Mein Kirchentag
Predigt

Die Welt mit Gottes Augen sehen

Erstmals im Berliner Dom. Präsidiumsmitglied Katrin Göring-Eckardt sprach am Kirchentagssonntag in der Kirche am Lustgarten über das Wunder, von Gott gesehen zu werden. Wir haben die Predigt dokumentiert.

Friede sei mit euch und Gnade, von Gott unserem Vater, von seinem Sohn, den wir Christus nennen und vom Heiligen Geist.

Schwestern und Brüder,

noch ist ja gar nicht 2017. Dieses Jahr, das bedeutungsschwer seine Schatten voraus wirft. Und nein, ich meine nicht die Bundestagswahl und politisch scheinbar Schicksalhaftes, das in diesen Tagen darauf weist. Denn es geht um etwas Größeres, etwas das die Christenheit weltweit bis heute prägt und verändert, etwas, woran sich andere Religionen reiben und orientieren. Etwas, das die Welt freier machte und Menschen in ihrer Freiheit Mensch zu sein nicht mehr an die Obrigkeit verwies. Es geht um den Auszug aus der Angst vor dem Diesseits und dem Jenseits, es geht um die Möglichkeit frei zu sein von Angst – welch eine Sensation, bis heute. Es geht also um Mut, darum "bei dem zu bleiben, was dein Herz dir rät" wie es Jesus Sirach formuliert. Es geht also um Einkehr bei Gott und es geht um die Verantwortung in der Welt.

Der Mut, keine Angst zu haben

Und vielleicht muss man in diesen Tagen auch sagen: es geht auch um den Mut keine Angst vor denen zu haben, die Angst machen wollen. Und falls sie gerade denken, das sei doch keine Kategorie für Politik, dann will ich ihnen widersprechen. Es ist eben gerade das! Wir sind frei, denn wir wissen um den gnädigen Gott. 500 Jahre Reformation! Das Jahr, in dem der Kirchentag in Berlin stattfinden wird und ein ganzer Reformationssommer in Wittenberg. Es ist noch gar nicht so weit und dennoch feiern wir heute schon Kirchentagssonntag. So können wir uns auf den Weg machen und schon jetzt einstimmen.

"Du siehst mich" (1 Mose 16,13). Das ist die Losung des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags im Mai 2017. Die biblischen Texte, die für die Gottesdienste und Bibelarbeiten des kommenden Kirchentages ausgewählt wurden, handeln alle davon: vom Sehen und Gesehenwerden, vom Wahrnehmen und Wertschätzen. Davon, dass Gott uns sieht und mit uns geht. So auch der heutige Predigttext. Er steht in Psalm 139, ich lese ihn – natürlich – in der Lutherübersetzung:

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.
16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Wer so betet, fühlt sich Gott untrennbar verbunden

Wer so beten kann, der weiß sich Gott ganz nah. Du hast mich gemacht, mir das Leben geschenkt. Du hast mich schon gesehen, gedacht, gewollt, ehe ich bereitet war. Wer so betet, der fühlt sich Gott verbunden. Untrennbar. Aber ja auch irgendwie unentrinnbar. In den Versen zuvor heißt es:

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

Was hören wir heraus? Hören wir von Gott, dem Übermächtigen, der alles kann und alles immer schon geregelt und festgelegt hat? Oder von einem Gott, der gestaltet und entwirft und dann den Menschen in Freiheit entlässt? Hören wir von einem Gott, der immer schon da ist, wie bei Hase und Igel und vor dem man nicht auch mal ein kleines Geheimnis haben kann? Oder von einem Gott, der liebevoll umfängt, der als Grundmelodie mitschwingt und dem wir einfach nicht verloren gehen können?

Gott ist da, immer. Und los werden wir ihn nicht. Aber natürlich sind wir frei, ihn von uns zu weisen, uns abzuwenden. Ihn zu vergessen, oder das wenigstens zu versuchen. Mancher hat sogar vergessen, dass er ihn überhaupt suchen könnte. Wir müssen nichts mit ihm zu tun haben. Und dennoch bleibt er und geht mit. Und sollten wir je nach ihm suchen, sollten wir uns wieder stärker sehnen nach ihm als zu anderen Zeiten, dann ist seine ausgestreckte Hand schon da. Oder hat sich Gott versteckt? Ist Gott ins Verborgene gegangen, in dieser Welt? Ist er in einer Welt, die wir nicht erreichen können?

Gott sieht alles?

Wie haben Sie das ihren Kindern erklärt? Wir saßen zusammen, mein Sohn, seine Frau und ich und haben uns gefragt, was wir wohl der 6-Jährigen sagen würden, wenn sie fragt, ob Gott alles sieht? Wir haben uns auf folgende Antwort verständigt: Klar kann Gott alles sehen, aber er interessiert sich bestimmt nicht für alles, was wir so machen. Über weitere Nachfragen haben wir nicht geredet …

Was Gott alles sieht

Gott sieht meine Seele, das vor allem, mehr wohl als Alle, mehr als ich selbst. Ja, das ist schon irgendwie unheimlich. Aber es ist ja auch eine Entlastung. Ich muss mich gar nicht erst schön anziehen oder mir eine kluge Predigt ausdenken, um Gott unter die Augen treten zu können. Ich muss mich nicht erst per Selfie ins beste Licht vor atemberaubender Kulisse setzen und das dann posten. Alles nicht nötig. Gott sieht direkt bis auf der Seele Grund. Und er sieht uns liebevoll an dabei.

Auch wenn ich mich eigentlich verkriechen möchte, verstecken möchte oder weglaufen – er ist da in aller Not und Unsicherheit und Angst. Er hält seine Hand schützend über uns. Er ist und bleibt, egal was wir tun. Pickel in der Pubertät, fiese Gedanken gegen den Nachbarn oder gegen die politische Mitbewerberin, egal.

In Psalm 139 klingt eine Ambivalenz an, die wir nur zu gut kennen: Wir wollen für uns sein und geschützt vor fremden Blicken. Und wir tun viel dafür, gesehen zu werden statt übersehen. Wir wollen gern An-sehen haben. Und genau das sagt der Psalm zu. Wenn wir also den Gedanken fallen lassen können, Gott hielte uns womöglich in vorherbestimmter, unterdrückender Unfreiheit – dann wird der Raum groß fürs Staunen über Gott.

Kunstvoll gewoben

Denn wir sind durch ihn wunderbar gemacht. Er formte uns im Mutterleib, er hat unsere Nieren bereitet. Dort sitzt nach der Vorstellung des Alten Testamentes die Seele. Er hat sie bereitet, unser Innerstes also. Er macht uns zu dem, wie wir sind und was wir sind. Man kann Vers 13 auch so übersetzen: "Kunstvoll hast du mich gewoben im Leib meiner Mutter." Kunstvoll gewoben! Das ist mehr als die Verkettung von Molekülen. Denn der Mensch ist so unendlich mehr als die Informationen, die seine Gene tragen.

Jede und jeder einzelne ist genau richtig, so wie er geworden ist. Das darf uns wieder einfallen, wenn wir hadern mit uns – die Nase schief und die Füße zu groß. Das darf uns auch einfallen, wenn wir den Anderen sehen, der sich selbst nicht erträgt, der unerträglich ist. Das kann tragen vor allem, in Stunden von Selbstzweifel und großer Unsicherheit. Es wird, so ist meine Hoffnung, Menschen stärken können, die nicht immer sehen könne, wie wunderbar gemacht das sein. Die Zusage, dass ein jeder richtig ist und wunderbar ist der starke Widerspruch gegen alle, die meinen, Minderheiten ausschließen zu sollen, eben weil sie anders sind. Und es ist der Anspruch, eben nicht unsere Maßstäbe anzusetzen im Urteil darüber, was gelungen ist und lebenswert scheint. Das ist nicht leicht zu ertragen. Es gibt schließlich ziemlich Viele, die ich nicht leiden, nicht riechen kann, die ich unfassbar stupide finde.

Soll ich wirklich glauben, dass tausende von Fremdenfeinden auch unter diese Kategorie fallen? Er hat uns erdacht und gemacht, doch dann sind wir frei, das ist, was uns Gott lehrt, was die Reformatorinnen und Reformatoren beschreiben. Dieser gnädige Gott, der gnädig bleibt, auch wenn wir größten Unsinn reden oder Schlimmstes tun. Aber wir sind eben frei, frei zu handeln und zu versagen, frei zu lieben und zu hassen. Und darin sind wir auch frei zu widersprechen. Nein, ich muss den Feind des Fremden nicht in die Arme schließen. Ich darf ihn sogar anschreien. Ich lasse mich nicht klein machen, wenn er auf meiner Facebook-Seite seinen Hass hinterlegt. Und somit muss ich widersprechen und dagegen halten, wenn jemand glaubt, es sei seine Freiheit andere zu erniedrigen. Das ist die Bürde, das ist die Aufgabe und das ist eben der Preis des Freiseins. Nicht gottverlassen, aber eben doch verantwortlich.

Wir werden durch Gottes Blick

Schwestern und Brüder,

Gott sah uns, noch bevor es überhaupt eine Ultraschallaufnahme von uns gab. Gott liebte uns, noch ehe unsere Eltern das taten und die Menschen, denen wir uns zuwenden und von denen wir uns erkennen lassen wollen. Wir werden durch Gottes Blick. Gott sieht uns an und wir werden. Das war am Anfang so und kann uns durchs Leben tragen, denn es geschieht immer wieder. Er sieht uns an: liebevoll, mitfühlend, ermunternd, bestimmt mal völlig verständnislos. Und ob Gott wohl wütend sein kann, über seine Menschen? Zumindest über einige?

"Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele." Wir sind wunderbar gemacht und stehend staunend vor allem. Wie es funktioniert. Wie schön es ist. Und auch davor, was uns alles geschenkt ist und was wir vermögen. Gott sieht in allem Unfertigen schon das Ergebnis. Auch wir können für möglich halten, was noch nicht sichtbar ist. Michelangelo wird nachgesagt, er habe, gefragt, warum er sich mit diesem Felsbrocken abmühe, geantwortet: ich sehe darin einen Engel und ich will ihm zum Vorschein bringen. Sehen wir also mitten hinein! Halten wir das Gute für möglich in allem Vorläufigen und Defizitären. Selbst noch im Schrecklichen? Wagen wir den Weg bis der Engel zum Vorschein kommt und damit wird, was werden kann. Wir können die Welt mit anderen Augen sehen. Mit Gottes Augen.

Ich kann genau hinsehen und dorthin gehen, wo ich gebraucht werde. Ich kann das Notwendige tun, das, was die Not wendet, statt die Augen davor zu verschließen. Denn Gott ist mit mir auf dem Weg, durch dick und dünn, von allem Anfang an und bis zum Ende.

In der Summe zu groß

Und zugleich: Gott ist auch da, wo ich nicht wage hinzusehen, wo meine Kraft klein bleibt und mein Blick gesenkt. "Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!", heißt es im Psalm. Gottes Gedanken sind groß, in der Summe zu groß. Wir können die Welt nicht begreifen, heute weniger denn je. Aber vielleicht halten wir für möglich: dass er da ist, auch wenn wir gerade nicht sehen können, wo eigentlich. Auch wenn wir kaum glauben können, dass das alles wunderbar gemacht ist, wenn die Welt aus den Fugen ist, wenn wir es weder fassen noch begreifen können, so ist er doch da. Auch dann. Selbst dann.

Gott hat uns gemacht, jede und jeden Einzelnen. Er hat keine Schubladen für uns, für unsere Seelen, er hat uns bei unserem Namen gerufen. Die 6-Jährige, von der vorhin schon die Rede war, hat mich gelehrt, was das heißt. Sie sollte Worte mit F suchen, für den kommenden Tag. Und wir fanden: Faden und Frosch, Flügel und Freude. Und dann, weil wir gerade über das Thema geredet hatten, schlage ich ihr vor: Flüchtlinge? "Die heißen bei uns Jassin und Aydan" sagt sie, die 6-Jährige, "nicht Flüchtling." JA, so ist es in der Tat, jeder ist gemacht und gedacht von Gott. Wie großartig.

2017 ist Kirchentag

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ende Mai 2017 werden Hunderttausend in Berlin feiern. Dann ist Kirchentag. Dann werden wir feiern und singen und beten, eine große Gemeinschaft sein und dieses Gefühl in uns aufsaugen. Wir werden nachdenken und diskutieren, werden Neues entdecken und ausprobieren, vom Eigenen erzählen und Erfahrung teilen. Wir werden Mut machen. Wir werden zweifeln, wir werden wütend sein, verzweifelt womöglich und voller Unmut. Manches, vielleicht werden wir kaum aushalten können. Und: wir werden Menschen kennenlernen und alte Freunde wieder treffen. Kirchentag im 500sten Jahr der Reformation wird besonders sein. Auch deshalb, weil der Schlussgottesdienst nämlich nicht vor dem Reichstag stattfindet, nicht auf dem Tempelhofer Feld und auch nicht im Olympiastadion. Wir werden ihn feiern auf den Elbwiesen vor Wittenberg, jedem symbolischen Ort des Beginns der Reformation. Zu diesem großen Festgottesdienst werden auch die Menschen streben, die in Mitteldeutschland Kirchentag gefeiert haben. Parallel zum Programm in Berlin finden in Erfurt, Weimar und Jena, in Magdeburg, Dessau-Roßlau Leipzig und Halle/Eisleben Kirchentage auf dem Weg statt – auf dem Weg nach Wittenberg. Und hoffentlich kommen auch die, die nichts wissen von Gott, nicht von unserem und von keinem anderen Gott. Hoffentlich kommen die, die anders glauben als wir. Die katholischen Geschwister sowieso. Ob auch Muslime mit uns feiern können? Werden sie verstehen, wie wir zweifeln und dass wir uns immer wieder fragen müssen, was hat Gott gemeint? Können sie mit uns streiten über die Wahrheit, können sie unseren Gott ansehen, als einen der keine Obergrenze kennt für Nächstenliebe und Heimat? Werden uns Menschen Geschichten erzählen, die tagelang vor dem Lageso standen und mit denen es doch gut wurde?

Was sichtbar wird

Schwestern und Brüder,

dieser Dom prägt die Mitte der Stadt. Und er wird auch während des Kirchentags 2017 mitten im Geschehen sein. Als Veranstaltungsort für Diskussionen und Musik, als Ort des Gebets und der Stille. Er wird mittendrin sein, mit den Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die die Türen öffnen und ja, mit aller Organisation und Vorbereitung ganz schön zu tun haben werden. Aber es wird sich lohnen und fröhlich machen, da bin ich ganz sicher. Und er wird Teil des Kirchentags sein mit seiner Gemeinde, mit Ihnen und allen, die sich ansprechen lassen und anstecken lassen auch.

Ich bin gespannt darauf, was alles sichtbar wird bis 2017. Wir können genau hinsehen und vielleicht manche Entdeckung machen, wenn wir überlegen, wo wir eigentlich stehen, 500 Jahre nach der Reformation. Gelingt es uns, wir Luther, Katharina von Bora und all den Anderen, den Auszug aus der Angst zu feiern, den Mut und die Einkehr bei Gott? Werden wir im nächsten Frühjahr nicht nur die Mutigen vor Augen haben, die vor einem halben Jahrtausend alles gewagt haben, sondern auch die Mutigen, die im Jahr 2015 den gnädigen Gott und die Barmherzigkeit zum Maßstab genommen haben. Hier stehe ich! Ich will nicht anders.

Sie alle können sich ab jetzt schon einmal beginnen vorzufreuen. Und die Freude bis zum Mai 2017 immer größer werden lassen. Erzählen Sie den Menschen, die Ihnen lieb sind, vom Kirchentag. Erzählen Sie der Nachbarin und auch der fernen Tante von seinem Thema, seiner Losung. Davon, dass Gott sie ansieht. Dass er uns ansieht. Dass er uns meint und liebt. Dass er uns frei macht. Genauso wie wir sind.

Nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist, als alles was wir verstehen können, sei mit uns allen.

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