Mein Kirchentag
Kirchentage auf dem Weg

Luthers Geistesblitz

Erfurt richtet einen der Kirchentage auf dem Weg aus. Die Thüringer Landeshauptstadt bietet viel mittelalterliche Geschichte und authentische Luther-Orte wie das Augustinerkloster, in dem der junge Luther zum Mönch und Theologen wurde.

Von Jürgen Reifarth

Zwei Wochen vorher waren schwere Sommergewitter über die Straßen und Äcker gefegt, so schwer, dass einem angst und bange werden konnte. Der Sommer kam mit Macht. An diesem Mittwochabend, als die Freunde in Feierlaune eintrafen, wurde es endlich angenehm kühl. Der Tisch im Studentenwohnheim war festlich gedeckt, ein guter Happen wurde serviert, und anschließend floss das Bier reichlich. Man sang lauthals und fröhlich, und wie jedes Mal spielte Martin, Erstsemester Jura, dazu die Laute. „Heut seht ihr mich und nimmermehr!“, soll er seinen Kommilitonen zur Nacht zugerufen haben.

Denn was noch niemand weiß: Am nächsten Tag, dem 17. Juli 1505, wird der 22-Jährige an die Pforte des Augustinerklosters klopfen und damit sein bisheriges Leben radikal ändern. Er wird vom karriereorientierten Studenten aus einer aufstrebenden Unternehmerfamilie zum Bettelmönch – der Beginn einer ganz anderen Karriere, die die spätmittelalterliche Glaubenswelt völlig verwandeln wird. Diese Geschichte erzählt der Sockel des Lutherdenkmals (1889) vor der Erfurter Kaufmannskirche auf seinen Relieftafeln und illustriert damit auch etwas vom heroisch-romantischen Lutherbild der Gründerzeit.

Ort der radikalen Umkehr

Ein Gewitter bei Stotternheim, vor den Toren der Stadt, markierte die radikale Umkehr Luthers. Der Gedenkstein an Ort und Stelle erzählt das so: „Geweihte Erde. Werdepunkt der Reformation. In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier der Weg gewiesen.“ Der Blitz als Wegweisung, als Damaskus-Erlebnis, dieser Riss im Vorhang, wird das Leitthema des Kirchentags auf dem Weg in Erfurt sein. Der erste Programmschwerpunkt bietet ausgiebig Gelegenheit, „Auf den Spuren Luthers“ die Schauplätze in und um Erfurt zu erleben und die damit verbundenen Themen des Reformators zu reflektieren.

Spirituelles Handwerkszeug

Denn Erfurt ist der Ort, an dem die Reformation gebildet wurde. Die mittelalterliche Universitäts- und Klosterstadt gab Luther das akademische und spirituelle Handwerkszeug und die geistige Nahrung, von der er zeitlebens zehrte. Die Altstadt bietet das flächenmäßig größte mittelalterliche Ensemble Deutschlands. Im Collegium maius der alten Universität wurde Luther 1501 als „Martinus ludher ex Mansfeld“ in die Matrikel eingeschrieben, das erste greifbare Dokument. In dem heute wieder schmucken Haus führt der Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) die Bücher. Durch die engen Gassen am Flüsschen Gera schritt der junge Baccalaureus. In der Augustinerkirche warf sich der Novize Martin zum Zeichen der Demut vor dem Altar auf den Boden. Das Augustinerkloster ist heute ein historisches Schmuckstück und ein Ort lebendiger evangelischer Frömmigkeit.

Ökumene seit 500 Jahren

Im katholischen Zentrum der Stadt, dem mächtigen Mariendom, wurde Luther 1507 zum Priester geweiht. So beschäftigt sich der zweite Programmschwerpunkt mit der „Ökumene seit 500 Jahren“. Sie prägt das evangelisch-katholische Verhältnis bis heute. Immerhin seit 1530 regelt ein Vertrag die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen in Erfurt. Der zweite große Theologe der Stadt, der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart, lädt dazu ein, christlichen Glauben mit einer interreligiösen Perspektive zu verbinden: Geplant ist ein Zentrum „Mystik und interreligiöse Spiritualität“ in Meister Eckharts Predigerkirche.

Evangelisch heute

Der dritte Schwerpunkt thematisiert „Evangelisch heute!“. Was haben wir ostdeutschen Christen mit den Blitzen und Wegweisungen Gottes in der am meisten säkularisierten Region weltweit zu sagen? Mit einer kleinen Menge traten auch politisch engagierte Christinnen am 4. Dezember 1989 über die Schwelle der Stasizentrale in Erfurt, um sie als allererste in der DDR zu besetzen. Auch Pfarrer und Pfarrerinnen mischten seit damals in Thüringen kräftig in der Politik mit, eine wurde sogar Ministerpräsidentin. Luther stand in Erfurt vor einem Übergang und Wandel in einer damals turbulenten Welt des Umbruchs. Genau da stehen wir auch heute wieder.

Aus einer Wurzel – Juden und Christen

Der vierte Programmschwerpunkt lautet: „Aus einer Wurzel – Juden und Christen“. Erfurt gilt mit seiner Alten Synagoge und dem mittelalterlichen jüdischen Goldfund als Schatztruhe jüdischer Religion und Kultur in Mitteleuropa, hat aber seine Mitbürger auch verfolgt, vom Mittelalter bis zum Dritten Reich. Auch Luthers Hetze gegen die Juden trug dazu bei. Heute ist der Dialog zwischen Jüdischer Landesgemeinde Thüringens und den Kirchen vor Ort lebendig.

Unterwegs sein – laufen und pilgern

Ein ganz besonderes Ereignis inmitten des vielfältigen Programms könnte der „Blitz-Marathon“ werden. Eine Idee, die jetzt schon die Geister beflügelt. Er wäre zwar nicht der allererste Luther-Lauf, aber es könnte der erste Kirchentags-Marathonlauf und der erste Marathon in Erfurt werden. Das wandernde Gottesvolk war schon immer auf verschiedene Arten unterwegs, auf der Lang- und Kurzstrecke, analog und digital, und eben auf Kirchentagen. Ein Blitz-Marathon spricht Besucherinnen und Besucher mit langem Atem an. Er könnte auf sportliche Art entlang der Lutherorte in Erfurt führen, über die alte via regia („Hohe Straße“) und bis nach Stotternheim. Alternativ sollen auch ein Halbmarathon sowie zwei Wander- bzw. Pilgerrouten und Aktionen für Kinder angeboten werden. Und die mit wenig Puste können im kulturellen und spirituellen Begleitprogramm geruhsam durchatmen. Auf dem Kirchentag sind schließlich alle auf dem Weg.

Zum Autor: Jürgen Reifarth ist Beauftragter für die Reformationsdekade 2017 des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt.

Dieser Artikel erschien zuerst in "Der Kirchentag - Das Magazin" 3/2015. Hier können Sie unser Magazin abonnieren.

Bildquelle: Wikimedia Commons/Dr maqruis, CC-BY-SA 3.0

Unterwegs – Kirchentage auf dem Weg

500 Jahre Reformation wird auch beim Kirchentag besonders gefeiert: Mit sechs Kirchentagen in acht Städten! Mit kulturellen, spirituellen und touristischen Stationen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena/Weimar, Dessau-Roßlau und Halle/Eisleben machen sich die Kirchentage auf den Weg zum gemeinsamen Festgottesdienst am 28. Mai 2017 in Wittenberg. Kirchentage auf dem Weg bedeutet: Lebendige Reformationsgeschichte erleben, eine alte Kulturlandschaft in der Mitte Deutschlands neu entdecken, christlichen Gemeinden in einer säkularisierten Region begegnen und Musik, Spiritualität und Kultur genießen. An Christi Himmelfahrt verbindet ein zeitgleich stattfindender ökumenischer Gottesdienst alle Städte, in denen Kirchentage auf dem Weg stattfinden, mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Von Donnerstag, 25. Mai, bis Samstag, 27. Mai, feiert jede Stadt 500 Jahre Reformation mit ihrem eigenen Programm und ihren eigenen thematischen Schwerpunkten. Am Sonntag treffen sich dann alle Teilnehmenden zum geistlichen Höhepunkt – dem Festgottesdienst vor den Toren Wittenbergs.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.