Mein Kirchentag
Porträt

Die Welt auf Spur bringen

Er ist ein Gestalter und Macher. Für seine Überzeugungen setzt er politisch und gesellschaftlich viel in Bewegung und mobilisiert als Geschäftsführer von Campact die Massen. Als Person bleibt Günter Metzges-Diez lieber im Hintergrund.

Von Julia Junge

Er ist Mitbegründer von Campact, Familienvater, Ehemann einer Pfarrerin und Ehrenamtlicher beim Kirchentag. Der Empfang in seinem Haus ist herzlich, mit Abendessen und Tischgebet. Wie wichtig Günter Metzges-Diez die Familie ist, zeigt sein Lebensmodell: Zwei Tage in der Woche arbeitet er im Büro in Verden, die anderen Tage von zu Hause aus, in Berlin. Die Online-Mobilisierer von Campact nutzen die Möglichkeiten des Web auch für den Büroalltag.

„Doch Technik ist dabei nicht alles“, sagt der 45-Jährige. „Viel wichtiger ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Geschäftsführung teilen wir uns zu dritt, und wir haben ein tolles Team!“

Konkrete Aktionen

Geboren 1971 im Rheinland, wächst Günter Metzges-Diez in Ostfriesland, unweit der Nordsee, auf. Politisch prägen ihn der Golfkrieg und die Anti-Atom-Bewegung. Seinem Gefühl, dass die „Welt nicht auf Spur“ sei, begegnet er mit konkreten Aktionen vor Ort.

An den ersten politischen Sieg erinnert er sich gern. „Wir haben gegen den Verbau von Tropenholz bei städtischen Bauprojekten protestiert.“ Das führte zunächst zu einem Standverbot bei Stadtfesten, schließlich aber zum gewünschten Stadtratsbeschluss. Campact verfolgt heute eine ähnliche Erfolgsstrategie: Aufsehen erregen, sich auch als Organisation bei der Politik unbeliebt machen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen.

Gesellschaftliche Visionen

Nach dem Zivildienst in der Ökostation Barsinghausen zieht Günter Metzges nach Verden, dort lernt er auch seine spätere Ehefrau Lioba Diez kennen. Die niedersächsische Kleinstadt wird gerade zum Kristallisationspunkt für politische Aktivisten und ihre gesellschaftlichen Visionen. Mit Gleichgesinnten gründet er das Öko-Zentrum Verden: Arbeiten und Leben auf gemeinsamem Raum, ein Tagungszentrum und eine Kneipe als Treffpunkte.

Und weil Politik im Privaten beginnt, wird der Umbau des ehemaligen Kasernengeländes mit nachhaltigen Baumaterialien, einer Solaranlage, einer Grauwasseranlage und basisdemokratischen Strukturen realisiert. Noch heute wächst das Öko-Zentrum, in dem zahlreiche Initiativen gegründet wurden, darunter die Bewegungsstiftung und der Attac-Vorläufer Share e.V.

Forschen und gestalten

Günter Metzges-Diez schließt sein Studium zur Erwachsenenbildung und Politik ab und promoviert an der Uni Bremen. In seiner Arbeit untersucht er den Einfluss von NGO-Kampagnen auf internationale Verhandlungen. 2004 gründet er mit Freunden nach dem Vorbild der amerikanischen Plattform MoveOn.org Campact. „Ich wollte Politikprozesse nicht nur erforschen, sondern sie selbst gestalten“, sagt er. Die Idee: die kleinen Dinge, die viele Menschen für ihre politische Meinung tun, effektiv zu politischer Einflussnahme zu bündeln. Das beginnt mit der Unterzeichnung einer Petition oder einer Spende und setzt sich fort, wenn Türhänger in der Nachbarschaft verteilt oder Wahlveranstaltungen und Wahlkreisbüros mit Transparenten oder Unterschriftenlisten besucht werden.

Als „Empörungs-Industrie“ wurde Campact zuweilen scharf kritisiert – doch Günter Metzges-Diez ist kein populistischer Redner, sondern ein nachdenklicher Analyst, dem Einordnung wichtiger ist als plakative Formulierungen, und einer, der mit Beharrlichkeit, Geduld, vielleicht auch Sturheit für seine gesellschaftlichen Überzeugungen mit langem Atem kämpft.

Demokratische Diskurse

Mit Campact als sozial-ökologischer Bürgerbewegung will er ein Gegengewicht zu politischen Sachzwängen und privatwirtschaftlichen Lobbyinteressen sein. Er ist überzeugt von der Notwendigkeit demokratischer Diskurse und einem Streitprozess, in dem politische Entscheidungen begründet werden. „Ich möchte eine solidarische Politik, die alle von ihr Betroffenen einbezieht und inklusive, nicht exklusive, Lösungen findet.“

So versteht er auch sein Engagement für den Kirchentag. „Hier wird Streit nicht über Petitionen, Medien und Demonstrationen ausgetragen, sondern Menschen mit unterschiedlichen politischen Zielen begegnen sich direkt.“ Seinen ersten Kirchentag als Teilnehmender erlebt er 1989 noch im geteilten Berlin. Seit dem Kirchentag in Dresden 2011 arbeitet er regelmäßig in Projekten und der Präsidialversammlung mit.

Europa bewegen

Nachdenklich wird Günter Metzges-Diez, wenn er auf die aktuellen gesellschaftlichen Debatten blickt. Einerseits sieht er in den ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen „die größte Bürgerbewegung der letzten Jahre“. Auf der anderen Seite erstarken Gruppen, die Lösungen durch Ausgrenzung fordern. Und die Europäische Union (EU), für viele lange Zeit Hoffnungsträgerin für eine internationale solidarische und handlungsfähige Demokratie, scheitere an den aktuellen Problemen. Mit Campact unterstützt er deshalb die Gründung der Bürgerbewegung wemove.eu, die sich für eine solidarische, ökologische und bürgernahe EU einsetzt.

Sein Ziel ist, wie auch bei Campact, ein doppeltes: Transparenz über politische Prozesse herzustellen und dadurch den europäischen Raum für Bürgerinnen und Bürger gestaltbar zu machen. Auch beim Kirchentag in Berlin steht für Günter Metzges-Diez Europa auf dem Programm. In der Projektleitung bringt er sein Wissen und seine Visionen ein – immer bereit für konstruktive Diskussionen.

Zur Autorin: Julia Junge ist Koordinatorin des Kollegiums für die Kirchentage auf dem Weg 2017.

Bild: Jakob Huber/Campact

Campact

Campact versteht sich als Bürgerbewegung, die sich für eine ökologische, friedliche, solidarische und sozial gerechte Gesellschaft einsetzt. Neben Online-Petitionen organisiert und beteiligt sich Campact auch an Aktionen und Demonstrationen. Die Spannbreite der Themen ist groß: Gentechnik, Atomkraft, Klimapolitik, Agrarpolitik, Bienensterben, Regelungen für Hebammen und seit einigen Jahren verstärkt

Proteste gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA. Der gemeinnützige Verein finanziert sein Budget von rund acht Millionen Euro fast vollständig aus Kleinspenden. 50 Mitarbeitende arbeiten im Büro in Verden. Bei den Aktionen kooperiert Campact mit anderen Vereinen oder schließt sich in Bündnissen zusammen zum Beispiel zur Mobilisierung für Großdemonstrationen. 1,8 Millionen Adressen verzeichnet der Campact-Newsletter.

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