Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Predigt

Hinschauen und Hindurchblicken

Zum KirchentagsSonntag am 24. Januar 2016 sprach Kirchentagspastor Arnd Schomerus in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Wir haben seine Predigt zum Kirchentagspsalm, Psalm 139 dokumentiert.

Der 139. Psalm ist einer der beliebtesten und vielleicht einer der am häufigsten gebeteten Psalmen. Seit Jahrhunderten beten Menschen diesen Psalm.

Ich lese aus Psalm 139, die Verse 13 bis 18:

"Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir."

Ich mag diese Worte sehr. Sie sagen: Du bist gewollt. Du bist einzigartig. Und das macht etwas mit mir. Wenn ich unzufrieden bin mit mir selber, wenn ich mich selbst nicht verstehe, dann sagen sie: Gott kennt dich, durch und durch, hat dich schon immer gekannt, hat dich erdacht, gebildet, wunderbar gemacht. Wenn ich mich frage, wie ich den morgigen Tag durchstehen soll, dann spricht mir der Psalm zu: Alle Tage deines Lebens waren schon aufgeschrieben im Buch des Lebens, noch bevor du das Licht der Welt erblickt hast.

Für mich strahlen die Verse aus dem 139. Psalm Geborgenheit aus. Sie vermitteln mir Zuversicht. Sie stärken mich. Aber der Psalm wurde auch dazu genutzt, ein Bild von Gott als Aufseher zu zeichnen, als Überwacher, der alles sieht, auch im Verborgenen, der beobachtet und spioniert. Auch die Psalmbeterin ist sich nicht ganz sicher, ob Gott ihr mit seiner Nähe nicht zu sehr auf den Leib rückt: „wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht“ (Ps 139,7b). Es ist ambivalent: Ich möchte vor fremden, durchdringenden Blicken geschützt sein, obwohl ich gleichzeitig gesehen werden möchte, wahrgenommen, in dem, was ich tue und was ich bin.

Die Madonna von Stalingrad

Jeder Mensch braucht dieses An-sehen. Wer überhaupt nicht angesehen ist, wer über-sehen wird, der kann unter seiner Unsichtbarkeit leiden. Wahrgenommen und beachtet zu werden, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Deine Augen sahen mich! Die Augen der Mutter sehen das Kind. Die Augen des Kindes sehen die Mutter. Innig. Aufeinander bezogen. Zugewandt. Die in einen Schutzmantel gehüllte Mutter wendet das friedliche Gesicht dem Kinde zu, das Sie in den Armen hält. Licht – Leben – Liebe. Einen Ausdruck tiefer Hoffnung. Dieses Bild von der Mutter und dem Kind hängt hier in der Kirche. Dort hinten, von Ihnen aus rechts, hängt es: die Madonna von Stalingrad. Vom Theologen und Arzt Kurt Reuber kurz vor dem Weihnachtsfest 1942 in einem Erdbunker inmitten des Kessels von Stalingrad mit Kohle auf einer alten Landkarte gezeichnet.

Jeder Mensch braucht Ansehen! Die Gott ansehende und von Gott angesehene StalingradMadonna gab den Soldaten damals Hoffnung. Wohl keine Hoffnung auf den Gewinn des Krieges. Aber eine Hoffnung auf Frieden, auf Liebe, auf Leben. Jeder Mensch braucht Ansehen! Daran erinnert uns die Stalingrad Madonna mit dem Kind und ist damit auch heute noch ein Zeugnis für den Ruf nach Frieden in Zeiten des Krieges.

Ein Blick, der sieht, was möglich ist

Gestern auf der Brücke über die Spree am Bahnhof Friedrichstraße. Da sitzt immer einer. Wahrscheinlich obdachlos. Bettelt. Seine Augen sahen mich an. „Aber wie schwer sind für mich, Deine Gedanken, Gott.“ Ansehen stellt eine Beziehung her. Lässt etwas entstehen. Und es fordert. Ich muss mich verhalten! In dem Moment, in dem ich merke, dass ich angesehen werde, kann ich nicht wegsehen. Und mir ist bewusst, dass in dem Moment Geld oder eine Zigarette oder etwas zu essen viel sein kann, aber es noch um mehr geht: als Mensch angesehen zu werden!

Ich fahre U-Bahn. Schaue mir die Menschen an, die mitfahren. Zeitung lesend, manchmal ein Buch, meistens das Handy. Und zwischendrin ein Augenpaar, dass sich auch umschaut. Augen treffen sich und es ist schön angesehen zu werden. Und es ist schön, anzusehen. Und zu spüren, wie wunderbar wir gemacht sind, wir Menschen.

Am U-Bahnausgang ein auffallend giftgrünes Schild an einem Haus. Ich werde neugierig und schaue hin. Ein Name und die Berufsbezeichnung „Facharzt für Innere Medizin“. Ich erinnere mich des letzten Arztbesuches. Die Ärztin hat mich angesehen. Und dabei war sie da: die Unsicherheit, die Angst, das Wissen, dass sie mehr sieht als ich, dass sie um mich weiß. Aber auch, dass sie sich um mich sorgt!

„Es war Dir mein Gebein nicht verborgen...“ Ansehen bedeutet genau hinzuschauen! Gott schaut uns an – und wir werden! So ist Gottes Blick. Ein liebender Blick. Ein schöpferischer Blick. Er macht und achtet Herz und Nieren, das Innerste und das Geheimnis des Menschen. Er sieht Leib und Seele, das Unfertige und die Bewegung. Er sieht, was nicht ist, was sein könnte und sein sollte, was sein muss und was sein wird. Gottes Blick sieht, was möglich ist.

Es wird um Ansehen gehen

Wir sehen etwas nach vorne. Kirchentag. Im Mai 2017 findet statt, was jetzt schon vorbereitet wird und auf das heute aufmerksam gemacht wird. Hier in Berlin werden sich knapp 150.000 Menschen zusammenfinden und gemeinsam feiern, singen, beten und die gesellschaftlichen Themen diskutieren, und darüber nachdenken. Unter der Losung, quasi wie eine Überschrift: „Du siehst mich“

Es wird viel um Ansehen gehen. Das Ansehen Gottes, das Angesehenwerden von Gott, das Sich-Sehen der Menschen untereinander. Kirchentag ist eine Chance, an Bewährtem festzuhalten und Neues auszuprobieren. Eine Chance, wahrgenommen zu werden und andere wahrzunehmen. Auch Gott wahrzunehmen.

Tausende Gedanken und Fragen zu haben. Und am Ende feiern. 2017 einen Festgottesdienst in Wittenberg vor der Kulisse mit Stadt- und Schlosskirche mit Blick auf 500 Jahre Reformation. Eine sehr herzliche Einladung an Sie alle, hinzukommen an den Ausgangspunkt der Reformation und am Ende des Kirchentages Gottesdienst zu feiern!.

Eine Frage der Perspektive

Bei meiner gestrigen Tour durch Berlin, habe ich auch einen Abstecher hierher gemacht. Ich bin in diese Kirche gekommen und habe den Christus angeschaut. Und habe mich gefragt: Schaut er mich an? Oder hat er die Augen zu? Ein bisschen kommt es auf die Perspektive an. Die rechts sitzen sehen es anders als die die links sitzen, von hinten wirkt es anders als von vorne.

Perspektive! Das heißt ‚hindurchblicken’. Und damit ist es egal, ob die Augen auf oder zu sind, ob sie physisch sehen können oder nicht. Hindurchblicken durch die Oberfläche auf den tieferen Grund. Der Christus – er wird der Auferstandene genannt und zugleich der Gekreuzigte und zugleich der Segnende. Er hat eine unglaubliche Präsenz hier im Raum. Und er schaut durch die Mauer dieser Kirche hindurch, schaut zurück in die Vergangenheit, auf die zerstörte alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Und er schaut auch durch diese hindurch auf die Stadt Berlin von heute. Er schaut nicht weg, sondern hin! Er sieht die Heimat von vielen. Wo andere grauen Beton sehen, entdeckt er Bewegung. Er sieht die Einzelne, im Rhythmus der Großstadt. Und die Paare, die die gut miteinander sind genau wie die, die es manchmal schwer miteinander haben. In der Familie aus Syrien, die gerade hier angekommen ist, sieht er nicht nur die Hilfesuchenden, sondern einfach die Menschen, neue Nachbarn, Mitbürger.

Wo so voll Liebe hingesehen wird, und wo es Menschen gibt, die sich angesehen fühlen, da verändert sich etwas. Da entsteht etwas. Da sieht er auch die Zukunft! Denn was ein liebender, schöpferischer Blick geschaffen hat, das kann von langer Dauer sein. Und selbst, wenn es uns mal nicht gelingt, diese Perspektive einzunehmen, weil uns die Wirklichkeit überfordert. Selbst wenn wir uns fragen, wo Gott jetzt ist in dieser Welt, die eben nicht nur hell, sondern auch dunkel ist. Selbst wenn mir Gottes Gedanken zu schwer sind, ihre Summe zu groß ist, wenn meine Seele nicht erkennt, wie alles wunderbar gemacht ist – am Ende bin ich noch immer bei Gott.

Das ist herzstärkend und lässt uns hinschauen, auf Gott und zu unseren Nächsten. Und darin bewahre der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, unsere Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen

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