Mein Kirchentag
Interview

Die schwierigen Seiten der Reformation

EKM-Bischöfin Ilse Junkermann über die Herausforderungen kirchlichen Lebens in einem säkularen Umfeld und die Pflicht der Kirche, gegen Fremdenfeindlichkeit Stellung zu beziehen.

Sie sind in einem kleinen Ort im Nordosten Baden-Württembergs geboren, haben in Tübingen und Göttingen studiert und waren später in Stuttgart tätig. Wie zu Hause fühlen Sie sich mit dieser Westbiografie in Magdeburg?

Ilse Junkermann: Ich lebe gern in Mitteldeutschland und bin hier sehr herzlich aufgenommen worden. Die Menschen sind freundlich, ehrlich und direkt, das schätze ich. Was mir eher Mühe gemacht hat, ist die Tatsache, dass viele Menschen, die hier leben, niemals mit dem Evangelium in Kontakt gekommen sind. Das ist eine Situation, die ich vorher nicht kannte. Drei Generationen ohne Kirche. Da gibt es viel Skepsis. Die Rolle von Religion wird anders bewertet. Auch im Gespräch mit der Politik merke ich das. Da ist noch viel Arbeit zu leisten, damit deutlich wird, dass christlicher Glaube auch einen öffentlichen Auftrag hat und zum Gelingen des Zusammenlebens beitragen kann.

Wie reagieren die Menschen in der Region darauf, dass ihr Land und ihre Landeskirche im Rahmen des Reformationsjubiläums auf einmal so im Mittelpunkt stehen?

Erst abwartend, dann neugierig und jetzt stolz. Die Wiege deutscher Kulturgeschichte findet sich hier, dies wurde leider lange Zeit vergessen. Jetzt bietet diese beeindruckende Geschichte eine positive Identifikation an, damit wird auch in der Öffentlichkeit ein positives Bild von Kirche transportiert, das ist wunderbar. Mit der Geschäftsstelleneröffnung des Vereins r2017 in Wittenberg wurde auch für alle deutlich, wir werden hier in der Region ernst genommen. Wir können mitgestalten, das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Und natürlich auch der Wirtschaftsfaktor, auch das stimmt die Menschen positiv ein.

Vier Kirchentage auf dem Weg, der Festgottesdienst in Wittenberg und die Weltausstellung – wie meistert eine so junge Landeskirche diese großen Herausforderungen?

Unsere Kirche hat eine große Gestaltungskraft, das macht stark. Die Kultur der Kirchentagsarbeit kommt uns gut gelegen. Alle Erfahrungen und guten Ideen können hier zusammenfließen. Deswegen sind wir auch auf den Kirchentag zugegangen und haben für die Kirchentage auf dem Weg geworben. Für uns ist der hohe Beteiligungscharakter wichtig. Unsere Kirche besitzt auch eine große Umsetzungskompetenz, das heißt, mit wenigen Mitteln viel zu bewirken. Von daher blicken wir mit großer Freude auf die nächsten Ereignisse, auch in der Doppelrolle, Kirche als Veranstalterin und die Orte der Kirche als Bühne.

Schwerter zu Pflugscharen

Inwieweit knüpfen die Kirchentage auf dem Weg an die Tradition der regionalen Kirchentage in Ostdeutschland an?

Das Vertraute der gemeinsamen regionalen Kirchentage spielt eine unglaublich wichtige Rolle. Die regionalen Kirchentage 1983 und das Lutherjubiläum waren damals der Auftakt für die Wende. ‚Vertrauen wagen’, ‚Schwerter zur Pflugscharen’, das waren die Losungen, von da ging die Bewegung aus, den Widerstand nach außen zu tragen. Basisgruppen gründeten sich, die friedliche Widerstandsbewegung hat sich dort gesammelt und Zuflucht gefunden. Die Freiheit eines Christenmenschen gelebt. Das weckt Erinnerungen, motiviert bei den Vorbereitungen und gibt Kraft. Kirchentage auf dem Weg bedeutet: Ökumene, Zivilgesellschaft, Kultur, Politik, Menschen zusammenbringen, darauf freuen wir uns.

Und was wünschen Sie sich vom Reformationsjubiläum?

Zum einen ist mir wichtig, dass wir nicht nur ein Super-Event daraus machen, sondern uns gleichermaßen mit den schwierigen Seiten der Reformation beschäftigen, den Judenschriften Martin Luthers, den Bauernkriegen, den nachfolgenden Konfessionskriegen. Wir haben nicht nur etwas zu feiern, wir haben auch selbstkritisch zu reflektieren. Ganz praktisch wünsche ich mir niedrigschwellige Angebote, die alle einladen. Es soll ein Fest für Körper, Geist und Seele sein, für alle Generationen. Es soll neugierig machen und über den Kirchentag hinaus wirken.

Neben den Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten gibt es andere wichtige Themen, die Ihnen sehr am Herzen liegen. Auf der vergangenen Synode haben Sie vor dem wachsenden Druck zur Optimierung und einer ständig steigenden sozialen Geschwindigkeit gewarnt. Worin sehen Sie die größten Gefahren und Entwicklungen für unsere Gesellschaft?

Die Auswirkungen sind deutlich zu erkennen, nicht nur in der Arbeitswelt, sondern leider schon in den Schulen. Alle stehen unter Stress. Unser Leitbild heißt: „Du kannst es immer noch besser machen, wenn Du nur willst. Du kannst alles ändern und beeinflussen, auch Krankheit oder andere Schicksalsschläge.“ Wir erkennen nicht, dass unser Leben begrenzt ist und verletzlich, wir gaukeln uns vor, dass es ein heiles Leben gibt, ein optimales Leben. Das ist nichts anderes als Sein-wollen wie Gott, das ist der Inbegriff von Sünde. Und es schafft große Frustration, weil wir dieses Ideal nie erreichen werden. Wenn die Realität uns einholt, flüchten wir uns leicht in Süchte oder Gewaltausbrüche, auch Rechtsradikalität ist ein Zeichen davon. Das Evangelium befreit, indem wir einen nüchternen Blick auf das Wesentliche haben, das ist ganz wichtig in dieser Designgesellschaft.

Ruhe und Besinnung

Was kann Kirche dem Zeitaltalter der zunehmenden Beschleunigung und Perfektionierung entgegensetzen?

Zum einen freue ich mich, wenn es uns gelingt, unsere Kirchen täglich offen zu halten, nicht abzuschließen, damit die Menschen ihrem Bedürfnis nach – zweckfreier – Ruhe und Besinnung nachgehen können. Zum anderen sehen wir aus christlicher Perspektive den Menschen im Ganzen, mit all seinen Talenten, Stärken, seiner Unterschiedlichkeit, aber auch mit seinen Schwächen. Er wird angenommen, weil er von Christus angenommen ist. Er wird nicht an einem nicht zu erreichenden Ideal gemessen. Die Ausgrenzung von Leid ist gesellschaftsfähig geworden, das zeigt sich auch in der Asylpolitik. Fehlende Empathie macht sich breit.

Sie engagieren sich in der Flüchtlings- und Migrationspolitik, sind gegen eine Abschottung Europas. Wie gehen Sie als Landesbischöfin damit um, dass gerade Menschen aus Ihrer Region eine andere Haltung vertreten.

Wir haben in der Synode darüber heftig diskutiert, denn auch innerhalb der Kirche gibt es rechte Positionen. Rechte und fremdenfeindliche Einstellungen finden wir in der Mitte der Gesellschaft. Da hat Kirche eine Bildungsaufgabe und die Pflicht, für Minderheiten einzutreten. Zu unserem christlichen Verständnis gehört Fremdenfreundlichkeit.

Wir müssen unsere christlichen Werte konkret vertreten, uns für weltweite Gerechtigkeit einsetzen, aber auch gleichzeitig die Bedürfnisse der Menschen um uns herum ernst nehmen. Die reformatorische Unterscheidung von Person und Werk spielt dabei eine wichtige Rolle. Auch der Mensch mit seinen extremen Ansichten ist ein Geschenk und Ebenbild Gottes, genauso wie der Mensch, der als Flüchtling zu uns kommt.

Wie kann das gelingen?

Es ist wichtig, Empathie zu fördern, das Gebot der Nächstenliebe wieder in den Vordergrund zu rücken und sich in die Situation der Menschen hineinzuversetzen. Das braucht einen langen Atem. Ich vergleiche das mit der Asylarbeit in den 80er- und 90er-Jahren in BadenWürttemberg, da haben wir auch gegen große Widerstände unsere Arbeit weitergemacht. Die Gesellschaft ist in der Krise, da muss sie neue Positionen finden. Und ich schaue auf die Geschichte, um besser zu verstehen, was in den Menschen vorgeht. Zwei Diktaturen, der Nationalsozialismus wurde nicht aufbereitet und die SED war auch rassistisch, das prägt die Menschen. Ein friedliches Miteinander muss gelernt sein. Aber es gibt schon gute Beispiele. Viele Institutionen und Initiativen engagieren sich in der Flüchtlingsarbeit, und bei allen Bündnissen gegen Rechts sind die Kirchen mit dabei. Das macht großen Mut.

Nachfrage nach klarem Profil

Bildung und Lernen sind wichtige Stichworte. Mit Blick auf die Evangelischen Schulen – welche Perspektiven sehen Sie?

Die Arbeit in den Evangelischen Schulen ist eine ganz wichtige in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. In der Schule wird entschieden, nach welchem Menschenbild die Kinder erzogen werden. Wir wollen vor allem ihre Gaben fördern, ihr Selbstvertrauen stärken und auf das schauen, was sie können, und zugleich ihre Schwächen akzeptieren. Die Nachfrage ist groß, nicht alle Kinder, die angemeldet werden, können wir aufnehmen. Zurzeit werden rund 5.600 Schülerinnen und Schüler an 29 Evangelischen Schulen unterrichtet. Das zeigt, dass es auch in einem säkularen Umfeld eine große Nachfrage nach einem klaren Profil und christlichen Werten gibt und der Respekt vor jedem einzelnen Kind für die Eltern wichtiger ist als die konfessionelle Bindung. Gerade hier müssen wir ansetzen, die Akzeptanz des Anderen fördern, das sind wichtige Bausteine für ein friedliches Zusammenleben.

Zur Person: Ilse Junkermann wurde 2009 zur Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gewählt. Seit 2012 ist sie stellvertretende Leitende Bischöfin in der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und gehört zum Herausgeberkreis der Göttinger Predigtmeditationen. Vor ihrem Bischofsamt leitete die 59-Jährige das Dezernat Ausbildung und Personal im Oberkirchenrat in Stuttgart.

Interviewerin: Britta Jagusch ist Redakteurin des Magazins „Der Kirchentag“ und arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt am Main.

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