Mein Kirchentag
Reportage

Traumata der Flucht verarbeiten

Eine Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge ist refugio stuttgart e.V.. Viele Ehrenamtliche übernehmen die Beratung, Begleitung und therapeutische Versorgung der Hilfesuchenden. Sie bilden die Stütze des Vereins.

Von Monika Johna

Es ist Mittwochmorgen, 9.30 Uhr. Eine Seniorin mit sportlichem Kurzhaarschnitt betritt den Vorraum der refugio-Geschäftsstelle, dem psychosozialen Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge im Stuttgarter Süden. Sie grüßt freundlich in die Runde bevor sie in einem angrenzenden Zimmer eine Akte aus dem Hängeregister zieht und sich auf den Weg in eines der Behandlungszimmer ein Stockwerk tiefer macht. Hildegard Adler ist Psychotherapeutin und behandelt bei refugio rund 15 Klienten.

Kurz darauf betritt ein älterer Herr die Geschäftsstelle. Kaum hat er sich an einem kleinen Schreibtisch niedergelassen und die Telefonanlage umgestellt, da klingelt es auch schon. Am Apparat ist eine Sozialarbeiterin, die sich um einen Flüchtling aus dem Irak sorgt. Er kann zwar bald bei refugio eine Therapie beginnen, seine psychischen Probleme haben sich aber so massiv verschlimmert, dass er sofort Hilfe braucht. Wer kann in einer solchen Situation helfen? Hartmut Heinrich berät sich mit der psychologischen Leitung.

Ein Netzwerk von Helfenden aufbauen

Hildegard Adler und Hartmut Heinrich stehen für einen wichtigen Bereich bei refugio: sie arbeiten beide ehrenamtlich mit. Heinrich in der Verwaltung, Adler als eine von zehn ehrenamtlichen Therapeutinnen und Therapeuten. Die Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge ist ein komplexes Gebilde. „Um jeden Klienten herum gibt es ein kleines Netzwerk“, sagt refugio-Geschäftsführerin Cornelia Vereecke-Richter. Ein wichtiger Teil davon sind die ehrenamtlichen Begleiter.

Rund 30 Ehrenamtliche haben im vergangenen Jahr flankierend zu einer Therapie Flüchtlinge und ihre Familien begleitet. Die Begleiter besuchen die Geflüchteten und ihre Familien regelmäßig, lernen mit ihnen oder den Angehörigen deutsch, helfen bei der Wohnungssuche, gehen mit zu Ärzten oder auf Ämter. Bei alldem ist es wichtig, dass die Begleiter es richtig einordnen können, wenn ihr Klient sich zurückzieht und sich abweisend verhält. Oder dass sie erkennen, wann es Zeit ist, weitere Hilfe zu holen.

Guter Wille allein reicht nicht aus

Der Weg zur ehrenamtlichen Mitarbeit ist weit, denn guter Wille allein reicht bei diesen komplexen Problemlagen nicht aus. Eine Ehrenamtskoordinatorin spricht mit den zukünftigen Begleiterinnen und Begleitern über Motivationsgründe und klärt über anstehende Aufgaben auf bevor die eigentliche Schulung beginnt. Worauf muss ich achten? Wie erkenne ich eine Krise? Die Ehrenamtlichen lernen, Situationen fachgerecht einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Vor dem Einsatz gibt es noch ein Gespräch mit den Therapeuten.

„Zu uns kommen Menschen, die viel Traumatisches erlebt haben.“, sagt Vereecke-Richter. Das Trauma der Flüchtlinge beginnt im Herkunftsland, wo sie lebensbedrohliche Situationen erleben. Sie werden verfolgt, diskriminiert, vergewaltigt, gefoltert. Sie fliehen vor Krieg oder Bürgerkrieg. Diese Erlebnisse setzen sich auf der Flucht fort, indem ihr Leben weiter bedroht ist. „Viele kommen seelisch – und manchmal auch körperlich – schwer verletzt bei uns an und leiden unter vielfältigen, oft erheblichen Beschwerden, häufig in Form einer Posttraumatischen Belastungsstörung“, erläutert die Geschäftsführerin. Das zeige sich in Essstörungen, Angstzuständen, schweren Depressionen, Schmerzen oder Panikanfällen und gehe bis zu Suizidgedanken. Schon ein Wasserglas könne die Erinnerung an die Flucht wachrufen und etwas im Inneren des Flüchtlings auslösen, wovon sein Mitmensch nichts ahnt. „Wenn das nicht behandelt wird, setzt sich das fort und bleibt ein Leid.“

Beratung, Begleitung, Therapie

In der Regel dauert es Wochen, ehe eine Therapie beginnen kann. Davor stehen zunächst sozialarbeiterische Hilfen und Beratung beim Asylantrag und vor allem die Stabilisierung des Klienten. „Man kann die Menschen nicht gleich mit ihren Traumata konfrontieren. Sie sollen zunächst ihre eigene Kraft sehen können, die ihnen geholfen hat, das alles durchzustehen“, sagt Vereecke-Richter.

Laut refugio sind 20 bis 40 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, traumatisiert. 533 Klienten wurden im Jahr 2014 bei refugio behandelt, 2015 waren es schon rund 750 Flüchtlinge. „Wir haben sehr viele Anfragen“, sagt Vereecke-Richter. Für noch mehr Begleitungen und Behandlungen fehle es jedoch an Personal. Insgesamt zwölf Personen arbeiten hauptamtlich bei refugio, neben der Geschäftsführerin und einer Verwaltungskraft sind zehn Psychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiterinnen beim Verein angestellt.

Es sind junge Menschen und Senioren, Berufstätige und Rentner, die sich bei refugio stuttgart engagieren. Meistens ist es notwendig, dass ein Übersetzer bei der Therapie der geflüchteten Menschen aus Syrien, Afghanistan, aus Eritrea, Sri Lanka, der Türkei, dem Iran und Irak dabei ist. Mit dieser speziellen Therapiesituation kann und will jedoch nicht jeder Therapeut arbeiten. Dies schränkt den Kreis der möglichen Ehrenamtlichen ein. Hartmut Heinrich ist seit 2008 dabei. „Ich kam zu refugio über einen Kollegen meiner Frau, die Kinder- und Jugendtherapeutin ist“, erzählt er.

Auf Spenden angewiesen

Vieles von dem, was in der täglichen Arbeit läuft, kann nur über Projektmittel oder Spenden finanziert werden. 2014 standen auf der Ausgabenseite für Personal, Verwaltung und Mieten rund 400.000 Euro, auch durch die Eröffnung einer Außenstelle in Tübingen. „Unsere Verwaltungskosten, die Tanz- oder Musiktherapien, die Stabilisierung vor der Therapie – all das ist wichtig. Aber all das können wir nicht abrechnen. Deshalb sind wir auf Spenden und Fördermittel angewiesen“, erklärt Cornelia Vereecke-Richter. Darum war die Freude natürlich groß über die Spende des Kirchentages, über 25.000 Euro, die am Freitagabend bei den Feierabendmahlen gesammelt wurden. Sie bedeutet ein Stück weiter auf dem Weg, traumatisierten Flüchtlingen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Zur Autorin: Monika Johna ist freie Journalistin und lebt in Stuttgart.

Bild: Flüchtlingskinder in einer Klinik in Jordanien. Russell Watkins/Department for International Development, Wikimedia Commons, CC-BY 2.0

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