Mein Kirchentag
re:publica

Kirchentag der Netzgemeinde

Die re:publica ist eine etwas andere Gemeinde. Seit zehn Jahren lädt die Gesellschaftskonferenz der digitalen Themen nach Berlin ein. Schnittmengen zwischen Kirchentag und re:publica finden sich durchaus.

Von Alexander Matzkeit

„Is this the real life? Is this just fantasy?“ Plötzlich hallt die ganze Stage 1 am Berliner Gleisdreieck wider mit den Anfangsworten aus Queens Rockklassiker „Bohemian Rhapsody”. Wenn mehrere tausend Menschen hier gleichzeitig dieses Lied singen, kann das nur eins bedeuten: die re:publica ist vorbei. Rund 8.000 Menschen haben drei Tage im Veranstaltungszentrum „Station“ über Themen der digitalen Gesellschaft miteinander diskutiert, genetzwerkt und gefeiert. Die traditionelle Abschlusszeremonie mit Gesangseinlage ist kein Schlussgottesdienst – sie könnte aber genauso gut einer sein.

Glaube und Faszination eint

„Kirchentag der Netzgemeinde“ ist die re:publica nicht nur einmal genannt worden. Die früheste Quelle, die das Internet für den Begriff findet, stammt von 2010, aber das Begriffspaar scheint so gut zu passen, dass es jedes Jahr von Medien und Besuchern gleichermaßen gerne wieder aufgegriffen wird. Mitbegründer Markus Beckedahl, Betreiber des Blogs „Netzpolitik.org“, stört das nicht. Er sieht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Veranstaltungen, erzählt er am Telefon: „Der Kirchentag ist ein Zusammenkommen verschiedener Communities, die der Glaube eint. Die re:publica ist ein Zusammenkommen verschiedener Communities, die verbunden sind durch eine Faszination für das Digitale“, sagt er.

Begonnen hat die Konferenz 2007 als Austauschort für rund 700 Bloggerinnen und Blogger im Tagungszentrum Kalkscheune neben dem Friedrichstadt-Palast. Wenn man diejenigen fragt, die von Anfang an dabei waren, umweht die Gründungsjahre naturgemäß ein gewisser Mythos. Nicht nur weil damals alles kleiner war und das W-LAN nicht funktionierte. Es geht auch um das Selbstverständnis. „Die Republica war von Anfang an eine Gesellschaftskonferenz“, schreibt etwa Felix Schwenzel, Teilnehmer der ersten Stunde, zum Jubiläum im Berliner „tip“.

Gesellschaftskonferenz mit breiter Themenpalette

Den Begriff „Gesellschaftskonferenz“ nutzt die re:publica noch heute und wenn man in das alljährliche Programm schaut oder den Gesprächen im Innenhof der Station lauscht, merkt man, dass er passt. Die Keimzelle mag aus bloggenden Nerds, sozial ungelenken Computer- und Popkulturfans, bestanden haben, doch genau wie die Digitalisierung sich überall breitgemacht hat, ist auch die re:publica-Zielgruppe gewachsen. Die Programmpunkte der Konferenz decken Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ab. Schwerpunkte reichen von Mode bis Gesundheit. Auch eine kleine Kirchenfraktion ist dort jedes Jahr anzutreffen. „Normalisierung“ nennt Beckedahl diese Entwicklung: „Das Internet ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und geht nicht mehr weg. Und immer mehr Menschen merken, dass sie von der Digitalisierung abhängig sind, selbst wenn sie persönlich das Internet kaum benutzen.“

Barrierefrei und Vielfältig

Obwohl die „Netzgemeinde“, so schwammig der Begriff ist, allgemein als eher glaubensfern gilt, Kirchentag und re:publica eint durchaus eine Grundideologie. Ihre Teilnehmenden stehen der Zukunft „positiv kritisch“ gegenüber, wie Beckedahl es nennt, und weigern sich, sich dem „üblichen deutschen Angstdiskurs“ zu unterwerfen. Die re:publica hat sich in ihrer Struktur ähnlichen Querschnittsthemen wie der Kirchentag verschrieben und setzt sich beispielsweise für Barrierefreiheit und Diversität ein. 2016 waren 47 Prozent der Referierenden weiblich, viele Veranstaltungen werden in Gebärdensprache oder schriftlich gedolmetscht. Diese Grundhaltung unterscheidet die re:publica von anderen Konferenzen, vor allem im Techniksektor.

Gemeinschaftsgefühl und Gesang

Inspiration konnte sich Markus Beckedahl selbst schon auf Kirchentagen holen. In Hamburg saß er 2013 mit Hannelore Kraft und Europapolitiker Jan Philipp Albrecht auf dem Podium und sprach mit ihnen über Demokratie im 21. Jahrhundert. Er erinnert sich, dass es schon etwas gewöhnungsbedürftig gewesen sei, dass am Anfang des Podiums gesungen wurde, aber ein bisschen erinnerte es ihn auch an seine eigene Konferenz. „Alle beneiden uns darum, dass wir singen“, sagt er, „weil es Gemeinschaftsgefühl stiftet.“ Er habe schon gestandene Marketingprofis sagen hören, dass sie im ganzen Jahr nicht so viele Menschen umarmen wie auf der re:publica.

In den Medien ist der Kirchentagsvergleich nicht immer nur positiv konnotiert. Ähnlich wie dem Christentreffen wird auch der re:publica gerne vorgeworfen, sie gefalle sich vor allem selbst, rede viel aber tue wenig. Prominente Figuren wie Sascha Lobo, dessen Vorträge vergleichbar gut besucht sind wie die von Margot Käßmann auf Kirchentagen, polarisieren auch genauso und müssen sich vorwerfen lassen, nur den ohnehin Konvertierten zu predigen.

Neue Allianzen schmieden

Vielleicht hat Beckedahl auch deswegen dieses Jahr sein Publikum dazu aufgerufen, „neue Allianzen zu schmieden“. Vor dem Bild eines Schlüsselbandes vom Stuttgarter Kirchentag bekräftigte er, gesellschaftliche Kräfte wie Kirchen oder Gewerkschaften seien jetzt dort angekommen, wo die re:publica vor zehn Jahren angesetzt hätte. „Die wollen an die Hand genommen werden und sind offen für unsere Themen.“

Präsidium und Präsidialversammlung haben diese Themen schon länger identifiziert. Digitalisierung und die Folgen rücken auf Kirchentagen immer mehr ins Blickfeld und führten zuletzt in Stuttgart zu prominent besetzten Podien mit Angela Merkel und Justizminister Heiko Maas. Wenn der Kirchentag jetzt schon in Deutschlands Startup-Hauptstadt Berlin stattfindet, gäbe es genug Schnittmenge für beide Gemeinden, davon ist der re:publica-Gründer überzeugt.

Grundrechte und Open Source

Bei Allmende-Projekten wie der Wikipedia etwa, wo gemeinsam etwas Großes aufgebaut werde. Beim Einsatz für ein offenes Netz, eine offene Gesellschaft und dabei, „Grundrechte in den digitalen Raum zu übertragen und sie dort zu verteidigen“. Die Gedanken hinter der Open-Source-Bewegung, die sich für frei zugängliche Wissensressourcen einsetzt und die auf der re:publica viele Fans besitzt, könne man schließlich auch aus der Kulturgeschichte des Christentums und der Reformation herleiten, sagt Beckedahl. Mit einem hörbaren Grinsen fügt er hinzu, Jesus Christus habe ja schließlich bei der Speisung der 5.000 auch schon „Copy und Paste“ genutzt.

Zum Autor: Alexander Matzkeit leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Kirchentages in Berlin und verantwortet des gesamten Online-Bereich. Privat bloggt er seit 2003 und ist selbst regelmäßiger Besucher der re:publica, 2014 war er auch Speaker.

Bild: re:publica/Gregor Fischer / CC-BY-2.0 / beschnitten und gespiegelt

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