl diskutiert haben, war sie gleich meine Lieblingslosung, weil sie auf der einen Seite so zart und behutsam ist - du siehst mich, du achtest mich, du schaust mich an, ich habe Aufmerksamkeit - und weil sie auf der anderen Seite natürlich hoch aktuell ist: Sie entstammt einer biblischen Fluchtgeschichte. Ich glaube, dass wir Menschen diese Art von Aufmerksamkeit heute brauchen. Und weil es um Gott geht, der uns sieht, kommt auch die große Aufgabe in den Blick, die globalisierte Eine Welt Gottes zu gestalten, in Klimafragen, in den Gerechtigkeitsfragen, in den vielen ungelösten Konfliktfragen. Ich entdecke in der Losung die faszinierende Mischung aus „du siehst den Einzelnen“ und „du siehst das Ganze“.

Eine letzte, persönliche Frage: Haben Sie als Bischof überhaupt Freizeit? Wie verbringen Sie die?

Ich bemühe mich - was nicht oft gelingt - den Sonntagnachmittag frei zu halten und manchmal einen Tag mit Arbeit zu Hause einzurichten, wo ich an meinem privaten Schreibtisch mehr Ruhe habe. Und ich genieße natürlich meine Urlaubszeiten. Seit wir in Berlin wohnen, machen meine Frau und ich öfter mal Urlaub zu Hause. In Brandenburg machen wir Radtouren und in Berlin lockt uns das kulturelle Leben. Und wenn wir dann in Kreuzberg zum Italiener gehen, ist das wie Urlaub in Italien.

Zur Person: Dr. Dr. h.c. Markus Dröge wurde 2009 zum Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gewählt. Seit November 2014 ist er Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), seit 2012 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung (EWDE). 2011 verlieh ihm die Universität Koblenz-Landau die Ehrendoktorwürde im Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften.

Das Interview führte Alexander Matzkeit

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