Mein Kirchentag
Interview

Lust auf Berlin?!

Kreativ und ausgefallen – so möchte Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au für Berlin werben. Die 49-Jährige bringt einen vielschichtigen Blick auf die Reformation mit und rückt die protestantische Kultur der Auseinandersetzung wieder mehr ins Bewusstsein: Nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern gelebtes Christsein – offen, fröhlich und mutig.

Sie sind Privatdozentin, Geschäftsführerin, Autorin und Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages. Was treibt Sie an? Wo schöpfen Sie Kraft?

Es sind die Menschen, die Begegnungen, die mich antreiben. Das fängt beim Präsidium an, eine tolle Truppe, mit der auch die Sitzungen Spaß machen. Wir tauschen uns aus, über das, was wichtig ist, wie wir Dinge angehen wollen. Es ist ein Geschenk, so viele interessante Menschen kennenzulernen, das ist dann selbst ein Energiespender. Erholung finde ich in der Natur, beim Joggen, zum Glück habe ich den Wald gleich vor meiner Haustür. Das gibt mir die Möglichkeit, durchzuatmen und die Dinge für mich alleine zu durchdenken. Das Zusammensein mit meiner Familie, aber auch das Spielen mit unserem Kater ist Entspannung, eine Art Psychohygiene. Man sieht von sich selber ab und lässt sich auf etwas anderes ein.

Welche Bedeutung hat die Losung für Sie persönlich und für den Kirchentag in Berlin?

Es ist meine absolute Wunschlosung! Gott sieht mich, ohne dass ich auf mich aufmerksam machen muss. Gott sieht mich an, liebevoll, was immer ich tue. Er sieht auch, was mir peinlich ist, aber ich muss das vor ihm nicht verstecken – das finde ich so befreiend und erlösend. Das macht die Losung für mich wunderbar. Und es ist eine sehr übergreifende Losung und daher auch für das säkulare und zugleich multireligiöse Berlin so passend. Die Losung trifft eine Sehnsucht der Menschen: Wer bin ich? Wer sieht mich? Wem bin ich wichtig? Die ganze Facebook-Selfie-Manie zeigt ja, dass wir Menschen gesehen werden wollen. Die Losung sagt zu, dass du nicht anonym in der Masse verloren gehst, dass dich jemand sieht und wertschätzt als Individuum. So wie du bist. Das trifft uns alle, unabhängig davon, was oder an wen wir glauben.

Die Not der Flüchtlinge ist zurzeit das vorherrschende Thema, in welchem Bezug steht die Losung dazu?

Die Losung hat zwei Dimensionen, die vertikale: Du siehst mich, Gott! Und die horizontale: Mensch, du siehst mich! Wirklich hinzusehen und nicht von Flüchtlingsfluten oder -wellen zu sprechen, sondern den einzelnen Menschen wahrzunehmen, das kann die Losung stark machen. Es geht darum, den Menschen zu sehen, in seiner akuten Not, aber eben auch nicht darauf beschränkt. Zu fragen: Woher kommst du? Was brauchst du? Was brauchst du nicht? Und was bringst du mit und willst du einbringen? Wir können sagen: Lass uns schauen, wie wir das gemeinsam hinbekommen. Das ist: Du siehst mich – von Mensch zu Mensch.

Was beschäftigt Sie in Bezug auf die Flüchtlingskrise am meisten?

Zum einen: Wie kann ich mich persönlich engagieren, vor Ort? Was können Kirchengemeinden tun? Wo finde ich Menschen, die sich gern engagieren wollen? Wie kann man voneinander lernen? Ich denke, wir stehen in der Pflicht, Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, zu unterstützen, zu begleiten und aufzunehmen und nicht zu sagen: Das muss die Politik regeln. Zum anderen beschäftigt mich aber auch die Komplexität des Ganzen. Was heißt Integration langfristig, wie kann es wirklich funktionieren? Was bedeutet das für die vielen Kinder, die kommen? Wie können wir sie unterrichten? Und was geschieht, wenn die Menschen zurückgehen, nach dem Krieg zum Beispiel nach Syrien, in ein völlig zerstörtes Land, in eine unsichere Zukunft? Was können wir also tun, um die Menschen, solange sie hier sind, so auszustatten und zu unterstützen, dass sie ihr Land auch wieder aufbauen können? Was passiert mit Syrien, Afghanistan, Eritrea und Somalia, mit den Ländern? Und was passiert auf der politischen Ebene, mit den Führungseliten? Wir können, müssen und sollen die Flüchtlinge aufnehmen, aber wann ist das nur noch Symptombekämpfung, und wie können wir an die Wurzeln dieses Problems gelangen? Das sind sehr schwierige Fragen.

Welche Aufgabe sehen Sie für den Kirchentag?

Unsere Stärke liegt im Dialog, international und interreligiös. Der Kirchentag ist eine ideale Plattform, Menschen in einem ungewohnten und anderen Setting miteinander ins Gespräch zu bringen. Nur wenn wir miteinander reden, werden wir auch Lösungen finden. Reden heißt beim Kirchentag ja auch, dass Menschen kommen und zuhören, Fragen stellen, sich eine eigene Meinung bilden. Probleme sichtbar und offen machen, das halte ich für eine wichtige Aufgabe. Aber es geht nicht nur um die Diskussionsveranstaltungen, sondern um Internationalität und Inklusion allgemein. Diese Offenheit zu sagen, alle sind willkommen, das macht Kirchentag aus. Ich frage nicht erst, welche Art von Glauben hast du, welche Art von Bildung, wo kommst du her, was machst du sonst. Kirchentag lebt vom Mitmachen. Wir können Flüchtlinge einladen und einbeziehen, in den gastgebenden Gemeinden, mit eigenen Projekten. So entsteht ein Gefühl des Zusammengehörens. Das kann mit in den Alltag genommen werden. Das gibt vielleicht Mut und Lust, weiter daran zu arbeiten. Es ist ein bisschen so, wie das Reich Gottes punktuell zu verwirklichen, und dann weiß man wieder, wie es sein könnte, und das gibt Kraft.

Beim Kirchentag in Berlin werden christliche und säkulare Weltsichten aufeinanderprallen, wie gehen Sie die Herausforderung an?

Zum einen ist ganz wichtig, dass die Berlinerinnen und Berliner auch etwas vom Kirchentag haben. Es muss ein Kirchentag nicht nur in der Stadt sein, sondern mit der Stadt. Das ist auch eine große Herausforderung, uns bemerkbar zu machen, wie ein Duft, der durch die Straßen weht, wo man ein bisschen schnuppern kann und dann vielleicht neugierig wird, vielleicht dem Duft nachgeht, in ein Konzert oder eine Diskussion gelangt. Ob das gelingt, wird zum einen von der Öffentlichkeitsarbeit abhängen. Ich wünsche und hoffe auf eine freche und präsente Kampagne, damit die Berlinerinnen und Berliner schon vorher darüber stolpern und neugierig werden. Und wir müssen mit den Veranstaltungen an Orte gehen, wo sich das eigentliche Leben abspielt. Kreative und ausgefallene Dinge wagen, Mut haben auch für kleinere Veranstaltungen an ungewohnten Orten. Wir können nicht nur mit unseren Bibelarbeiten und unseren Tagzeitgebeten und Kirchentagsliedern kommen, sondern müssen vieles noch mal neu übersetzen. Das ist auch eine große Chance für uns, uns anzustrengen und in einer anderen Sprache zu sagen, was wir wollen, denken und glauben. Die Berlinerinnen und Berliner lassen sich nicht einfach so selbstverständlich darauf ein, sie wollen anders umworben sein, aber das ist auch das, was Lust macht auf Berlin.

Zur Person: Christina Aus der Au Heymann wurde 1966 in Luzern geboren. Die evangelisch-reformierte Theologin und Philosophin ist Privatdozentin für Systematische Theologie/Dogmatik an der Universität Basel, Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich, Autorin und Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Interviewerin: Britta Jagusch ist Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“ und arbeitet als Journalistin in Frankfurt am Main.

„Theologie raus aus dem Elfenbeinturm und gesellschaftsrelevant werden“, wurden Sie in einer Tageszeitung zitiert. Wie kann universitäre Theologie für die Gesellschaft fruchtbar gemacht werden?

Theologie ist das Nachdenken über den eigenen Glauben und darüber hinaus über Gott und die Gemeinschaft, die Beziehung zur Welt. Das hat aber immer einen Bezug und einen Einfluss darauf, wie ich Christin bin und wie ich das Zusammenleben lebe. Theologie kann daher überhaupt nie im Elfenbeinturm sein, sondern Theologie hat mit Menschen zu tun. Und Menschen haben zu tun mit Kirchen, Gesellschaft und Politik, mit Umwelt und allem, was uns sozial angeht. Christsein muss gelebt werden. Gott ist das, was uns unbedingt angeht. Damit berührt es alles andere, was uns auch angeht. Universitäre Theologie schult das Denken und schult den Menschen. Damit man hoffentlich zu jemandem wird, der sich dort einsetzt, wo er gebraucht wird. Die Stadtmission in Berlin ist ein solches Beispiel. Ich habe dort Suppe ausgeteilt und war beeindruckt von der Arbeit der Ehrenamtlichen. Das ist praktische Theologie.

Der Kirchentag in Berlin 2017 bedeutet auch gleichzeitig, 500 Jahre Reformation zu feiern. Welchen besonderen Blick bringen Sie als reformierte Schweizerin ein?

Den reformierten Blick für die Vielschichtigkeit der Reformation. Die unterschiedlichen Strömungen, auch was Kirche sein ausmacht. Da ist zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen Luther und Zwingli über das Abendmahl. Das war nicht Friede, Freude, Eierkuchen unter den Reformatoren – die haben sich richtig bekämpft. Und das Lutheraner und Reformierte zusammen Kanzel und Abendmahlsgemeinschaft haben können, das ist noch nicht so lange her. Die Leuenberger Konkordie, die die Kirchengemeinschaft ermöglicht, wurde erst 1973 verabschiedet. Diese, zum Teil auch widerborstigen Strömungen, die Linksradikaleren, die Schwärmer, die Täufer, die auch Teil der Reformation sind, das möchte ich wieder mehr ins Bewusstsein bringen. Denn es war eine streitbare Bewegung und Auseinandersetzung innerhalb des Protestantismus, der sich da entwickelt hat. Das ist spannend und bereichernd. Ich möchte diese Auseinandersetzungskultur gern beibehalten, denn protestantisch ist nicht so oder so und Reformationsjubiläum ist nicht nur Luther oder lutherisch. Lasst uns zum gegenseitigen Nutzen miteinander diskutieren. Wir können gegenseitig viel voneinander lernen.

Als Leiterin des Zentrums für Kirchenentwicklung sitzen Sie an der Scharnierstelle zwischen universitärer Forschung und kirchlicher Umsetzung – wo sehen Sie den größten Entwicklungsbedarf bei der Weiterentwicklung von Kirchen und Gemeindeaufbau?

Ich könnte jetzt viel über Reformen sprechen, die vor allem von Organisationsberatern angetrieben werden und zu vielfältigen Milieuanalysen und Studien führen, die alle darauf schauen, was Kirche machen muss, damit sie die Menschen wieder erreicht. Das ist wahrscheinlich auch wichtig, aber meine Überzeugung ist eine andere: Wir müssen wieder vom Inhalt ausgehen. Was ist unser Auftrag? Das Evangelium zu verkünden! Schlicht und einfach. Und: Wie machen wir das im Jahr 2015 an dem Ort, wo wir sind? Das sollten wir möglichst angstfrei durchdenken. Strukturen sind Menschensache, Kirche kann alles sein. Und deswegen sollten wir nicht krampfhaft an irgendetwas festhalten. Die St. Galler Kirche in der Schweiz hat einen tollen Slogan: „Nahe bei Gott – nahe bei den Menschen“. Welche Strukturen können und sollen wir umbauen, anbauen, aufbauen, auflösen, um nahe bei Gott und nahe bei den Menschen zu sein?

Wie kann das praktisch aussehen?

Es muss darum gehen, das Evangelium offener, fröhlicher und attraktiver zu verkünden. Wofür stehen wir? Warum ist es wichtig, dass es Kirche gibt? Und welche Formen brauchen wir, dass wir das auch tun können? Wenn Menschen aus verschiedenen Gründen sonntags nicht mehr in den Gottesdienst kommen, dann sollten wir uns eher fragen, wo und wie können wir das Evangelium anders verkünden, als zu überlegen, welche Werbemaßnahmen wir machen können, damit junge Familien sonntags wieder zur Kirche kommen. Wir sollten noch mal neu darüber nachdenken, was es bedeutet, Pfarrer oder Pfarrerin zu sein. Und welche Rollen haben Laien? Was bedeutet Ehrenamt? Was machen Freiwillige, und wie organisieren wir das Ganze? Man kann auch über eine pfarrerlose Gemeinde nachdenken. Und was dies für Kirche sein heißt. Es ist eine herausfordernde Zeit, weil so viel im Fluss ist, angestoßen durch die Finanzknappheit. Das bietet aber auch immer eine Chance. Und ich glaube, wo wir weniger zu verteidigen haben, sind wir freier, Neues auszuprobieren.

Neues ausprobieren, Kirche kann alles sein – das hört sich nach Offenheit für Veränderungen an. Wie feiert denn die Präsidentin des Kirchentages Weihnachten – traditionell oder anders?

Für mich ist Weihnachten definitiv kein Kleinfamilienfest. So laden wir einfach Leute ein – Großeltern, Geschwister, Freundinnen, Nachbarn, neue und alte Bekanntschaften, wer uns grad in den Weg gestellt wird. Und das gibt jedes Mal schöne und fröhliche Feste, und die einen kommen dann in den Weihnachtsgottesdienst mit, und die anderen bleiben beim Baum und dem Abwasch.

Dieses Interview stammt aus Der Kirchentag - Das Magazin Ausgabe 4/2015. Hier können Sie es abonnieren oder als PDF herunterladen.

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