Mein Kirchentag
Porträt

Brückenbauer mit Profil

Christian Stäblein ist seit August 2015 Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz. Er versteht sich als Brückenbauer zwischen Theologie und Praxis, der sich für Vielfalt in der Kirche einsetzt.

In der Georgenkirchstraße fallen die letzten Blätter von den Bäumen und geben den Blick frei von den altehrwürdigen Backsteingebäuden des Berliner Missionshauses hinüber zur St. Bartholomäus Kirche. Dort, wo sich noch vor 100 Jahren Geistliche rüsteten, um in alle Welt aufzubrechen und ihren Glauben zu verkünden, hat Propst Christian Stäblein sein Büro. Viel hat der gebürtige Niedersachse seit seinem Amtsantritt im August 2015 schon erlebt, unterwegs in der pulsierenden, quirligen Weltstadt und den Städten und Gemeinden Brandenburgs sowie der Oberlausitz. Und dabei ist der Unterschied zwischen Stadt und Land gar nicht so groß. „In Wahrheit bewegen sich die Menschen doch auch hier in Berlin meist in ihrem Kiez, und jeder Kiez ist eigentlich wie ein Dorf“, sagt Stäblein. „Die Freundlichkeit, mit der ich überall aufgenommen wurde, und auch die Lust zu theologisieren sind mir besonders aufgefallen.“ Der neue Propst kommt gern ins Gespräch und sucht die Nähe zu den Gemeinden. Und so war er nun auch schon in fast allen Kirchenkreisen mindestens einmal, oftmals auch mehrfach zu Besuch.

Praktischer Theologe

Das Amt des Propstes der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz EKBO genannt, beinhaltet neben der theologischen Leitung in der Verwaltung auch die Repräsentation der Kirche in geistlicher und öffentlicher Form. Dabei übernimmt der Propst nicht selten auch die Stellvertretung des Bischofs, und so sah man ihn im vergangenen Jahr in verschiedenen Kirchen in kleinen und großen Gemeinden auch auf der Kanzel. Kein Neuland für den studierten Theologen. Christian Stäblein, 1967 als Sohn einer Pfarrerin und eines Ministerialrates in Bad Pyrmont geboren, wurde durch die Gottesdienste von Mutter und Großvater geprägt. Schon als Kind lernte er Griechisch und Latein. Der Versuch, sich ein wenig abzunabeln und in Göttingen erst einmal mit Jura zu starten, war nötig, erzählt er, führte aber doch wieder zum Studium der Theologie zurück. In Berlin belegte Stäblein einige Jahre zusätzlich auch Seminare in Judaistik und Philosophie. Ein Studienjahr in Jerusalem komplettierte schließlich die Ausbildung über den theologischen Tellerrand hinaus.

2002 wurde er in der evangelisch-lutherischen Kirche in Lengede ordiniert und 2005, nach wissenschaftlicher Arbeit am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Göttingen, Pfarrer in Nienburg/Weser. Von 2008 an leitete er als Studiendirektor das Predigerseminar der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover im Kloster Loccum. Das derzeitige Amt passt also zu dem sprachgewandten Brückenbauer, der Theorie und Praxis gern vereint. Aufmerksam, ohne Allüren hat er das Ohr bei den Sorgen und Nöten seiner Kirchenkreise und gestaltet gleichzeitig die Auslegung evangelischer Theologie.

Impulsgeber aus dem Glauben heraus

Ohne Scheu widmet er sich auch schwierigen Themen und führt sie in die theologische Diskussion. So schaffte er es etwa, in vielen Diskussionen in den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden, dass es nun auch Traugottesdienste für Paare in eingetragenen Lebenspartnerschaften gibt. Er diskutierte und brachte das Thema bei den Gemeindegliedern ins Gespräch und bereitete die Umsetzung vor. Ein Schritt, der ihm in der bunten, toleranten Stadt viel mediale Aufmerksamkeit brachte. Mit dem gleichen frischen Wind soll es weitergehen. „Ich möchte zum Beispiel, dass wir das Abendmahl mit Kindern feiern“, sagt der Vater von vier Söhnen. Kinder sollen so auch sichtlich mehr miteinbezogen werden. Die To-do-Liste des Würdenträgers ist lang und ehrgeizig: Nicht weniger als die Frage, was Gemeinde ist, treibt ihn um ebenso wie die Überarbeitung des Dienstes der ehrenamtlichen Prädikanten. Dabei will er aber an den Grundfesten von „evangelischer Emanzipation“ nicht rütteln lassen. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem der ausgeglichene Mann energisch wird. Nämlich als er berichtet, dass es in Lettland seit dem Sommer nicht mehr möglich ist, als Frau ordiniert zu werden. „Da werd’ ich allergisch“, empört er sich. Verständlich, hat sich doch seine Mutter in den 70er Jahren die Möglichkeit, als Pfarrerin arbeiten zu dürfen, selbst erst hart erkämpfen müssen.

Aber welche Rolle kann Kirche heute spielen? Stäbleins Antwort ist klar: „Glauben ist für mich nur in Vielfalt wahrhaftig und ohne die Weltbezogenheit der Kirche nicht vorstellbar.“ Ein perfektes Forum bietet da der Kirchentag, entstanden aus der Idee, der Kirche auch mal den Spiegel vorzuhalten.

Kirchentag prägt

Er ist für Stäblein immer ein Ausnahmezustand mit ganz besonderen Highlights: Ob das Lichtermeer am Hohen Ufer in Hannover 2005, der Abschlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen im vergangenen Jahr oder der Kirchentag in den 90er Jahren in München, den er mit Studienfreunden aus Israel erlebt hat. Wann immer es möglich ist, ist er dabei. In seiner Jugend mehr als begeisterter Zuhörer, „da erinnere ich mich besonders an Hannover 1983, als es um das Thema Nachrüstung ging“, oder später zunehmend als Gestalter. Beim Kirchentag war immer auch Raum, um Ungewöhnliches zu wagen, wie etwa einen Tanzgottesdienst oder einen Kunstgottesdienst, den er als Pfarrer in Nienburg zusammen mit seiner Gemeinde und einem ortsansässigen Künstler entwickelt hat. 2015 in Stuttgart war Stäblein schon längst ein gefragter Moderator, und im kommenden Jahr gehört er nun zur gastgebenden Kirche.

Ob Kirchentag oder Reformationsjubiläum – ein großer Stapel von Anfragen häuft sich bereits auf dem breiten Schreibtisch des Propstes. „Ich weiß noch gar nicht, wie das alles zu schaffen ist, aber ich freue mich unglaublich auf das kommende Jahr“, sagt er und vertieft sich wieder in die Arbeit.

Zur Autorin: Juliane Peschel-Paetzold arbeitet als freiberufliche Journalistin in Berlin/Brandenburg.

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