Mein Kirchentag
Kirchentage auf dem Weg

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?”

Der Kirchentag auf dem Weg öffnet in Jena und Weimar kostbare Türen. Im Mittelpunkt eine schlichte Frage mit großer Wirkung, einladend und aktueller denn je. Die Planungen laufen auf Hochtouren, ein Werkstattbericht.

Von Ulrike Greim

Sie ist ein bisschen kess. Sie baut sich vor ihm auf, legt den Kopf ein wenig zur Seite und schaut ihn an. Sie stellt ihm diese eine Frage, die so viel ausmachen wird zwischen ihr und ihm: „Jetzt mal ganz ehrlich: Wie hast du's mit der Religion?“ Und er, der gelehrte Mann, der ohne Mühe lange philosophische Vorträge halten kann, ist überrascht. Stottert er gar? Mit manchem hatte er gerechnet, aber nicht mit einer einfachen Frage, die so verblüffend direkt ans Eingemachte geht. Und die ein tiefes Gespräch eröffnen wird.

Einladendes Motto: die Gretchenfrage

Es ist ein Abend im Café Caroline im Herderhaus in Weimar. Das Essen der kleinen Motto-Gruppe hat gerade erst begonnen, da fällt dieser Satz: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Und den Anwesenden ist klar: Das ist es. Das ist das perfekte Motto für unseren „Kirchentag auf dem Weg Jena/Weimar“: Die Gretchenfrage. Sie geht an die Substanz, sie gehört zu Weimar, zur Klassik-Stiftung, dem Deutschen Nationaltheater, sie passt so schmerzlich zum Berg über der Stadt – zu Buchenwald. Sie funktioniert erfrischend gut im jungen und wissenschaftsaffinen Jena, mit seiner Uni und den Institutionen in ihrem Umfeld, dem Beutenberg-Campus, in dem Biotechnik, Medizin und Optik erforscht wird. Die Gruppe findet: Das Motto hat die richtige Haltung, eine fragende, eine einladende.

Kunst, Kultur und Wissenschaften

Wenige Wochen später im Wielandgut in Oßmannstedt, einem kleinen Dorf zwischen Jena und Weimar: Menschen aller relevanten Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen der beiden Städte sind zu Gast. Viele sind keine üblichen Kirchentagsgäste. Aber sie lassen sich darauf ein. Sie singen mit aus dem Kirchentagsliederbuch, auch wenn sie es skurril finden. Und dann im Gespräch legen sie ihre Ideen auf den Tisch. Und unsere Planungsgruppe staunt. Na klar: Mit Religion haben sie alle zu tun. In einer Region, in der die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht einmal mehr eine christliche Großmutter hat, ist Religion zwar Fremdsprache, aber eine hochrelevante.

Spuren der Reformation entdecken

Eine Vertreterin des Hauptstaatsarchivs listet eine beeindruckende Reihe von wesentlichen Dokumenten der Reformationszeit auf, die in ihrem Hause schlummern. Den Sprechzettel Luthers auf dem Reichstag in Worms zum Beispiel. (Nebenbei: Der Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ fehlt darauf.) Ebenso die vielen Hinweise auf die Religionsfragen des Herzoghauses, die in konkrete Politik mündeten. Das könne man gut darstellen in einer Ausstellung, die man eh für 2017 konzipieren müsse.

Philosophische Diskussionen führen

Das Nietzsche-Kolleg ist munter dabei, Garant für hochkarätige philosophische Diskussionen. Die Religionsfrage sei natürlich eine starke Triebfeder für jeden philosophischen Diskurs, sagt der Leiter. Nietzsche hat vor allem in seiner Weimarer Zeit darüber nachgedacht und Gespräche gesucht. Lust auf Debatten? Aber ja!

Musik für Feinschmecker anbieten

Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt, bekommt leuchtende Augen. Musik ohne Religion gebe es nicht. Sein Haus überlegt, eine Reihe von kleinen und höchst feinen Veranstaltungen anzubieten, die sich theoretisch, aber natürlich auch praktisch gut hörbar mit den verschiedensten Zugängen zum Religiösen beschäftigen. Zum Beispiel der Lehrstuhl, an dem jüdische Kantorinnen und Kantoren ausgebildet werden. Angebote für kirchenmusikalische Feinschmecker.

Aus beeindruckenden Bibeln lesen

Die Klassikstiftung öffnet ihre Säle und Gemächer und sogar die Parks für die Kirchentagsgäste „auf dem Weg“. Und ihre Schatzkammern: Die Anna Amalia Bibliothek beispielsweise zeigt in der beeindruckenden Bibelausstellung unter anderem das Exemplar, das der Bibliotheksdirektor beim großen Brand 2004 eigenhändig aus den Flammen gerettet hat: eine der ersten gedruckten Lutherbibeln, die Lufft-Bibel von 1534. Überlegt wird, aus ihr zu lesen – im Wechsel mit der jüngsten Revision der Lutherbibel.

Baltischen Chören lauschen

Das Weimarer Theater wird natürlich „Faust“ spielen und anschließend ins Gespräch bringen. Und es bietet außerdem seine Unterstützung für ein Kinder- und Familienzentrum an. Die Philharmonie Jena entwickelt ein eigenes Programm, international mit baltischen Chören. Die Universität Jena öffnet ihre Hörsäle und dekliniert die Religionsfrage quer durch die Disziplinen.

Vorträge befassen sich zusammen mit Kognitionsforschern mit Gesichtserkennung. Also: Wie geht „Erkennen“? Was heißt „Du siehst mich“? Immerhin fiel ja Mephisto auf, dass Gretchen „seine Visage“ nicht gefiel. Es gibt Dialogveranstaltungen zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen den Religionen und natürlich auch zwischen Religiösen und NichtReligiösen.

Auf großen Bühnen und im persönlichen Gespräch in zahlreichen Workshops. Oder auf den Straßen und Dörfern zwischen Jena und Weimar: auf Radtouren, Pilgerwegen oder Orgelerkundungen. Denn manche Schätze verbergen sich gerade in den kleinen Dorfkirchen.

Gottesdienst im Planetarium feiern

Und dann sind da noch Ideen, die den Himmel näher rücken lassen: ein Gottesdienst im Planetarium zum Beispiel. Die Jenaer planen auch ein Chortreffen im Kollegienhof, eine multimediale Jazzmesse in der Stadtkirche, ein Jugendzentrum im Paradies. Und an den Abenden: Weltmusik. Kirchentag in Jena und Weimar heißt: Kirchentag in den Städten und seinen Häusern.

Wir stricken an einem Programm, das die Städte zum Summen bringt. Mit einer langen Nacht – mit Programm in den Museen, Kirchen und Gemeinden. Mit Hausmusik in privaten Wohnzimmern. Mit Samba und der brasilianischen Kampfkunst Capoeira auf den Plätzen. Mit Tischgesellschaften, wie sie Anna Amalia pflegte. Das kleine Herzogtum Weimar wurde ja letztlich nur durch seine Gastfreundschaft berühmt. Goethe, Schiller, Wieland, Herder – sie saßen bei der Herzogin zu Tisch. Großes ist daraus entstanden. Möge es inspirieren zu neuen Antworten und neuen Fragen, was Religion und Reformation heute bedeuten.

Schlicht, direkt und kess

Wir sind uns sicher: Die Frage nach der Religion wird im Mai 2017 so dringend sein wie vor 500 Jahren. Und wir versuchen eine neue Sprache dafür zu finden. Wie Luther einst. Am gleichen Ort. Deswegen öffnen Weimar und Jena die Türen und laden ein zum Gespräch. Schlicht, direkt und ein bisschen kess.

Zur Autorin: Ulrike Greim ist Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Mitglied im Programmausschuss Jena/Weimar und Vorsitzende des Landesausschusses des Kirchentages in der EKM.

Bild: Montage aus Bildern von R. Möhler (Weimar,links) und Igor Slovak (Jena, rechts), CC-BY-3.0

Unterwegs – Kirchentage auf dem Weg

500 Jahre Reformation wird auch beim Kirchentag besonders gefeiert: Mit sechs Kirchentagen in acht Städten! Mit kulturellen, spirituellen und touristischen Stationen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena/Weimar, Dessau-Roßlau und Halle/Eisleben machen sich die Kirchentage auf den Weg zum gemeinsamen Festgottesdienst am 28. Mai 2017 in Wittenberg. Kirchentage auf dem Weg bedeutet: Lebendige Reformationsgeschichte erleben, eine alte Kulturlandschaft in der Mitte Deutschlands neu entdecken, christlichen Gemeinden in einer säkularisierten Region begegnen und Musik, Spiritualität und Kultur genießen. An Christi Himmelfahrt verbindet ein zeitgleich stattfindender ökumenischer Gottesdienst alle Städte, in denen Kirchentage auf dem Weg stattfinden, mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Von Donnerstag, 25. Mai, bis Samstag, 27. Mai, feiert jede Stadt 500 Jahre Reformation mit ihrem eigenen Programm und ihren eigenen thematischen Schwerpunkten. Am Sonntag treffen sich dann alle Teilnehmenden zum geistlichen Höhepunkt – dem Festgottesdienst vor den Toren Wittenbergs.

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