Mein Kirchentag
Kampagne

Hinsehen ist gefragt!

Mit einem Lächeln startete die Kirchentagskampagne Ende April vor dem Brandenburger Tor. Seitdem wird sie heiß diskutiert. Warum der orange „Hingucker“ gut zum Großereignis in Berlin und Wittenberg passt.

Von Christina Aus der Au

Das Krümelmonster? Ein ganz süßes, blaues Wuscheltier, dessen Keksliebe ich nur allzu gut nachvollziehen kann – aber natürlich taugt es nicht als Maskottchen des Kirchentages! Wenn schon Sesamstraße, dann doch viel eher Ernie, spitzbübisch, unbefangen, mit unbeschwertem Gemüt und nahezu anarchistischen Ideen.

Aber das Krümelmonster ist offenbar eine der Assoziationen, die den ungeneigten Betrachterinnen und Betrachtern einfallen, wenn sie das orange Kirchentagsplakat mit den beiden Augen und dem Lächelmund sehen. Oder die „Sendung mit der Maus“ – auf jeden Fall kindlich, um nicht zu sagen kindisch, unterkomplex, vielleicht sogar peinlich.

Die Kritikerinnen und Kritiker auf Facebook und anderswo hätten sich mehr Ernsthaftigkeit gewünscht, der katholische Kollege – wie auf katholisch.de kommentiert – möchte mehr Reformation, vielleicht sogar mehr Luther. Jedenfalls wollen sie sehen, dass der Kirchentag noch Kirchentag ist, politisch am Puls und theologisch auf der Höhe. Und gerade das Plakat solle doch zeigen, dass der Kirchentag Zeitansage ist und die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart benennt.

Ein wesentlicher Aspekt der christlichen Botschaft

Aber ist es denn nicht zunächst einmal das Hinsehen, das jetzt dringend gefragt ist? Das mutige und genaue Hinsehen, wenn Menschen fliehen, sterben, sich verweigern, demonstrieren, polemisieren oder Brandsätze werfen? Ist es nicht ein wesentlicher Aspekt der christlichen Botschaft, dass Christinnen und Christen hier hinsehen können – hinsehen müssen, sage ich als Reformierte –, weil Gott uns zuallererst angesehen hat? Du bist ein Gott, der mich sieht, sagt Hagar auf der Flucht zu dem Gott, der mit ihr geht. Du siehst mich. Das ändert nichts und ändert doch alles. Für die so Wahrgenommenen und für diejenigen, die daraufhin auch wahrzunehmen beginnen.

Damit sind nicht nur diejenigen gemeint, die schon ganz weit oben einsteigen beim Kirchentag. Nicht nur diejenigen, die viel erwarten, weil sie schon viel wissen. Sondern auch diejenigen, die nichts erwarten – nichts von Kirche und nichts von Kirchentag. Die bei einem Plakat nicht zwei-, dreimal hingucken, sondern genau einmal. Und wenn sie dann nicht hängen bleiben, dann war’s das.

Im Plakatwald gesehen werden

Und darum halte ich beides für genau richtig für den nächsten Kirchentag in Berlin und Wittenberg, Losung und Plakat. Die Losung gilt vertikal wie horizontal: Du Gott siehst mich und: Du Mensch siehst mich. Sie schickt uns in die Welt. Die Wackelaugen sind ein Symbol dafür. Ein niederschwelliger Hingucker und „fadegraad“, wie ich auf Schweizerdeutsch sagen würde. Das Plakat beginnt mit dem Gesehenwerden – als Plakat nämlich. Nicht mehr und nicht weniger. Die Augen auf dem orangen Grund werden gesehen, auch im Berliner Plakatwald. Und vielleicht auf den zweiten Blick auch die Losung.

Ich freue mich über jedes Augenpaar, dass wie auch immer ursprünglich, liebevoll oder auch spöttisch verfremdet, uns daran erinnert, hinzusehen. Weil wir liebevoll angesehen sind. Das zu wissen ist eine fröhliche Sache und lässt uns hoffentlich spitzbübisch, kindlich, unbefangen und gern auch gelegentlich nahezu anarchistisch umsetzen, was es heißt, dass Gott uns zuerst angesehen hat.

Die Kampagne wurde von der Agentur Scholz & Friends in Berlin entwickelt. Das Motiv wird auf Plakaten und auf vielen weiteren Werbemitteln für den Kirchentag in Berlin und Wittenberg zu sehen sein.

Zur Autorin: Prof. Dr. Christina Aus der Au ist Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin und Wittenberg und der Kirchentage auf dem Weg.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.