Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Von Hagar Demut lernen

Der Losungstext des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages war 2009 in Bremen schon einmal Text der Bibelarbeiten am Samstag. Wir dokumentieren interessante Texte von damals. Den Anfang macht Wise Guys-Gründer Edzard "Eddi" Hüneke.

Guten Morgen, ich begrüße euch und Sie alle sehr herzlich zur Bibelarbeit am Kirchentagssamstag. Ihr musstet schon viel singen, und die Mitarbeit geht weiter. Ich möchte euch um Handzeichen bitten. Welche Religionen und Konfessionen sind da?Wer ist christlich? Wer davon evangelisch? Wer ist katholisch? Gibt es orthodoxe Christen hier? Andere christliche Konfessionen? Sind heute Juden hier? Moslems? Buddhisten? Hindus? Bahai? Atheisten? Wer fühlt sich von keinem dieser Etiketten richtig beschrieben?Wer ist unsicher, was er oder sie überhaupt glaubt? (zeigt selber auf)

Ich zeige bei diesen Umfragen übrigens natürlich nicht auf, um zu sagen: Das hier ist die richtige Antwort – sondern einfach, um mich mit an der Umfrage zu beteiligen. In meiner Sicht sind wir heute Morgen zusammengekommen, um gemeinsam danach zu suchen, ob und was der Bibeltext mit uns zu tun hat. Ich habe ja die Wahrheit nicht gepachtet, und selbst wenn ich mein Theologiestudium abgeschlossen hätte: Die Wahrheit hätte ich auch dann nicht gepachtet!

Und deshalb heiße ich euch alle herzlich willkommen, unabhängig davon, ob ihr glaubt, was ihr glaubt und wie ihr glaubt. Alle sind willkommen und alles in euch ist hier willkommen, die Freude, die Heiterkeit, aber auch Trauer oder Wut oder Angst. Ich heiße auch Unsicherheit, Zweifel und Fragen willkommen.

Für die heutige Bibelarbeit ist das Kapitel 16 aus dem 1. Buch Mose vorgesehen. Es geht um den Urvater Abraham und seine Frau Sara, die in dieser Geschichte noch Abram und Sarai heißen, und um Saras Sklavin Hagar; und um einen Engel. Ich lese aus der Kirchentagsübersetzung. In dieser Übersetzung, die sehr nahe am hebräischen Urtext ist, wird der Gottesname mit »Adonaj« wiedergegeben, was »Herr« bedeutet.

1. Mose 16,1–6

Erst mal bis dahin. Unsere Lebenswelt ist ja sehr anders geworden, heute gibt es zumindest hier keine Sklavenhaltung mehr. Aber die Problematik, unter der am Anfang dieser Geschichte Abram und Sarai leiden, die ist heute noch aktuell, vielleicht aktueller denn je: Dass ein Paar kein Kind bekommen kann, das gibt es in Deutschland ziemlich oft. Das kann im Einzelfall tragisch sein. Und dass dann eine Leihmutter ein Kind für eine andere Frau austrägt, das kann ein Ausweg sein. Wenn jetzt diese Leihmutter überheblich wird, kann das für die andere Frau sehr frustrierend sein. Wer kann sich in eine oder mehrere der beteiligten Personen dieser Geschichte schon jetzt ganz gut hineinversetzen? Vielleicht noch mal Handzeichen? In Sarai? Oder in Hagar? In Abram?

Ich finde das sehr spannend. Es geht nicht um Verurteilen oder um Gut-Finden. Es geht darum, dass aus Situationen Emotionen entstehen. Man muss ja auch gar nicht so weit schauen. Mich erinnert das ein bisschen an das Privatfernsehen. In einer Gerichtsshow oder einer Soap könnte eine ähnliche Handlung vorkommen. Lesen wir weiter:

1. Mose 16,7.8

Es steht ziemlich übel um Hagar, glaube ich.Wir wissen nicht genau, was Sarai mit ihr gemacht hat.Aber es muss schon ziemlich schlimm kommen, bevor man in die Wüste flieht, in die Unsicherheit der Fremde. Ob Hagar heute bei uns Asyl gewährt würde? Ich fürchte nicht. Wir klassifizieren Asylbewerber oft als »Wirtschaftsflüchtlinge«, schieben sie ab und vergessen oder verdrängen dabei, dass kein Mensch ohne triftigen Grund seine Heimat verlässt.

Zurück zu Hagar, die hier mit dem Motto dieses Kirchentages konfrontiert wird: Mensch, wo bist du? – Ein Bote Adonajs, ein Engel Gottes, fragt Hagar, woher sie kommt und wohin sie will. Mensch, wo bist du? Wir machen gleich ein Experiment, bevor ich weiterlese. Ich möchte euch gleich bitten, euch vorzustellen, und dass jemand euch in diesem Moment die Frage stellt: Wo bist du? Vorher singen wir aber:

Liederbuch Fundstücke, 104,1

Eine mögliche Antwort auf die Frage »Wo bist du?« kann die von Hagar sein: »Ich bin auf der Flucht.« Vielleicht könnt ihr euch auf eine gewisse Weise in Hagars Antwort wiederfinden. Ich bin auf der Flucht, ich vermeide oder verdränge etwas, zum Beispiel die Verantwortung, eine bestimmte Konfrontation, irgendetwas, wovor ich Angst habe – mein schlechtes Gewissen vielleicht. Darf ich hier noch einmal um Handzeichen bitten? Wer kann sich in irgendeiner Variante der Antwort »Auf der Flucht« wiederfinden? Für wen trifft diese Antwort in etwa zu?

Eine weitere Antwort, die viele von uns kennen, ist: Ich warte noch, ich habe ein Ziel, das mich glücklich machen wird. Jetzt bin ich zwar noch nicht glücklich, aber wenn ich diesen Abschluss gemacht habe, oder wenn ich jene Fertigkeit gelernt habe, oder wenn ich mich erst mit meinen Eltern vertragen habe – dann! Dann bin ich glücklich, dann bin ich am Ziel.

Wenn ich erst erwachsen bin. Wenn ich erst diesen Job oder diesen Traumpartner gefunden habe. Dann! Man könnte auch sagen: Ich warte auf eine bessere Erfahrung. Wer kennt diese Antwort für sich selber, wer findet sich darin wieder?

Beide Antworten, Flucht und Warten, reißen uns aus dem Hier heraus. Es könnte ja auch eine Antwort auf die Frage »Wo bist du?« sein: Hier – so wie es auf den Schlüsselbändern und Halsbändern vom Kirchentag steht: Ich bin hier. Ich bin jetzt. Ich bin da.

Wir kommen jetzt zu dem Experiment »Wo bist du?«. Dazu möchte ich euch einladen, dem tiefen Frieden nachzuspüren, den Gott uns schenkt, der schon in uns ist. Wenn ihr möchtet, schließt ihr die Augen. Spürt in euren Körper hinein. Der Körper ist der Tempel Gottes, wie Paulus sagt. Spürt mal eure Schultern.

Sind sie verspannt? Sind sie entspannt? Kein falsch, kein richtig. Einfach nur nachspüren. Spürt eure Hände. Liegen sie auf euren Knien? Fühlt die Verbindung mit der Oberfläche, auf der sie aufliegen. Nun schenkt eure Aufmerksamkeit den Füßen. Versucht dorthin zu spüren, wo sie auf dem Boden aufliegen. Nun: Spürt eurem Atem nach. Wie sich die Bauchdecke hebt – und senkt. Noch ein Atemzug. Wieder fließt Luft durch die Nase – oder den Mund – und in den Bauch. Wie fühlt sich der Bauch von innen an? Bei mir ist dort oft ein kleiner Knoten zu spüren, eine Unruhe. Ich versuche, sie nicht zu verdrängen, sie aber auch nicht zu verurteilen, ihr einfach nur Raum zu geben. Könnt ihr den Lebenshauch spüren, die Energie, die eurem Körper Leben gibt? Spürt auch eure Umgebung. Könnt ihr den Frieden spüren, der die gesamte Halle hier durchfließt?

Und nun: Lasst die folgende Frage einfach in euren Körper hineinfallen, wiederum ohne sie zu beurteilen, und wartet ein bisschen: Wo bist du? Vielleicht steigen jetzt Assoziationen, Antworten aus eurem Inneren auf. Versucht mal, diese Antworten nicht zu zensieren, sondern sie nur zu betrachten. Sozusagen neutral. Es gibt keine richtige Antwort, es gibt keine falsche Antwort.

Liederbuch Fundstücke, 104,2

Mal sehen, wie unsere Geschichte weitergeht:

1. Mose 16,8–16

Bis dahin geht unser Text für heute. Gibt es Fragen zum Verständnis des Textes? Ich will nicht alle Stellen erläutern, die uns hier seltsam vorkommen könnten, nur kurz zu Ismael: Ismael gilt auch als Stammvater der Beduinen, die damals als Nomaden häufig im Streit mit ihrer sesshaften Umgebung lagen. Daher kommt hier im Text Ismaels Bezeichnung als Wildesel-Mensch, »er gegen alle, und alle gegen ihn«. Ismael wird übrigens im Islam als Prophet verehrt. Er soll nach muslimischer Überlieferung gemeinsam mit Abraham die Kaaba in Mekka erbaut haben.

Ich möchte jedoch zu Ismaels Mutter Hagar zurückkehren. Mir ist aufgefallen, dass der Engel ihr Problem nicht für sie löst. Er hätte ja auch sagen können: »Kehre zurück zu Sarai, ich habe ihr Bescheid gesagt, dass sie dich in Ruhe lassen soll.« Oder: Guck mal, da vorne habe ich dir ein Haus hingestellt, da kannst du in Frieden deinen Sohn gebären.«

Im Gegenteil, er schickt sie zurück in ihr Problem. Sie soll zurückgehen und sich von Sarais Hand demütigen lassen. Demütigen! Wer findet diesen Befehl des Engels zumindest schwer zu verdauen? Ich zeige selber auf, weil ich einen inneren Widerstand spüre. In die Demütigung soll Hagar zurückgehen. Und alles, was ich über Sklaverei gehört habe, regt sich in mir und will Hagar vor weiteren Misshandlungen schützen. Warum soll sie sich das weiter antun?

Selbst wenn sie sich vielleicht Sarai gegenüber arrogant benommen hat, ist sie doch aus unserer heutigen Sicht ein Mensch mit allen Rechten. Demütigung kommt von Demut, und die galt zumindest früher mal als Tugend. Heute ist das Wort mindestens aus der Mode gekommen. Wer hat ein Problem mit dem Wort Demut? Wer kann etwas mit Demut anfangen?

Ich glaube tatsächlich, dass Demut etwas ist, das uns im Leben hilft. Ich schlage vor, das Wort »Demut« etwas anders zu übersetzen, und zwar mit »Akzeptanz«. Klingt schon moderner, oder? Ich will aber nicht nur ein besser klingendes Wort finden, sondern meine das so: Akzeptanz heißt, ich betrachte ganz neutral meine Lebenssituation und akzeptiere sie so, wie sie ist: Kein Falsch, kein Richtig. Das ist gleichbedeutend mit der Antwort auf die Frage: »Wo bist du?« – Hier. Genau hier. Ich gebe den inneren Widerstand auf gegen alles, was mir nicht passt. Ich akzeptiere, dass ich da bin, wo ich bin. Dass ich so bin, wie ich bin. Dass mein Leben so ist, wie es ist. Auch, dass die Welt so ist, wie sie ist. Das wäre eine mögliche Haltung von Demut.

Ich möchte jetzt ganz dringend einem Missverständnis vorbeugen. Ich möchte nicht, dass jemand aufgibt, resigniert und zum Beispiel nicht mehr für eine bessere Welt kämpft. Ein solches Verständnis von Demut oder Akzeptanz wäre nicht meins. Aber: Wer von A nach B möchte, muss zunächst akzeptieren, dass er sich – noch – bei A befindet. Das heißt Akzeptanz, nicht mehr, nicht weniger.

Wenn jemand zum Beispiel in einer Beziehung steckt, in der sie oder er misshandelt oder ausgenutzt wird, dann wäre es tragisch, wenn sie oder er denken würde, er dürfe diesen Umstand nicht verändern. Das Gegenteil ist der Fall!

Häufig akzeptieren Menschen gar nicht erst diesen Umstand, vermeiden den Gedanken, dass sie misshandelt oder ausgenutzt werden. Leisten damit inneren Widerstand gegen das Hier-Sein und verstärken so die Energie der missbräuchlichen Lebenssituation. Wenn sie akzeptieren, wo sie sind, dass sie in einer missbräuchlichen Situation stecken, kann ihnen die Kraft zur Veränderung geschenkt werden. Und ich glaube, diese Kraft können wir nicht »machen« – sie kann uns nur geschenkt werden.

Auch die Kraft zur Veränderung der Welt kann ich nicht »machen«, sie wird mir geschenkt – ich bin ganz hier, spüre den Frieden, der allem innewohnt. Zum Beispiel so, wie wir es eben getan haben. Und vielleicht kann ich die Armut, den Hunger, den Krieg und die Verstümmelung der Natur mit in diesen Frieden hineinlassen. Was dann geschieht, weiß nur Gott. Vielleicht schenkt er uns die Kraft, unseren Teil zu leisten. Wir brauchen zunächst mal nur hier zu sein.

Und so kann ich den Auftrag des Engels verstehen: Hagar, du versuchst, vor deinem Leben davonzulaufen. Geh erst einmal zurück, geh hinein, akzeptiere deine Situation. Der Rest wird dir geschenkt, auch deine Nachkommenschaft wird dir geschenkt. Es geschieht dann von selber, mühelos.

Der Engel gibt Hagar vor allem aber etwas mit, das wir alle brauchen: Gott sieht dich, Gott hört dich. Er schiebt nicht einfach deine Probleme weg, aber er ist bei dir. Er ist immer bei dir, immer in dir, hört dich, sieht dich, nimmt dich ernst. Konntet ihr in der Geschichte spüren, wie gut es Hagar tut, dass Gott von ihrer Demütigung gehört hat? Das Hören, das Sehen, das schenkt er uns allen.

Liederbuch Fundstücke, 104,3

Gott hört uns und sieht uns. Demut heißt, wir können gelassen ins Hier-Sein fallen. Gott sieht uns und unsere Probleme. Er hört uns, wir sind bei ihm aufgehoben. Und aus der Demut, aus der Akzeptanz dessen, was ist – ich könnte auch sagen, aus der Liebe zum Jetzt und Hier –, wird uns Kraft geschenkt, unser Leben zu leben und unseren Teil dazu beizutragen, dass Frieden auf der Welt wird. Dieser Friede sei in uns alle Zeit spürbar und lebendig und breite sich auch nach außen über alle Welt aus wie ein Lauffeuer. Amen.

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