Mein Kirchentag
Liederwerkstatt

Ohne Lieder keine Reformation

Im November präsentierten Textdichter und Musiker in Hildesheim wieder die Arbeit dreier Tage. Doch diesmal war alles anders. Gewinnerlieder wollten prämiert werden.

Meist geht die Liederwerkstatt des Kirchentages nicht so offiziell zu Ende. Das „Werkstattkonzert“ am letzten Abend der dreitägigen Musikschmiede glich in der Vergangenheit immer eher einer Art Jam Session. Das passte zum Prinzip der Werkstatt, „in kollegialer Beratung Lieder zu schaffen“, wie Kirchentagspastor Arnd Schomerus es ausdrückt. Versammelt sind Musiker, die miteinander und füreinander spielen, ihre Arbeit präsentieren und gegenseitig wertschätzen. Doch schon der Ort des diesjährigen Konzerts – die Michaeliskirche, die imposant, massiv und perfekt ausgeleuchtet auf einem Hügel im Zentrum Hildesheims ruht – zeigte an, dass dieses Konzert ein besonderes sein würde.

2017, im 500. Jahr der Reformation, ist mehr als nur Kirchentag, deswegen war diesmal alles anders. Beim Werkstattkonzert am 26. November wurde nicht nur eine Liedauswahl präsentiert, die in den letzten Tagen entstanden war und über deren Eignung für das nächste Liederbuch noch eine Projektleitung entscheidet– es werden auch zwölf Lieder zum Reformationsjubiläum prämiert, die bereits in einem Wettbewerb ausgewählt wurden. Die Projektleitung ist zudem teilweise anwesend und da sie später über die Lieder richten wird ohne ihre Autoren zu kennen, geben sich die Teilnehmenden der Werkstatt jede Mühe, die Herkunft der Lieder zu verschleiern. Feste Ensembles tragen die insgesamt 35 Stücke anonym vor. Die Lieddichter Martin Heider und Ralf Grössler sowie Jochen Arnold, Direktor des Michaelisklosters Hildesheim, führen mit Humor und Selbstironie durch drei abwechslungsreiche Sets.

Losung als geflügeltes Wort

Begonnen wird mit zehn Liedern, an denen sich ideal die besondere Arbeitsweise der Liederwerkstatt aufzeigen lässt. Oft entstehen erst die Texte, die dann von Musikern vertont werden. Das führt auch dazu, dass es manchmal mehrere Vertonungen desselben Textes gibt. Eine Dichtung gewordene Erzählung der Sklavin Hagar, aus deren Geschichte die Losung „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13) stammt, hört das Publikum einmal als Rondolied und einmal jazzig-nachdenklich. Auch von „Gott sieht mich an“, einem Lied in Leichter Sprache, gibt es zwei ganz unterschiedliche Versionen. Viele der Titel greifen auf die Losung zurück – unter den Teilnehmenden sei „Du siehst mich“ schon zu einem geflügelten Wort geworden, sagt Martin Heider. Man habe sich zwischendurch immer wieder überlegt, wo man die magischen Worte noch einbauen könne.

Nach dem Abschluss des ersten Sets mit der Pop-Ballade „Liebe ist ein Schlüssel“ von Josi Klitz folgt die Prämierung der Wettbewerbs-Preisträger. „Ohne Lieder wäre die Reformation nicht in so kurzer Zeit eine Bewegung des Volkes geworden und hätte sich nicht in Stadt und Land so schnell ausgebreitet“, erklärt Stephan Goldschmidt, Referent für Gottesdienst und Kirchenmusik im Kirchenamt der EKD, in seiner Laudatio. Aus fast 700 für den Wettbewerb eingereichten Liedern seien zwölf von einer Jury ausgewählt, die die Qualität besäßen, zu Ohrwürmern zu werden.

Ehrfürchtiges Lauschen

Begleitet vom Klavier singt anschließend die ganze Kirche gemeinsam neue Glaubenslieder wie „Leben aus Glauben“ von Wolfgang Simon, „Gott hat eine Spur gelegt“ von Helle Trede und Thomas Nickisch sowie den Gotteshaus-Fangesang „Meine Kirche“ von Eugen Eckert und Bernhard Kießig. Dazu kommen Neue Texte zu Melodien aus dem 16. Jahrhundert und umgekehrt: neue Melodien zu zwei Liedern aus Luthers Zeiten, „All Morgen ist ganz frisch und neu“ und „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“.

Den Abschluss bildet der Text „Dieses Kreuz“, geschrieben von Clemens Bittlinger, der bis zur Liederwerkstatt keine Vertonung gefunden hatte. Erst in Hildesheim hat Samuel Dembi Samba eine bewegende Melodie dazu komponiert. Der aus der Worship-Szene stammende Musiker trägt das Lied auf der Gitarre vor und die Michaeliskirche lauscht ehrfürchtig.

Gruppenfoto der Preisträger
Die Preisträger des Liedwettbewerbs von EKD und Kirchentag: 1. Leben aus Glauben (Text und Melodie: Wolfgang Simon)- 2. Ich glaube, also bin ich geliebt (Text und Melodie: Thomas Mittring) - 3. Gott hat eine Spur gelegt (Text: Helle Trede; Melodie: Thomas Nickisch) - 4. Ich steh dazu (Text: Cornelia Georg; Melodie: Michael Kremzow) - 5. In Christus hat sich der Himmel geerdet (Text: Ilona Schmitz-Jeromin; Melodie: Martin Peter) - 6. Meine Kirche (Text: Eugen Eckert; Melodie: Bernhard Kießig) - 7. Dein Wort (Text: Christa Atten; Melodie: Horst Hinze) - 8. Was Gnade kann (Text und Melodie: Tobi Wörner) - 9. Ein neuer Tag bricht an (Text: Clemens Bittlinger; Melodie: EG 179) - 10. Mit allen meinen Fragen (Text: Susanne Brandt; Melodie: EG 365) - 11. All Morgen ist ganz frisch und neu (Melodie: Thomas Pehlken) - 12. Nun freut euch, lieben Christen g'mein (Melodie: Michael Penkuhn-Wasserthal) - 13. Dieses Kreuz, vor dem wir stehen (Text: Clemens Bittlinger; Melodie: Samuel Samba)

Im dritten Teil des Abends fällt vor allem ein Lied auf: „Giftiger Keim“ setzt sich mit Luthers Hassschriften gegen Türken und Juden auseinander, versucht in Anlehnung an Luthers "Aus tiefer Not schrei ich zu Dir" mit düsteren Harmoniefolgen einen kritischen Dialog mit jenen Aspekten der Reformation zu führen, die nicht „reichlich und kunstvoll besungen“ wurden. Die Schlussfolgerung ist klar: „Lasst wachsam uns sein und, so schmerzhaft das Hinschaun auch sein mag, den Keim nicht vergessen“.

Neuer Klang und Schwung

Den Abschluss des Sets bildet erneut ein Vortragslied einer jungen Frau – diesmal ist es Jelena Herder, die ihre Version von „Du siehst mich“ spielt und singt. Die Theologiestudentin aus Greifswald ist wie Josi Klitz und Samuel Dembi Samba das erste Mal dabei und Teil der Bemühungen, die Liederwerkstatt jünger zu machen. Dafür bedankt sich Ralf Grössler noch einmal explizit. Die jüngeren Teilnehmenden hätten einen „neuen Klang und neuen Schwung“ mitgebracht, der alle mitgerissen habe.

Welche der vielen gehörten Lieder am Ende auf dem Kirchentag in Berlin, während der Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland, beim Festgottesdienst in Wittenberg und bei allen anderen Veranstaltungen des Reformationssommers erklingen werden, werden selbst die Musikerinnen und Dichter erst im Herbst 2016 erfahren. Dann erscheint das Liederbuch zum Reformationsjubiläum mit den zwölf prämierten Liedern und weiteren Titeln aus der Liederwerkstatt. Eine Prognose kann man vermutlich bereits wagen: „Du siehst mich“ wird irgendwo auftauchen.

Erklärt: Liederwerkstatt und Liedwettbewerb

Zu jedem Kirchentag seit 2007 veranstaltet der Deutsche Evangelische Kirchentag eine Liederwerkstatt, bei der eine Gruppe von Textdichtern und Musikern gemeinsam neue Lieder zu Losung, biblischen Texten und musikalischen Anlässen auf dem Kirchentag entwirft. Aus dem Schatz der entstandenen Lieder wählt eine Projektleitung einige aus, die im nächsten Liederbuch abgedruckt werden.

Für den Reformationssommer 2017 wird es ein besonderes Liederbuch geben, das neben den Kirchentagsliedern die zwölf Reformationslieder enthalten wird, die den Liedwettbewerb von Kirchentag und EKD gewonnen haben. Das Liederbuch soll zum Reformationstag 2016 erscheinen.

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