Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Exegese

Dem Original treu, aber verständlich

Wer die Botschaften der Bibel entdecken und in die eigene Zeit und Sprache übertragen will, braucht eine gute Übersetzung. Aber was macht eine „gute“ Übersetzung aus – zum Beispiel bei der Losung und den biblischen Texten für den Kirchentag? Fünf Fragen an Detlef Dieckmann, Mitglied der Losungs- und Exegesegruppe für 2017.

„Du siehst mich“ (1. Mose 16,13) lautet die Losung für den Kirchentag in Berlin 2017, was war Ihr erster Gedanke?

Wir leben davon, dass uns jemand ansieht. Dass jemand sieht, wer ich bin und wie es mir geht. Sogar Gott sieht mich an! Und wenn Gott mich ansieht, dann erneuert er mein Leben und verwandelt mich. Manchmal in überraschender Weise. Vielleicht war Hagar in der Geschichte in 1. Mose 16 erstaunt, dass sie zu ihrer harten Herrin zurückgehen soll. Aber sie bekommt eine neue Perspektive: Sie wird einen Sohn gebären, der zu einem großen Volk wird. Und sie weiß: Gott hat ihr Leid gesehen. Und sagt dann diesen Satz, aus dem die Losung entnommen ist: „Du bist der Gott, der mich sieht! Ja, hier habe ich dem nachgesehen, der mich sieht.“

Als Gott das Elend der versklavten Kinder Israels in Ägypten ansieht, ist dies der Anfang dafür, dass er sie befreit. Auch als Sünder sieht mich Gott immer noch liebevoll an. Dieser Gott wirkt in Jesus, der gerade die Nichtangesehenen ansieht und ins Leben zurückholt. Deswegen war mein erster Gedanke: Schön, dass das Präsidium aus unseren Vorschlägen gerade diesen ausgewählt hat!

Zusammen mit der Losung hat das Präsidium auch die biblischen Texte für die Gottesdienste und Bibelarbeiten festgelegt. Nun werden Sie sich gemeinsam mit anderen Bibel-Expertinnen an die Übersetzung aus den Originalsprachen Griechisch und Hebräisch machen. Worauf freuen Sie sich?

Die Arbeit an den Kirchentagsübersetzungen und an den exegetischen Skizzen für die Bibelarbeiten gehört zu den theologischen Tätigkeiten, die mich am meisten erfüllen. Jedes Mal wieder freue ich mich auf diese unmittelbare Begegnung mit dem Text und mit den anderen Bibelexpertinnen und -experten. Wenn ich mich in den hebräischen Text hineingrabe, dann entdecke ich oft neue Möglichkeiten des Verstehens, die die bisherigen Übersetzungen noch nicht bieten.

Nehmen Sie etwa die Losung des letzten Kirchentages: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, hat Luther übersetzt. Im Hebräischen ist aber vom Sterben keine Rede, jedenfalls nicht ausdrücklich. Deswegen haben wir nah am Wortlaut des Ausgangstextes übersetzt: „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir ein weises Herz erlangen.“ Natürlich ist die Lutherübersetzung nicht ganz aus der Luft gegriffen. Es geht ja in Psalm 90 darum, wie vergänglich unser Leben ist. Seine Tage zu zählen heißt aber noch etwas anderes, als zu wissen, dass ich sterben muss. Ich kann die Tage zählen, die hinter mir liegen – und dankbar sein für das, was ich schon erlebt habe. Was ich zähle, habe ich zumindest kurz genau vor Augen. Die Tage zählen heißt insofern auch, jeden Einzelnen wahrzunehmen und zu würdigen. Das hebräische Verb für „zählen“ bedeutet auch „ermessen“. Das heißt, mit diesem Vers bitte ich gleichzeitig um die Einsicht, dass meine Tage gezählt sind und ich nicht weiß, wie viele noch kommen. „Morgen ist der erste Tag meines restlichen Lebens.“ Weise zu werden kann nach diesem Vers bedeuten, klug und achtsam mit meiner Lebenszeit umzugehen, mit jedem einzelnen Tag.

Darum sind die Treffen der Exegesegruppe immer sehr intensiv – denn es geht um viel, wenn eine Bibelübersetzung fixiert wird, die Grundlage ist für Gottesdienste und Bibelarbeiten. Weil wir in der Gruppe einander persönlich und fachlich schätzen, ist es eine tolle Arbeitsatmosphäre.

Die Kirchentagsübersetzung ist nur eine von vielen, es gibt die Bibel in gerechter Sprache, die Lutherbibel, die Einheitsübersetzung, die im katholischen Raum genutzt wird, die Basisbibel. Umgangssprachlich sagt man: „Viele Köche verderben den Brei.“ Das scheint für die Bibel nicht zu gelten. Warum sind so viele Interpretationen notwendig?

Es muss für verschiedene Kontexte unterschiedliche Übersetzungen geben, das ist meine Überzeugung: Für Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Beispiel die Basisbibel oder auch mal die Volxbibel, für Theologiestudierende oder andere besonders Interessierte beispielsweise die Zürcher oder die Elberfelder Bibel, die beide besonders transparent den hebräischen oder griechischen Ausgangstext abbilden. Die revidierte Lutherübersetzung mit ihrer feierlich-formellen Sprache wird weiterhin in den meisten evangelischen Gottesdiensten gelesen werden, die Einheitsübersetzung in den katholischen.

Ich bin schon sehr gespannt auf die revidierte Lutherübersetzung, die 2017 neu durchgesehen erscheint. Die Bibelwissenschaft ist nach Luthers letzter Ausgabe 1545 ja weitergegangen, manches würde Luther sicher anders übersetzen, wenn er im 21. Jahrhundert Bibelwissenschaften betreiben würde.

Außerdem verändert sich unsere Sprache ständig. Früher war es normal, nur von Brüdern zu sprechen, und oft waren die ja auch unter sich. Heute würde es irritieren, wenn wir zum Beispiel von den „Söhnen Israels“ sprechen, wo es um die Nachkommen Israels beiderlei Geschlechts geht. Dass Frauen nicht nur mitgedacht, sondern auch sprachlich präsent werden, ist ein Anliegen der Kirchentagsübersetzungen, das die Bibel in gerechter Sprache übernommen hat. Außerdem geht es uns darum, dass die Übersetzungen nicht antijüdisch klingen, wo es die Originale gar nicht sind. Auch darin sollen die Übersetzungen dem treu bleiben, was der Ausgangstext meint. Und bei alledem sollen die Übersetzungen heute gut verständlich sein.

Welche Rolle spielt die biblische Theologie in der evangelischen Kirche heute?

Die Bibel ist in aller Munde. Sie ist die Quelle unseres Glaubens und unserer Theologie. Mir ist wichtig, die Bibel noch öfter unter der Annahme zu lesen, dass sie uns etwas sagt, was wir vorher noch nicht wussten. Die biblischen Texte sind nicht nur historische Texte aus einer längst vergangenen Zeit – sie deuten unsere Welt und unser Leben, und umgekehrt. Deswegen ist es notwendig, dass wir uns immer wieder über die Bibel beugen und unsere verschiedenen Perspektiven auf die Texte austauschen. Dafür müssen wir Exegetinnen und Exegeten ständig mit denen im Gespräch sein, die für das Predigen, den Unterricht oder das systematisch-theologische Nachdenken zuständig sind.

In den Seminaren des Theologischen Studienseminars Pullach begegnen Sie vielen Pfarrerinnen und Pfarrern, welche theologischen Fragen bewegen diese in ihrem Alltag?

Das größte Interesse besteht an Kursen, die lebensweltliche und theologische oder ethische Themen miteinander verknüpfen. Das stellen meine Kollegin Dr. Christina Costanza und ich seit einiger Zeit fest. Wenn wir beispielsweise im Kurs „Religion im Tatort“ von den Filmen ausgehend über Schuld und Vergebung nachdenken. Oder wenn wir uns unter dem Titel „Der Mensch lebt vom Brot – der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ ebenso mit dem Abendmahl wie mit dem Recht aller Menschen auf Nahrung befassen. Besonders dicht kamen Lebenswelt und Theologie im Kurs „Rechtfertigung und Anerkennung im Pfarrberuf“ zusammen. Viele Pfarrer und Pfarrerinnen ringen mit der Frage, ob sie gut genug sind bei dem, was sie tun, ob sie die Kirche so voranbringen, wie sie und andere das erwarten. Wenn sie dann bei der Beschäftigung mit dem Buch Kohelet beziehungsweise Prediger sich einen Vers zu eigen machen, der da lautet: „Gott gefällt seit Langem schon, was Du tust“ (Koh 8,13), dann erleben sie selbst ein Stück Rechtfertigung und gewinnen einen neuen Blick für das, was ihnen gut gelingt.

Dieses Interview stammt aus Der Kirchentag - Das Magazin Ausgabe 4/2015. Hier können Sie es abonnieren oder als PDF herunterladen.

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