Mein Kirchentag
Hauptvortrag

Ein Historiker und sein Jahrhundert

90-jährig ist der Historiker Fritz Stern im Mai 2016 gestorben. Als Kind aus Deutschland in die USA geflohen, blickte er zeitlebens mit besonderem Blick auf sein Heimatland. Zu seinem Gedenken veröffentlichen wir noch einmal seinen Austausch mit Christoph Bertram in der Dresdner Frauenkirche beim Kirchentag 2011.

Christoph Bertram: Ich freue mich sehr, dass wir heute mit Fritz Stern diskutieren dürfen. Er wird 1926 in Breslau in eine wohlhabende liberale Arztfamilie geboren. Nach der Auswanderung mit seiner Familie nach New York im Jahr 1938 kehrt er nach 1945 in dieses Deutschland zurück, das ihn, obgleich sein Blick sehr weit gespannt ist, nie losgelassen hat. Er verfügt über mindestens zwei ungewöhnliche Gaben: zum einen die des engagierten, kritischen, liberalen Beobachters seines eigenen Landes, der Vereinigten Staaten von Amerika; zum anderen die des Historikers, der sich mit dem vergangenen Jahrhundert befasst hat, aber insbesondere mit dem Land, in dem er geboren wurde: Deutschland.

Fritz Stern ist ein kritischer Zeitzeuge der Entwicklung Amerikas, eines Amerikas, das mit dieser Frauenkirche, in der wir hier zusammensitzen, sehr viel zu tun hat. Richard Holbrooke, der vor Kurzem verstorbene amerikanische Diplomat, war eine der treibenden Kräfte für ihren Wiederaufbau. Ohne zahlreiche amerikanische Spenden gäbe es diese schöne Kirche heute nicht.

Verwirrendes Amerika

Fritz Stern, für viele Menschen in Europa ist das Amerika von heute ein verwirrendes Amerika. Wir glaubten – vielleicht naiv, vielleicht sentimental –, dass mit dem neuen Präsidenten Obama eine Art Versöhnung in Amerika eintreten werde, verbunden mit der Anerkennung der neuen – globalisierten – Welt, von der Amerika ein Teil ist. Wir sehen aber ein Amerika, das in einer Intensität zerstritten ist, begleitet von einem für uns schwer verständlichen Hass der politischen Gruppierungen aufeinander, dass wir uns fragen: Was passiert dort tatsächlich? Vielleicht ist niemand so gut geeignet, dies für uns zu verdeutlichen, wie ein großer Historiker. Was passiert in Ihrem Land, den Vereinigten Staaten von Amerika?

Fritz Stern: Amerika ist für mich auch verwirrend. Bevor ich genauer darauf eingehe, möchte ich sagen, was für ein herrliches, offenes, freies Land es war, als ich im Jahr 1938 herüberkam. Ich war aus einem Deutschland, das Hitler bejubelte, gekommen. Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen in diesem Raum, denen das noch so klar in Erinnerung ist. Der Unterschied zwischen einem Land mit einem nationalsozialistischen Regime, das bejubelt wurde, und einem freiheitlichen Land war für einen Zwölfjährigen hinreißend. Ich muss etwas erwähnen, was weniger mit mir, sondern mehr mit meinen Eltern zu tun hat: Ich war – das kann ich im Rückblick sagen – schon als Zwölfjähriger politisch sehr aufgeklärt. Das Amerika des Jahres 1938 war von einer schweren Wirtschaftskrise betroffen. Es gab zwei Länder, die am meisten von dieser Krise des Kapitalismus erfasst worden waren: Amerika und Deutschland. Die Folgen waren jedoch genau entgegengesetzt: Wie es in Deutschland weiterging, wissen Sie; wir werden darüber noch sprechen. In Amerika wurde die Wirtschaftskrise sozusagen benutzt, um das Land sozialer, anständiger zu gestalten.Wir hatten das große Glück, zu jener Zeit einen herrlichen demokratischen Präsidenten – Franklin Roosevelt – zu haben.

Anfügen möchte ich: Gouverneur des Bundesstaates New York war damals der aus einer deutsch-jüdischen Familie stammende Herbert Lehman. Oberbürgermeister der Stadt New York war Fiorello LaGuardia – zu 50 Prozent Italiener, zu 50 Prozent Jude, zu 100 Prozent Amerikaner –, der eine große Rolle für die Stadt spielte. Diese Kombination aus Führungskraft und dem Willen, sich demokratisch durchzusetzen, war beispielhaft. Die Leistung, die Roosevelt sowohl in der Außen- als auch in der Innenpolitik vollbringen konnte, war gewaltig.

Wenn wir heute von »verwirrend« sprechen, muss ich gleich etwas anmerken: Herr Bertram hat mich als Historiker vorgestellt. Ich werde versuchen, auch als solcher zu reden. Aber wenn ich von meinem eigenen Land, dessen Politik und Gesellschaft spreche, dann ist natürlich der engagierte Beobachter – »le spectateur engagé« – dabei. Wir alle haben sicherlich große Hoffnungen in Barack Obama gesetzt. Dass er gewählt worden ist, das heißt, dass ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten sein kann, ist ein historisches Ereignis, das bleibt, was auch immer geschehen wird. Das ist nicht nur für die schwarze, sondern für die nicht-weiße Bevölkerung überhaupt von fundamentaler Wichtigkeit. Dass die Würde des Menschen für alle gilt, kommt auch darin zum Ausdruck, dass jemand, der sozusagen von außen kommt, Präsident werden kann.

Auseinanderdriftendes Land

Da er ein besonders intelligenter, gebildeter Mensch ist, hatte ich die private Hoffnung, dass er sich auch als politischer Pädagoge betätigt, also nicht nur die mit ungeheuren Anstrengungen verbundene Funktion des Präsidenten ausübt, sondern gleichzeitig versucht, dem Volk zu erklären, worum es geht. Insoweit bin ich ein wenig enttäuscht, gehe aber davon aus, dass er wahrscheinlich überfordert war bei dem großen Vorhaben, dieses tief gespaltene Land zu einen. Er konnte sich nicht vorstellen – es spricht für ihn, dass er das nicht für möglich gehalten hat –, mit welchem Hass ihm von einem Teil der Republikaner begegnet werden würde.

Noch vor zehn, aber sicher vor 20 Jahren hatte ich gute Freunde unter den Republikanern. Da gab es sehr vernünftige wirkliche konservative, auch liberale Konservative, mit denen man sehr gut sprechen konnte. Diese sind mittlerweile an die Wand gedrückt worden, soweit sie überhaupt noch in der Partei existieren. Das ist auch Ergebnis einer Rechtsradikalisierung von unten, deren Protagonisten die Wirtschaftskrise ausnutzen wollen, um im Sozialbereich zu kürzen, das heißt, um das, worüber sie sich am meisten ärgern, das System der sozialen Hilfen, rückgängig zu machen.

Was die Gesundheitsreform anbelangt: Amerika erreicht mit der Gesundheitsreform jetzt das Stadium, das Bismarck in den 1880er Jahren erreicht hatte. Wenn man das schon als »radikal« bezeichnet, dann können Sie sich vorstellen, wie schwer es im Land vorangeht. Sie alle werden von der »Tea Party«-Bewegung gehört haben.

Bertram: Wie kommt so etwas zustande? Was ist der Grund für dieses große Auseinanderdriften des Landes? Liegt der Grund vielleicht darin, dass es diesem Amerika so schwerfällt, die globalisierteWelt zu akzeptieren, in der plötzlich Ereignisse, die bisher für das Land irrelevant waren, plötzlich sehr wohl bedeutsam werden, eine Welt, in der das Muster »Wir wollen es, und dann geschieht es« nicht mehr passt? Schauen Sie sich an, was an Rechtspopulismus in Europa zu beobachten ist; auch das ist ein Aufbäumen gegen die globalisierte Entwicklung. Ist es die Unwilligkeit zur Anpassung, die in Amerika zu dieser riesigen Spaltung und diesem Hass führt?

Alexis de Tocqueville als Beobachter des Landes

Stern: Zum Teil ist das richtig. Aber ich glaube, die Ursachen liegen tiefer. Es gibt die Feindschaft gegen eine aufgeklärte, liberale Gesellschaft, verschärft durch eine wirtschaftliche Krise. Ich möchte etwas anmerken, was mir besonders wichtig ist: Wenn ich die Menschen höre, die der »Tea Party« – oder dem Rechtsradikalismus – angehören, dann komme ich zu der Überzeugung, dass diesen Menschen hauptsächlich Vertrauen fehlt. Das Vertrauen in die Regierung ist erschüttert.

In Amerika kommt etwas hinzu: Man hatte früher Vertrauen in die Wirtschaft und die Wirtschaftsführer. Man dachte nicht, dass sie so nahe am Gefängnis stünden und sich so oft so kriminell betätigen würden. Man hatte früher auch Vertrauen in die Kirchen, aber nach den Skandalen um sexuellen Missbrauch ist auch das erschüttert. Das, was heute wieder aufbraust, wird aus der amerikanischen Geschichte heraus in gewisserWeise verständlich: Es gab eine Revolution gegen das englische Kolonialreich. Damit fing es an; man wollte keinen Staat. Da der Titel der Veranstaltung »Entdeckungen Amerikas« heißt, möchte ich auf einen meiner Lieblingsautoren und -denker, Alexis de Tocqueville, verweisen. Er, ein großer Franzose, kam 1831 auf eine »Entdeckungsreise« nach Amerika. Es ging ihm auch um die Zukunft der Demokratie.

Bertram: Er war beauftragt, den Strafvollzug in Amerika zu studieren.

Stern: Das war der offizielle Grund.Aber er wollte sich auch über die Gesellschaft informieren. Er gehört zu den glänzendsten Beobachtern Amerikas, die es je gegeben hat. Schon damals hat er zwei wichtige Aussagen getroffen: Dieses glückliche Land hat keine Nachbarn, vor denen es sich fürchten muss; es braucht also keine Außenpolitik. Zudem fehlen Erscheinungen, die in Europa lange bestimmend waren, zum Beispiel das Feudalsystem. Im Ergebnis kann man mit wenig Staat auskommen. Wenn sich diese Rahmenbedingungen einmal ändern würden, fügte Tocqueville hinzu, würde sich auch vieles andere ändern. Es ist in der Tat so: Die Globalisierung ist eine neue Herausforderung für das Land.

Noch eine Bemerkung: Eine bedeutende außenpolitische Rolle spielt Amerika seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, seit dem Krieg gegen Spanien. Eine weltpolitische Rolle übernahm Amerika 1917 mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg, dieser entsetzlichen Katastrophe, die Europa heimsuchte. Spätestens während des Zweiten Weltkriegs ist Amerika zu einer Weltmacht geworden und hat sich – als außenpolitisch unerfahrenes Land, in dem der Isolationismus noch sehr stark war – in den ersten Jahren nach dem Krieg, zwischen 1945 und 1955, recht gut bewährt.

Innenpolitische Kulturkriege

Ich komme auf die heutige Zeit zurück, die Globalisierung, das nicht mehr Überschaubare, den Umstand, dass die eigene Machtposition zurückgedrängt wird. Aber ich betone auch die Bedeutung innenpolitischer Konflikte. George W. Bush, den Vorgänger des jetzigen Präsidenten, schätzte ich nicht sehr, weil er ungeheuer viel Schaden angerichtet hat. Allerdings ist jetzt nicht ganz klar, ob ich als Historiker oder als Zeitgenosse rede. Ich meine aber, zumindest zum Teil ist belegbar, wie er durch das Hochtreiben der Schulden und das Hineinlügen in einen Krieg dem Land geschadet hat. Auch bei uns gibt es Kulturkriege. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass in diesem technisch und wissenschaftlich hoch entwickelten Land gleichzeitig eine starke antiwissenschaftliche Strömung existiert. Zumindest ein Teil des Rechtsradikalismus, der »Tea Party« und anderer, wünscht sich anscheinend, der Rest der Welt möge verschwinden, damit wir uns mit uns allein beschäftigen könnten.

Viele der Rechten orientieren sich an einem Zerrbild der Vergangenheit, einer Vergangenheit, die so nie existierte und – jedenfalls heute – auch nicht existieren kann. Gefordert wird, um es kurz und bündig zu sagen, so wenig Staat wie möglich, und wenn überhaupt, dann ganz bestimmt nicht orientiert an dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit und der sozialen Hilfe. Das Credo der Anhänger dieser Bewegungen lautet: »So wenig Steuern wie möglich, so viel freier Markt wie möglich.« Das wird angestrebt trotz der Erschütterungen, die wir erleben mussten.

Helmut Schmidt – er war nicht der Einzige – hat das, was wir in Amerika erleben, »Raubtierkapitalismus« genannt. In diesem Zusammenhang verweise ich wiederum auf meinen, wenn ich das so sagen darf, »Freund« Tocqueville: Er erkannte, dass für die Amerikaner die große Leidenschaft das Geldmachen ist, dass Geld in dem Land eine ungeheure Rolle spielt. Wir leben sozusagen in einer christlich verbrämten Plutokratie, wo Geld eine viel zu große Rolle spielt.

Moralisierende Religiosität

Bertram: Noch etwas zu Ihrem Freund Tocqueville: Er zeigte sich beeindruckt von der spontanen Demokratie, äußerte aber die Sorge, irgendwann werde es zu einer Spannung zwischen Religiosität und Demokratie kommen. Das, was uns als Christen hier verunsichert, ja sogar bestürzt, ist die stark fundamentalistische Religiosität, die verbrämt ist mit der Vorstellung von Amerika als einem Sonderstaat, der sich im Verhältnis zur internationalen Gemeinschaft in einer Ausnahmestellung befinde, die erhalten werden müsse, obgleich das nicht mehr möglich ist.Was ist der Grund für diese stark antimodernistische Religiosität?

Stern: Soll ich den Fundamentalismus erklären?

Bertram: Nein, die Religiosität. Damit meine ich den ständigen Religionsbezug, das ständige »Gott ist bei uns«, »Gott will das von uns«. Das Religiöse wird praktisch in das tägliche politische Geschäft hineingetragen.

Stern: Ich muss gestehen: Das ist eine sehr schwierige Frage. Die Formeln »Gott beschütze Amerika!«, »Gott segne Amerika!« und so weiter wurden schon im 18. Jahrhundert von den De-isten, die letztlich die politische Struktur des Landes begründet haben, benutzt. Die Anhänger der neuen Religiosität verlangen, ihre Ideen in die Politik umzusetzen und die Kultur damit zu prägen. Dazu gehört, die Schulen zu »reinigen«, unter anderem von den Lehren Darwins – eine Unmöglichkeit. Das ist zum Teil Ausdruck eines Auflehnens gegen eine empfundene Säkularisierung Amerikas.

Das Land ist nicht leicht zu beschreiben. Tradierte moralische Ansprüche werden beschworen. Teil dessen ist die Prüderie; dazu gehörte aber auch das Alkoholverbot in den 1920er und frühen 1930er Jahren.Wir waren eine »reine« Nation. Bis Roosevelt die Prohibition abschaffte, gab es offiziell keinen Tropfen Alkohol zu kaufen. Das war übrigens der Kriminalität – Stichwort: Schmuggel – sehr förderlich.

Das Moralische wird in Amerika sehr eng ausgelegt. Das zeigt sich unter anderem darin, dass der religiöse Fundamentalismus verlangt, die Bibel wörtlich zu nehmen. Andernfalls sei man kein gläubiger Christ. Zwischen den Anhängern des Fundamentalismus in Amerika und den etablierten Kirchen gibt es viel Streit. Für die rechtsradikalen Fundamentalisten sind die alten Kirchen – Presbyterianer, Kongregationalisten, Episkopalianer und andere – kritikbedürftig, wenn nicht überhaupt abzulehnen. Stattdessen trifft man sich auf religiösen Massenversammlungen.

Man sollte nicht vergessen: Der liebe Gott ist immer schon, auch im 20. Jahrhundert und hier wiederum besonders im Ersten Weltkrieg, auf verderbliche Weise instrumentalisiert worden. Die deutschen Kirchen haben sich im Ersten Weltkrieg leider sehr angepasst, um dieses Wort zu benutzen, im Sinne von »Wir sind Gottes Kämpfer«. Das alles existiert in Amerika gegenwärtig auch.

Bedenken gegen die Demokratie

Herr Bertram hat zu Beginn mit Recht von einem »verwirrenden Amerika« gesprochen. Der Streit zwischen den zwei großen Parteien – es gab ihn immer – ist heute viel schärfer als je zuvor. Dass es populistische rechte Gruppen gibt, ist alte amerikanische Sitte; dass sie mit so viel Geld ausgestattet werden, ist etwas Neues. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Millionen zu diesen kleinen Gruppen fließen.

Noch ein allgemeinesWort: Es hat lange gedauert, bis sich die Demokratie in Amerika durchgesetzt hat. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts verspürten viele Mitglieder der sogenannten Eliten bei dem Gedanken an Demokratie ein gewisses Unwohlsein, da dann die Möglichkeit der Ausbeutung der Reichen durch die Armen, denen Macht verliehen werde, bestehe. Es ist nicht nur erstaunlich, sondern geradezu erschreckend, dass es den Reichen gelungen ist, viele Arme für sich zu mobilisieren, das heißt, auf ihre Seite zu bekommen. Das ist Bestandteil einer antiliberalen Methode.

Politische Pädagogik

Bertram: Gibt es nach der Diagnose eine Therapie?

Stern: Vernunft, politische Pädagogik. Ich komme aus dem universitären Bereich und will meine Kollegen und mich nicht von Kritik ausnehmen. Wir haben auch Fehler gemacht. Wir haben uns zu sehr spezialisiert und uns nicht genügend an die Öffentlichkeit gewandt. Therapie? Im Augenblick fällt mir nichts anderes ein als systematische Aufklärung über die Prinzipien der amerikanischen Geschichte und der amerikanischen politischen Kultur. Eine Mehrheit der Menschen ist sicherlich ansprechbar. Man erkennt bereits heute bei Wahlen in einigen Staaten, dass ihnen der entsetzliche, aggressive, hasserfüllte Ton der Rechtsradikalen etwas zu weit geht. Es gibt noch sehr viele hochanständige, wohlmeinende Amerikaner, die hoffentlich den Weg zu einer vernünftigeren Politik finden werden.

Ich sagte es schon: Es ist ein großes Ereignis, ein großer Sieg, dass ein Schwarzer Präsident werden konnte. Man muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es die alten Vorurteile, die sich dann zu rassistischem Hass zusammenballen, nach wie vor gibt.

Deutschland verstehen

Bertram: Fritz Stern, Sie haben von Ihrem Land gesprochen. Für viele von uns wird daran deutlich, was wir dadurch verloren haben, dass dies hier nicht mehr Ihr Land ist. Dennoch haben Sie dieses Land immer mit dem erstaunlichen Versuch des Verstehens begleitet. Ihr entsprechendes Engagement schlägt sich nicht nur in Ihrer Sprache nieder, sondern auch in allem, was Sie wissenschaftlich geleistet haben. Es gibt aber eine Frage, die Sie in Ihrem eigenen Leben erfasst hat und die uns sicherlich alle immer wieder beschäftigt. Bei dem gestrigen »Gedenken zu Beginn« des Kirchentages sind wir vom Altmarkt zur Synagoge gegangen. Uns wurde deutlich, wie sehr innerhalb kürzester Zeit nach dem 30. Januar 1933 die evangelische Kirche umgekrempelt wurde. Plötzlich beschlossen Menschen, die einen ganz anderen Hintergrund hatten, sich dieser Entwicklung nicht nur anzuschließen, sondern sich ihr voranzustellen. Sie haben einmal in Tübingen – ich glaube, es war Anfang der 1980er Jahre – einen Vortrag zu dem Thema »Der Nationalsozialismus als Versuchung« gehalten.

Es waren nicht nur der Pöbel oder die Radikalen, sondern es war fast eine ganze Gesellschaft – auch die Intellektuellen, die Professoren, von den Studenten einmal ganz abgesehen –, die den Wunsch hatte, sich dem anzuschließen. Sie müssen sich immer wieder gefragt haben: Kann es dafür eine Sie selbst befriedigende Erklärung geben?

Stern: Für Historiker gibt es nie völlig erschöpfende Erklärungen. Wie wir eine Zeit erklären, das wird später revidiert und hoffentlich verbessert. Natürlich habe ich mich immer wieder mit dem Problem auseinandergesetzt: Wie konnte das passieren? Was kann man daraus lernen? Wie kann man das den Menschen in Deutschland, aber auch außerhalb Deutschlands klarmachen? Es ist sehr schwer, darauf kurz zu antworten. Ein Ansatz, den ich oft benutze, lautet: Der Nationalsozialismus und der Sieg von Adolf Hitler waren weder unabdingbar noch zufällig. Es gab in Deutschland schon vor 1914 entsprechende Strömungen. Ich nenne sie jetzt »rechtsradikal«; man könnte auch von »Teutonismus«, »Wilhelminismus« oder »Antisemitismus« sprechen. Kern dieser Strömungen, ideologisch von Professoren getragen und dann von Lehrern weitervermittelt, war ein sehr starkes Ressentiment gegen den Westen allgemein, gegen westliche Begriffe und westliches Denken. Der Tenor lautete: Wir sind deutsch. Wir haben Kultur. Die anderen haben lediglich Zivilisation. Wir sind anders, und wir wollen anders sein. – Dieses antiwestliche Ressentiment erkannte übrigens als einer der Ersten Friedrich Nietzsche. Der Erste – schreckliche! – Weltkrieg war eine Katastrophe in jeder Hinsicht. Das Land wurde noch mehr mit solchen Ideen verseucht; man denke nur an die Forderungen der Alldeutschen von 1917. Jenes Jahr war eine wichtige Wegmarke auf dem Weg zur Radikalisierung. Auf der linken Seite begann die bolschewistische Revolution. Auf der rechten Seite sind neben den Alldeutschen auch Ludendorffs Pläne zu nennen; aber das ginge jetzt zu sehr ins Detail. Das Jahr 1917 sollte man jedenfalls besonders im Blick haben. 1918 folgte die Erfahrung eines verlorenen Krieges, eine Erfahrung, die selbst ein ungeheures Trauma war. Ich möchte hier jedoch keinen Geschichtsvortrag halten.

Festzuhalten bleibt, dass die unaufgeklärte Stimmung im Land eine Rolle gespielt hat. Nicht nur ein Trauma hat Deutschland nach 1914 heimgesucht, sondern viele Traumata. Die Rolle Deutschlands bei Ausbruch des Krieges ist eine andere Frage. Im Ersten Weltkrieg kam es zu einem entsetzlichen Blutvergießen. Die Trauer, die das Land ergriffen hatte, wurde kompensiert durch die Grundhaltung: Wir siegen ja, und dann kommt es nie wieder zu einem Krieg. Wir siegen für immer! Deswegen brauchen wir die Annexionen und verlängern den Krieg! – Eine entsetzliche Sache.

Sie alle kennen die Traumata derWeimarer Zeit, den Versailler Vertrag und die Inflation. Ich habe übrigens ziemlichen Respekt vor der Weimarer Republik. Damals wurde unter schwierigsten Umständen versucht, eine Demokratie aufzubauen, und das in einem Land, in dem Demokratie bei den meisten Menschen verpönt war.

Machtübertragung an Hitler statt Machtergreifung Hitlers

Im Zusammenhang mit dem Jahr 1933 – ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit – ist oft von »Machtergreifung« die Rede. Ich habe immer argumentiert, dass das keine Machtergreifung war; das war eine der ersten großen Lügen der Nationalsozialisten. Es war eine Machtübertragung. Die Konservativen konnten sich nicht am Ruder halten – dafür hatten sie zu wenige Stimmen – und dachten – die größte Illusion, die es geben konnte –: Wir nehmen diesen Hitler »gefangen«. Er wird zwar Reichskanzler, aber wir umgeben ihn mit deutschnationalen Kabinettsmitgliedern. Dann können wir unser Programm durchsetzen.

Man darf nicht vergessen: Hitler und seine Nationalsozialisten waren Psychologen von ungeheurer Schlauheit und Gemeinheit. Sie wussten selbstverständlich, wie wichtig Feinde für sie waren. Der Antisemitismus war ihnen angeboren, aber sie haben ihn auch benutzt – die Juden als Feindobjekt. Auch die »Novemberverbrecher« fehlten im Wortschatz der Nationalsozialisten nicht. Sie haben das Land zunächst einmal in gewisser Weise in einen Bürgerkrieg gestürzt, begleitet von Terror und Errichtung von Konzentrationslagern. Mein Vater war Arzt. Er hatte Patienten aus vielen verschiedenen Kreisen, auch Sozialdemokraten, die in dem Haus, in dem er seine Praxis hatte, ein- und ausgingen. Ich kann auch Namen nennen, bekannte »arische« Namen, die im Februar und März 1933 durch Breslau geschleppt wurden. Hermann Lüdemann, ein sozialdemokratischer Politiker, wurde in ein Clownskostüm gesteckt, die Menschen haben auf ihn gespuckt. Sie können sich die Brutalität, die damals herrschte, vielleicht nicht vorstellen.

Wenn behauptet wird: Wir wussten von den Konzentrationslagern nichts, ist das für mich schwer zu glauben. Die Bilder wurden von den Nationalsozialisten im März 1933 zur Abschreckung gezeigt. Man wusste von dem Terror. Ich bin aufgewachsen mit dem Wissen um die Folter. Ich kann nicht der Einzige gewesen sein. 1935 habe ich Menschen kennengelernt, die aus den Konzentrationslagern entlassen worden waren. Eine alte Erkenntnis lautet, dass der Nationalsozialismus sowohl von Terror als auch von Erfolg gestützt war. Dass der Nationalsozialismus wirtschaftlich und außenpolitisch Erfolg hatte, wissen Sie. Sein ganzes Auftreten war Ausdruck einer Verdammung des Versailler Vertrages. Viele passten sich schnell an, viele nahmen schnell viel hin, auch innerhalb der Kirchen, der Universitäten und der Armee. Ich nehme an, dass Sie genügend Kenntnis davon haben, wie schnell sich gerade die protestantischen Kirchen anpassten, bis es zur Gründung der Bekennenden Kirche kam. Ich erinnere mich noch an Pastoren der Bekennenden Kirche in Breslau, die sich hochanständig benahmen und selber ins Gefängnis kamen, ja dies sogar von der Kanzel aus provozierten. Aber es waren wenige.

Erinnerung weitergeben

Ich habe am 20. Juli vergangenen Jahres im Bendlerblock eine Rede gehalten. Mir liegt sehr viel daran, dass der jungen Generation die Beispiele der Menschen vermittelt werden, die aktiv Anstand zeigten, die Widerstand leisteten. Das ist ein Herzensanliegen von mir. Selbstverständlich müssen die jungen Menschen von den entsetzlichen Verbrechen erfahren, die die Nazis begangen haben. Aber sie müssen auch mitbekommen, dass es einige Menschen gab, die sich hochanständig benahmen und das oft mit ihrem Leben, jedenfalls mit ihrer Gesundheit und ihremWohlergehen bezahlten. Auch das muss der Jugend weitergegeben werden. Ich glaube, aus Goebbels’ Tagebüchern zu wissen, dass er im Juli 1933 selbst überrascht war, wie schnell die Nationalsozialisten akzeptiert wurden, wie schnell ein so komplexes, ein im Ganzen so aufgeklärtes Land, das so stolz auf seine Traditionen ist, zu denen die Unabhängigkeit der Universitäten gehört, akzeptiert hat, dass »Nicht-Arier« ausgestoßen werden. Es wurde sogar hingenommen, dass im Zuge der Niederschlagung des angeblichen »Röhm-Putsches« zwei Generäle, von Schleicher und von Bredow, ermordet wurden.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen von einem der bewegendsten Momente in meinem Leben berichten. Es war am 20. Juli vergangenen Jahres, als im Bendlerblock ein Herr meines Alters auf mich zukam und sich für meine Rede bedankte. Er sagte: »Sie haben das Jahr 1934 erwähnt, dafür will ich Ihnen danken.« 1934 war das Jahr der Niederschlagung des »Röhm-Putsches« mit dem Mord an zwei deutschen Generälen. Sechs oder acht Wochen später hat die Reichswehr – so hieß sie damals noch – den schrecklichen Eid auf den Mörder geleistet. Dann fuhr er fort: »Mein Vater war damals auch betroffen.« – Ich sah ihn an und nahm an, dass es nicht der Sohn von Schleichers war; also musste er der Sohn des anderen Generals sein. Ich fragte ihn: Herr Bredow? Er sagte: »Ja« und fügte Worte hinzu, die ich nie vergessen werde: »Ich erinnere mich noch genau an den Abend, als sie meinen Vater abholten – und er ist nie wiedergekommen.« – Dieses »Er ist nie wiedergekommen« ist ein Erlebnis, das viele Tausend Menschen hatten. Wie entsetzlich das für einen jungen Menschen, die Frau oder die Mutter sein muss, brauche ich hier nicht weiter auszuführen. Dass es damals so schnell ging, sollte auch als Warnung verstanden werden.

Bertram: Nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft?

Stern: Absolut.

Deutschland und die Friedliche Revolution

Bertram: Gerade zu der Vergangenheit wird es hier sicherlich viele Fragen geben. Ich möchte Sie aber bitten, mit uns gemeinsam noch über die Gegenwart und die Zukunft nachzudenken. Sie haben das wunderschöne Buch »Fünf Deutschland und ein Leben« geschrieben. Das fünfte ist, wenn ich es richtig sehe, Ihr liebstes: in Europa verankert, mit engen Beziehungen zum Westen, aufgeklärt, international engagiert, mit einer funktionierenden politischen Klasse. Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen dieses Buch auch deswegen empfehlen, weil es die Befriedung des einstigen Deutschen Fritz Stern mit seiner alten Heimat zeigt. Aber wir sind heute in einer Situation, in der in Deutschland viel ins Wanken kommt.

Wenn ich mir unsere Europa-Diskussion ansehe, stelle ich fest, dass wir die unwahrscheinliche Chance, die die europäische Integration diesem Deutschland geboten hat und bietet, verspielen könnten. Ich sehe auch, wie nachlässig oder gleichgültig wir in unserem Verhältnis zu den Vereinigten Staaten sind. Mir ist gestern während der Fürbitten des Eröffnungsgottesdienstes durch den Kopf gegangen, dass es ein Evangelischer Kirchentag in den Vereinigten Staaten nicht versäumt hätte, auch für die Soldaten in Afghanistan zu beten. Ein Deutscher Evangelischer Kirchentag schafft das noch nicht, obgleich wir einige schwere Verluste erlitten haben. Ist dieses Deutschland, das fünfte Deutschland, eines, das sich aus den alten Verankerungen langsam löst?

Stern: Gott bewahre, dass dieses Deutschland in eine gewisse Vergangenheit zurückgreift. Damit meine ich nicht etwa die NS-Vergangenheit, sondern den Wilhelminismus und dergleichen. Herr Bertram, ich möchte ein Wort von Ihnen aufgreifen. Sie sagten, das fünfte Deutschland liege mir am nächsten. Ich begrüße es, dass ich die Möglichkeit habe, hier in diesem Raum vor diesem Publikum zu sagen, was ich schon Ende 1989 gesagt habe: Für mich war 1989 das beglückendste politische Jahr meines Lebens. 1989 war das Jahr der Selbstbefreiung der Menschen in der DDR, des Heroismus in Leipzig und in Dresden, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern. Die Revolution kam spät, aber sie kam. Glücklicherweise begann sie in einem Moment, wo es in ganz Mittel- und Osteuropa bröckelte. Ihr habt die erste wirklich friedliche deutsche Revolution gemacht! Ich habe mich von Anfang an gefragt: Wird diese Leistung genügend anerkannt? Wird von den Westdeutschen genügend geachtet, dass es diese friedliche Revolution gegeben hat? Ich glaube, wenn ich die Frage in den Raum stelle, reicht es schon. Meines Erachtens könnte man sehr viel mehr tun. Auch diese Erfahrungen muss man der Jugend weitergeben; denn noch sehr viel steht auf dem Spiel.

Deutschland und die Zukunft Europas

Was Europa anbelangt, so stelle ich bei der jüngeren Generation schon Lücken im Gedächtnis fest. Annehmen zu können, dass ein Krieg zwischen den Großmächten in Europa unmöglich ist, verlangt heute eine ungeheure Errungenschaft. Die Mobilität, die Sie alle genießen, ist etwas ungeheuer Positives. Das erhält sich nicht von allein, sondern man muss weiter daran arbeiten. Dazu gehört, Rücksicht auf den anderen zu nehmen, zu versuchen, sich in die Lage des anderen, zum Beispiel Polens und Frankreichs, hineinzudenken. Über den erreichten Stand des Austausches kann man nur glücklich sein. Ich höre, dass auch viele Nichtdeutsche Gäste des Kirchentages sind. Das ist besonders zu begrüßen. Das darf jedoch nicht auf den Kirchentag beschränkt bleiben, sondern müsste Teil der täglichen Praxis werden. In uns allen ist das Bedürfnis zu wecken, sich mit dem Nachbarn zu verständigen, zu versöhnen und mit ihm zusammenzuarbeiten.

Das Europa, wie es gegenwärtig existiert, hat durchaus seine Schwächen. Aber Europa ist mehr als Brüssel. Damit kein Missverständnis entsteht: Es braucht so etwas wie Brüssel. Es ist leicht für uns, die EU mit ihren Tausenden von Verordnungen zu kritisieren. Eine Struktur ist jedoch notwendig. Europa benötigt allerdings auch sehr viel mehr Demokratie. Die Erfahrungen mit der deutschen Europapolitik in den vergangenen zwei Jahren sind, von außen betrachtet, eher beunruhigend. Ich habe den Eindruck, dass in entscheidenden Momenten der Außenpolitik die deutsche Innenpolitik eine zu große Rolle gespielt hat.

Deutsche Außenpolitik der Gegenwart beunruhigt. Außenpolitik muss heute mit einem tieferen Verständnis der Problemlage als bisher betrieben werden. Es sollte nicht bei jeder wichtigen außenpolitischen Entscheidung gefragt werden, wie sie sich innen- oder parteipolitisch auswirkt, sondern ob mit ihr eine vernünftige Friedenspolitik in Europa aufrechterhalten werden kann.

Bertram: Daran schließt sich eine Frage an den Historiker an: Wir versuchen mit der europäischen Integration etwas, was ohne Vorbild ist. Es geht um den Zusammenschluss von selbstständigen Staaten, die einen Teil ihrer Selbstständigkeit aufgeben und die von ihrer jeweiligen Bevölkerung Solidarität mit Bevölkerungen jenseits der Grenzen verlangen. Ist das nicht eine Überforderung? Ist das überhaupt machbar? Verlangt das nicht eine sehr viel größere Anstrengung als nur die Rücksichtnahme auf andere? Vorbild Amerika?

Stern: Ich kann Ihnen nur beipflichten. Dieser Prozess ist ungeheuer schwierig. Einiges ist zu schnell gegangen, insbesondere die Vergrößerung der EU. Man braucht wahrscheinlich andere Strukturen. Die Amerikaner haben sehr lange gebraucht, um 13 Kolonien, deren Bewohner dieselbe Sprache sprachen und gemeinsame Erfahrungen hatten, zunächst einmal eine Art von Föderation und dann eine – meines Erachtens erstaunliche – Verfassung zu geben. Dazu hatte es Jahre intensivster Debatten innerhalb Amerikas gebraucht. Diese Anstrengungen, auch intellektueller Art, sind notwendig. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein einmaliges Experiment handelt, wenn sich Nationen zusammenschließen, die es gewohnt sind, ihre jeweilige Souveränität zu beschützen und für sich allein zu agieren. Dazu braucht man Erziehung, aber auch, wie gesagt, Strukturen. An denen fehlt es vermutlich noch, an effizienten Strukturen ganz bestimmt. Notwendig ist ein ganzes Ordnungssystem. Dessen Abwesenheit wirkt sich in einer Finanzkrise gravierend aus, wie wir alle sehen. Es entstehen wieder Ressentiments nach dem Motto: Warum soll ein reiches Land einem armen Land noch Geld spendieren? Damit verwöhnen wir ja die Griechen! – Das alles müssen die Europäer noch regeln und der Vernunft eine Gasse bahnen.

Politische Führung

Bertram: Bevor Sie ganz in die Weisheit verschwinden: Das hat natürlich auch etwas mit politischer Führung zu tun, nicht nur mit Strukturen, Verfahren oder Vernunft. Wir brauchen an der Spitze überzeugende politische Figuren, die diese Aufgabe ernst nehmen. Kann es sein, dass wir, weil es uns in Deutschland so gut geht und alles so gut gelaufen ist, nicht mehr die herausragenden politischen Führungsgestalten produzieren, die notwendig sind, um uns in einer neuen Situation weiterzuführen? Ist diese Frage zu verwegen?

Stern: Das ist nicht verwegen. Ich darf daran erinnern, dass ich von der Notwendigkeit politischer Pädagogik gesprochen habe. Das ist jedoch nicht genug. Es geht darum, im Rahmen politischer Pädagogik Führung zu erklären, das heißt, den Wählern klarzumachen, dass Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, aus diesen und jenen stichhaltigen Gründen notwendig sind. Damit kann ein breiter Konsens hergestellt werden. Das ist eine ungeheure Aufgabe.

Es mag böse klingen, aber wenn sich in den beiden größten europäischen Ländern zwei Menschen, die eigentlich eine Führungsrolle übernehmen sollten, Dominique Strauss-Kahn und Horst Köhler, selbst disqualifizieren, dann ist das symbolisch und bedrückend. Wie kann so etwas passieren?Um die genannten Aufgaben zu bewältigen, bedarf es eines hohen Maßes an moralischem Bewusstsein, an Behutsamkeit, an Anstand. Schon Max Weber hat in »Politik als Beruf« klar dargelegt, wie schwierig das ist. An der europäischen Integration muss weiter mit Leidenschaft gearbeitet werden. Die Deutschen hatten das große Glück, dass jemand wie Theodor Heuss, durch die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus geprägt, am Anfang an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland stand.Auch Adenauer war – mit all seinen politischen Nuancen – eine überzeugende Figur, vielleicht zu überzeugend in mancher Hinsicht. Leider fehlt es heute an solchen Figuren nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern – außer in Luxemburg.

Dieser Text erschien erstmals im Dokumentarband zum 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.

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