Mein Kirchentag
Reformation

Mutig, kühn und gelehrt

Viele Frauen haben maßgeblich mit ihren Gedanken und Taten den Fortgang der Reformation bereichert. Ihr Einfluss ist jedoch oft wenig bekannt. Fünf mutige Frauen der Reformationszeit.

Von Sonja Domröse

„Ich habe euch kein Frauengeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.“ Mit diesem selbstbewussten Satz beendet Argula von Grumbach, die erste evangelische Publizistin, vor mehr als 500 Jahren ihre Flugschrift an die Gelehrten der Universität Ingolstadt. Die fränkische Adlige war 31 Jahre alt, verheiratet und Mutter von vier Kindern, als sie zu Federkiel und Papier griff, um mit ihrer Flugschrift eine ganze theologische Fakultät vorzuführen. In Ingolstadt war es zu einem massiven Konflikt um einen jungen Theologen gekommen, der in Wittenberg bei Martin Luther und Philipp Melanchthon studiert hatte und seine neuen Glaubensüberzeugungen nun auch an der Ingolstädter Universität verbreitete.

Bekenntnisse mit klaren Worten

Unter Gewaltandrohung wurde der junge Theologe zum Widerruf gezwungen und in ein nahe gelegenes Kloster verbannt. Da sich kein Mann fand, der sich öffentlich für ihn einsetzte, sprang Argula von Grumbach mit ihrer Flugschrift in die Bresche. Das ungeheuer Mutige an ihrem Handeln war nicht allein das Verfassen dieser Schrift, in der sie kenntnisreich, bibelfest und klug argumentiert, sondern vor allem ihr Angebot, nach Ingolstadt zu kommen und mit der gesamten theologischen Fakultät zu disputieren. Eine einzelne Frau mit einer ganzen Gelehrtenschar. Es gab nur eine Bedingung von ihr: Die Disputation habe auf Deutsch stattzufinden, da sie kein Latein könne.

Diesen Mut zum öffentlichen Bekenntnis der reformatorischen Anliegen finden wir auch bei anderen Frauen. Als eine der frechsten und kühnsten trat Ursula Weyda aus Thüringen auf, die sich mit dem Abt eines katholischen Klosters öffentlich auseinandersetzte. Sie ist gerade einmal 20 Jahre alt, als sie dem katholischen Geistlichen attestiert, er würde die Heilige Schrift „durchwühlen wie eine wilde Sau“ und es gäbe mittlerweile ein Sprichwort in der Region, das besage, wenn Abt Simon von Pegau etwas tue, dann sei es an Dummheit nicht mehr zu unterbieten. Mit Bibelkenntnis und theologischer Argumentation – also mit Bildung – ging Ursula Weyda gegen ungebildete Geistliche zu Werk.

Unkonventionell und ermutigend

Eine Frau, die predigte, ist Katharina Zell, bekannt auch unter ihrem Geburtsnamen Katharina Schütz. Unkonventionelles Auftreten und eine starke Ermutigung durch ihren Glauben kennzeichnen ihr Leben. Sie selbst sagte einmal von sich, sie gehe seit ihrem zehnten Lebensjahr mit dem Wort Gottes um und sei eine „Kirchenmutter“.

Sie heiratete als eine der ersten Frauen überhaupt einen ehemaligen Mönch (1523) und verteidigte diesen Schritt mit der Veröffentlichung einer Schrift gegenüber dem katholischen Bischof von Straßburg, der ihren Mann exkommuniziert hatte. In Straßburg lebte und wirkte Katharina Zell ihr Leben lang. Hier trat sie auch als Predigerin auf. Zum ersten Mal nach 25 Jahren Ehe bei der Beerdigung ihres Mannes Matthäus, später in den Zeiten der Auseinandersetzungen um die Täufer bei der Beerdigung von zwei Frauen, die aufgrund ihrer Nähe zu den Täufern kein lutherischer Geistlicher bestatten wollte.

Katharina Zell war es auch, die ein geistliches Amt für Frauen vorschlug. Sie prangerte in einer Schrift die absolut katastrophalen Zustände in einem der städtischen Siechenhäuser an und forderte unter anderem, dass es einen „Hausvater und eine Hausmutter“ geben müsse, am Morgen den Kranken „das Evangelium zu sagen oder zu lesen und mit ihnen zu beten. Am Morgen ist jeder Mensch geschickter, andächtiger und das Herz empfänglicher für göttliche Dinge. Es kommen Leute hinein, die das Vaterunser nicht können beten.“

Der Wissenschaft verpflichtet

Eine Frau, die ihr kurzes Leben der Wissenschaft widmete, ist die italienische Protestantin Olympia Fulvia Morata, die als Glaubensflüchtling mit ihrem Mann eine Zeit lang in Schweinfurt lebte, wo heute ein Gymnasium nach ihr benannt ist, und die in Heidelberg starb. Die dortige Universität hatte nicht nur ihrem Mann einen Lehrstuhl angeboten, sondern auch ihr als exquisiter Kennerin der Antike einen Lehrauftrag angeboten, den sie wegen ihres frühen Todes nicht annehmen konnte.

Sie schreibt: „Es war stets meine Überzeugung, dass die Studien das Beste und Vorzüglichste von dauerndem Bestand seien … und dass unser Geist … durch nichts besser ausgebildet wird als durch Unterweisung in den Wissenschaften. Wenn also die Wissenschaft … einen solchen Vorrang besitzt, wie wird mich dann … Spindel und Nadel kleiner schwacher Frauen vom Umgang mit den gefälligeren Musen abbringen können … Spinnrocken und Spindel sollen die Kraft haben, mich zu überreden, wo sie doch keine Sprache besitzen? Oder haben jene ganz wertlosen Aufgaben vielleicht für sich gesehen einen Reiz? Mir ist die Einstellung jener Frauen, die … den Wunsch haben, ich möchte mein Haltetau (die Wissenschaft) fahren lassen und ihren Spuren folgen, so sehr zuwider, dass ich beschlossen habe, ihnen unverzüglich den Laufpass zu geben.“

Mit sinnlicher Sprache komponiert

Von Elisabeth Cruciger, der ersten protestantischen Liederdichterin, finden sich bis heute Spuren in der kirchlichen Tradition. Von ihr stammt das Kirchenlied „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“, im evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 67 verzeichnet. Die ehemalige Nonne, verheiratet mit dem Reformator Caspar Cruciger, fasst ihr theologisches Programm in diesen Versen zusammen. Sie zeigt sich als Autorin, die ihre Bibel kennt und mit ihr theologisch umzugehen weiß. Kennzeichnend für Elisabeths Dichtung ist aber auch die sinnliche Sprache, die in der mittelalterlichen Mystik ihre Wurzeln haben mag. Christus ist der Morgenstern, der weithin leuchtet vor allen anderen Sternen. Seine Barmherzigkeit beschreibt sie als eine „Süßigkeit des Herzens“, die zu schmecken ist und nach der Menschen dürsten. Geistliche Erfahrungen, die sich nur schwer in Worte fassen lassen, finden hier in einer sinnlichen Sprache ihren Ausdruck.

Von ihren zahlreichen Liedern ist dies das einzig überlieferte Zeugnis ihres Glaubens. Aber da gibt es noch die schöne Anekdote, die berichtet, Elisabeth habe eines Nachts geträumt, sie stehe in Wittenberg auf der Kanzel der Schlosskirche und predige. Ein halbes Jahrtausend später ist dieser Traum für Frauen in Erfüllung gegangen.

Zur Autorin: Sonja Domröse ist Pressesprecherin des Sprengels Stade der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Bild: Olympia Fulvia Morata, gemeinfrei

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