Mein Kirchentag
Predigt

Du, du, du!

Am 24. Januar war KirchentagsSonntag. Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au predigte in der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Gemeinsam mit Dorothee Sölle und Martin Buber kaute sie den Kirchentagspsalm 139.

„Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot.“

Das schreibt Dorothee Sölle in ihrem Buch „Erinnert auch an den Regenbogen“. Psalmen essen und trinken. Psalmen wie Brot. Manchmal ganz schön hartes Brot. Der Psalm 139 ist für mich hartes Brot. Er beginnt zwar zunächst ganz schön warm, weich und vertraut: „Gott, Du kennst mich. Du achtest auf mich. Ob ich sitze oder stehe, ob ich gehe oder liege, Du weißt es, Du hältst mich in Deiner Hand.“ Müsste uns dies nicht für immer satt machen, von allen Sorgen befreien? Was immer passiert, Gott weiss alles, sieht alles, er ist überall da.

Der NSA-Psalm

Aber bald schon klingt im Psalm auch eine andere Seite an: Wohin soll ich gehen, wohin soll ich fliehen? Gott leuchtet alles aus, auch die Finsternis ist hell wie der Tag vor ihm. Gar nichts bleibt verborgen, es gibt keine Geheimnisse, Gott weiss alles.

Der Psalm 139 wird auch der „Big-Father-Psalm“ genannt – heute könnte man auch der „NSA-Psalm“, der „Google- oder Facebook-Psalm“ dazu sagen. Aber im Gegensatz zu diesen Organisationen, die ihre Freunde und Mitglieder ausspionieren, um daraus ihren eigenen Vorteil zu ziehen, im Gegensatz dazu ist ja Gott auf unserer Seite. Er meint es gut mit uns, und er sorgt für uns als allmächtiger Vater von der Geburt bis zum Tod, ja sogar darüber hinaus.

Als Reformierte ist mir dieser Gedanke der Vorhersehung Gottes sehr vertraut. Johannes Calvin, der Genfer Reformator hat die Grösse, die Allmacht und Allwissenheit Gottes dermassen konsequent gedacht, dass Gott sogar jetzt schon um unser aller Seelenheil weiss. Den einen Menschen ist das ewige Heil vorherbestimmt, den anderen das ewige Verderben. Calvin wollte den Menschen damit nicht Angst einjagen – im Gegenteil. Er hat dabei als Seelsorger gedacht, der die Menschen von der Sorge um ihr Heil entlasten wollte. Habt keine Angst, Ihr müsst dafür nichts tun, Ihr könnt nichts tun, alles ist schon in Gottes Hand, und dort ist es am besten aufgehoben.

Überall ist Gott, alles weiss er, alles wirkt er, überall sieht und hält er uns. Ist das nicht wunderschön, so geborgen zu sein?

Deswegen geht es uns ja auch so gut, deswegen sind wir in unserem Leben sicher, satt, warm und zufrieden. Weil uns Gott im Mutterleibe schon dafür bereitet hat, weil er alle unsere Wege schon kennt und alles in seinem Buch aufgeschrieben hat.

Leitet Gott die morschen Boote?

Tatsächlich? Was meinen wohl die vielen Menschen dazu, die nicht ganz so satt und sicher leben? Die wochen- und monatelang auf der Flucht sind, hinter sich Krieg und Verfolgung, vor sich gefährliche Wege, Grenzen und eine unsichere Zukunft? Hat Gott denn auch diese Menschen von hinten und von vorne umfangen? Wie ist denn das hier mit dem äussersten Meer? Leitet er mit seiner Hand auch die morschen Boote und fasst er mit seiner Rechten auch die Kinder in ihren billigen Schwimmwesten?

Und wie ist das in den anderen Hotspots dieser Erde, wo Kriege geführt, Terroranschläge verübt, Menschen unterdrückt und Umwelt ausgebeutet wird? Ist da der allwissende, allmächtige und allgütige Gott auch? Und gilt auch für den Diktator, die Selbstmordattentäterin und den skrupellosen Firmenboss, „noch bevor sie geboren waren, sahen sie deine Augen, in deinem Buch war alles verzeichnet“? Liegt es denn nur an unserem Unwissen, an unserer Begrenztheit, dass wir nicht verstehen, wie wunderbar das alles von einer höheren Perspektive aus gesehen ist?

Der Psalm 139 wird mir bedrohlich, wenn ich ihn so weiterdenke. Nicht nur hartes Brot, sondern bitteres Brot. Wo ist Gott, wenn er doch so allgegenwärtig, allwissend und allmächtig ist, in der Not dieser Welt?

Die Frage wird auch in einem anderen Buch des Alten Testamentes gestellt. Hiob ringt mit der Frage: Warum passieren guten Menschen schlimme Dinge? Das ist die Frage der Theodizee, welche die Menschen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden beschäftigt: Wie kann ein guter und gerechter Gott Böses zulassen? Und Hiobs supergescheiten Theologenfreunde finden keine Antwort, jedenfalls keine, die Gott gefallen würde. Gott selber ist es, der Hiob seine Antwort entgegenschleudert: Ich bin der Schöpfer, und Du bist das Geschöpf. Ich, Gott, bin so gross, und Du, Mensch, bist so klein. Du kannst das nicht verstehen. Der Psalmdichter hat diese Lektion auch gelernt: „Mir aber, wie schwer sind mir deine Gedanken, Gott, wie gewaltig ist ihre Zahl. Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand.“

Hiobs Erkenntnis

Das ist doch keine Antwort. Ich habe mich immer gewundert, dass damit Hiob zum Schluss zufrieden sein soll! Wenn Gottes Antwort lediglich eine Demonstration seiner Allmacht und seiner Grösse ist, dann leuchtet mir jedenfalls überhaupt nicht ein, wie dies eine Antwort auf Hiobs verzweifelte Anfrage sein soll. Und trotzdem zeigt sich Hiob am Ende demütig, verwirft sein Geschwätz und bereut in Staub und Asche – er muss also etwas gehört haben, was ihm eine Antwort auf seine Fragen gegeben hat.

Nein, eben nicht nur gehört, sondern gesehen! Und was hat Hiob gesehen? Jetzt hat mein Auge Dich gesehen! Dir Gott bin ich begegnet, Dir gegenübergestanden, Dich Gott habe ich gesehen. Und in dieser Begegnung Ich-Du wird alles licht. So lange wir über „ihn“ diskutieren, oder auch über „sie“, über Gott, den Allmächtigen, die Allwissende, den so-und-so-Seienden, so lange kauen wir am harten Brot der Theodizeefrage, und wir kriegen es nicht klein.

Hiob erkennt es zum Schluss: Mein Auge hat Dich gesehen. Der Psalmdichter weiss, was diesem voranging: Du Gott siehst mich von Anfang an. Und nur deswegen kann ich, Mensch, Dich, Gott, sehen, weil Du mich damit in eine Beziehung hineinnimmst, die mir die Augen öffnet.

Die Augen öffnet dafür, dass Du Gott diese Welt nicht verlassen hast, sondern mittendrin bist, auch und gerade in der Not, mit den Menschen, die leiden und den Menschen die leiden machen. Die Augen öffnet dafür, dass Du Gott auch in der Finsternis bist und deswegen die Finsternis nicht ganz so finster sein kann. Und dass wir uns nicht zu fürchten brauchen, sondern mit Dir in dieser Welt sein sollen und sein können.

Das ist Brot – nicht ganz so weich und fluffig wie ein Sonntagsfrühstückshefezopf, aber körniges, nahrhaftes Schwarzbrot. Brot, das nicht nur mich, sondern uns, die Gemeinschaft, die Welt nährt. Brot, das wir teilen können.

Paraphrase nach Buber

Weil uns diese Gewissheit trägt – wie Martin Buber diesen Psalm paraphrasiert:

Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!

Ergeht`s mir gut – du!
Wenn's weh mir tut – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!

Himmel – du, Erde – du,
Oben – du, unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!

Amen.

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